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Auf der Höhe Vierter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Vierter Band - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Vierter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel.

Es war am Morgen. Gundel sprach mit ihrem Vater darüber, wie so seltsam die Base Irmgard sei; es sei ihr zuviel, ein Wort zu reden, sie genieße fast nichts mehr, als etwas frische Milch von der Kuh weg, und dieses viele Liegen draußen am Bergvorsprung, wo man den Blick nach dem fernen See hat, sei doch gar so seltsam. Auch dem Pechmännlein war das Benehmen Irmas rätselhaft; sie arbeitete schon seit geraumer Zeit gar nicht mehr und ging auch nicht mit ihm, Kräuter zu sammeln.

»Ich möcht' einmal den großen Doktor drunten, dem ich für seine Badanstalt die Kräuter bringe, fragen, was ich machen soll,« sagte er. »Aber die Bäuerin hat mir's verboten, und dabei seh' ich doch wieder nicht, daß unsrer Irmgard was fehlt. Ich hab' schon was machen wollen, aber ich weiß nicht, ob das bei Menschen auch nutzt: wenn ein Tier krank geworden ist draußen im Freien, schneidet man den Rasen aus, worauf es gelegen, und wendet ihn um, dann wird es wieder gesund. Ich möchte nur wissen, ob das bei einem Menschen auch hilft.«

»O, Vater!« erwiderte Gundel, »das ist was Schreckliches! Ich fürchte, man stürzt bald den Rasen auf unsre gute Irmgard, und sie ist doch so gut, nur ist's, wenn man sie anredet, als ob sie sich auf die Worte besinnen müsse, die sie hört und die sie zu sagen hat.«

So redeten die beiden miteinander und jedes ging an seine Arbeit, während Irma draußen lag auf ihrer blauen Decke und bald hinausschaute in die weite Welt, bald die Augen schloß und in sich hinein dachte und träumte. Sie lebte in lautloser Gelassenheit fort, als wäre sie eins mit der belebten und unbelebten Natur ringsum, als habe sie von je hier gewandelt und würde ewig hier wandeln, ein Menschenkind, dem nichts fremd, keine Blume, kein Baum, kein Tier, das an der Erde lebt und frei in Lüften sich schwingt; die Berge, die Wolkenzüge, der helle Tag, die sternenglitzernde Nacht, alles war ihr heimisch und traut.

Jetzt lag Irma, wie so oft, an der Berglehne auf dem Moos. Sie schaute mit offenem Auge drein ins Weite, und wieder haftete ihr Blick am Boden, wie da so viel Leben zwischen den Halmen und Moosen sich bewegt; unwillkürlich grub dann manchmal ihr Finger die Pflanzendecke auf, da lagen die Tannennadeln von Jahren und Jahren übereinander und im Grunde die Pflanzenkrume aus verwitterten Stoffen vom Erdbeginne an –noch hatte kein Menschenauge diesen Grund erschaut; das erste ruhte jetzt auf ihm.

Die Kühe kamen oft zu Irma heran und grasten um sie her, aber sie störten sie nicht; Irma hörte ihr Schnaufen neben sich und blieb ruhig liegen, manchmal blieb die Heerkuh vor ihr stehen und schaute auch mit hochgehobenem Kopfe lange hinein in die weite Landschaft, dann fraß die Kuh weiter und bisweilen hielt sie das abgegraste Futter im Maul und schien zu vergessen, daß sie fressen wollte, und schaute auf die Daliegende.

Ein wunderbares Leben von hellem Wachen und verschleiertem Träumen that sich in Irma auf. Je mehr sie ruhte, um so mehr Sehnsucht nach Ruhe überkam sie; eine unfaßliche Müdigkeit schien aus ihr heraufzukommen, Müdigkeit von Arbeit und Denken, die sie die vielen Jahre drunten unter den Menschen nicht hatte über sich kommen lassen. Oft wollte sie sich aufraffen, aber sie konnte nicht, und es lag ein eigentümliches Wohlgefühl im Empfinden dieser Schwere, in diesem Ruhen am Boden. Hunderte von Liedern und ganze Musikstücke zogen ihr durch die Seele und tausenderlei Gedanken stiegen auf und flossen dahin, hinweg mit dem leichten Luftstrom –nichts war festzuhalten.

