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Auf der Höhe Dritter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Dritter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Dritter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel.

Als man gegen das Haus kam, wieherte das weiße Füllen den Ankommenden entgegen.

»Das ist ein guter Angang!« rief Hansei.

Die Mutter setzte das Kind auf den Boden, nahm ihr Gesangbuch aus der Kiste, und das Gesangbuch mit beiden Händen fest auf die Brust gedrückt, so ging sie hinein in das Haus, den andern voran. Hansei stand an der Stallthür, nahm sein Stück Kreide aus der Tasche und schrieb C.M.B. und die Jahreszahl auf die Stallthür: dann ging er auch in das Haus, seine Frau mit dem Kind und Irma folgten ihm.

Die Großmutter klopfte dreimal an die Stubenthür, dann trat sie ein und drinnen legte sie das Gesangbuch offen, daß die Sonne darin lesen kann, auf das Fenstersims. Es war kein Tisch, kein Stuhl da.

Hansei reichte in der Stube seiner Frau die Hand und sagte:

»Grüß Gott, Bäuerin!«

Von diesem Augenblicke an hieß Walpurga »Bäuerin« und nie mehr anders.

Nun wurde Irma ihr Stübchen gezeigt. Es hatte die Aussicht über Wiese und Bach und den nahen Wald. Irma schaute sich um im Zimmer. Da war nichts als ein grüner Kachelofen, die Wände kahl, und sie hatte nichts bei sich. Im Vaterhaus und im Schloß waren Stühle und Tische, Pferde und Wagen – und hier?

Dem Toten folgt nichts nach.

Irma kniete im Fenster und schaute hinaus über Wiese und Wald, wo jetzt die Sonne unterging.

Wie war's gestern – war's erst gestern? – als du die Sonne untergehen sahst?

Nichts Festes stand vor ihrer Seele. Wirr schwamm alles durcheinander. Sie hielt die Hand an die Stirn, die das weiße Tuch umschloß. Ein Vogel schaute zu ihr auf von der Wiese, und als ihr Blick ihn traf, flog er auf, waldeinwärts.

Der Vogel hat sein Nest, sprach es in ihr, und du?

Sie richtete sich plötzlich stramm auf. Hansei kam in den Grasgarten vor Irmas Fenster, nahm den Kirschbaumsetzling vom Hut und pflanzte ihn in den Boden.

Die Großmutter stand dabei und sagte:

»Ich wünsche, du mögest mit gesunden Gliedern auf den Baum steigen und Kirschen brechen, und deine Kinder und Enkel auch.«

Es gab viel zu thun und zu ordnen im Haus und es kommt leicht in solcher Unruhe, daß die liebsten zusammengehörigen Menschen einander im Weg sind wie die Schränke und Tische, die noch nicht am gehörigen Platze stehen; der beste Beweis von der Friedfertigkeit dieser Menschen hier war, daß jedes dem andern mit Freude und Willigkeit, ja mit Scherz und Gesang in die Hände arbeitete.

Walpurga brachte das beste von ihrem Hausrat ins Zimmer Irmas. Hansei redete kein Wort drein.

»Ist dir's nicht zu einsam hier?« fragte Walpurga, als sie alles, soweit es die Eile zuließ, hergerichtet hatte.

»Gar nicht. Es kann mir nirgends auf der Welt einsam genug sein. Du hast jetzt viel zu thun, kümmere dich nicht um mich, ich muß mich auch jetzt erst in mir einrichten. Ich sehe, wie gut du und die Deinigen. Das Schicksal hat mich gut geführt.«

»O, sag doch nicht so was! Wenn du mir nicht das Gold gegeben hättest, hatten wir den Hof nicht kaufen können. Du bist eigentlich auf deinem Eigenen.«

»Sprich nicht mehr davon!« fuhr Irma auf. »Nie mehr! Ich will nichts hören von jenem Gold.«

Walpurga versprach's und sagte nur noch, daß Irma keine Furcht haben solle, wenn der Alte, der über ihr wohne, manchmal mit sich allein laut spräche und Lärm mache; es sei ein alter blinder Mann, dem die Kinder arg mitgespielt, aber er sei nicht bösartig und thue niemand was zuleide. Walpurga wollte wenigstens die erste Nacht Gundel bei Irma lassen, aber diese wünschte allein zu sein.

»Und du bleibst bei uns,« sagte Walpurga zaghaft, »und nicht wahr, du kriegst so einen bösen Gedanken nie mehr?«

»Nein! Nie mehr! Aber sprich nicht. Mir thut die Stimme weh, auch die deinige. Gute Nacht! Laß mich allein.«

Irma saß am Fenster und starrte hinein in die dunkle Nacht.

Ist das erst ein einziger Tag, seitdem sie so Ungeheures erlebt? Plötzlich sprang sie schaudernd auf, sie sah aus der Nacht empor das Haupt der schwarzen Esther tauchen, sie hörte ihren letzten Schrei, sah das verzerrte Gesicht und die wilden schwarzen Strähnen ... das Haar auf ihrem eigenen Haupte sträubte sich empor ... sie dachte sich hin in den tiefen Grund des Sees, wo sie jetzt tot läge ...

Sie öffnete das Fenster, eine würzig milde Luft drang zu ihr ein, sie atmete Frische. Sie saß lange am offenen Fenster, da hörte sie plötzlich über sich lachen.

