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Auf der Höhe Dritter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Dritter Band - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Dritter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel.

Der Intendant saß auf dem Sofa neben Bruno und hielt dessen Hand; sie fieberte.

Nun, da er den Schlüssel für Charakter und Stimmung Brunos gefunden, verstand er, was es hieß, als der Trauernde ausrief:

»Ich weiß, wie's in der Welt ist. Heute und morgen Jagd in Wolfswinkel, übermorgen Wettrennen. Ich wundre mich nur, daß ich nicht alles in einer Stunde vergessen habe. Die Excellenz v. Schnabelsdorf geistreichisiert jetzt mit der schönen Gesandtin von N., dann zieht die Wachtparade auf, heute abend wird Bank gelegt beim Prinzen Arnold – o, die ganze Welt lebt fort im alten Geleise. Wenn ich nur die Welt vergessen könnte! Die Welt vergißt mich – wer denkt des einsamen Trauernden? O, verzeihen Sie, inniggeliebter, einziger Freund auf der Welt! Sie bleiben bei mir, verlassen mich nicht, nie. Ich bin die Beute des Wahnsinns, lassen Sie mich nicht allein.«

Der Intendant hatte aufrichtiges Mitleid mit dem armen Menschen. Er war zu Tisch geladen beim Oberstallmeister und wollte sich nur einen Augenblick entfernen, um sich persönlich zu entschuldigen; aber Bruno ließ ihn nicht fort, er mußte seine Entschuldigung schreiben.

»Ja wohl, ich will bei Ihnen bleiben,« tröstete der Intendant. »Ein Freund, der in der Trauer bei uns, ist wie ein Licht in der Nacht, es zwingt uns doch oder gibt uns wenigstens Gelegenheit, die Gegenstände um uns her zu sehen, zu wissen, daß noch eine Welt da ist und wir uns nicht ganz in die Nacht der Einsamkeit vergraben.«

»O, Sie verstehen. Sagen Sie, was ich thun, was ich beginnen soll; ich weiß gar nichts mehr, ich bin wie ein verirrtes Kind nachts im Walde.«

»Ja, das sind Sie.«

Bruno schaute hastig auf; daß der Intendant so ganz das anerkannte, schien ihm doch nicht recht.

»Ich bin nur jetzt so schwach,« sagte er. »Bedenken Sie, was die letzten Tage mir brachten!«

Es lag eine seltsame Mischung von Milde und Herbheit in seinem Ton.

»Darf ich rauchen?« fragte er wieder.

»Gewiß, thun Sie das; thun Sie alles, was Ihnen gut ist.«

»Ach nein, es ist mir nichts gut. Aber ich möchte doch rauchen.«

Er zündete sich eine Zigarre an ...

Die Welt hat ihn doch nicht ganz vergessen, wie er gezürnt. Es wurde Besuch gemeldet. Er that schnell die Zigarre weg – die fremde Welt darf nicht sehen, daß er raucht, sie soll nicht glauben, daß er gefühllos sei, nicht trauert um Vater und Schwester.

Es kamen viele Besuche, und Bruno mußte immer wieder seinen Schmerz kundgeben und sich bemitleiden lassen. Er sah jetzt, wie die Welle des Gerüchtes vom Tod Irmas hinausgeflutet war in die Stadt, von der Höhe des Schlosses in die Niederung. Menschen, denen er sonst gar nicht freundschaftlich nahe stand, besuchten ihn jetzt; sogar entschieden Mißwollende kamen, und er mußte alle freundlich empfangen, allen danken und ihre innige Teilnahme erkennen, während er doch in manchem Auge Schadenfreude zu lesen glaubte; aber er durfte sie nicht gesehen haben; seine Mienen blieben wehmütig, nur manchmal zuckte es fremd darin.

Auch seine Lustgesellen besuchten ihn, und es war höchst seltsam, wie die jungen Kavaliere so ernste Mienen machten; mancher Blick streifte dabei den großen Spiegel – die ernste Miene stand ihnen recht gut. Fast komisch erschien es ihnen, daß derjenige, der immer so lustig war und die besten und unzweideutigsten Witze machen konnte, jetzt so ernst dreinschaute. Sie setzten sich, sie saßen rittlings auf den Stühlen und hatten die Arme auf die Lehne gelegt, sie steckten sich Zigarren an, und es wurde viel von »Papa« gesprochen.

