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Auf der Höhe Vierter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Vierter Band - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Vierter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel.

»Das ist ein Wind!« rief Gundel und setzte sich atemlos nieder in der Hütte. Sie hatte die Thüre nur mit aller Mühe anlegen können. »Das ist ein Wind! So einer war noch nie, das weht einen an wie aus einem Backofen.«

Sie erhob sich wieder schnell, nahm ein Schaff Wasser und schüttete es in das brennende Feuer auf dem Herd.

»Was machst du?« rief Irma.

»Wir dürfen jetzt kein Feuer haben,« entgegnete Gundel, und die beiden saßen in Rauch und Dunkelheit in der Hütte, es war fast zum Ersticken, und doch konnte man bei dem heftigen Winde kein Fenster öffnen.

»Wenn nur der Vater nicht fort wäre,« klagte Gundel, »um Gottes willen, der Vater.«

Das letzte Wort der Gundel wurde von einem Donner verschlungen, der plötzlich niederkrachte und von den Bergen widerdröhnte, daß es war, als müsse mit einem Schlage die ganze Welt zusammenbrechen. Und jetzt raste und stürmte wiederum der Wind, die festgefugte Hütte schlotterte, das Dach schien zu zittern und einer der großen Felsenbrocken, mit denen das Dach beschwert war, kollerte herab.

»Gib mir deine Hand!« rief Gundel im Finstern. »Wenn wir sterben müssen –wir wollen beten.« Sie betete laut in Nacht und Rauch, aber die Donner verschlangen die Worte. Plötzlich änderte sich das Geräusch und wie mit zahllosen Eisenhämmern schlug es rasselnd auf das Dach; es kollerte, polterte und knatterte durcheinander.

»Das ist ein Hagelwetter!« schrie Gundel Irma ins Ohr.

Es donnerte und hagelte und fahle Blitze zuckten in die raucherfüllte Hütte, daß die beiden Mädchen einander erschienen als wären sie ins höllische Dasein entrückt. Wie einander drängend stürzten die Hagelschütter nieder, bald wie mit mächtigen Würfen geworfen, bald absetzend und in gleichmäßigem raschen Takte niederfallend, als wolle der rasende Bergunhold nur manchmal wieder aufatmen, um dann aufs neue seine Wut auszulassen, daß man es gewagt, hier herauf eine Hütte zu bauen.

Durch das Geprassel des Hagels hörte man draußen die Kühe brüllen und die Schellen klingen.

»Ich hab' die Stallthür aufgemacht, aber der Wind muß sie wieder zugeworfen haben,« schrie Gundel, und ihr eigenes zitterndes Weh vergessend, eilte sie hinaus. Sie kam schnell zurück, faßte einen Kübel, stülpte ihn über den Kopf und verließ wieder die Hütte. Irma folgte ihr und die beiden duckten unter, wie die großen Schlossen prasselnd auf die Kübel schlugen. Gundel wollte die Stallthür öffnen, aber die Kühe umdrängten sie, daß sie niedergeworfen wurde; mitten durch das Hagelgepolter hörte Irma den durchdringenden Schrei der Gundel; die Heerkuh, an der Schelle kenntlich, stand bei Irma und brummte zitternd.

»Komm mit,« sagte Irma, und faßte die Heerkuh am Horn; sie folgte ihr, die andern Kühe wichen zurück. Irma fand Gundel und richtete sie auf, die beiden öffneten die Stallthür, sie wurden fast zerquetscht, denn die Kühe wollten alle auf einmal hinein, und man hatte nur eine Hand frei, mit der andern mußte man den Kübel über den Kopf halten; es gelang ihnen, sich an die Wand zu drängen, und endlich waren alle Kühe im Stall und die beiden Mädchen wateten durch tiefe Schlossenlagen zurück nach der Hütte. Sie tasteten nach dem Herde und setzten sich darauf. Da saßen sie im Dunkel, zwei einsame verlassene Kinder, und draußen raste das wilde Wetter.

»Ich hab' den Glauben,« schrie Gundel, »daß der Vater wo einen Unterschlupf gefunden hat, er kennt ja jeden Felsenvorsprung und –o Gott!« schrie sie plötzlich noch lauter auf, »o Gott, der arme Blinde jetzt draußen! Hast du auch Beulen auf der Hand und am Rücken?« fragte sie, weinend sich an Irma schmiegend.

»Nein, ich fühle nichts,« erwiderte Irma, und in der That war's, als ob kein körperlicher Schmerz ihr etwas anhaben könnte. Auch sie hatte schon des Blinden gedacht, und dazwischen war das Bild jenes von Kindesundank verstoßenen Königs in der Sturmnacht vor ihr aufgestiegen, und wilder raste Wind und Hagelwetter draußen nicht, als es wieder Irma erfassen wollte, weil sie, von Mitleid bewältigt, eines Mannes Hand ihr Antlitz hatte betasten lassen.

