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Auf der Höhe Band I

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Band I - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Band I
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel

Es war wieder am Sonntag morgens, da ging es geschäftig her in der Gstadelhütte am See. Gevatter und Gevatterinnen waren da, und als zum erstenmal die Glockenklänge wie unsichtbare, aber laute Wellen über den spiegelglatten See dahinflossen, bewegte sich ein Zug aus dem Hause. Die Großmutter trug das Kind in weichen Kissen, darüber eine weiße Decke gebreitet war; hinterdrein ging stolz der Vater mit einem Blumenstrauß auf der Brust, neben ihm der Gevatter Gemswirt, gefolgt von der Frau Schneiderin Schneck und andern Frauen. Auch ein blondgelockter Knabe von fünf Jahren, der eine zweizinkige Haselnußgerte in der Hand trug, hatte sich dem Zuge angeschlossen.

»Was thust denn du da, Waldl?« fragte Hansei.

Der Knabe gab keine Antwort, die Schneiderin Schneck faßte ihn an der Hand und sagte: »Geh du nur mit, Waldl!« Zu Hansei gewendet fuhr sie fort: »Vertreib doch das Kind nicht! Das ist ja ein Segen, wenn ein junger Knab' mit zur Taufe geht! da kriegt das Kind bald einen Mann und wer weiß ...« Hansei lachte, da jetzt schon an die Heirat seiner Tochter gedacht wird.

Der Zug bewegte sich ruhig weiter die Straße entlang. Noch ein andres gutes Zeichen kam: eine Schwalbe flog gerade über die Großmutter mit dem Kinde weg; nun aber spannte die Großmutter den großen roten Regenschirm auf und hielt ihn über sich und das Kind.

Walpurga durfte den weiten Weg zur Kirche noch nicht mitgehen: sie mußte daheim bleiben. Ihr Gespiel, das Mädchen, das am vorigen Sonntag das Gebet für die Königin auf sie gewendet hatte, blieb bei ihr. Walpurga saß im Lehnstuhl der Großmutter und schaute durch das Gitterfenster, wo Nelken, Gelbveigelein und Rosmarin blühten, hinaus auf den See und den blauen Himmel und horchte auf die hallenden Glockentöne.

»Jetzt geht mein Kind zum erstenmal in die weite Welt und ich bin nicht bei ihm,« sagte sie! »so wird's nun, und ich werde einmal in die andre Welt gehen und gar nicht mehr bei ihm sein, und ich meine doch, ich hab's noch immer bei mir.«

»Ich weiß gar nicht, warum du heut so schwergemut bist,« sagte das Gespiel! »wenn man beim Heiraten so wird, dann heirat' ich nie!«

»Geh!« erwiderte Walpurga in kurzem Tone; es war leicht verständlich, was sie damit meinte. Nach einer Weile fuhr sie mit bewegter Stimme fort: »Ich bin nicht schwergemut. Mir ist nur, als wär' ich mit meinem Kind noch einmal auf die Welt gekommen. Ich weiß nicht, ich bin eine ganz andre. Schau, mein Leben lang hab' ich noch nicht so ruhig gelegen, wie diese vielen Tage – so daliegen, gesund sein und nichts thun, nur vor sich hindenken, schlafen, aufwachen, dem Kinde trinken geben, und die Menschen bringen einem alles ... Ich hab' dir so viel gedacht und sinniert, wie wenn ich sieben Jahr lang eine Einsiedlerin im tiefen Wald gewesen wär'; ich mein', ich könnt' Tag und Nacht davon erzählen und weiß doch nicht ... Was ist denn das?« unterbrach sie sich plötzlich, »jetzt eben hat mich's durchzuckt, wie wenn das ganze Haus zitterte.«

»Ich spür' nichts; aber du machst ein Gesicht, daß einem angst und bang wird. Wir wollen singen, sing mit; probier's einmal, ob du noch unsre beste Sängerin bist.«

Das Gespiel ließ nicht ab, bis Walpurga sang; sie stimmte an und hörte bald wieder auf. Stasi begann ein andres Lied, aber auch das wollte Walpurga nicht; es war ihr heute keines recht.

»Laß uns lieber still sein,« bat sie endlich. »Jag mich nicht in allen Liedern herum. Ich will jetzt gar nichts.«

Es läutete zum drittenmal. Die beiden waren still.