Es war am heißen Mittag. Die Sonne brannte mit brütender Glut, kein Lüftchen bewegte sich, selbst hier auf der Höhe; die Kühe lagen im Schatten der Bäume. Irma war allein hinausgegangen. Das Pechmännlein war nach der Stadt, um Kräuter abzuliefern. Weiter und weiter wandelte Irma; sie kam bis an die Quelle des Baches, dort saß sie an dem breiten Becken, wo die Wasser sich vom Sturz sammelten; die Bäume ragten darüber und warfen dunkle Schatten in das Wasser. Irma beugte sich vor und sah ihr Antlitz, sie sah es seit vielen Jahren zum erstenmal wieder und lächelte ihm zu. Kein Lüftchen regte sich, kein Ton wurde laut, alles schlief im hellen heißen Mittag.

Nur kurz schaute sich Irma um, dann hatte sie sich rasch entkleidet und bald schwamm sie im Wasser und tauchte unter und tauchte auf, und ein ungeahntes Wohlgefühl kam über sie. Nur die Sonne, die durch die Zweige blinkte, sah einen Augenblick die wundersame Gestalt.

Wieder war alles still, Irma hatte sich wieder angekleidet; sie lag träumend am Waldesrand und süße Melodien zogen ihr durch die Seele.

Da hörte sie ihren Namen rufen, laut wiederholt. Sie antwortete mit aller Kraft, endlich kam Gundel und sagte:

»Irmgard, komm gleich in die Hütte, es ist ein Herr da mit einem Diener, er will dich sprechen.«

Irma, die sich halb aufgerichtet hatte, legte sich wieder nieder. Sie fühlte einen Stich durchs Herz. Was ist das? Ist die Zeit erfüllt und muß sie noch einmal hinein ins Weltgetriebe?

Sie stand auf und fragte:

»Weißt du nicht, wer es ist?«

»Nein, aber er sagt, er sei vor Jahren einmal bei uns über Nacht gewesen. Es ist ein großer schöner junger Mann, aber er ist leider Gottes stockblind.«

Der Blinde wandert? dachte Irma und ging hastigen Schrittes mit Gundel nach der Hütte.

»Grüß Gott!« rief sie schon von ferne.

»Ja, das ist deine Stimme,« versetzte der Blinde, die Arme ausstreckend und die Hände auf- und zuschließend! »komm, komm näher, gib mir deine Hand.« Schnell riß er mit den Zähnen die Handschuhe ab und sein Gesicht hatte dabei einen fremdartigen Ausdruck.

Irma trat näher und faßte die dargebotene seine weiße Hand.

»Deine Hand zittert,« rief er, »du erschrickst wohl auch, weil du mich blind siehst?«

Irma konnte nicht antworten, sie nickte, als ob der Blinde das sehen könnte.

Die Sonnenstrahlen schienen dem Armen geradezu ins Antlitz, sein erloschenes Auge starrte drein.

»Du bist viel magerer geworden,« sagte der Blinde. »Erlaubst du, daß ich dir mit der Hand übers Gesicht fahre?«

»Ja,« entgegnete Irma und schloß die Augen.

»Du bist nicht mehr so schön, wie du vor zwei Jahren gewesen, deine Augenlider sind heiß und schwer. Du hast dich gewiß viel abgehärmt. Kann ich dir vielleicht helfen? Ich bin nicht reich, aber ich vermag doch etwas.«

»Ich danke, ich habe gelernt, mir selber zu helfen.«

Irma sagte das in reiner Sprache, ohne eine Spur von Dialekt; unwillkürlich hatte sie bei der Ansprache in Hochdeutsch in gleicher Weise geantwortet.

Der Fremde zuckte, wendete den Kopf rechts und links und streckte dabei den Hals so weit heraus, daß es fast schauerlich anzusehen war.

Irma führte ihn an der Hand nach der Bank vor der Hütte; sie wollte zittern, daß sie diese seine wohlgepflegte Hand hielt, aber sie machte sich stark. Sie setzte sich zu dem Blinden und fragte, wie er denn daher käme.

»Du erinnerst dich,« sagte der Blinde, »daß ich schon damals, als ich bei euch war, mein Schicksal kannte; ich habe lange mit mir gekämpft und habe ertragen gelernt; wir wissen ja auch, daß wir sterben müssen und können heiter dabei sein, und so wußte ich, daß mein Augenlicht stirbt und wurde heiter.«

Irma atmete schwer.

