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Auf der Höhe Dritter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Dritter Band - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Dritter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zwölftes Kapitel.

Die beiden Freunde kehrten nach dem Wirtshause zurück, wo die Reitknechte mit den Pferden warteten. Der eine kam den Suchenden eine große Strecke entgegen und brachte die Nachricht: da unten sei ein Schiffer, der habe ausgesagt, daß man dort drüben bei dem Dorfe – man sieht einzelne Häuser und den Kirchturm von hier aus – eine weibliche Leiche aus dem See gefischt habe.

Der Intendant umfaßte Bruno, der bei dieser Nachricht schwankte, als müsse er niederstürzen; man setzte sich eine Weile auf der Stelle nieder, wo die Nachricht angekommen. Der Reitknecht sagte, daß man in einer Stunde mit dem Kahn an dem bezeichneten Dorfe sei, zu Lande seien es aber mehrere Stunden Wegs.

»Ich kann nicht übers Wasser fahren,« sagte Bruno, »ich kann nicht, heut nicht. Schöning, verlangen Sie das nicht von mir, zwingen Sie mich doch nicht. Warum quälen Sie mich so?« rief er unwillig.

Der Intendant wußte, wie tiefer Schmerz leicht unbillig macht; im dunkelsten Hintergrund der Seele lauert ein Zorn, auch gegen die Teilnehmendsten, die doch nicht die Betroffenen sind.

»Ich nehme Ihnen nichts übel,« sagte er, »und wenn Sie mir auch hart begegnen, ich ertrage es. Ich verstehe Sie und bin weit entfernt, Sie zur Fahrt über den See bereden zu wollen. Wir reiten.«

Die Pferde wurden herbeigebracht, man ritt dem bezeichneten Dorfe zu. Sie kamen an einem Wirtshause vorbei, wo vor der Thüre unter der Linde Fuhrleute, Schiffer und Holzknechte Bier und Branntwein tranken, lachten und scherzten. Bruno war's, als würde er wie ein Fieberkranker, der die Welt nur verschleiert und wüst sieht, über Berge und durch Thäler geschleppt, und hier am Wirtshaus lechzte seine Zunge, er wollte auch gern trinken, vielleicht gäbe ihm das neue Kraft, ja vielleicht, was das beste wäre, ein Vergessen von allem; aber er wagte nicht, dem Freunde sein Verlangen auszusprechen. Darf ein Mensch in seiner Lage Branntwein trinken? Das darf ein Wilderer, wie der da oben, aber ein Kavalier nicht. Innerlich fluchte Bruno auf den Freund, der ihn nicht einmal trinken ließ, während ihm doch die Zunge am Gaumen klebte, äußerlich aber dankte er ihm, daß er sich so viel Mühe machte, sich so Schwerem für ihn aussetzte, er werde ihm das nie vergessen. – Ach, wie gut ist's doch, daß die Worte so fertig sind; fast so gut als das, daß die Pferde so korrekt eingeritten sind und tapfer im Trabe die Füße heben, so daß man sich nicht selber zu bewegen braucht.

Die Freunde ritten scharf. Es war hoher Mittag, als man in dem Dorf ankam, von wo Hansei mit den Seinen vor zwei Tagen ausgewandert war. Der Gemswirt stand unter seiner Thür und grüßte ehrerbietig die beiden Reiter mit dem Reitknecht hinterdrein.

Man stieg ab. Bruno warf dem Reitknecht den Zügel seines schweißtriefenden Pferdes zu, der Intendant führte den Freund in den Vorgarten, wo sie sich setzten, und er that es nicht anders, Bruno mußte ein Glas Wein trinken; der Gemswirt brachte schnell eine Flasche Gesiegelten und lobte ihn als seinen besten; auch einen großen Braten brachte er und stellte ihn auf den Tisch; das stand nun da und mußte bezahlt werden, wenn es auch nicht berührt wurde.

Der Intendant nahm den Gemswirt beiseite und fragte ihn leise, ob es wahr sei, daß hier eine Frauenleiche aus dem See angelandet.

Der Gemswirt bejahte schmunzelnd. Das ist etwas Besonderes, was im Dorfe vorgeht, davon gehört ihm der Vorteil zuerst. Der Intendant fragte weiter, wo das Haus sei, in dem die Leiche liege.

»Ich werde Sie führen,« lächelte der Gemswirt.

