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Auf der Höhe Dritter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Dritter Band - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Dritter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080417
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Siebzehntes Kapitel.

Die Königin hatte vernommen, daß der König zurückgekehrt war, und die Ruhe und Fassung, die sie gewonnen hatte, schien verschwunden. Solang der König räumlich fern war, glaubte sie sich fest in der Betrachtung von der Höhe des Gedankens, jetzt aber, da er nahe war, zitterte sie in der Furcht, ihm vor Augen zu treten; die gekränkte Empfindung rüttelte an den so mühsam und kaum befestigten Grundsätzen.

Es war schon Nacht, als die Königin die Stimme ihres Gemahls im Vorzimmer hörte; er wolle sie sehen, sagte er, auch wenn sie schliefe. Er trat leise ein. Sie hielt gewaltsam die Augen geschlossen und zwang sich zu ruhigem Atmen. Es war die erste Heuchelei ihres Lebens; sie hatte nur Schlaf zu heucheln, und wie oft hatte der, der jetzt vor ihr stand, Innigkeit und Treue geheuchelt ... Ihr Atem ging schwer. Sie bedurfte aller Kraft, sich ruhig zu halten. Das Grausen des Scheintodes kam über sie.

Sie lag regungslos mit gefalteten Händen, und vor ihr stand ihr Gatte. Sie meinte, seinen sorgenvollen liebenden Blick zu spüren – aber was ist hier Liebe und Sorglichkeit? Sie spürte den Atem aus seinem Munde; sie fühlte, wie seine Finger sich an ihren Puls legten, und sie bewegte sich nicht; sie fühlte einen Kuß auf ihre Hand, und sie bewegte sich nicht; sie hörte, wie er zu Madame Leoni sagte: »Sie ist gottlob ganz ruhig. Sagen Sie nicht, daß ich hier war« – sie hörte seine Worte und seinen leisen Schritt, wie er nun hinaus ging, und sie bewegte sich nicht; und um auch vor der Kammerfrau nicht zu gestehen, daß sie geheuchelt, mußte sie sich noch schlafend stellen und durfte von allem Geschehenen nichts wissen.

Im Vorzimmer sagte der König zur Kammerfrau Leoni:

»Ich danke Ihnen, liebe Leoni.«

»Majestät!« erwiderte Frau Leoni, sich tief verbeugend.

»Sie haben sich in diesen Tagen der Königin wieder neu bewährt, ich werde Ihnen das nicht vergessen. Es ist mir ein Trost, die Königin von solcher Sorgfalt umgeben zu wissen. Und, liebe Leoni, thun Sie nur alles, um der Königin recht viel Ruhe zu schaffen, und wenn die Königin etwas Besonderes wünscht, wovon Sie glauben, daß die Hofdamen und die Oberhofmeisterin nichts zu wissen brauchen, so wenden Sie sich an mich. Hat die Königin viel gesprochen in diesen Tagen?«

»O ja, leider zu viel, davon ist sie eben so matt – stundenlang, unaufhörlich.«

»Hat sie mit Ihnen so viel gesprochen?«

»O nein.«

»Also mit dem Leibarzt?«

»Ja wohl. Verzeihen, Majestät, aber ich meine, seine Apotheke besteht in Worten.«

Der König erinnerte sich, daß Madame Leoni der Königin, mehr aber noch dem Leibarzt gram geworden, weil nicht sie zur Aja des Kronprinzen ernannt wurde, sondern Frau von Gerloff; er war nicht gesonnen, sich das zu nutze zu machen; er sagte daher nur:

»Der Arzt, liebe Leoni, muß der Vertraute sein.«

»Gewiß, Majestät – aber unsre erhabene Königin ist so schwermütig, und da thäte es wohl besser, wenn man sie erheiterte, daß sie lachte, und nicht immer so schwere und entsetzliche Dinge mit ihr spräche. Majestät verkennen mich gewiß nicht, aber ich möchte unsrer erhabenen Königin gern beistehen, und ihr einziger und bester Beistand sind Sie, Majestät, und wer da irgend sich dazwischendrängt, der thut nicht gut.«

Dem König ward es bang. Er hat sich nie mit Spionieren abgegeben, und jetzt, wo er sich gereinigt und erhoben fühlte, war es ihm doppelt zuwider. Dennoch sagte er:

»Bitte, erzählen Sie, was ist denn geschehen?«

»Ach, Majestät! Ich möchte lieber sterben, ehe ich ein Unrecht an meiner erhabenen Herrin begehe; aber ich thue gewiß kein Unrecht, es soll ihr ja nur helfen.«

»Vertrauen Sie mir nur alles,« sagte der König leise – er hörte selbst nicht gern, was er sagte – »ebenso unwürdig, als es Ihrer wäre, hin und her zu tragen, ebensowenig würde ich es je gestatten oder verlangen; aber es ist gut, wenn ich weiß, wie man der Königin aus ihrer jetzigen Verwirrung helfen kann, und dazu muß ich wissen, was ihr zugetragen wird und wie die Dinge besprochen werden.«

»Das ist's ja, Majestät,« erwiderte Madame Leoni, und nachdem sie nochmals um Entschuldigung gebeten, besonders wegen der unschönen Worte, gab sie einen Bericht, wie der Leibarzt von der Entstehung des Straßenschmutzes gesprochen, wie ein reiner Tropfen aus der Himmelswolke sich mit dem Staub auf der Straße vermengt, und dann sei von Bildhauerei die Rede gewesen, von Hautrelief und Basrelief.

Frau Leoni konnte nur unzusammenhängenden Bericht geben, aber der König wußte genug.

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