»Verstehst du mich, wie ich's meine?« fragte der Blinde.

»Jawohl, sprich nur weiter, ich höre deine Stimme gern.«

»Das hab' ich gewußt und darum bin ich zu dir gekommen. Ich war drunten auf dem Hofe; es ist alles bei der Ernte, aber die Kindsmagd hat mir berichtet, daß du hier oben bist, und so bin ich zu dir. Ein gut Stück Wegs hieher bin ich schon einmal gewandert, damals im Gewitter, und wo ich jetzt gehe, empfinde ich noch einmal die Wonnen, die ich einst mit den Augen eingesogen. Was ich dir damals sagte, daß ich's wollte, ist wahr geworden: ich habe all die prächtigen Landschaften in mir, ich sehe das Sonnenlicht funkeln, den Bach über den Felsen stürzen, den See ruhig glänzen und die Bäume im stillen Waldfrieden nebeneinander stehen. Ich habe meinem Führer immer gesagt: jetzt sind wir da und jetzt da; er war ganz außer sich, daß ich das alles so weiß. Das beste aber ist doch, daß ich schöne Menschenbilder in mir habe, und nach dir hatte ich ein besonderes Verlangen, dich wiederzusehen; ich sage sehen und ich meine doch, dich sprechen zu hören, aber ich sehe dich, wenn du sprichst.«

Irma erwiderte, wie sehr sie ihn verstehe und mit ihm empfinde, und als sie ihm die Beschwernis des Gehens erklärte, wie da immer der tastende Fuß zuerst locker den Boden suche, dann erst die Muskeln sich anspannen zum Schritt, da fragte der Blinde verwundert und es hatte wieder etwas Erschreckendes, wie er seinen Kopf hinüberstreckte und zurückbog und alles an ihm sich spannte:

»Woher weißt du denn das?«

»Ich habe einen Blinden gekannt, der mir's erzählt hat. Es ist mir schrecklich, daß du dich so auf einen fremden Menschen verlassen mußt. Der blinde Gloster bittet seinen Führer, verlaß mich nicht!«

»Mädchen, wer bist du? Bist du es, die so gesprochen? Es war deine Stimme –oder ist jemand anders neben dir? Woher weißt du?«

»Ich hab's einmal gelesen,« sagte Irma und biß sich auf die Lippen, daß fast das Blut herausspritzte. »Ich hab's einmal gelesen,« wiederholte sie, gewaltsam in den Dialekt übergehend.

Der Blinde saß tief gebeugt und hielt seine Hände zwischen den Knieen; in seinem schönen jugendlichen Antlitze zuckte es, wie wenn Thränen darunter drängten, die doch nicht herauskonnten. Er legte den Kopf zurück an die Wand und sagte endlich:

»Also du kannst lesen und so verständig? Könntest du –nein, ich will dich nicht fragen.«

»Frag' du mich nur, ich bin dir auch von Herzen gut und habe viel an dich gedacht.«

»Das hast du? Du auch?« rief er hastig und bog seinen Kopf wieder so seltsam hin und her. »Mädchen,« fuhr er fort, »gib mir deine Hand wieder, sag': könntest du mir sie geben und deine Augen mein sein lassen –?«

»Guter Herr,« unterbrach ihn Irma, »ich möchte, daß du zu Gutem da heraufgekommen und wieder zu Gutem da hinabgingest. Ich meine, dir darf ich alles sagen und ich müßte auch. Ich sehe dich jetzt zum zweitenmal in meinem Leben –«

»Und ich habe dich nur einmal gesehen und ich sehe dich immer!« fiel der Blinde ein.

»Komm, fort von hier, komm, ich führe dich; ich will dir allein alles sagen und dir zeigen, wie ich dir danke, daß du so gut zu mir.«

»Man muß von hier aus ein Stück von dem See jenseits der Berge sehen,« sagte der Blinde, »kannst du mich nicht dahin führen?«

»Wohl,« erwiderte Irma und erschrak im Herzen über dieses wunderbare Innenleben. Sie führte den Blinden über die Matte nach dem Berghang.

