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Auf der Höhe Vierter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Vierter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Vierter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080417
projectid639bc7a9
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Siebentes Kapitel.

Was mit klarem Blick erkannt und mit heiterer Sicherheit beschlossen wurde, kommt oft erst in Trübung und Verzagtheit zur Ausführung. So war's nun auch, als man sich zur Almfahrt anschickte.

Es war früh vor Tag. Bei Walpurga am offenen Herdfeuer stand Irma. Sie fröstelte.

Seit ihrer Rückkehr vom Gange in die weite Welt hatte Irma alle Sehnsucht überwunden, aber doch war ein neues Gefühl der Heimatlosigkeit über sie gekommen, als ob sie immer erst heute in die gegebenen Verhältnisse einträte; sie schaute oft um, als sähe sie eine Gestalt herankommen mit einem leichten Bündel unter dem Arm, und diese Gestalt war sie selbst und doch so verändert; sie hatte kaum mehr ein Bedürfnis nach Speise und Trank, kaum mehr nach einer Ansprache im Wort, sie lebte ganz in sich und aus sich allein. Dabei war sie wohl still, aber heiter und zutraulich bei jeder Ansprache.

Das Pechmännlein hatte zuerst diese Veränderung wahrgenommen, und er war es, der eine Sommerfrische auf der Alm für besonders zuträglich hielt, denn er behauptete, Irma sei krank, obgleich sie immer wohlauf schien und unablässig arbeitete.

Nun hatte sich alles wie verabredet zusammengefügt; der eigene Wunsch Irmas, das Zureden des Ohms und die Gefahr vor Entdeckung durch die Ankunft des Königs in dem nahen Städtchen, die Walpurga für sich allein abwenden wollte.

Walpurga war an diesem Morgen wohlgemut und frei, wie nach einem in schwerem Kampfe errungenen Siege; ihr Blick ruhte oft auf Irma, die in das offene Herdfeuer starrte.

»Du wirst sehen,« sagte sie ihr endlich, »du wirst wieder ganz anders da oben, und ich hör' dich in Gedanken schon wieder singen, und dann singen wir wieder miteinander.«

Sie summte vor sich hin das Lied:

Wir beide sein verbunden
Und fest geknüpfet ein.

Aber Irma stimmte mit keinem Tone zu.

»Ich trage das Leben, so lange das Leben mich trägt,« sagte Irma vor sich hin und hielt die ausgebreiteten Hände vor die offene Flamme.

Nicht lange konnten die beiden Frauen so still am Herdfeuer beisammenstehen. Draußen im Stall war alles vorbereitet. Das Pechmännlein, als Kundiger aller Geheimnisse, hatte schon am Tage vorher alles gerichtet, um die Herde für ihren zukünftigen Aufenthalt fest und gesund zu machen. Er hatte eine Scholle Erde und drei Ameisen von der Alm herabgebracht, und diese Erde wurde untermischt mit Steinheilkraut, Teufelspeitsche, Speik und Salz, wozu noch etwas Pechöl getropft wurde, den Tieren allesamt als Maulgabe und letztes Futter gegeben. Das Pechmännlein war in der Nacht noch von der Alm herabgekommen, hatte die geheime Speise unberufen bereitet, stolz darauf, das für den Bauer zu thun, der hierzulande doch nicht heimisch war. Jetzt hatten die Tiere die Maulgabe verzehrt, waren gefeit gegen allen Zauber und alle Krankheit und heimisch auf der Alm, als wären sie dort geboren. Als jetzt der Tag zu grauen begann, ließen nun aber auch die Kühe sich nicht mehr halten; jede einzelne, die aus dem Stall kam, besprengte Peter noch mit Dreikönigswasser, aber die zahmen Haustiere schienen trotz Geheimmittel und Weihwasser wieder zu wilden Tieren geworden: das war ein Brüllen, Rennen und Kämpfen im verschlossenen Hofraum und dazwischen ein Schreien der Knechte. Auf Befehl des Pechmännleins ließ man die Kühe ruhig kämpfen, und sie wurden endlich von selbst ruhig. Gundel setzte der schönen großen braunen Heerkuh den Kranz auf die Hörner, hing ihr die große Vorschelle um, auch die andern Kühe erhielten die abgestimmten Schellen, und nun war die Heerkuh von ihren Genossinnen, die sie schnaubend anglotzten, im Kreise umstanden. Die Heerkuh aber stand so stolz und trotzig da, daß keine mehr es wagte, sie herauszufordern.

»Jetzt fort in Gottes Namen!« rief das Pechmännlein und machte das Hofthor auf. Der Zug setzte sich in Bewegung. Zuletzt kam noch Franz, der den mächtigen braunroten Bullen an den kurzen kräftigen Hörnern hielt und von ihm mehr geschleppt wurde, als daß er ihn führte. Sobald der Bulle aus dem Stall war, stand er still, schaute mit unheimlich glänzenden Augen rechts und links, bog den Kopf hoch und schritt würdevoll und allein dahin; draußen aber vor dem Thore brüllte er laut auf.

Es war alles ruhig und gut vorbereitet und doch trat jetzt Hast ein. Walpurga und Hansei gaben den Davonziehenden ein Stück Wegs das Geleite.

