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Auf der Höhe Dritter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Dritter Band - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Dritter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080417
projectid606697b3
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Viertes Kapitel.

Die Königin hatte mehrere Zeitungen vor sich. Sie schob sie mit den Worten weg:

»Entsetzlich, was sich die Presse erlaubt! Da steht in dem sonst anständigen Blatt, der Graf von Wildenort sei an einer tiefen Herzkränkung unter dem Beistand seiner unverheirateten Tochter gestorben. Ist das erlaubt? Ist das erhört? – Ach, lieber Hofrat, rief sie ihrem Kabinettssekretär zu, »auf meinem Pult oben liegt ein gesiegelter Brief an die Gräfin Irma. Schicken Sie doch sofort einen Boten damit an sie ab. Wenn sie nur nichts von diesem schamlosen Zeitungswesen erfährt. Ich hoffe.«

Die Hofdamen stickten emsiger und schauten nicht auf.

Die Oberhofmeisterin wurde abgerufen: nach geraumer Zeit kam sie mit dem Leibarzt zurück.

»Ach, willkommen!« rief die Königin.

Die Oberhofmeisterin gab den Damen einen Wink; sie entfernten sich.

»Schön, daß Sie noch zu rechter Zeit kommen,« fuhr die Königin fort, »es geht soeben ein Brief von mir an Gräfin Irma; Sie sollten ihr auch noch ein paar gute Worte schreiben.«

Der Leibarzt richtete sich gewaltsam auf und erwiderte:

»Majestät, Gräfin Irma wird Ihren Trostbrief nicht lesen können.«

»Warum nicht?«

»Die Gräfin ist ... schwer krank.«

»Schwer krank? Sie sagen das so – Doch nicht gefährlich?«

»Leider.«

»Doktor! Ihre Stimme ... Was ist denn? Die Gräfin ist doch nicht ...«

»Tot« – sagte der Leibarzt und bedeckte sich das Antlitz.

Eine Weile war's in dem großen Saal so still, als ob kein Mensch darin atme, bis die Königin ausrief:

»Tot? Durch den Schmerz über den Tod des Vaters?«

Der Leibarzt nickte.

Zur Seite der Königin stand der Blumentisch, den Irma gemalt. Die Königin schaute lange darauf und alles um sich her vergessend, rief sie in herzerschütterndem Ton, immer den Blick auf den Tisch gewendet, darauf ihre Thränen niederströmten:

»O, wie schön war sie, wie süß ihr Atem, wie strahlend ihr Auge, ihr Blick so gedankenerlösend, so klangvoll ihr Wort, voll Lerchenjubel ihr Gesang und ihre Hand so weich – und all diese Schöne, all diese Güte und Liebe nun dahin? Ich möchte sie sehen, wie sie tot ist! Ja, schön muß sie sein, ein Abbild des Friedens. Und gestorben in Kummer um den Vater, sagt Ihr? Am Herzschlag – sagt Ihr? Ein einzig mächtig' Gefühl, ein großes, gewaltiges, zerbrach das glühend schöne Herz. O, meine Schwester – ich liebte dich wie eine Schwester – verzeih mir, daß je ein Schatten ... Nein, du weißt ... O, meine Schwester! Hier die Blumen auf dem Tisch, von deiner Hand gebannt – und du bist verwelkt, verblüht und verwesest ... Und du warst schön, schöner als alle Blumen. Ich sehe den Blick deines Auges auf jeden Pinselstrich gerichtet. Ewige Blumen wolltest du mir geben und dein Andenken ist eine ewige Blume in meiner Seele.«

Ihre Thränen fielen auf den marmornen Blumentisch. Ihr Hündchen kam zu ihr heran und sie sagte:

»Auch dich hat sie mit Blumen umkränzt, damals, an meinem Geburtstage. Alles wollte sie schmücken, alles verschönte sie, darauf ihr Auge ruhte. Und du hattest sie auch lieb, armer Zephyr. Mensch und Tier hatten sie lieb! Und nun tot –«

Sie weinte lange still. Die Thränen flossen unaufhaltsam von ihrem Antlitz.

»Darf ich Trauer tragen um meine Freundin?« fragte sie aufschauend die Oberhofmeisterin.

»Majestät, es ist nicht thunlich, daß die Königin allein in Trauer geht.«

»Gewiß, wir sind nicht allein, nie, nirgends. Alles trauert mit uns – Trauerlivree.«

Ihr Ton war bitter. Sie reichte der Oberhofmeisterin die Hand, wie um Entschuldigung bittend, dann fragte sie:

»Wann wird sie begraben? Wo? Ich möchte den schönsten Kranz auf ihr Grab legen. Ich will selbst zu ihr und auf ihr blasses Antlitz weinen. Ein so schönes Leben und so plötzlich dahin! Ist's denn möglich! Ich muß zu ihr!«

Sie starrte vor sich hin und fragte:

»Ist der König zur Jagd?«

»Ja, Majestät.«

»Auch er wird weinen, auch er war ihr hold, wie einer Schwester, ich weiß es.«

Die Königin hat viel Haltung, viel Reserve – sprach aus dem Blicke, den die Oberhofmeisterin dem Leibarzt zuwarf – ich hätte ihr nicht zugetraut, daß sie mit so viel Naturwahrheit uns wollte glauben machen, sie wisse und ahne nichts ...