Nach einer Weile sagte das Gespiel: »Es ist doch brav vom Gemswirt, daß er sein Fuhrwerk hergibt zum Zurückfahren.«

»Still, ich hör' ein Fuhrwerk, das können sie doch nicht schon sein?«

»Nein, so rappelt des Doktors Kalesche. Dort kommt er schon, dort oben bei der Steinlinde; es sitzt noch ein Herr bei ihm.«

»Sprich jetzt nicht mehr, Stasi,« sagte die junge Mutter, »laß die Welt fahren und laufen wie sie mag.«

Sie saß still, den Kopf zurückgelehnt und schaute hinein in die sonnige Welt, die ihr wieder so neu war; das Gras im Garten vor dem Hause war wie durchleuchtet, der See flimmerte in leise sich verschlingenden Lichtern, die Wellen klatschten am Gestade, ein linder Luftstrom trug den Duft von Nelke und Rosmarin auf dem Fensterbrett in die Stube.

Ein Wagen hielt vor dem Hause, es wurde mit der Peitsche laut geknallt, es näherten sich Schritte, und der lustige Doktor rief: »Hansei! – Ist niemand daheim?«

»Nein, es ist niemand daheim, als die Walpurga und ich!« rief Stasi zum Fenster hinaus und draußen wurde weidlich gelacht.

Der Doktor Kumpan kam in die Stube; ihm folgte ein Fremder, der plötzlich stehen blieb und starren Auges dreinschaute; unwillkürlich neigte er sich, um sich vor dieser Erscheinung tief zu verbeugen, aber er besann sich schnell und richtete sich nur noch gerader auf.

»Wo ist Vater Hansei, der Vater des Sonntagskindes?« fragte der Doktor.

Die Frau stand auf und sagte, er sei mit dem Kinde und den Gevattern in der Kirche zur Taufe und werde bald wieder heimkommen.

»Bleib nur sitzen!« rief der Doktor. »Ich will ungebetener Gast zum Taufschmaus sein und hier mein Freund auch; ist auch so ein Menschenvertilger wie ich.«

»Was wünschen die Herren von meinem Mann? Darf ich's nicht wissen?«

»Der Mann schneidet das Brot an, dann gibt er der Frau davon; so ist hier zu Land der Brauch, Walpurga, das weißt du. Wir haben mit deinem Herrn Gemahl ein großes Wort zu reden. Brauchst nicht zu erschrecken, es ist nichts vom Landgericht. Ich sage dir nur: du hast ein Sonntagskind. Bist vielleicht selber eines?«

»Ja freilich!«

»Gut, so bist du doppelt glücklich.«

»Ich meine« – begann der Hofarzt – »ich meine, wir könnten mit der Frau sogleich sprechen. Sie scheint mir gescheit und wird gern ihren Mann und ihr Kind glücklich machen.«

Walpurga schaute wie Hilfe suchend um und um.

»Gut denn,« sagte Doktor Kumpan sich setzend, »so erlaube mir zu erzählen. Also, Walpurga, paß auf, bleib nur sitzen und laß dir eine Geschichte erzählen: Es war einmal ein König und eine Königin, und der König war brav und die Königin war schön, und sie bekamen einen Sohn, der war brav vom Vater und schön von der Mutter, – es kann auch eine Tochter sein, aber lieber ein Sohn. Als der Sohn geboren war, da sagten sie zu einem muntern Geist im Schlosse, Doktor Puck genannt: Puck, mein Puck, pack schnell und pack dich hinaus ins Gebirge, da steht ein schön klein Häuschen am Seegestad und da drin sitzt eine saubere und starke und brave Mutter, und die soll die Doppelmutter sein vom kleinen Prinzen, der brav ist vom Vater und schön von der Mutter, und die Doppelmutter soll, was ihr Herz begehrt, haben und soll ihren Mann und ihr Kind glücklich machen und den König und die Königin und den Prinzen und – jetzt schau auf, Walpurga, sieh den Mann da an, das ist der dienstbare Geist, genannt Doktor Puck, und er kommt vom König und der Königin. Hast du mich verstanden, Walpurga?«

Die junge Mutter lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen. Sie atmete hoch auf und antwortete nicht. – Eben trat Hansei mit den Gevattersleuten und dem Kinde ein. Die Mutter eilte auf ihr Kind zu, nahm es auf die Arme und rannte mit ihm hinaus in den Garten unter den Kirschbaum, das Gespiel eilte ihr nach.

»Was ist denn das,« fragte Hansei und schaute den Doktor und den Fremden mit zornigem Blicke an.

»Setz dich, sehr ehrenwerter Hansei, und laß dir berichten. Gut, daß Sie da sind, Herr Gemswirt, bleiben Sie in der Stube; ihr andern könnt alle hinausgehen.« Ohne Umstände schob Doktor Kumpan die Dorfleute, die neugierig hereingekommen waren, aus der Stube, und fuhr dann, vom Gemswirt eine Prise nehmend, fort: »Hansei, wisse also: dies da, mach dein Kompliment, ist der Hofarzt, den schickt der König, du sollst ihm deine Frau auf ein Jahr leihen.«

Fast hätte der übermütige Ton des Doktors den Hansei dahingebracht, daß er ihn samt dem Hofherrn zur Thür hinausgeworfen hätte; er reckte sich schon in den Schultern zum Zugreifen.