Irma war still. Sie förderte frei ihre Schritte und doch war's ihr, als hätte sie das nicht selbst bestimmt und sie würde von einem andern getrieben.

»Du siehst schon jetzt wieder fröhlicher aus,« sagte Hansei zu Irma. Sie nickte.

Die vorausgegangene Herde hielt vor dem Dorf an, denn ohne die Sennerin darf man nicht durchs Dorf ziehen.

Man hätte wohl auch den andern Weg ziehen können, der hinter dem Dorfe nach dem Berg führte und ein Stück näher war, aber warum soll man nicht noch einmal sich und sein Vieh den Menschen zeigen, ehe man in die Einsamkeit zieht? So ging es nun mit dem schönen Geläute durch das Dorf, und von mancher Seite gab es hellen Zuruf und Jauchzen.

Jenseits des Dorfes stieg man den Berg hinan, man kam auf den Waldweg, den Hansei geschlagen; er konnte sich nicht enthalten, Irma wiederholt zu zeigen, was er zustande gebracht.

Da, wo mitten im Wald das königliche Wappen auf den Grenzsteinen ausgehauen war –denn hier begann der königliche Forst –nahm Hansei Abschied von Irma; auch Walpurga that's, aber sie gab ihr doch noch eine Strecke weit allein das Geleite; sie hatte Irma so viel zu sagen und sagte ihr doch nur: »Sei ohne Furcht, und nächsten Sonntag komme ich zu dir. Wenn dir's aber zu einsam wird, komm du nur wieder zu uns herab, es zwingt dich ja niemand; bleib' aber nur oben, wirst sehen, es wohlet dir.«

Es drückte Walpurga auf dem Herzen, das Geheimnis lastete wieder. Sie nahm rasch Abschied.

Hansei wartete, auf dem Marktstein sitzend, auf seine Frau. Als sie nun herankam, ging er geraume Zeit still mit ihr heimwärts.

»Ich muß mich oft besinnen, ob es nicht ein Traum ist,« sagte er endlich. »Jetzt im Herbst werden es vier Jahre, daß wir da sind, und daß sie bei uns ist. Ich hab' sie so lieb, ich kann's gar nicht sagen, und ich kenn' sie doch nicht –heißt das, ich kenn' sie wohl, aber ich kenn' sie doch wieder nicht.«

»Halt einmal still, Hansei,« sagte Walpurga.

Er stand still. Man hörte von ferne das Geläute der Herde, die bergauf zog; im Wald war es lautlos, denn ein dichter Nebel hatte die Berge eingehüllt und die Vögel waren stumm. Walpurga atmete tief auf.

»Hansei,« begann sie endlich –»du hast die schwere Prob' bestanden. Ich hätt's nicht geglaubt, daß das ein Mann so ausführt wie du. Jetzt laß dir was sagen. Ich mein', ich muß dir da endlich einmal die Thür aufmachen.«

»Halt ein,« unterbrach Hansei, »nicht so! Hat sie dir selber gesagt, daß du mir jetzt alles kundgeben sollst? Sag' Ja oder Nein.« –

»Nein.«

»So will ich auch nichts wissen. Das ist anvertrautes Gut, da darf man nicht daran rühren. Freilich, wenn ich's ehrlich sagen muß, es hat mir oft das Hirn umgedreht. Sag mir nur das eine: nicht wahr, sie hat niemand was angethan, und sie hat auch nicht gestohlen? heißt das, sie mag gethan haben, was sie will, sie hat's gebüßt. Sag nur das, weiter nichts, hat sie so etwas auf dem Gewissen?«

»Gott bewahre, sie hat niemand auf der Welt ein Leids gethan, als sich allein.«

»So ist's gut. Jetzt reden wir weiter nichts davon. Hast du im Dorf gesehen, wie der Taubstumme vor ihr auf die Kniee niedergefallen ist?«

»Nein.«

»Aber ich hab's gesehen und hab' auch gehört, wie die Enzianbabi gesagt hat, die Verrückte vom Freihof kommt nicht mehr von der Alm herunter. Die Babi ist doch verrückt und die Irmgard nicht, aber es hat mich doch erschreckt. Ich weiß nicht –ich meine der Hof wär' nicht mehr recht voll, wenn wir die Irmgard nicht mehr haben; sie gehört einmal dazu.«

Als die beiden Eheleute wieder in ihrem Heim ankamen, sagte Hansei in der Stube:

»Weißt noch, wie sie geraten hat, daß wir den Tisch anders stellen, und wie sie dir geholfen hat, alles herrichten, und wie sie dann dem Ohm angegeben hat, die Stuhlfüße kürzer zu machen, damit sie besser zum Tisch passen? Ich hab' noch keine Bauernstube gesehen, wo es so schön ist wie bei uns, und da hat sie dir doch viel geholfen.«

Hansei hatte mancherlei ums Haus zu rüsten und zu ordnen, aber Walpurga kam oft zu ihm mit einem Kinde und sprach einige kurze Worte; sie mochte nicht allein sein, Irma fehlte ihr, und doch war sie glücklich, sie geborgen zu wissen droben in der Einsamkeit.

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