»Lassen Sie auch den Bürgermeister rufen.«

»Ist nicht nötig, ich bin Gemeinderat,« entgegnete er, ging schnell in das Haus und kam zurück in seinem langen Rock mit der Denkmünze. Die Herren sollen sehen, mit wem sie's zu thun haben, und vornehme Leute sind das, sonst hätten sie keinen Reitknecht und hätten gesagt: »Trag deinen Braten weg, wir bezahlen ihn nicht.« Den einen glaubte er sogar zu kennen.

»Verzeihen Sie,« sagte er zum Intendanten, »vor Jahren ist einmal ein Maler hier gewesen, der war Ihnen so ähnlich, wie ein Bruder dem andern.«

Der Intendant wußte, daß er selbst gemeint sei, aber er war jetzt nicht geneigt, auf eine Erneuerung der Bekanntschaft einzugeben.

Der Gemswirt geleitete die Fremden nach dem Hause Hanseis.

Unterwegs sagte er: »Eine schöne Person ist's gewesen, mächtig schön, aber gar arg nichtsnutz. Und ihre Angehörigen sind auch nichtsnutz, besonders der eine Bruder.«

Der Intendant winkte dem Redseligen, daß er schweige. Bruno biß sich die Lippen wund.

Beim Hause Hanseis, im Garten und am Weg stand eine große Menschenmenge, man konnte kaum durchdringen; die Weiber klagten, die Kinder schrieen, die Männer schalten.

»Platz da!« rief der Gemswirt. Er schritt den beiden Männern voran durch die Menge, und Bruno hörte hinter sich sagen: »Der schöne Mann mit dem großen Schnurrbart, das ist der König.«

»Nein, das ist er nicht, aber sein Vetter,« sagte ein andrer.

Die drei kamen in den Garten. Bruno lehnte sich an den Kirschbaum und der Intendant bedeutete den Gemswirt, den Gefährten nur ein wenig ausruhen zu lassen. Bruno stand da und die ganze Welt ging im Kreise mit ihm herum. Vom Kirschbaum fielen welke Blätter auf ihn nieder – er erschrak bis ins Herz hinein von der leisen Berührung. Endlich sagte er auf Französisch zu dem Freunde:

»Was nützt es der Toten, wenn ich sie sehe? Und mir schadet es ewig – es bleibt mir im Gehirn stecken.«

»Mein Freund, Sie müssen hinein! Bedenken Sie, diese Leute haben an der Fremden aus reiner Menschenliebe alle Wiederbelebungsversuche gemacht.«

»Dafür kann man ihnen Geld geben, aber was sollen wir uns noch mit den toten Resten abplagen?«

Bruno mußte doch hinein. Auf den Freund gestützt, trat er über die Schwelle.

Da lag im Hausflur die Leiche einer Frau. Auf demselben Fleck, wo Hansei vor zwei Tagen ihrer gedacht, lag jetzt die schwarze Esther; ihr glänzend schwarzes Haar hing in dicken Strähnen über das Gesicht, der Mund stand offen – der letzte Schrei, den Irma gehört, lag noch darauf.

»Esther!« rief Bruno und bedeckte sich das Gesicht mit den schwarzbehandschuhten Händen.

»Das ist nicht Ihre Schwester,« tröstete der Intendant, »kommen Sie fort, kommen Sie!«

Bruno konnte sich nicht von der Stelle bewegen.

»Ja, Schwester!« rief eine alte Frau, die sich jetzt an der Leiche emporrichtete. »Ja, Schwester. Habe ich dir nicht gesagt, thu ihr nichts, weil sie dem schönen Fräulein durchgeholfen hat, sie thut sich sonst ein Leid an? Jetzt hast du's! Und gerade in dem Hause liegst du! O das Haus, das Haus! Der See wird's noch wegschwemmen; komm herauf, See, hol das ganze Haus! Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?« rief sie aufspringend und faßte Bruno am Arm. »Wer bist du, mit den schwarzen Händen? Laß dich sehen! ... Du bist's? Du? – Du hast deinen Vater nicht sterben sehen wollen – was willst du von meiner Esther! Herr im Himmel – jetzt weiß ich's, du bist's gewesen, du! Sag, du bist's gewesen, sag's, mach nicht die Augen zu, ich kratze sie dir doch aus! Du bist's. – Ich will dir einen Nagel in dein Hirn schlagen, in das verfluchte Hirn, das ihrer vergessen. O, warum weiß ich's jetzt erst? Aber es hat Zeit genug, mein Thomas hat dir schon einmal die Kugel aufs Genick gehabt – er wird dir noch einmal ...«

Bruno sank ohnmächtig um. Der Intendant fing ihn auf, aber er konnte ihn nicht halten und legte ihn nieder auf dem Boden, auf dem Esther lag.