»Mein Papa ist schon seit zwei Jahren tot.«

»Mein Papa ist krank.«

»Mein Papa will sich pensionieren lassen.«

»Wie alt ist dein seliger Papa geworden?« wurde Bruno gefragt. Er wußte es nicht, er sagte auf gut Glück:

»Dreiundsechzig Jahr.«

Auch vom Wettrennen wurde gesprochen, zuerst nur behutsam und leise, dann aber lärmend. Man sprach von dem großen Verlust des Baron Wolfsbuchen.

»Was ist ihm geschehen?«

»Er hat der Fatime, der prachtvollen schwarzen Stute, als sie nicht parieren wollte, mit dem Säbel aufs Maul geschlagen, er hatte vergessen, daß der Säbel geschliffen war.«

Man sprach von dem Verlust seiner Einsätze und an dem Pferde, von einem Tadel über Roheit war keine Rede.

Endlich gingen die Kameraden davon; draußen vor der Thür reckten sie sich – Puh! So ist auch dies abgemacht! Solch eine Kondolenzvisite ist ein Stück Leichenparade, und die Worte sind wie gedämpfte Trommeln. Noch auf der teppichbelegten Treppe begann man leise zu medisieren: Bruno hatte seiner Schwiegermutter verboten, nach der Stadt zu kommen, da die Majestäten die Gnade haben wollten, bei dem jungen Sprößling Gevatter zu stehen. Da man einmal beisammen war, so war es natürlich, gemeinsam ein gutes Frühstück einzunehmen und etwas Sekt zu trinken. Es ging bald laut her beim französischen Restaurant und dabei wurde auch von Bruno gesprochen.

»Der wird jetzt fabelhaft reich, er hat nun ein doppeltes Erbteil.«

»Wenn er das vor einem Jahr gewußt, wer weiß, ob er die Steigeneck geheiratet hätte; seine Schulden waren wohl noch hinzuhalten.«

»Er erbt auch die Schmucksachen seiner Schwester, die sind enorm wertvoll.«

Wie wenn er zwei Menschen wäre, einer hier und einer dort, so konnte Bruno den Kameraden folgen, als sie ihn verlassen hatten; er ahnte, was sie sprechen, und einmal schaute er sich plötzlich um, als hätte er lachen gehört; es war aber nichts, der Papagei seiner Schwester, den er in sein Vorzimmer bringen lassen, hatte einen seltsamen Ton ausgestoßen; er ließ ihn wieder in die Zimmer Irmas zurückbringen, da er nicht wisse, ob er ihr zu eigen gehöre, und das ewige »Pfüt di Gott« war ihm auch zuwider.

Er ging lange in der Stube umher, den Daumen in den zugeknöpften Rock gesteckt, und spielte mit den vier Fingern eine unhörbare lustige Melodie auf der Brust. Tief innerlich ärgerte er sich über jeden Beileidsbesuch; das ist so peinlich, man muß eine traurige Miene machen, muß Trost annehmen, Dank für Teilnahme aussprechen, und alles ist nur Lüge, höchstens Konvenienz – man ist ja schuldig, einem Betroffenen Teilnahme zu bezeigen. Vielleicht bedauern es die Menschen, daß man nicht auch da, wie beim Leichenbegängnis, seinen leeren Wagen schicken kann – es ist ja genug, um anzuzeigen, daß die Trauer eine große, allgemeine, der Leichenzug ein stattlicher war. – Das alles empfand Bruno jetzt im grimmigen Mißmut. Da gehen sie dann hin, die schönen Männer, die alten und die jungen, in Uniform und im Bürgerkleid, und zwirbeln unterwegs den Schnurrbart und streicheln sich das Kinn im Wohlgefühl: Du hast etwas Gutes gethan, bist ein exakter, gefühlvoller Mensch – und daheim erzählen sie der Frau und den Töchtern: der Flügeladjutant ist so und so – und dann essen sie und trinken und fahren spazieren, und auf der Anhöhe sagen sie: Gottlob, man muß zufrieden sein, wenn alles in Ordnung und man kein Unglück in seiner Familie erlebt. Aus fremdem Unglück bauen sie sich eine Stufe, von der sie ihr eigenes Wohlbehagen überschauen können. – Brunos spielende Finger gingen immer rascher auf der Brust. – Sterben, Trauer haben, krank sein – das ist etwas für gemeine Menschen, nicht für vornehme! Die Welt ist erbärmlich eingerichtet, daß es dafür kein Präservativ gibt, daß man es nicht abkaufen kann.

