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Auf der Höhe Dritter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Dritter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Dritter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel.

Am selben Morgen, da ihm der erste Enkel geboren worden, kam Graf Eberhard mit frohem Herzen von einem Feldgang zurück. Man begann heute die erste Ernte auf einer weiten muldenförmigen Landstrecke, die ehedem ein Sumpf gewesen war. Mit großer Umsicht hatte Eberhard das wüste Land trocken gelegt und nun war hier eine Frucht ohnegleichen gediehen; schon der Anblick der reifen Saat, die in lichten Wellen wogte, erquickte ihn jetzt mit dem edelsten Genusse, und er dachte hinaus in ferne Zeiten, wo für kommende Geschlechter aus einem von ihm urbar gemachten Stück Land Nahrung sprießt.

Er hatte nicht das Verlangen, einem andern Menschen sein Glück mitzuteilen; er hatte sich seit Jahren gewöhnt, in sich allein zu leben. Er hatte gegen sein Kind die Schwere seines Lebens, den einzigen Vorwurf, den er sich zu machen hatte, bekannt; vor sich selbst aber empfand er eine Ruhe, wie sie nur die Einsamkeit bietet. Im klaren Denken glaubte er alle Leidenschaftlichkeit besiegt zu haben; er folgte stets dem in ihm ruhenden Naturgesetz, und hatte niemand, dem gegenüber er es unterdrücken mußte. Er hatte treulich an seiner Selbstvollendung gearbeitet und war aus der Sphäre der Versuchungen, aber auch aus der der gesellschaftlichen Bethätigung ausgetreten.

Aus der Arbeit in Feld und Wald versetzte er sich stets wieder in den Kreis abgeschiedener, in sich selbst ruhender Geister und fühlte sich eins mit ihnen.

Jetzt kehrte er vom Feld zurück und war bereit in seiner Bibliothek sich mit einem Geiste zu einen, der schon lange dem Atem und der Nahrung entrückt war. Sein Gang war ruhig; es drängte ihn zu nichts hastig, er konnte die Empfindung still in sich fortsetzen oder sie ablenken lassen von einer Seele, die in ganz andrer Sphäre lebte; das Dasein hatte für ihn einen doppelten Boden, und doch war kein gewaltsamer Schritt oder Sprung von dem einen zum andern.

Ein kleines Buch, das die Aufschrift »Selbsterlösung« trug, sollte von dieser Stunde ein Denkzeichen erhalten; die Worte sprachen sich ihm schon in der Seele.

Er kam ins Herrenhaus und sah staunend, daß in dem großen langen Hausflur, wo die Reihe der Erntekränze hing, mehrere Männer seiner harrten und ihn begrüßten. Der Bürgermeister des Dorfes, der bisher Landtagsabgeordneter des Bezirkes gewesen, und viele angesehene Männer aus der Umgegend waren versammelt. Der Bürgermeister erklärte im Namen aller, daß sie bei den angeordneten Neuwahlen den Finsterlingen das Feld räumen müßten, wenn sie nicht einen Kandidaten aufstellen könnten, der, mit dem größten Ansehen ausgestattet, des Sieges gewiß sei; Oberst Bronnen, den Graf Eberhard zum Abgeordneten vorgeschlagen, habe die Kandidatur abgelehnt, und nun sei Graf Eberhard selbst nur noch im stande, die Feinde zu besiegen. Die Wähler wiederholten, daß sie wohl wüßten, welch ein Opfer es sei, wenn er sich noch einmal in den Kampf begebe, darum hätten sie auch gezögert bis heute, wo die Wahl in der Gerichtsstadt anberaumt sei; sie bäten darum dringend, daß Graf Eberhard sich in letzter Stunde dem Volke nicht entziehe.

»Ja,« setzte der Bürgermeister hinzu, »Sie haben einen Sumpf ausgetrocknet und die faulen Wasser abgeleitet, jetzt müssen Sie auch da helfen.«

Zur freudigen Ueberraschung aller erklärte Eberhard sich ohne weitere Einrede bereit. Ihm war es eine That der Frömmigkeit, nach gelungenem Werk auf der einen Seite sich auch dem höheren nicht zu entziehen; der Feind ist der alte; er soll auch die alten Kämpfer finden.

Die Freunde fuhren davon; Eberhard gab noch Anordnungen im Hause, und bald ritt er den Vorausgegangenen nach; er ritt ein großes starkes Pferd, wie dessen der große starke Mann bedurfte; er holte die Freunde noch vor dem Ziel ein, und mit ansehnlichem Gefolge zog er in die Gerichtsstadt.

