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Auf der Höhe Vierter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Vierter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Vierter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080417
projectid639bc7a9
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Zehntes Kapitel.

Irma arbeitete nur wenige Stunden des Tages an ihrer Werkbank, sie mußte sich jetzt zu solcher Arbeit zwingen, fast mehr als im Anfang; ihr Blick war stets hinaus ins Große und Weite gespannt. Wenn sie dann aber die Arbeit ließ, hatte sie ein frisches Auge gewonnen und erschaute die Pracht des Hochgebirges aufs neue.

Das Pechmännlein hatte auch seine Diplomatie. Er bat Irma, ihn bei seinem Pflanzen- und Wurzelsuchen zu begleiten, er sei doch alt und könne nicht wissen, wie er einmal ausrutsche, dann sei doch jemand bei ihm, der Hilfe holen könnte.

Nun wandelte Irma den größten Teil des Tages mit dem Pechmännlein durch die Wälder, über Höhen und Gründe. Besonders glücklich war sie, als sie an die Stelle kamen, wo der Bach entspringt.

Er floß still aus einer dunkeln Felsenhöhle und stürzte sofort in kühnem Sprung die Höhe hinab, oft von Felsentrümmern aufgehalten, darüber hinweggleitend, darunter durchwühlend, bis sich im ersten Thalgrunde ein breites, von hohen Weißtannen umstandenes Becken bildete. Erst von da aus floß der Bach über die Hochebene und den zweiten Berg in milderem Grunde still murmelnd dem Thale zu.

Das Pechmännlein sah wohl, wie es Irma hier gefiel; er glaubte sogar, daß sie einmal gesungen habe, mitten durch das Rauschen und Brausen wohl vernehmlich, und es war ein seltsames Zusammentreffen, wie sich nun hier die meisten Kräuter fanden, die er zu suchen hatte. Er hatte auch die Freude, da und dort ein Vogelnest zu entdecken, das er Irma zeigte, die sich daran ergötzte wie ein kleines Kind. Die Tiere hier schienen noch keine Scheu vor den Menschen zu haben, und das Pechmännlein behauptete, Irma habe so gute Augen, daß die Vögel nicht vor ihr davonfliegen; in der That hüpften sie um sie her, als wäre sie von jeher ihre Vertraute, und der brütende Vogel im Nest sah sie von der Seite so treuherzig an und flog nicht davon.

So saß Irma oft ganze Mittage am Wasserquell, und ohne daß sie es wußte, warf sie manchmal eine Blume, die sie unversehens gepflückt hatte, hinein in die Wellen.

Drunten aber im Wohnorte Gunthers, durch welchen der Bach floß, saß am Ufer ein schöner Knabe, neben ihm ein rothaariger Bedienter in Livree.

Der Knabe bat den Diener, daß er ihm eine schöne Blume, die eben vorüberschwamm, herausfische; der Diener stieg den steilen Rand hinab ans Wasser, der Knabe aber warf schnell einen Stein ins Wasser, daß es aufspritzte, und der Diener rief: »Junger Herr, Sie sind wieder unartig!«

»Macht er wieder seine tollen Streiche?« sagte ein herzutretender, groß gewachsener, schöner junger Mann mit verlebtem Gesichtsausdrucke. »Was machst du, Eberhard?«

Der Knabe sah betroffen auf und der Diener sagte:

»Gnädiger Herr, der junge Herr und ich, wir machen nur Spaß miteinander.«

Der Mann nahm den Knaben an die Hand und ging mit ihm durch die Wiese nach einem schön gelegenen Landhause, der Jockey Fitz hinterdrein. Der Vorausgehende war Graf Bruno von Wildenort und der Knabe sein Sohn.

Bruno hatte streng verboten, daß der Knabe am Wasser spiele, er hatte eine besondere Furcht vor dem Wasser, es hatte seiner Familie solch entsetzliches Unglück gebracht; aber der Knabe war immer wie von dämonischer Gewalt zu dem wilden Bache hingezogen, und Fitz, der dem jungen Herrn stets willfahrte, leistete ihm im Geheimen Vorschub und geleitete ihn an den Bach.

Bruno drohte mit dem Finger zurück zu Fitz und ging nun in den Garten an dem Landhause. Hier sah eine Frau in einem großen Lehnstuhl; nicht weit von ihr spielte ein kleines Mädchen im Sand am Wege, und ein Säugling wurde von einer Amme auf und ab getragen. Die Morgenglocke läutete und bald erschien die Schwiegermutter unter der Gartenthür, ein Diener hinter ihr, der ein von Edelsteinen blinkendes Gebetbuch und ein gesticktes Kissen trug.