Ist wiederum alles verloren? Alles so schwer Erkämpfte? klagte es in ihr und sie wußte sich doch so rein.

»Gottlob, es regnet nur noch,« sagte endlich Gundel. Sie machte Licht, und wie wenn sie aus der Tiefe der Finsternis kämen, betrachteten die beiden einander. Der Zimmerboden war voll von der Nässe, die den beiden aus den Kleidern geflossen war. »Seid ihr daheim?« rief draußen eine Stimme. Die Thür öffnete sich und das Pechmännlein kam herein. Er trug ein junges Zicklein im Arm.

»Gottlob, daß ihr gesund seit!« rief er und legte das Zicklein auf den Rand des feuerlosen Herdes; dann wischte er sich mit dem Aermel, der aber noch viel nasser war, das Wasser von der Stirne und aus den Augen. Er holte eine Flasche mit Enzianbranntwein vom obern Bord und trank; auch Irma und Gundel mußten trinken, und nun erst erzählte er: »Ich hab' doch schon mein Teil erlebt, aber das noch nicht; ich kenne doch stundenweit jeden Baum und jeden Stein, aber ich war wie verirrt; und wie ich da so steh', da hör' ich mitten durch Donner und Sturm und Hagel eine Gemsenziege gar erbärmlich meckern, ich geh' drauf zu und da steht sie und hat ein Junges geworfen und kann nicht fort, und das arme Zicklein, kaum ist's zur Welt gekommen, will's der Hagel schon totschlagen. Die Geiß läuft fort, wie sie mich sieht und kommt wieder und stellt sich über das Junge, daß der Hagel nur sie trifft und nicht das Junge. Ich komme näher, und da springt die Geiß wieder davon. Ich nehme das Junge auf, und wie wir so weiter wollen, um einen Unterschlupf zu suchen, da hör' ich Menschenstimmen, und einer ruft und der andre ruft, sie rufen einem dritten zu, der brüllt und schreit, und jetzt wie's blitzt, sehe ich's: er liegt auf dem Boden und will nicht weiter.

»Gnädiger Herr, stützen Sie sich nur auf uns; wir finden schon einen Schutz« –rufen sie, und wie es jetzt wieder blitzt, da seh' ich, wir sind nicht weit vom Hexentisch, und ich ruf' ihnen zu: Da drüben ist der Hexentisch! Jetzt wie es wieder blitzt, seh' ich, daß die beiden Männer, die aufrecht gestanden haben, auch niedergefallen sind. Sie haben mir nachher erzählt, sie haben sich vor mir gefürchtet, und ich nehme es niemand übel; in so einem Wetter, in so einer Nacht kann man alles glauben. Ich geh' auf sie zu und sag' ihnen, wer ich bin, und daß ich sie führen will, und wir kommen glücklich –es hat freilich schwer gehalten, der Blinde war noch dazu wie närrisch und hat nach einem verlorenen Kind gerufen –wir kommen mit gesunden Gliedern, aber wie aus dem Wasser gezogen, unter dem Hexentisch an, und da sind wir gelegen und haben, wie es immer blitzt, gesehen, wie die Schlossen an den Felsen tanzen und mit den Bäumen raufen. Wir warten, bis es nur noch regnet, und der Blinde hat mir gesagt, wenn ich wieder zum Apotheker hinunterkomm' ins Städtchen, will er mir ein Goldstück geben, und der König ist jetzt auch da und die Königin auch, und da will er's machen, daß ich die Lebensrettungsmedaille kriege und eine Pension für mein ganzes Leben. Jetzt aber macht, Kinder, daß ihr ins Bett kommt, ihr seid ja patschnaß. Was hast denn du, Irmgard? Warum zitterst du so?«

Nun zankte das Pechmännlein auf Gundel, daß sie die Base Irmgard so lange in nassen Kleidern hatte da sitzen lassen, und dazwischen schrie das Zicklein gar kläglich und zitterte auch am ganzen Leibe, so daß das Pechmännlein seine Schlafdecke vom Heuboden holte und das Zicklein hineinwickelte; dann gab er ihm sehr geschickt mit drei Fingern Milch aus einer Schüssel zu trinken.

Das Zicklein schlief und drin in der Kammer schlief auch Irma.