Er trat in die Wahlversammlung. Der Saal war bereits fast ganz voll. Man staunte, den Grafen zu sehen; aber die Blicke, die sich ihm zuwendeten, glitten bald wieder ab und es gab viel flüsternde Zwiegespräche. Eberhard schritt durch die Menge nach der Rednerbühne; nur wenige standen auf, nur wenige grüßten ihn. Was ist das? Sonst, wenn er erschien, bildeten sich im Gedränge sofort zwei Reihen, die ihm Platz machten, heute mußte er sich hindurchkämpfen. Es wollte ihn fast verdrießen. Schnell faßte er sich wieder und – »das ist das echte Ergebnis des freien Geistes: Niemand soll eine gewohnte Huldigung empfangen, sondern sie immer neu erwerben; du bist doch innerlich noch Aristokrat, du hast den Ahnenstolz auf deine eigene Vergangenheit.« – So sagte er sich und schaute lächelnd um, des Sieges über sich selbst froh.

Der Kandidat der Schwarzen, wie das Volk kurzweg die feindliche Partei nannte, betrat zuerst die Rednerbühne; er sprach mit großer Gewandtheit, aber ohne besondere Erregung; man merkte seinem Vortrag an, daß er sorgfältig einstudiert war: dennoch wurde er an einigen kunstreich zugespitzten Punkten mit rauschendem Beifall belohnt.

Der bisherige Abgeordnete des Bezirks trat auf und erklärte, daß er auf Wiederwahl verzichte und dafür den bewährtesten Kämpfer für Freiheit und Volksrechte vorschlage, den Grafen Eberhard von Wildenort.

Die Versammlung schien überrascht; nur wenige Hände regten sich zum Beifall, nur einzelne Bravos erschollen. Ueber diesen geringen Anklang verblüfft, schaute Graf Eberhard verwundert um sich. Der Bürgermeister flüsterte ihm zu, daß dies ein sicheres Zeichen des Sieges sei, der Feind sei verwirrt. Eberhard nickte; eine seltsame Befangenheit regte sich in ihm; er kämpfte sie nieder und bestieg die Rednerbühne. Bei jeder Stufe, die er hinanschritt, erhob sich sein Mut und die Ueberzeugungsmacht, daß man sich dem Aufgebot des neuen Gedankens ohne Rücksicht auf Selbstehre stellen müsse. Er begann seinen Vortrag mit einer kurzen Schilderung seines vergangenen Lebens und Kämpfens, indem er lächelnd hinzufügte, denen, die gleich ihm bereits graue Haare hätten, brauche er nicht zu sagen, was er wolle; er freue sich aber, daß viele jüngere Kräfte da seien.

Man hörte ihm mit mäßiger Ruhe zu; in den Gruppen der Gegner bildeten sich Gespräche, die aber zum Schweigen gebracht wurden, Eberhard sprach weiter. Plötzlich erscholl ein Lachen aus der Versammlung, man hörte das Wort »wilder Schwiegervater«. Eberhard wußte nicht, was das bedeuten sollte; er fuhr in seiner Darlegung fort. Immer lautere Zwiegespräche bildeten sich, und dazwischen Scherzen und Lachen, man hörte Eberhard kaum mehr; kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Der Bürgermeister sprang neben ihn auf die Rednerbühne und rief: »Wer einen Mann, wie Graf Wildenort, nicht ruhig anhört, ist nicht wert eine Stimme abzugeben.«

Lautlose Stille trat ein. Eberhard schloß mit den Worten: »Ich bin stolz genug, euch zu sagen: Ich bitte nicht, daß ihr mir eure Stimme gebt, ich erkläre nur, daß ich die Wahl annehme.«

Er verließ die Versammlung, indem er die Freunde bat, zurückzubleiben. Er ritt heimwärts, in den Gedanken versunken, daß er den Gegensatz der Welt mehr von sich entfernt als besiegt hatte.

Als er im Thale auf seinem heimatlichen Grunde angekommen war, stieg er ab und gab einigen Feldarbeitern Anordnungen. Als er wieder auf die Straße zurückkehrte, begegnete ihm der Briefträger, der ihm mehrere Briefe übergab. Eberhard öffnete den ersten und las:

»Deine Tochter ist in Unehre verfallen und steht in hohen Ehren als Geliebte des Königs, ihr verdankt das Land die Wiedereinsetzung des kirchlichen Ministeriums. Zweifelst Du, so frage den ersten besten auf der Straße in der Residenz. Unglücklicher Vater einer glücklichen Tochter!«

Unterzeichnet war: »Die öffentliche Stimme.«

Eberhard zerriß das Blatt und gab die Fetzen dem Winde preis, der sie weithin trug über die Felder.