Der Gemswirt eilte hinaus, um Wasser zu holen, und jetzt traten durch die offene Thür mehrere Männer ein, Doktor Sixtus, der Physikus, der Justiziar und Baum.

Sixtus brachte Bruno schnell wieder zum Aufatmen. Baum übersah mit raschem Blick, was hier vorging; er hielt sich an der Thürpfoste, er klammerte sich mit den Fingern wie mit einer Zange daran, dann schlich er hinaus. Er ist hier nicht nötig, und es kann noch alles verloren gehen, wenn er jetzt sich verrät. Er brachte sich bis an den Kirschbaum im Garten, dort setzte er sich auf die Bank und knüpfte sich die Gamaschen auf und zu, dann nahm er seine Uhr heraus, zählte die Sekunden ab, zog die Uhr frisch auf, hielt sie ans Ohr und spielte nachlässig mit der Uhrkette. Er besann sich. Er sagte sich still, daß er das Große, das noch auszuführen ist, allein vollenden muß; er glaubt Irma auf der Spur zu sein. Sixtus will nichts davon wissen und spottet ihn aus – desto besser, dann fällt ihm das Verdienst allein zu: drum ist jetzt keine Zeit, jetzt am wenigsten, sich der Mutter anzunehmen. Die Schwester ist tot – das ist vielleicht das beste für sie, und keinesfalls kann er sie wieder ins Leben zurückbringen. Später kann er ja unentdeckt für die Alte sorgen.

Baum war stolz auf seine Fassung und streichelte sich das Kinn.

Drin im Hause ging von Sekunde zu Sekunde Erschütterndes vor. Die Alte schrie und heulte, sie rannte in die Stube, riß das Fenster auf und schrie: »Schlagt ihn tot! Ersäuft ihn! Er hat sie ersäuft!«

Baum auf der Bank im Garten ließ die Uhr fallen, als er diese Worte hörte. Jetzt wurde die Alte vom Fenster weggerissen, Doktor Kumpan hielt sie.

Sie kam wieder an die Leiche ihrer Tochter. »Schlaget uns alle tot!« rief sie. »Es gibt keinen König auf der Welt und keinen Gott im Himmel!«

Die Alte raste, dann weinte sie, dann rief sie wieder ihrem Kind:

»Du hast den Mund offen, sag nur ein einziges Wort, nur ein einziges Ja vor den Zeugen! Sag seinen Namen, er hat dich ins Unglück gestürzt und dich im Elend verkommen lassen! Sie glauben mir's ja nicht. Sag du,« rief sie dem Intendanten zu, ihn packend – »sag du: Hat er nicht ihren Namen gerufen und hat es bekannt? Geschieht dem nichts, der ein armes Wesen ins Elend und in den Tod gestürzt? Sag du's« – wendete sie sich zu Bruno – »da hast du den Ring, den mir deine Schwester geschenkt, ich will nichts von euch!«

Sie stürzte sich wieder heulend und wehklagend auf die Leiche.

Bruno wurde endlich hinausgeführt. Er sah leichenblaß aus. Von den schwarzen Handschuhen waren Striemen in seinem Gesicht. Man setzte ihn unter den Kirschbaum auf die Bank; Baum stand auf, brachte Wasser herbei und Bruno wusch sich das Gesicht: er sah verwundert auf das weiße Tuch, das schwarze Flecke von seinem Gesicht abnahm.

Man kehrte nach dem Wirtshaus zurück. Bruno ließ die Hand des Intendanten nicht mehr los: er war wie ein furchtsames Kind, bei jedem Geräusch glaubte er, die Alte komme und kratze ihm die Augen aus und reiße ihm das Herz aus dem Leibe. Endlich faßte er sich und fragte den Intendanten, was er denn an der Leiche gerufen habe. Der Intendant erwiderte, er habe »Schwester!« gerufen und die Alte habe »Esther« verstanden und sei darauf ganz rasend geworden.

Bruno hörte zu seiner Beruhigung, daß er sich nicht verraten. Er bestimmte indes eine namhafte Summe zur lebenslänglichen Unterstützung der Alten, bei der Irma ihre letzte Herberge gefunden.