»Gottlob, du hast lang geschlafen,« sagte Gundel, die am späten Morgen vor dem Bett Irmas stand. »Und das ist wie ein Wunder, dir hat der Hagel gar nichts gethan und schau, wie ich aussehe.« Sie zeigte ihre Beulen, fuhr aber rasch fort: »Schadet nichts, das vergeht bald wieder. Jetzt schau aber einmal den Himmel an, sieht er nicht aus, wie wenn er gar nie was Böses thun könnte? Drüben am Bach hat der Blitz in einen Baum eingeschlagen und ihn mitten voneinander gerissen, und wo es sonst trocken ist wie in einem Backofen, da laufen Wässerlein. Wenn man's nicht in allen Gliedern spürte und auch draußen sähe, man thät' es gar nicht glauben, daß das Unwetter je gewesen ist; aber wir sind doch glücklich, es ist kein Stück Vieh zu Schaden gekommen und der Handbub ist auch da, der ist untergekrochen drunten im Thal, da soll gar nichts gewesen sein.«

Es war ein klarer frischer Morgen. Nur in einzelnen Schrunden lagen noch unzerflossene große Schlossen; die Kühe waren munter auf der Weide und der Handbub sang und jodelte; er war stolz darauf, daß die Ziegen das Wetter am besten verstehen; sie hatten thalab geweidet, und das ist das sicherste Zeichen, daß ein Gewitter kommt.

Am Mittag kam Franz vom Freihofe herauf. Man hatte an wilden Wassern, die zu Thal gekommen waren, vermutet, daß etwas hier oben vorgefallen sei, und Walpurga hatte Franz heraufgeschickt, um Gewißheit zu holen. Die heiße Mittagssonne sog schnell wieder alles auf, und die Wasser hielten nicht stand auf den Höhen. Irma ging mit ihrer blauen Decke nach ihrem Lieblingsplatz, breitete die Decke auf den Boden und legte sich nieder.

Da ertönten Waldhornklänge. Was ist das? Ist's Wirklichkeit oder Traum?

Die Waldhornklänge wiederholten sich, die Brust Irmas hob und senkte sich rasch. Jetzt kommt etwas näher, es schnaubt, Aeste knacken, Irma schaut auf, an der Waldlichtung vor ihr, ganz nahe, rennt ein Hirsch vorbei und hinterdrein jagen Reiter, sie kommen näher, Irma fährt sich mit der Hand über die Augen –sie sieht nochmals –sie sieht deutlich: da reitet der König und sein Gefolge –––

Der Oberpikeur springt vom Pferd und ruft: »Hier, Majestät, hier brach das Tier durch, hier ist frischer Schweiß.«

Er tauchte seinen Finger in das Blut und zeigte es dem König. Der König schaute sich um –Fühlt er den Blick, den für ihn längst erloschenen, einst ihn so beseligenden, der jetzt aus dem Waldesdickicht auf ihn gerichtet ist? Er strauchelt im Bügel, das Pferd bäumt sich wild, Irma duckt nieder mit dem Gesicht ins Moos, sie spürt es, als ob das wilde Heer, als ob alle Pferdehufen über sie hinweg gehen –sie zerbeißt das Moos vor ihrem Munde –sie wühlt sich mit den Händen in die Erde –sie fürchtet, laut aufzuschreien –––

Als sie sich wieder erhob, war alles still. Sie starrte umher. War die Erscheinung nur ein Traum gewesen? Von ferne tönte noch ein Schuß, ein Waldhornklang. Der Hirsch war erlegt.

Wer auch so sterben könnte! klang es in Irma. Wieder sank sie zurück auf das Moos und sie weinte.

Sie erhob sich. Auch in ihrer Seele war noch einmal eine dunkle Wolke gewitterschwer aufgestiegen. Zum letztenmal. Ringsumher und in ihr war wieder alles klar und sonnig, vergessen Hagel und Sturm und Blitz. Sie kehrte nach der Hütte zurück und schaute oftmals um nach der Sonne, die sich zu neigen begann. Jetzt zum erstenmal begab sie sich, bevor es nacht war, zur Ruhe. Ein Fieberfrost schüttelte sie und bald brannte ihre Wange heiß und rot. Sie rief das Pechmännlein an ihr Bett und ließ sich ein Blatt Papier geben; ihre Hand zitterte und sie schrieb mit Bleistift:

»Die Tochter Eberhards ruft Gunther.«

Sie befahl dem Pechmännlein, hinab ins Städtchen zu eilen zu dem großen Doktor, ihm allein das Blatt zu geben und ihn sofort hierher zu geleiten. Dann wendete sie sich ab und war ruhig.

»Ich will dir noch was Gutes geben,« sagte das Pechmännlein, als er, den großen breitkrämpigen Hut auf dem Kopf und den Bergstock in der Hand, vor ihr stand. »Wirst sehen, es thut dir gut. Ich lege dir das Gemszicklein da unter die Füße, das thut dir gut und ihm. Soll ich?«

Irma nickte.

Das Pechmännlein that, wie er gesagt. Das Zicklein schaute schläfrig zu Irma auf und Irma sah lächelnd zu ihm nieder. Bald schlossen beide die Augen.

Das Pechmännlein wandelte durch die Nacht dahin thalab.

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