»Namenlose Zuschriften sind das niedrigste, sie stehen noch unter dem feigen Meuchelmord – und doch« – – es war, als ob der Wind, der die Fetzen davontrug, ein Wort zum Ohr Eberhards zurückbringe, das Wort, das er heute in der Versammlung gehört. Hieß es nicht »wilder Schwiegervater«?

Eberhard griff sich an den Kopf – wie ein glühender Pfeil fuhr ihm das durchs Hirn. Er öffnete den zweiten Brief und las:

»Du willst nicht glauben, wie es um Deine Tochter steht. Frage den einen, der einst Dein Freund war, frage den Leibarzt auf Ehre und Gewissen; er wird Dir die Wahrheit bekennen. Rette, was noch zu retten ist. Dann wird der Schreiber dieser Worte sich nennen.

               Deinen in Hochachtung ergebenen **.«

Diesen Brief zerriß Eberhard nicht. Das Blatt zitterte in seiner Hand. Es legte sich plötzlich wie ein Nebel vor seine Augen, immer wieder ein neuer Schleier auf den andern; er wischte mit der Hand über die Augen, es wich nicht; er wollte den Brief nochmals lesen, er erkannte keine Buchstaben. Er ballte das Papier zusammen und steckte es in die Brusttasche; es brannte ihm auf dem Herzen; er setzte sich am Wegrain nieder, in ihm wirbelte es. Was sollte er unternehmen? – Sie werden lächeln am Hofe, wenn ich komme, sie zu holen. Man wird sehr gnädig sein. Nur keine Scene! Nur kein Aufsehen! so wird's heißen; nur alles hübsch still abgemacht, nur nichts Aufregendes, nur immer höflich sich verbeugen, wenn auch alles in Empörung sich aufbäumt! Immer lächeln, wenn auch das Herz zerspringt! Wir leben in einer civilisierten Welt und das nennt man Bildung, feine Sitte. O, ihr habt's gut, euch ist alles Spiel, ihr könnt immer höflich sein, immer kühl und reserviert! Pfui! daß ich dahin kam, an dieser erbärmlichen Winkelwelt meine letzte Kraft zu verbrauchen! Pfui! Aber ich hab's verschuldet. Ich habe im Wirrwarr meines Lebens mich retten wollen, und habe meine Kinder verloren. Welch ein Teufel von Sophist steckt in jedem! Ich redete mir ein, daß die Freiheit, in der meine Kinder aufwachsen, das beste, das natürlichste sei, und es war eitel Beschönigung meiner Lahmheit. Weil ich nicht die unablässige Thätigkeit haben wollte, sie zu bewachen, ließ ich sie verkommen, redete mir ein, daß ihre gesunde Natur sich selbst entwickeln könne. Da stehe ich nun und soll mein Kind holen ...

Tief erschreckt, so daß er fast rücklings stürzte, ward Eberhard, als das neben dem Baum angebundene Pferd plötzlich laut wieherte. Ein Knecht, der mit zwei Ackerpferden vom Felde heimkehrte, hielt an und fragte:

»Gnädiger Herr, was ist Ihnen?«

Der Knecht band das Pferd los, Eberhard stand rasch auf und ging, ohne ein Wort zu reden, den Berg hinan zum Herrenhause. Es umgab ihn etwas, wie unfaßbare, elektrische Wolken, die ihn rückwärts zogen; er schritt gewaltsam hindurch, immer vorwärts. Er kam nach dem Herrenhause. Am Thore faßte er die Pfosten. Es schwindelte ihm, doch er gewann Haltung. Er ging durch die Ställe und Scheunen, sah die Knechte Futter aufschütten und schaute ihnen lange zu. Dann ging er durch das ganze Haus und betrachtete alles wie fragend; in der großen Erkerstube stand er lange vor dem Bilde Irmas. Sie war sieben Jahre alt, als das Bild gemalt ward; ein schönes, großäugiges Kind in der ganzen natürlich unbeholfenen und dabei doch so anmutigen Haltung; der Maler hatte dem Kind einen Blumenstrauß in die Hand geben wollen, das Kind aber hatte gesagt: »Ich will keine toten Blumen, ich will einen Topf, darin eine Blume lebt.« Ach, sie hatte so süße Worte und Gedanken. Und so steht sie da im Dufte kindlicher Anmut und hat einen Topf mit blühendem Rosenstock in der Hand – rosig ihre Wangen, rosig die Blumen in ihrer Hand. »Eine Rose geknickt, ehe der Sturm sie entblättert« – jenes letzte Wort der Emilia Galotti fuhr ihm durch den Sinn. Er stöhnte laut auf: »Nein, so stark bin ich nicht!«