Auch die Excellenz v. Schnabelsdorf kam. Bruno war ihm im tiefsten Herzen feind, denn von diesem Allwisser stammte das Witzwort, mit dem man die alte Tänzerin, Baronin Steigeneck, als »Fräulein Schwiegermutter« bezeichnete. Bruno mußte aber doch thun, als ob er es nicht wisse; er mußte jetzt freundlich und dankbar die Hand der Excellenz fassen, er mußte den Kuß dulden von dem Munde, der seiner Familie einen Schmachtitel angehängt; denn Schnabelsdorf steht jetzt am höchsten in der Hofgunst, Bruno kann seine Freundschaft nicht missen, jetzt doppelt nicht, weil ihm seine Hauptstütze, die Schwester, genommen.

So ärgerte sich Bruno über jeden Beileidsbesuch, der kam, und doch auch über jeden, der nicht kam. Die Welt war so rücksichtsvoll, immer nur von dem Unglück, von dem plötzlichen, unversehenen Tod Irmas zu sprechen, wie sie vom Pferde geschleudert worden und in den See gestürzt sei. Ja, der Vizeoberstallmeister behauptete steif und fest, daß der Pluto nie korrekt zugeritten gewesen sei. Bruno selbst that, als ob er wirklich glaube, daß Irma nur verunglückt.

Für sich allein aber fühlte er eine eigene Wollust darin, sich die Scene des Selbstmordes ganz genau auszudenken, und wie drunten tief im See Irma an ihren langen Haaren von den Felsenklippen festgehalten wird – er konnte seine Phantasie gar nicht zurückwenden von den Schauerbildern und mußte zuletzt das Fenster aufreißen, um Gegenstände draußen zu sehen.

Bruno wollte nichts genießen; der Intendant brachte es nur dadurch zuwege, daß Bruno Speise annahm, indem er für sich selbst Essen kommen ließ, Bruno mußte sich zu ihm setzen. Bei jedem Bissen und jedem Trunk aber sagte er: »Ich kann nicht.« Zuletzt befahl er doch Champagner.

»Ich muß meine Lokomotive heizen,« knirschte er, die Flasche in den Eiskübel stampfend – »ich habe so wenig Genuß davon, wie die Lokomotive von den Kohlen.«

Er stürzte hastig den Wein hinab und aß mit der traurigsten Miene, als ob er jede Minute weinen müsse.

Er ließ mehr Champagner bringen.

»Sehen Sie,« rief er, zum Fenster hinausschauend, seine Augen waren rot, »da reitet der Kaufmann Kreuter den Fuchswallach des Grafen Klettenheim. Es muß in der vergangenen Nacht scharf gespielt worden sein, da der Graf seinen Fuchswallach hergab, er ist ja sein Stolz, seine Manneswürde, was ist Klettenheim ohne seinen Fuchswallach? Eine Null, Doppel-Zero! Ach, lieber Freund, entschuldigen Sie – ich rede im Fieber, ich bin krank. Aber ich will nicht krank sein! Ich will nichts mehr reden! Reden Sie nur, was Sie wollen.«

Der Intendant wußte nichts vorzubringen; ihm war so bang, als wäre er mit einem Wahnsinnigen in einen Kerker eingesperrt.

»Ich will den Lakaien Baum sprechen!« rief Bruno plötzlich. Der Intendant mußte ein Telegramm nach dem Sommerschloß absenden, daß man den Lakaien Baum zum Flügeladjutanten hereinschicke.