Mit der begnügten Ruhe eines Wesens, das heute schon seine höheren Pflichten erfüllt, grüßte die Baronin ihre Angehörigen, Bruno gab ihr den Arm, Arabella folgte ihnen nach, man setzte sich zum Frühstück, das in der Laube aufgestellt war.

»Du lieber Gott,« klagte die Baronin, »was fangen wir nur heute an? Der Tag ist schön, das Wetter scheint sich zu halten. Der Apotheker sagt mir, es sei einige Stunden von hier eine überaus schöne Almhütte, von wo man eine herrliche Aussicht haben müsse. Wie wär's, wenn wir die Diener vorausschickten, um da oben zu dinieren?«

»Erlauben Sie, gnädige Frau Schwiegermutter, daß ich Ihnen einen Vorschlag mache?« erwiderte Bruno zaghaft.

»Gut, machen Sie einen Vorschlag; überlassen Sie nicht alle Sorge mir. Was schlagen Sie also vor in dieser tödlich langweiligen Einöde, wo man auf den odiösen Geheimrat und seine philiströsen Frauen angewiesen ist? Bitte, schlagen Sie vor.«

»Es ist mein unmaßgeblicher Vorschlag –«

»Machen Sie doch nicht so langweilige Einleitungen –«

Bruno biß sich auf die Lippen, dann begann er lächelnd:

»Ich glaube in Ihrem Interesse zu handeln; ich will zuerst auf die Alm gehen, nachsehen, ob die Wege gut sind und ob ich Sie nicht einer Enttäuschung aussetze, denn in der Regel sind die theaterberühmten holden Almerinnen au naturel höllische Scheusale.«

»Danke, Sie sind in der That liebenswürdig. Wann werden Sie die Rekognoszierung vornehmen?«

»Noch heute, wenn Sie befehlen.«

»Er möchte gern einen Tag frei sein, ein lediger Mann,« wendete sich die Baronin lachend zu ihrer Tochter. »O, ich kenne ihn! Wollen wir ihm den Tag schenken?« fragte sie schelmisch.

»Sie sind sehr wohl gelaunt,« warf Bruno ein. Er hielt die Manier fest, trotz aller Bissigkeiten der Baronin immer äußerst galant zu bleiben; sie hatte Bruno schon zweimal seine Spiel- und andre Schulden bezahlt, denn Bruno hatte das Erbteil seiner Schwester noch nicht bekommen, da man ihre Leiche nicht gefunden; erst im nächsten Jahre, fünf Jahre nach ihrem Tode, wird sie vom Totengericht für verschollen erklärt.

»Ja, lieber Bruno,« sagte endlich Arabella, die die Sklaverei ihres Mannes tief schmerzte, »geh du allein, laß uns Fitz hier, Eberhard hat sich so an ihn gewöhnt, daß er nur noch mit ihm spielen will.«

Bruno ging zum Apotheker und erfuhr, daß die Alm, die er nur vom Hörensagen kannte, dem Freihofbauer gehöre, der einige Stunden von hier wohne.

Er ritt nun zuerst nach dem Freihof.

Walpurga saß am Fenster und spielte mit dem Kinde auf ihrem Schoß. Sie sah den Reiter dahersprengen, und unwillkürlich drückte sie die Hand auf die Augen und bog sich zurück, als reite er gerade auf sie los.

Sie sah den Reiter absteigen, Hansei ihn begrüßen, und das fremde Pferd nach dem Stall führen, und jetzt kam er mit dem Fremden in die Stube.

»Grüß Gott, Herr Graf,« trat Walpurga sich fassend ihm entgegen. »Das ist schön, daß Sie uns besuchen.«

Sie streckte ihm die Hand entgegen, aber Bruno zwirbelte seinen Schnurrbart und reichte ihr keine Hand.

»Ah, du bist's? Ich habe nicht gewußt, daß du die Bäurin hier bist. Also das ist das Gut, das du mit Gold bar ausbezahlt hast? Du bist klug, aber sei nur ruhig, ich verlange nichts von dir.«

Hansei sah wie seine Frau erblaßte.

»Wer ist der Mann? Wer ist der, der so mit dir redet von oben herunter?« fragte er, sich in den Schultern zurecht rückend.