Er klingelte. Als der Diener eintrat, wußte er nicht mehr, was er gewollt; er besann sich; wie aus dem Chaos heraus mußte er das wählen, was doch so einfach war; er befahl, daß man anspanne.

»Den Reisewagen!« rief er noch dem Diener nach.

Als er an der Bibliothek vorüberkam, hielt er eine Weile an und betrachtete die Thür. Da drin sind so viele starke und große Geister – warum kommen sie jetzt nicht zu helfen? Es gibt keine andre Hilfe, als aus uns selbst.

Er ging die Treppe hinab und hielt sich oft am Geländer. Wie im Zorn gegen die ihn übermannende Schwäche richtete er sich straff auf. Im Hofe befahl er, seine Worte waren auffallend undeutlich, daß der Wagen nach dem Thale vorausfahre, er wollte dort einsteigen. Auf der halben Höhe des Berges setzte er sich plötzlich auf einen Steinhaufen und schaute hinaus in die Welt.

Was mochte vor seinem Auge, in seiner Seele vorgehen? Er schaute nach dem Baume um, den er hier gepflanzt, an der Stelle, wo ihm der Bote die Nachricht von der Geburt Irmas verkündigte. Da ist die Erde, die das Kind zuerst betreten, die Bäume, die es zuerst gesehen, der Himmel, die Wälder, die Berge, der See, da blühen die Blumen, fliegen und hüpfen die Vögel, weiden die Kühe – alles, alles ist gespenstisch, nichts grüßt dich mehr rein, du darfst keinem Geschöpf, keinem Baum, keiner Blume mehr nahen, denn du bist verworfen vor ihnen, sie sind rein und du – du bist ... Die Welt ist ein Paradies und du bist daraus verjagt und irrst umher unstät und flüchtig; du kannst dich betäuben, kannst lächeln, scherzen und heucheln – aber die Sonne heuchelt nicht, die Erde heuchelt nicht und tief innen dein Gewissen heuchelt nicht. Du hast die Welt getötet, dich getötet und lebst – tot in einer toten Welt. Wie ist es nur möglich? Es ist nicht! Ich bin wahnsinnig! Ich will dich nicht strafen, nicht züchtigen, du sollst nur wissen, wer du bist. Deine Erkenntnis sei deine Strafe und deine Heilung. Ich zerreiße all die beschönigenden Worte; wissen, sehen, erkennen sollst du –

Der Straßenknecht kam zum Grafen heran und fragte, ob ihm nicht wohl sei, da er sich auf den Steinhaufen setze.

»Nicht wohl?« stöhnte Eberhard. »Nicht wohl? Mir wäre wohl, wenn ich du ...«

Er stand auf und ging weiter.

Eine klagende Mutter kann weinen. Ein Vater nicht.

Der Kopf sank ihm tief auf die Brust. Er sah blühende Rosen, sie sollten ihr Haupt schmücken, er sah die Dornen, sie sollten ihre Stirn blutig reißen; Zorn und Schmerz wirrten sich in seiner Seele durcheinander; der Zorn raste, der Schmerz weinte, der Zorn wollte ihn hoch hinauftragen und ihn mit Riesenkraft ausstatten, daß er die ganze Welt zerschmettere, der Schmerz wollte ihn selbst im Innersten zermalmen.

Da richtete er sich plötzlich auf und wie vom Sturme gejagt sprang er den Weg hinab, über den Graben, über die Wiese, hin zu dem Apfelbaum.

»Das ist der Baum ... Du stehst mit roten Früchten geschmückt, du ... und sie? ... Wehe! Das Leben ist eine Unbarmherzigkeit!«

Ein tiefer, kläglicher Schrei entwand sich seiner Brust. Der Straßenknecht oben hörte ihn, der Kutscher unten am Wagen hörte ihn. Sie liefen herbei. Sie fanden Eberhard mit dem Gesicht am Boden liegend. Schaum stand vor seinem Munde. Er konnte nicht mehr sprechen. Man trug ihn hinauf ins Schloß.

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