»Ich reise zu ihr!« fuhr plötzlich die Königin auf. »Ich lasse mir's nicht nehmen, ich will sehen, ob ich das nicht darf! Ich reise zu ihr, ich stehe an ihrem Sarge, an ihrem Grabe!«

Die Oberhofmeisterin sah starr auf die Königin.

Der Leibarzt trat näher und sagte:

»Majestät, Sie können die Gräfin nicht sehen. Der Schmerz um den Tod ihres Vaters hat sinnverwirrend auf sie gewirkt –«

»Also nicht tot?«

»Es ist kein Zweifel, daß die Gräfin sich im See ertränkt.«

Die Königin schaute entsetzt auf den Leibarzt, sie wollte sprechen und konnte nicht. Der Leibarzt fuhr fort:

»Sie ist nicht ohne Abschied von uns gegangen. Sie hat einen Brief an Eure Majestät hinterlassen, den ich übergeben soll. Gewiß bringt der Brief eine Versöhnung für die schreckenvolle Kunde. Noch in letzter Stunde bewährte sie ihren liebevollen Sinn –«

Die Königin sah starrend auf Gunther, sie wollte aufstehen und konnte nicht, sie winkte sprachlos mehrmals mit der Hand heftig nach dem Brief, Gunther überreichte ihn.

Die Königin las und wurde leichenfahl, eine Erstarrung breitete sich über ihr Antlitz, wie gelähmt ließ sie die Hände sinken, die Augen schlossen sich und ein Zug des bittern Sterbens zog um ihren Mund. Aus der Erstarrung fing sie an wie im Frost zu zittern und endlich stieg glühende Röte in ihr Gesicht. Sie fuhr auf und rief:

»Nein! Nein! Und das hättest du gethan? Das hättest du gethan, Irma? Du ...«

Sie sank in den Stuhl zurück, bedeckte mit beiden Händen das Gesicht und rief:

»Und sie hat mein Kind geküßt und er hat sein Kind geküßt! O, sie küssen das Reinste und wissen doch, wie unrein ihre Lippen. Sie sprechen das Erhabenste, und die Worte zerschneiden ihnen nicht die Zunge wie scharfe Messer! O, wie ekelhaft! Wie ekelhaft! Wie beschmutzt ist alles! Wie bin ich mir selbst so ekelhaft! Und er wagte es damals, mir zu sagen: ein Fürst thut keine Privathandlung, sein Thun und Lassen ist beispielgebend? Pfui! Alles ist beschmutzt, alles ist ekelhaft! Alles!«

Sie schaute verwirrt um. So schön sie war im Schmerz um die Schwester, die gestorben, so grauenhaft war sie jetzt in der Raserei um die Selbstmörderin.

Sie betrachtete starren Auges alles, was einst auch Irma gesehen, und als ihr Blick wieder auf den Blumentisch fiel, wendete sie sich zuckend ab, wie wenn Schlangen aus den Blumen hervorgesprungen wären, und wieder schrie sie auf:

»O, wie ekelhaft! O, wie beschmutzt! Alles ist ekelhaft! Ich bitte, laßt mich allein! Darf ich nicht allein sein?«

»Lassen Sie mich bei Ihnen bleiben, Majestät,« sagte der Leibarzt, und faßte ihre Hand, die schlaff herabhing, wie die einer Toten.

Die Oberhofmeisterin zog sich zurück.

Lange sprach die Königin kein Wort. Sie sah starr vor sich hin, atmete nur schwer und zuckte zusammen. Plötzlich ward sie von Fieberfrost geschüttelt, bewußtlos sank sie zurück.

Der Leibarzt träufelte ihr eine Essenz auf Stirn und Pulse, dann rief er die Kammerfrau, geleitete gemeinschaftlich mit ihr die Königin in ihre Gemächer und befahl, sie zu Bett zu bringen.

»Ich werde den Tag nicht mehr schauen und keines Menschen Antlitz! Und er – und er,« rief sie. Dann steckte sie ihr Spitzentuch in den Mund und zerbiß es.

So lag sie geraume Weile, und der Arzt saß still an ihrem Bett.

Endlich atmete sie tief, schlug die Augen auf und sagte:

»Ich danke Ihnen, aber ich will schlafen!«

»Ja, schlafen Sie,« sagte der Leibarzt. Er wollte gehen. Die Königin rief:

»Nur noch ein Wort! Weiß der König ...?«

»Ja, Majestät!«

»Und er fuhr zur Jagd?«

»Er ist König, Majestät.«

»Ich weiß, ich weiß – nur kein Aufsehen! Ja, ja!«

»Ich bitte, Majestät, denken Sie jetzt nicht, grübeln Sie jetzt über nichts, suchen Sie zu schlafen.«

»Man kann sich den ewigen Schlaf geben, aber nicht den zeitlichen,« fuhr die Königin auf.

»Bitte, Majestät, bitte dringend, nicht diese gewaltsame Aufregung! Schlafen Sie!«

»Ich will, ich will! Gute Nacht. Geben Sie mir einen Schlaftrunk, einen Tropfen Vergessenheit. Gift wäre besser. Gute Nacht.«

Der Leibarzt zog sich zurück, gab aber der Kammerfrau Leoni einen Wink, daß er im Nebenzimmer verharre.

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