Der Hofarzt winkte dem Doktor Kumpan und setzte auseinander, wie er im Auftrage des Königs über Hansei habe Erkundigung einziehen müssen, und da hätten die Leute nicht gewußt, wen sie mehr loben sollten, den Hansei oder die Walpurga. Hansei schmunzelte. Nun berichtete Sixtus das Verlangen des Königs.

»Danke für die gute Nachred',« entgegnete Hansei in wohlgesetzter Rede, »danke für die gute Meinung vom König; ich kenn' ihn wohl, hab' ihn zweimal über den See gefahren, wie er noch ein Bursch war, ein lustiger, ein Jäger obenraus. Sagen Sie dem König, ich hätt' nie geglaubt, daß er sich meiner noch erinnert. Aber meine Frau geb' ich nicht her. Das thu' ich ihr nicht an und mir nicht und vor allem unserm Kind nicht.«

Er hatte sein Leben lang noch nicht so viel auf einmal und hintereinander fort gesprochen; jetzt wischte er sich den Schweiß von der Stirne, wendete sich nach dem Tische – er hatte einen wahren Wolfshunger – und da der Kuchen schön geschnitten auf dem Tische stand, benutzte er die Gelegenheit, ergriff ein Stück und rief: »Seht, der Bissen soll mir –«

»Nicht schwören?« fiel der Gemswirt ein und nahm ihm den Kuchen aus der Hand, »nicht schwören! Du kannst ja ohnedies thun, was du willst. Es kann dich niemand zwingen.«

»Und es will Euch niemand zwingen,« stimmte der Hofarzt ein. »Ist's erlaubt, daß ich auch ein Stück von dem Kuchen esse?«

»Wohl, wohl! Nehmen Sie nur! Sie auch, Herr Doktor, und Wein ist auch da! Ja, Herr Doktor, heut vor vierzehn Tagen auf der Straße ist's schlimm gewesen.«

Es wurde gegessen und getrunken, mit jedem Bissen und jedem Schluck ward das Gesicht Hanseis heiterer.

»Ich meine, Sie, Herr Gemswirt, könnten dem Mann die Sache besser erklären, als wir,« sagte der Hofarzt.

Der Gemswirt hielt Hansei seine offene Dose mit den Worten hin:

»Für unser ganzes Dorf, für unsre ganze Gegend wäre ja das eine Ehre. Denk nur, Hansei, der König und der Kronprinz –«

»Es ist auch möglich, daß es eine Prinzessin ist,« schaltete der Hofarzt ein.

»So? also das Kind ist noch gar nicht da?« fiel Hansei ein und lachte; aber durch das Lachen ging doch der Gedanke: halt, da kann man die Sache noch überlegen! Er lachte noch einmal, denn er war bei all seiner Einfalt doch Schelm genug, um sich vorzunehmen, die Sache gehörig auszunutzen: unter tausend, ja unter zweitausend Gulden und wer weiß, ob man's nicht auf dreitausend bringen kann, denkt sich gar nicht dran! – Hansei wäre in Gedanken gewiß noch auf hunderttausend gekommen, wenn nicht der Gemswirt wieder das Wort genommen hätte:

»Hansei hat ganz recht, wenn er's nicht zugeben will; rechtschaffen recht hat er. Er sagt nicht ja und nicht nein, er sagt gar nichts, denn da hat die Frau zu entscheiden; er ist ein guter Ehmann, er wird sie zu nichts zwingen! Ja, meine Herren, wenn wir schon einfältige Bauersleute sind, wir wissen doch, was sich schickt.«

»Brav, daß Ihr Eure Frau so ehrt,« bestätigte der Hofarzt, und der Gemswirt schnupfte und fuhr fort: »Jawohl, gewiß, aber an Verstand und Einsicht ist eine Frau, mit Verlaub zu sagen, doch nur ein halber Mensch. Ich meine, wenn Sie's erlauben, Herr Hofarzt, ich meine, wir reden vorderhand nichts weiter und rufen die Frau; sie ist gar so viel brav.«

In Hanseis Mienen hätte man ebensoviel Glück als Unglück, ebensoviel Stolz als Demut lesen können.

»Was sie thut, ist mir recht!« sagte er.

Er war stolz, so eine Frau zu haben, und hatte doch ihren Entschluß zu fürchten. Aufwärts und abwärts riß er an seinen Rockknöpfen, als ob er sich versichern müsse, daß sie noch alle festsitzen. Vom Gemswirt gedrängt, ging er endlich in den Garten und rief seine Frau, die noch unter dem Kirschbaum saß.

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