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Auf der Höhe Dritter Band

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Dritter Band - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Dritter Band
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080417
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Elftes Kapitel.

Draußen im Hausflur, der zugleich Küche war, stand Thomas bei seiner Mutter; er reinigte sich das geschwärzte Gesicht, that den falschen Bart ab und sagte nun:

»Mutter, wisset Ihr, was mir leid thut?«

»Was denn?«

»Daß ich nicht vor drei Tagen den jungen Grafen erschossen hab'. So geschickt kommt mir der nicht wieder. Ich hab' ihn schußgerecht aufs Genick gehabt und er wär' zusammengebrochen und hätt' nicht mehr gemuckst: ich hätt' ihm die Kugel durch den Leib geschossen, daß die Sonne durchscheint.«

»Du bist mir ein schöner Kerl mit deiner Reue!«

»Ja, und ich hätt' was Gutes gethan, wenn ich den Kerl erschossen hätte. Denket nur, Mutter, so sind die vornehmen Leute, so sind die, denen der Wald gehört und das Wild drin. Denket nur, Mutter, ich bin doch ein braver Kerl.«

»Wie so?«

»Denket nur, Mutter, wisset Ihr, warum der Graf im Wald gewesen ist? Er hat nicht dabei sein wollen, wie sein Vater stirbt, drum reitet er fort und läßt den Alten allein verenden. Ich versprech' Euch, wenn Ihr sterben wollet und ich bin da, so bleib' ich bei Euch. Ich hätt' mir den Himmel verdient, wenn ich den Burschen weggeputzt hätte. Wenn ich's damals schon gewußt hätte, ich hätt's gethan; ich hab's thun wollen, aus Spaß. Meine Freud ist nur, wie der Bursch gezittert haben muß; so vor mir herreiten müssen, und ich hab' die Kugel hinter ihm im Lauf und kann ihn jede Minute – o, du Wildenort!«

Bei der Nennung ihres Familiennamens sank Irma wie von einem Schuß getroffen zusammen. Sie richtete sich rasch wieder auf und hörte mit angehaltenem Atem, wie Thomas draußen fortfuhr: »Seitdem bin ich wie verhext, es kommt mir nichts mehr in Schuß, und ich bin so einfältig! Da ist mir heute in der Dämmerung etwas passiert – der Teufel soll's holen, daß man an Geister glaubt, Mutter! mir ist ein Pferd begegnet, ein wunderschönes, und niemand drauf. Wenn's ein wirkliches Pferd gewesen, für das man Geld kriegt? Bin doch ein Narr, daß ich mich so hab' erschrecken lassen, wie es dahinrennt mit fliegender Mähne, und die Hufeisen haben aufgeschlagen. Bis ich mich aber besonnen hab', daß es ein wirkliches Pferd ist und alle Geistergeschichten nur dummes Zeug – heidi! fort ist's!«

»Nein, Thomas! Nimm dich in acht! Es ist was dran mit den Geistern, Komm, stell dich her, halt die Hand übers Feuer und schwör mir, daß du dich ruhig halten willst, dann sage ich dir was.«

»Was werdet Ihr wissen?«

»Mehr als in deinen Stierkopf hineingeht. Ich sag' dir, es gibt Geister, drin auf dem Bett liegt die Seejungfrau.«

»Mutter, Ihr seid närrisch geworden.«

»Gib acht! Sie hat mir befohlen, daß ich ihr eine Suppe kochen soll.«

»So? Die Seejungfrauen fressen auch Supp'? Ich fürcht' kein Geschöpf, das Gekochtes frißt. Ich möcht' einmal die Seejungfrau schauen!«

Die Alte wollte ihn halten. Er drang in die Stube und stand wie gebannt, als er Irma erblickte; aber plötzlich rief er:

»Das ist ein Weib wie Ihr, nur viel schöner. Wenn's die Seejungfrau wär', müßt' sie einen Schwanenfuß haben, so viel ich weiß. Wer ist's, Mutter?«

»Ich weiß es nicht.«

»So will ich sie fragen.«

Die Alte suchte ihn abzuhalten. Aber schon hatte sich Irma aufgerichtet, sie schaute starr drein, sie hatte den Mund geöffnet und konnte nicht sprechen.

»Du bist's!« rief Thomas plötzlich. »Das ist ja prächtig!«

Er wollte sie erfassen, aber Zenza wehrte ihn ab.