»Sei nur ruhig,« beschwichtigte Walpurga. »Es ist ein Herr vom Hof, der gern Spaß macht.«

»Drum!« –brummte Hansei. »Ich hab' Ihnen nur etwas sagen wollen –wie heißt man Sie denn?«

»Graf Wildenort.«

»Also, Herr Graf, ich hab' Sie nicht gefragt, wer Sie sind und hab' Sie willkommen geheißen und Ihr Pferd auch, und nun bitt ich, mir zu sagen, was Sie wollen, und meine Frau in Ruh' zu lassen. Auf meinem Grund und Boden duld' ich keine Späße, die mir nicht gefallen; und wenn der König kommt und macht einen, der mir nicht ansteht, da schmeiß' ich ihn hinaus. Nichts für ungut, aber jeder redet, wie ihm ums Herz ist. So, jetzt setzen Sie sich.«

Hansei setzte seinen Hut auf und drückte ihn fest, zum Zeichen, daß er hier Herr sei.

Bruno sagte lächelnd:

»Du hast einen braven Mann, Walpurga.«

»Jetzt genug,« unterbrach Hansei, »was wünscht der Herr Graf?«

»Gar nichts Unrechtes. Ich höre, Ihr habt bei Eurem Gute eine Alm, das soll die schönste im ganzen Hochgebirg sein.«

»Ja, ja,« schmunzelte Hansei, »sie ist nicht uneben und geschickt gelegen, aber ich verkauf' sie nicht.«

»Ich will dir sie auch nicht abkaufen, nur auf einen Tag oben hausen.«

»Ja, wie ist jetzt das gemeint?«

»Sind die Wege da hinauf gut und ist's auch reinlich oben? Nimmt man nicht eine Herde am Leibe mit, wenn man herunterkommt?«

»Du hast recht, Walpurga, er ist spaßig,« wendete sich Hansei zu seiner Frau und fuhr zu Bruno fort:

»Der Weg ist schon gut, und wenn man eine Stunde Umweg nicht scheut, kann man reiten, fast bis hin. Wenn der Herr Graf will, ich führ' ihn hinauf.«

»Ja, meine Frau und meine Schwiegermutter wollen die Alm gern sehen.«

Walpurga hörte mit Schrecken, welche Gefahr Irma drohte, aber schnell gefaßt, sagte sie scherzend:

»Nein, Herr Graf, Frauen können da hinauf nicht, unsereins wohl, aber da muß man die Röcke in Hosen stecken.« Sie lachte hell auf und auch Bruno lachte, er dachte sich seine Schwiegermutter in diesem Kostüm; sie hatte vielerlei gehabt in ihrem Leben, aber ein solches nicht.

Er war nur ausgeritten, um der Schwiegermutter mit dem Schein authentischer Erfahrung den Plan auszureden, denn er wußte, daß solch eine Ausfahrt für ihn ein Tag der bittersten Sklaverei würde. Nichts ist recht, er muß immer Vorwürfe und bissige Worte hinnehmen, als hätte er es verschuldet, daß da ein Sumpf, dort ein Geröll, und daß es droben auf der Alm nur Eisberge zu sehen, aber kein Vanilleneis zu verspeisen gibt! Er kennt diese Lustpartien, bei denen er immer vor innerer Wut hätte vergehen wollen.

Walpurga fand Gelegenheit, ihrem Mann zu sagen, daß er den Grafen mit allen Mitteln vom Besuch der Alm abhalten solle, und Hansei lachte auf allen Stockzähnen und sagte im Stall zu dem Grafen, der nach seinem Pferde sah:

»Es ist eine Verwandte von uns oben, mit der's nicht ganz geheuer ist.«

Auch Walpurga kam in den Stall, sie fürchtete doch, daß ihr Mann etwas verrate, und nun fragte Bruno, ob sie wisse, was mit ihrer Kameradin geschehen sei.

Walpurga nickte und weinte.

»Ja,« sagte sie, »ich darf's sagen, kein Mensch auf der Welt hat mehr um sie gelitten, als ich.«

Sie weinte so bitterlich, daß Bruno sie tröstete.

Er ritt endlich davon.

Noch tagelang lag es Walpurga in allen Gliedern von dem Schreck. Und wiederum dachte sie, es wäre besser, wenn Irma entdeckt würde, sie ist vielleicht doch krank und stirbt bei uns vor der Zeit. Aber wenn sie entdeckt wird, das tötet sie gleich.

Darum war sie am Sonntag auf der Alm so unruhig gewesen, und hatte dem Ohm die größte Behutsamkeit eingeschärft, immer aber ging es ihr nach: das nimmt bald ein Ende, wenn man nur wüßte, wie, wenn man nur etwas thun könnte. Sie konnte nichts thun, sie mußte geschehen lassen, was geschieht.

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