Bruno ließ die Vorhänge herab, ließ Licht bringen, frische Flaschen aufsetzen und gab Befehl, daß niemand vorgelassen werde.

Der Intendant war in Verzweiflung, aber Bruno rief:

»Freund! Alles auf der Welt ist Selbstmord, nur mit dem Unterschied, daß man nachher noch einmal leben kann. Die Stunde, die man tötet, die ist richtig gelebt!«

Der Intendant fürchtete einen Ausbruch des Wahnwitzes, aber Bruno war kein Kavalier, der nur so viel Geist hat, als der eben genossene Champagner hergibt und höchstens noch, um ein galantes Billet zu schreiben und eine witzige Unanständigkeit zu formulieren. Bruno hätte den ausgelacht, der ihm ein System zumuten wollte, und doch behauptete er jetzt, ein solches zu haben, und rief, indem er sich neu einschenkte: »Ja, Freund, es gibt nur zwei Gattungen Menschen auf der Welt.« »Männer und Frauen?« sagte der Intendant – er glaubte in den Ton eingehen zu müssen, um ihn überzuleiten.

»Pah!« fiel Bruno ein. »Wer spricht davon? Höre, Freund, höre, die zwei Gattungen heißen: Genießende und Märtyrer. Wer für die sogenannten Ideen lebt – gut, schön, erhaben! Der ideale Mensch möge sich aber auch hinschlachten, verbrennen lassen, ist seine Schuldigkeit – er lebt für sich kurz und wenig, aber dafür viel und ewig im Andenken der Menschen. Die Rechnung stimmt. Nicht so?«

Der Intendant mußte beistimmen, was sollte er machen?

»Und die zweite Gattung,« fuhr Bruno fort, »das sind wir, die Genießenden. Das beste auf der Welt ist der folgenlose Genuß. Wenn ich geraucht, Musik gemacht oder gehört habe, kann ich alles thun, es stört mich nichts. Alle andern Genüsse haben leider Folgen – Folgen. – Man sollte keine Familie haben! Keine Familie – nur keine Familie – –«

Plötzlich fing Bruno an, laut zu weinen. Der Intendant wußte sich nicht zu helfen. Er schalt sich, daß er Bruno nicht mehr vom Trinken und vom Sprechen zurückgehalten habe. Bruno legte den Kopf zurück und der Intendant hüllte schnell ein Stück Eis vom Tische in ein Tuch und legte es ihm auf.

»Ich danke!« sagte Bruno und schloß die Augen. »Ich danke!«

Bald schlief er.

Der Diener trat ein. Bruno erwachte. Der Intendant öffnete die Vorhänge und die Fenster; es war noch hoher Mittag.

Es kam die Nachricht, daß der Lakai Baum bereits mit Hofrat Sixtus verreist sei.

»So reisen wir allein!« rief Bruno, der wieder alle Fassung gewonnen hatte.

»Wohin?«

»Sehen Sie, das macht der Gram, ich meine, ich habe Ihnen alles schon gesagt: wir müssen nach dem See, um die Spuren der Unglücklichen aufzusuchen. Habe ich Ihnen das in der That noch nicht gesagt?«

»Nein – aber ich stehe zu Ihrer Disposition. Ich werde mir Urlaub erbitten und auch für Sie.«

»Ist nicht nötig. Seine Majestät haben mir ihn bereits anbieten lassen, Seine Majestät sind sehr gnädig, sehr. Du glaubst, daß wir dienen, weil wir dich lieben und dir unterthänig sind? Haha! Wir dienen dir nur, weil wir in Gemeinschaft an deinem Hofe besser genießen können, mannigfaltiger. Du bist unser Gastwirt und du naschest selbst gern hinterm Schanktisch. – Bitte, lieber Freund, was habe ich gesagt? Sie haben nichts gehört – nicht wahr? Es war Wahnwitz, ich werde wahnsinnig! Ich muß hinaus! Reisen wir noch heute ab!«

Der Intendant willfahrte. Nur mußte er noch einige notwendige Anordnungen für seine Abwesenheit treffen; er entfernte sich auf eine Stunde.

Bruno ließ packen und befahl, daß sofort zwei Reitpferde nach dem See vorausgehen.

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