»Du bist's!« rief er wieder. »Hast dich verirrt und bist da! Das ist prächtig!«

»Kennst du mich?«

»Wer wird dich nicht kennen? Du bist die Geliebte des Königs! Und jetzt bist du ...«

Ein lauter Verzweiflungsschrei Irmas übertönte ein Wort des wilden Gesellen.

»Juchhe!« jauchzte Thomas, »'naus Mutter, 'naus Esther! Ich brauch' euch nicht!«

»Laß sie! Du darfst ihr nichts thun!« rief die Mutter.

»Ich darf nicht? Wer will mir's wehren?«

Die Mutter rang mit ihm, er schleuderte sie zurück. Da, sie wußte sich nicht mehr zu helfen, faßte sie die kochende Suppe und schwor, daß sie sie ihm übers Gesicht schütte; er wehrte ab, taumelte zurück und brüllte wie ein Stier.

Esther eilte auf Irma zu und flüsterte eilig:

»Komm, komm! Um deines Vaters willen rette ich dich, Komm! Fort!«

Sie riß sie mit sich fort, sie eilte den Berg hinab, ohne Aufenthalt, atemlos. Irma konnte nicht weiter, sie wollte ruhen! Esther aber schleppte sie noch eine Strecke mit sich davon, bis sie an eine Quelle kamen, dort setzten sie sich nieder. Esther machte sich die Hände naß und wusch sich und Irma die Stirne.

Lange redeten die beiden kein Wort. Endlich fragte Irma:

»Weißt du den Weg nach dem See?«

»O wohl! Das ist auch mein Weg, mein Ausweg, ich hab' keinen andern mehr.«

»Wie? Was meinst du?«

»Was du willst, will ich auch, werd' ich auch noch müssen.«

»Was will ich denn?«

»Dich ertränken.«

Irma zuckte zusammen, da ihr das Vorhaben so ins Ohr gesagt wurde.

»Ich weiß nicht,« fuhr Esther fort, »kann mir's aber schon denken, was dich dazu treibt. Mein Bruder hat ein böses Wort gesprochen. Aber ich bitte dich, thu's nicht! Schau, du bist noch so schön, so jung und reich; du kannst schon noch leben und es kann dir wieder anders gehen auf der Welt, Thu's nicht – Still!« unterbrach sie sich plötzlich – »hast du nichts gehört? Wir wollen jetzt nicht reden, damit wir alles hören. Er kommt uns nach. Er läßt uns nicht. Steh jetzt nur auf, wir müssen fort.«

Sie standen auf und schritten weiter durch den nächtigen Wald.

Ein Bild aus der Hölle trat Irma vor die Seele: Dort in der Ewigkeit werden Vornehme und Geringe, denn die Sünde macht gleich wie die Tugend gleich macht, an einander gefesselt und geschmiedet und müssen das gleiche dulden ...

Sie schritten wieder an einem wildrauschenden Bache dahin, da fragte Esther:

»Du bist also die Schwester von ihm?«

»Von wem?«

»Von meinem Bruno. Wie geht's ihm? Ich hab' ihn vor einigen Tagen gesehen, wie ich Ameiseneier gesucht habe; er hat mich aber nicht gesehen. Ist es wahr, daß er glücklich verheiratet ist?«

»Ja; aber warum nennst du ihn deinen Bruno?«

»Gut, dir will ich's sagen, du bist die erste, die seinen Namen aus meinem Mund hört seit jenem Tag. Hat er selber dir nie davon gesprochen?«

»Nie.«

»Er kann's aber doch nicht vergessen haben. Komm, hier könnte der Thomas uns doch finden, fasse meine Hand, geh rückwärts, dann verlieren die Hunde die Spur.«

Esther faßte Irma an der Hand und führte sie unter einen Felsenvorsprung; sie setzten sich nieder und die schwarze Esther erzählte:

»Meine Mutter weiß nichts davon und mein Bruder auch nicht. Das rechte weiß keiner. Dir kann ich's berichten. Wir sind eigentlich hier nicht daheim, aber im Sommer sind wir oft hier und suchen Enzian und Apothekerkräuter und Ameiseneier. Ich war fünfzehn Jahre alt, ein lustiger Teufel von einem Mädchen, ich hätte mit einem Hirsch um die Wette rennen können, da hat mich dein Bruder im Wald gefunden. Er war schön, gar schön, so schön gibt's keinen mehr auf der Welt, und fein und gut ist er auch gewesen, und wir haben einander so lieb gehabt und ich hab' allemal geweint, wenn ich wieder hab' heim müssen zu meiner Mutter. Ich wär' gern ewig draußen geblieben im Wald wie die Rehe, und es hat mir fast wohl gethan, wenn ich heimgekommen bin und meine Mutter hat mich geschlagen; ich hab' weinen können und hab' doch nicht sagen müssen, warum ich weine. Ich hab' jede Minute nach ihm verlangt und hab' gar nicht mehr von ihm fortgewollt. Er hat mir einmal gesagt, wer er sei, und daß sein Vater gar ein strenger Mann sei; wenn das nicht wäre, thät' er mich heimführen in sein Schloß und ich müßte Gräfin werden. Und da – ich hab' tausendmal seitdem daran gedacht, was ich für ein einfältiges Kind gewesen bin, aber ich hab' gewiß nichts Böses gewollt – weißt du, was ich gethan hab'? Weil mein Bruno gar so arg geklagt hat, hab' ich gedacht, den bösen Vater wird man doch 'rumkriegen können, und bin aufs Schloß und geradeswegs zu deinem Vater und hab' ihm gesagt, er soll doch nicht so schlecht sein und so hartherzig und soll's zugeben, daß der Bruno mich heiratet, ich will gewiß eine gute Schwiegertochter sein, und wir haben ja einander so lieb, wie, so lang die Welt steht, nicht zwei einander mehr lieb gehabt haben. Da hat mich dein Vater angesehen – die Augen vergess' ich nie, ich seh' sie jetzt vor mir, so groß, und geglänzt haben sie, und vorhin, wie der Thomas auf dich losgewollt hat, da hast du auch solche Augen gehabt, ganz seine Augen, und da hast du mich erbarmt und darum hab' ich dir fortgeholfen.«

»Und weiter?« fragte Irma nach langer Pause.

»Ja weiter,« versetzte Esther sich fassend. »Und da ist dein Vater auf mich zugegangen und ich hab' mich geduckt und hab' gemeint, er schlägt mich nieder. Er hat mir aber seine Hand auf den Kopf gelegt und hat gesagt: Du bist ein braves Kind, wenn du dich auch vergangen hast, und an mir soll's nicht fehlen, daß du brav bleibst. – Und da hat er einen Bedienten gerufen, Bruno soll kommen. Und da ist er gekommen und wie er mich sieht, ist er erschrocken, ich hab' aber gesagt: Fürcht dich nicht, dein Vater ist ein herzguter Mensch und er gibt dich mir zum Mann. Bruno hat sich aber nicht vom Platz gerührt und dein Vater hat gerufen: Komm her! Komm her! Er ist aber doch nicht vom Fleck gegangen und ist so weiß geworden, wie das Tuch auf dem Tisch, an den er sich hält, und da sagt dein Vater noch einmal zu ihm: Gut, ich komme zu dir. Du hast nicht brav gehandelt, aber du sollst noch brav sein können. Hier dies Kind aus dem Wald – ja, so hat er gesagt – ich erlaube dir, ja ich befehle dir, daß du sie zur Frau nimmst. – Da hat der Bruno gelacht – der Teufel hat aus ihm gelacht, das Lachen vergess' ich auch nie – und dein Vater hat wieder gesagt: So sprich doch! Und da hat er gesagt: Papa, machen Sie sich nicht lächerlich! Da hat dein Vater ein Gesicht bekommen, wie wenn er auf einmal um dreißig Jahre älter wär', und er ist nur so gewankt und hat sich auf einen Stuhl niedergesetzt. Was sagst du? hat er gefragt. Wiederhole es noch einmal! Sprich! Und der Bruno hat das Wort noch einmal gesagt und hat sich dabei den Schnurrbart gedreht. Dein Vater hat ihm gut zugeredet und ihm gesagt, wie er mich in allem unterrichten will, daß ich gut soll lesen und schreiben können, und alles so gut, wie eine Gräfin, und daß Bruno das nicht auf sich laden soll, er würde die Last sein Leben lang nicht los werden. Und da hat Bruno gesagt: Ich verlasse das Zimmer, wenn Sie nicht das Mädchen fortschicken. Geh, Esther, geh aus dem Zimmer und komm erst wieder, wenn ich dich rufe! – Er hat deinem Vater etwas auf Wälsch gesagt, und dein Vater ist blaß geworden und ist auf mich zugegangen und hat mir die Hand gegeben und hat gesagt: Esther, geh! Weiter hat er kein Wort gesagt, aber er hat's gut gesagt, ganz herrlich. Und da bin ich fort. Das war das letztemal, wo ich den Bruno gesehen hab', und ich hab' nachmals gehört, es soll grausig hergegangen sein zwischen deinem Vater und ihm. Ich hab' mich aber nicht mehr sehen lassen, ich hab' nicht wollen die Ursache sein von der Feindschaft zwischen Vater und Sohn, und ich hab' eingesehen, daß es doch nicht gegangen wär', und unser Kind hat's gut gemeint und ist tot auf die Welt gekommen; das ist besser, als so auf der Welt herumlaufen, im Elend und dann erst sterben. Meinst nicht auch?«

Irma antwortete nicht, sie tastete nach der Hand der Sprechenden.