»O Freund,« klagte er dem Intendanten, »ich werde das Bild der Ertrunkenen mein Lebenlang nicht vergessen.«

Bruno war so matt, daß er nicht mehr zurückreiten konnte. Der Wagen des Doktor Sixtus stand bereit, er setzte sich mit ihm ein, um nach der Residenz zurückzufahren. Der Hofarzt gab Bruno den traurigen Trost, daß man die Leiche Irmas nicht finden werde; die des verlorenen Wesens sei an die Oberfläche geschwemmt. Irma aber – das habe er vorausgesagt – sei von dem langen Reitkleid in die Tiefe gezogen und werde nie gefunden werden.

Beim Abschied sagte der Intendant zu Bruno:

»Ich habe Ihr tiefes Herz kennen gelernt!«

Bruno nickte still, Er ließ sich das gefallen, es mag gut sein, wenn der Intendant das so bei Hofe erzählt.

Als man zum Wagen ging, war die ganze Gegend in Regen gehüllt. Man sah nicht Berg, nicht See. Noch im letzten Augenblick der Abfahrt rief Bruno den Lakaien Baum und übergab ihm seinen rotkragigen Mantel, denn Baum sollte das Pferd Brunos besteigen und mit demselben heimkehren.

Der Intendant ritt von Baum geleitet zurück. Er rief Baum, der hinter ihm dreinreiten wollte, an seine Seite.

»Herr Intendant,« sagte Baum, »das ist ein arges Theater.«

»Ja, schauervoll. Ich glaube, die Mutter der Ertrunkenen ist verrückt.«

»Herr Intendant,« begann Baum wieder, »ich möchte Ihnen etwas sagen. Ich meine, es könnte doch sein, daß die Gräfin gar nicht ertrunken ist. Der Herr Hofarzt hat mich ausgelacht, aber ich hab' eine Spur und –«

Ein Schuß knallte. Baum stürzte vom Pferde.

»Diesmal hab' ich dich getroffen!« schrie eine Stimme.

Thomas sprang aus dem Gebüsch hervor.

»Packt mich!« rief er. »Ich hab' ihn doch –«

Er sah die Leiche Baums am Boden – da schrie er rasend auf:

»Den Bruno hab' ich erschießen wollen, und nun du? du?«

»Bruder! mein Bruder!« brachte Baum noch mit röchelnder Stimme hervor – »Ich bin Wolfgang – dein Bruder Jangerl! – Wolfgang – Zenza, meine Mutter ...«

Thomas eilte in das Dickicht zurück und drin hörte man noch einen Schuß.

Der Intendant stand verzweifelt. Der Regen rauschte nieder. Baum zuckte noch einmal. Da kam etwas mit Scherzen und Lachen herbei, wunderliche Gestalten mit aufgeschürzten Kleidern und seltsam verhüllt; es war die Badegesellschaft, der man heute früh im Walde begegnet war. Die Damen eilten entsetzt davon. Die Männer halfen dem Intendanten. Es wurden Bauern vom Feld gerufen, um Baum ins Dorf zurückzuschaffen; andre durchsuchten das Dickicht und brachten bald die Leiche des Thomas mit zerschmettertem Kopf heraus.

Der Intendant traf den Justiziar im Dorfe. Er legte bei ihm alle Aussagen nieder und bald war das ganze Dorf im Wirtshaus versammelt. Es war aber auch kein kleines Ereignis: drei Geschwister auf einmal tot; und daß Baum sich zuletzt noch als Wolfgang Rauhensteiner zu erkennen gegeben, darüber wollte sich fast niemand wundern, jeder wollte ihn schon längst erkannt haben, schon damals, als er in Begleitung des Hofarztes Walpurga abholte.

Am Abend saß der Intendant noch lange beim Gemswirt, dem er sich nun als der Maler von ehedem zu erkennen gegeben. Der Gemswirt erzählte viel von Hansei und Walpurga, es läßt sich denken, in welcher Art.

Die alte Zenza nahm die Nachrichten, die ihr wurden, dumpf dreinstarrend auf; sie schien alles nicht recht zu fassen. Als man ihr sagte, daß der Graf Geld dagelassen und versprochen habe, immer für sie zu sorgen, lachte sie hell auf, und als man ihr zu essen brachte, aß sie alles, was man ihr vorsetzte, mit Gier.

Baum, Thomas und die schwarze Esther wurden miteinander begraben.

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