»Oho! Ich thu' euch den Gefallen nicht! Ich sterbe nicht! Ich sterbe nicht! Etsch! Etsch! Hundert Jahre will ich leben, und dann laß ich mir noch einmal Urlaub geben.«

Es war der alte Auszügler, der über ihr sprach. Nach einer Weile fuhr er fort:

»Ich bin nicht so dumm, ich weiß, daß jetzt Nacht ist. Und der neue Bauer und die Bäuerin, die sollen mir zappeln! Ich bin der Jochem, Jochem heiß ich, und was die Leut verdreißt, das thu' ich mit Fleiß. Hahaha! Sie müssen mir eine Entschädigung dafür geben, daß ich kein Licht brauche. Davon laß ich nicht und wenn ich bis zum König gehen muß.«

Irma durchzuckte es, als der König über ihr angerufen wurde.

»Ja, ich geh' zum König, zum König, zum König!« rief der Alte oben, als wüßte er, daß dies Wort Irma wie eine Flamme ins Antlitz schlug.

Das Fenster über ihr wurde zugeschlagen, ein Stuhl wurde gerückt, der Alte legte sich zu Bette.

Irma sah noch immer hinein in die dunkle Nacht. Kein Stein stand am Himmel, nirgends ein Licht und man hörte nichts, als das Rauschen des Baches und das Rauschen des Waldes. Die schwarze Nacht war wie ein tiefer Abgrund.

»Bist du noch wach?« fragte eine linde Stimme draußen. Die Großmutter war herbeigekommen.

»Ich hab' da auf dem Hof als Magd gedient,« sagte sie, »jetzt vor vierzig Jahren, und da soll ich nun die Mutter von der Bäuerin sein und fast gar die erste auf dem Hof. Aber du liegst mir immer im Sinn. Ich muß mir immer ausdenken, wie es dir im Herzen ist. Jetzt will ich dir was sagen: Komm noch einmal heraus, ich führ' dich wohin, wo dir's gut thut. Komm!«

Irma ging mit der Alten in der dunklen Nacht. Das war eine andre Führerin als gestern.

Die Alte führte sie an den Röhrbrunnen; sie hatte ein Gefäß mitgebracht und gab's ihr.

»Komm, trink. Gutes kaltes Wasser ist das beste. Wasser ist ein Tröster für den Körper, macht kühl und ruhig, da badet man sich inwendig. Ich weiß auch, wie's ist, wenn man Kummer hat; da brennen die Eingeweide, wie wenn Feuer darin wäre.«

Irma trank vom Gebirgswasser. Es war wie lindernder Tau, der sich durch ihr ganzes Wesen ergoß.

Die Mutter geleitete sie wieder in ihr Zimmer und sagte:

»Du hast noch das Hemd an, das du im Schloß getragen. Du wirst sehen, du wirst die Gedanken an dort nicht eher los, als bis du das Hemd verbrannt hast.«

Die Alte that es nicht anders, und Irma war folgsam wie ein kleines Kind; sie mußte ein grobes Hemd anziehen, das die Mutter schnell herbeigeholt, und jetzt brachte sie Licht und Holz herbei und verbrannte das Hemd am offenen Feuer. Irma mußte sich die langen Nägel abschneiden und sie ins Feuer werfen. Dann entfernte sich Beate wieder schnell und kam zurück mit dem Reitkleide Irmas.

»Du mußt einmal einen Schuß bekommen haben, da sind ja Kugeln drin,« sagte sie, das lange blaue Gewand ausbreitend.

Ein Lächeln zog über das Antlitz Irmas; sie fühlte die am Langteil des Reitrocks eingenähten Bleikugeln, vermittelst deren das langflatternde Gewand besser in Falten lag.

Beate hatte aber noch etwas Gutes gebracht; es war ein Rehfell.

»Das schickt dir mein Hansei,« sagte sie. »Er meint, du seist vielleicht gewöhnt, deine Füße weich zu stellen. Er hat das Reh selber geschossen.«

Irma erkannte die Gutherzigkeit des Mannes, der ihr, einer Unbekannten und Rätselhaften, solche Liebe erwies.

Die Großmutter saß am Bette Irmas, bis sie einschlief; dann hauchte sie die Schlafende dreimal an und verließ die Stube.

Tief in der Nacht erwachte Irma.

»Zum König! Zum König! Zum König!« hatte es dreimal laut gerufen. Hatte sie selbst gerufen oder der Mann über ihr? Irma griff sich an die Stirn, sie faßte die Binde. Ist das Seegras, das sich um sie gelegt? Liegt sie lebendig tief im Wasser? Erst allmählich wurde ihr deutlich, was alles geschehen.

Zum erstenmal seit den grausenhaften Erlebnissen weinte sie, still und einsam in der Nacht.

Es war Abend, als Irma erwachte. Sie fühlte nach ihrer Stirne, ein nasses Tuch war um dieselbe geschlungen. Fast eine ganze Nacht und einen ganzen Tag hatte Irma geschlafen. Die Großmutter saß vor ihrem Bett.

»Du hast eine starke Natur,« sagte die Alte, »die hat dir geholfen. Jetzt ist's vorbei.«

Irma stand auf; sie fühlte sich stark. Von der Großmutter geleitet, ging sie nach dem Wohnhause.

»Gottlob, daß du wieder wohl bist,« sagte Walpurga, die mit ihrem Manne hier stand, und auch Hansei sagte: »Ja, das ist brav.«

Irma dankte und schaute auf nach dem Giebel des Hauses. Was sprach da zu ihr?

»Nicht wahr –« sagte Hansei, »dem Haus ist ein gutes Wort auf die Stirne geschrieben?«

Irma zuckte. Sie las auf dem Giebel des Hauses die Inschrift:

Trink und iß,
Gott nicht vergiß,
Bewahr dein Ehr',
Dir wird nit mehr
Von all deiner Hab'
Denn ein Tuch ins Grab.

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