Esther fuhr fort:

»Und meine Mutter und mein Thomas wissen nicht, daß ich deinen Bruder je gekannt habe: aber der Thomas ist gar ein grausiger Mensch, und er hat einen Haß auf deinen Bruder, wie wenn er's ahnte. Aber ich sag' nichts. Ich bin verloren – was ist daran gelegen? Er soll nicht auch noch zu Grunde gehen, und ich hab' ihn doch gar so lieb gehabt, ich kann's noch jetzt nicht los werden.«

Aus dem ruhigen Erzählen heraus schrie Esther plötzlich laut auf:

»Er hat eine schöne, feine, reiche, vornehme Frau. Ja, dazu sind wir da, damit euch draußen, da droben in euren seidenen Betten nichts geschieht! Ha, ha, ha! Und wenn sie dann eheliche Kinder kriegen, saugen sie eine arme Frau aus. Die Walpurga, die hat's gut – die hat's gut, der wird die Milch zu Gold! O, wenn ich nur nicht mehr denken müßte!«

Sie raufte sich die Haare und schrie knirschend:

»Die Haare da, die dummen schwarzen Haare, die müßten schon lange abgefault sein, verbrannt von all dem schweren heißen Denken, das drunter durch den Kopf gegangen ist. O, mein Kopf ist so heiß, und ich krieg' alle Tag noch Schläge drauf; aber er ist hart, klopf einmal an, hart wie Stahl!«

Irma stand wie angewurzelt.

»Still!« sagte Esther. »Still, ich höre die Hunde; ich hab's gesagt, er jagt uns nach. Flieh, flieh! Da rechts, da geht der Weg. Aber ich bitt' dich um alles in der Welt, thu's nicht, thu's nicht! Du bist noch nicht so weit, daß du das mußt. Jetzt flieh, dort unten kommst du an einen Steg, da drüber geh. Mach fort! Ich bleibe. Die Hunde kommen zu mir. Ich halte ihn auf. Du bist gerettet. Fort, flieh!«

Sie trieb Irma fort und blieb zurück.

Inna eilte allein von dannen. Sie mußte sich oft an die Stirne greifen. Ein dankbares Andenken an ihren Vater hatte sie gerettet aus dem unfaßbaren Entsetzen. Er hat die Hand verzeihend auf das Haupt der Verlorenen gelegt, aber ihr selbst hat er die Verwerfung in die Stirn gegraben. Den Brand auf meiner Stirn kühlt nur der tiefe See, sagte sie immer vor sich hin und eilte über den Steg, dann über eine Anhöhe, bis der dunkle Wald sie wieder verschlang ...

Die schwarze Esther stand ruhig und ließ die Hunde an sich herankommen; sie lockte sie, und die Hunde sprangen an ihr empor. Sie hörte Thomas pfeifen, und die Hunde antworteten; er war noch weit, aber er war auf der Spur. Sie zählte jeden Herzschlag, denn mit jedem Herzschlag kam Irma einen Schritt aus dem Bereich der Verfolgung. Ueber sich wollte sie alles ergehen lassen – was liegt daran?

»Ja, ja, ich weiß, daß du mich gerne hast,« sagte sie zu dem grauen Wolfshund, der sich an sie schmiegte, »ja, du bist das einzige Geschöpf auf der Welt, das mich noch mag. Ich wollt', ich wär' auch ein Hund geworden. Warum bin ich nicht ein Hund geworden? Wenn's nur wahr wäre, was die Mutter erzählt, daß es einmal Zeiten gegeben hat, wo man verwandelt worden ist.«

Sie hörte wieder Pfeifen und Schreien des Thomas, die Hunde antworteten, er kam näher, bald stand er bei ihr.

»So, du bist's? Hab' mir's gedacht! Wo ist die andre?«

»Da, wo du sie nicht mehr kriegst.«

Im Walde hörte man einen jammervollen Schrei.

»Schlag mich nur gleich tot,« schrie Esther.

Die Hunde heulten dazwischen, sie wußten nicht, wem sie helfen sollten.

Thomas ging davon und ließ Esther liegen, wo sie niedergefallen war.

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