»Hier setz' dich,« sagte sie, »ich setze mich zu dir. Was ich dir nun mitteile, ist nur für dich, nicht wahr, nur für dich?«

Der Blinde streckte seine Hand aus und rief:

»Ich schwör' dir's!«

»Du bedarfst keines Schwures,« erwiderte Irma. »So wisse denn: ich bin ein verschollenes Weltkind, ein Kind aus der großen Welt. Frage nicht nach meinem Namen. Der hellste Glanz des Lebens war mein, ich ging in Dunkelheit. Ich war ein arges Weltkind. Ich war so verloren, daß ich die Vernichtung suchte. Wenn es möglich wäre, ich möchte, jetzt von dieser Höhe herab, mit dir als einem Bruder hineinflattern in das goldene Abendrot, wie dort das Vogelpaar in den Lüften, und verschwinden in der Unendlichkeit. Aber ich habe gelernt: das Leben ist eine Pflicht, und alles was wir sind und haben, sind wir nur und haben wir nur, wenn wir die Welt in uns und uns in der Welt finden. Wie du die Welt um uns her in dir hast, und niemand kann sie dir nehmen, so haben wir alles nur, wenn wir es in uns haben, und der Tod nimmt uns nichts, er gibt uns nur wieder ganz der Welt –«

»Mädchen!« rief der Blinde plötzlich –»Mädchen, was machst du? Wer bist du? So spricht kein leibliches Wesen! Soll ich noch abergläubisch werden? Soll ich noch an Engel glauben? Ist jemand bei dir? Wer ist bei dir? Wer bist du! Gib mir deine Hand!«

»Sei ruhig, ich bin's!« sagte Irma und reichte ihm die Hand, und er bedeckte sie mit seinen Küssen. Sie entzog ihm ihre Hand, fuhr ihm damit über das Gesicht und sagte:

»Sei ruhig, ich habe nur in die Welt hineingesehen wie du; und hier oben sitzen wir, hier in der Weltvergessenheit, zwei arme Weltkinder, du und ich, und wir sind doch glückselig, denn wir sind in der Ewigkeit. Sei du glücklich und laß deine Seele fliegen hoch über allem im unermessenen Reiche der Musik! Hier hast du noch einmal meine Hand. Komm, ich führe dich!«

Irma führte den Blinden nach der Hütte. Er sprach kein Wort. An der Hütte rief er mit etwas herrischem Tone nach seinem Diener und dem Führer.

»Du willst so schnell wieder fort?« fragte Irma.

Der Blinde gab keine Antwort; auf seinen Diener gestützt verließ er die Hütte.

Irma reichte ihm noch einmal die Hand und sagte nichts als die Worte: »Die Welt in uns und wir in der Welt.«

Der Blinde nickte nur; in seinem Gesicht zuckte es wieder wie eine irre unerlöste Thränenflut.

Schon als der Blinde dem Rande des Waldes nahe war, rief er noch einmal zu Irma zurück:

»Mädchen, komm her, ich muß dir noch etwas sagen.«

Irma ging zu ihm und er sagte:

»Ich bin der Neffe des Doktor Gunther, der ehemals Leibarzt des Königs war und nun wenige Stunden von hier dort unten im Städtchen wohnt. Ich wohne bei ihm und bin Kammervirtuos der Königin, und wenn du einmal eines Menschen bedarfst, schick' zu mir oder zu meinem Oheim; er wird dir helfen. Verlaß dich aber darauf: ich spreche zu niemand von dir.«

Hastig wendete sich darauf der Blinde ab und ging, auf seinen Diener gestützt, den Berg hinab.

Irma stand und schaute ihm nach.

Gunther lebt? und hier in ihrer Nähe?

Und nun trägt ein Mensch das halbverschleierte Geheimnis ihres Daseins hinab ...

Der Blinde verschwand im Walde, Irma ging, den Blick zu Boden gesenkt, wieder nach ihrem Ruheplatze. Dort saß sie bis die Nacht hereinbrach, und schaute hinaus ins Weite.

Es stand eine seltsame Wolke nach Norden, grau mit weißglühendem Rande; sie stand fest wie eine Mauer, und jetzt brach plötzlich, wie aus der Erde aushauchend, ein Sturmwind los, daß die Bäume sich bogen.

Sie eilte nach der Hütte, das Pechmännlein war zurückgekehrt.

»Wenn nur nicht heute nacht ein Gewitter kommt,« sagte er. »Der Mond steht nicht am Himmel, er geht erst spät auf, und da gewittert's gern.«

Er ging nochmals hinaus, um die Kühe einzutreiben; der Handbub war den Ziegen nachgegangen, die sich weit verlaufen hatten.

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