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Auf der Höhe Band I

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Band I - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Band I
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
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Fünfzehntes Kapitel.

Baum wußte jeden Augenblick zu erlauschen, um mit Walpurga zu sprechen. Er war jetzt tief betrübt, seine Frau lag schwer krank, und Walpurga suchte ihn zu trösten. Dafür zeigte sich aber auch Baum bereit, ihr alle Klagen abzunehmen; denn von daheim hatte man ihr berichtet, daß die Zenza nichts von dem goldenen Herzen wissen wollte, das Gräfin Irma dem Kinde geschickt.

»So? Also auch noch ein goldenes Herz hat deine Gräfin zu verschenken?« spöttelte Baum. »Da kannst froh sein, daß du so eine Freundin hast.«

»Das bin ich auch. Ach, wenn sie nur wieder da wäre, dann wäre das Paradies erst recht. Ich kümmere mich gar nicht drum, daß die Zenza das goldene Herz verthan hat; es muß auch schlechte Menschen geben, sonst wäre die Welt zu schön.«

»Und ich sag' dir: es ist doch nur das halbe Leben, wenn der König nicht da ist. Paß auf, wie's dann wird, dann ist's erst recht lustig. Wo kein Mann im Haus ist, da ist kein ganzes Haus.«

Die Königin kam hinzu und Baum zog sich zurück.

»Was hat der Mann mit dir gesprochen?« fragte die Königin.

»Wir haben einander unser Leid geklagt. Er hat großes Heimweh nach dem König, und ich, liebe Frau Königin, ich habe ein großes Heimweh nach meiner Gräfin Irma.«

»Ich habe auch herzliches Verlangen nach ihr, aber sie hat um weitere vierzehn Tage Urlaub gebeten.«

In gleichmäßiger Stille flossen die Tage dahin. Walpurgas liebster Aufenthalt war in der Nähe der Meierei; da sind doch auch Kühe, und die sind wie überall und wissen nichts davon, daß sie dem König angehören und ihre Milch auf seine Tafel schicken.

So sagte Walpurga einst zu Baum, der sie auch hier zu treffen wußte, und er erwiderte:

»O, wie gescheit bist du, ja, wenn ich eine Frau bekommen hätte wie du,«

»So wie ich gibt es sie dem Dutzend nach.«

»Nein, so grundgescheit nicht. Du könntest es noch weit bringen, wenn du wolltest.«

»Wie weit soll ich's denn noch bringen?« fragte Walpurga. »Heim will ich und weiter nicht.«

»Das wird dir kein Mensch verübeln: man kann sich aber auch eine neue Heimat machen.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Und ich kann dir's jetzt nicht erklären. Dort kommt die Oberhofmeisterin. Komm heut abend, wenn alles bei Tafel ist, in den Laubgang hinter der Kapelle, ich habe dir was Gutes zu sagen.«

Walpurga hatte nicht Zeit, zu erwidern; Baum gab, als die Oberhofmeisterin näher kam, dem Meierei-Inspektor einen lauten Befehl im Auftrage des Oberküchenmeisters, dann ging er rasch davon und grüßte unterwegs ehrerbietig die Oberhofmeisterin.

Die Oberhofmeisterin erteilte Mamsell Kramer einen scharfen Verweis, weil sie Walpurga hier mit dem Prinzen stehen und mit dem Diener plaudern lasse.

Mamsell Kramer erwiderte nichts und winkte nur Walpurga in den rebenbedeckten Laubgang.

Walpurga sann hin und her, was ihr wohl Baum zu raten habe. Weltläufig ist er, er weiß vielleicht einen Schick, wie man den Hansei und die Mutter und das Kind auch herbringt, aber einen Lakaien kann man aus Hansei nicht machen. Vielleicht kann man ihn zum Hoffischer machen oder zum Holzmeister im Königswald.

Am Abend war sie voll Unruhe. Das geht doch nicht, daß sie mit einem andern Mann eine heimliche Zusammenkunft hat. Aber vielleicht wird morgen schon die Stelle vergeben, dann ist der Schick verpaßt. Sie saß am Fenster und schaute hinein in die Sterne; ihre Wangen glühten; sie atmete tief auf.

»Was ist dir?« fragte Mamsell Kramer.

»Mir ist so schwül und schwer.«

»Ich will den Doktor rufen lassen.«

»Ich brauche keinen Doktor. Lassen Sie mich nur ruhig da sitzen, oder nein, erlauben Sie mir auf ein paar Minuten im Garten auf und ab zu gehen, dann wird mir's schon leichter.«

»Das Stubenmädchen soll dich begleiten.«

»Nein, ich brauche niemand; es wird mir besser, wenn ich allein gehe.«

»Aber bitte, entferne dich nicht zu weit, und komm bald wieder. Du hast heute gesehen, wie jeder Fehler von dir mir einen Verweis zuzieht.«

»Ja, ich werde schnell wieder da sein.«

Walpurga ging die hintere Pforte hinaus. Der Sand knirschte unter ihren Tritten, sie trat leiser auf. Die Blumen dufteten stark, die Schwäne im Teiche gaben einen seltsamen Ton von sich, wie tiefes, nach innen gezogenes Schmettern; droben am Himmel glitzerten die zahllosen Sterne, und jetzt fiel eine Sternschnuppe weit hin in glänzendem Bogen, und Walpurga rief plötzlich: Hansei.

Aus ihrem Innersten wünschte sie nichts als ein Glück für ihren Mann. Sie stand still. Als sie den Namen gerufen, wollte sie wieder umkehren; sie ist eine verheiratete Frau, sie darf nicht am Abend mit einem fremden Mann zusammenkommen, und wär's auch bei der Kirche.

Es sprang etwas über den Weg; war's eine Katze, ein Marder oder ein Wiesel?

Du mußt umkehren, rief es in Walpurga und doch ging sie weiter. Sie kam in die Laube. Hinter einer rebenumrankten Säule trat Baum hervor. Er streckte ihr beide Hände entgegen, und sie reichte ihm die ihre dar; er wollte sie näher an sich heranziehen, aber sie stand fest.

»Was habt Ihr mir zu sagen?« fragte Walpurga.

»Sag doch du zu mir, wie ich zu dir,« bat Baum.

»Meinetwegen, so sag, was hast du für mich?«

»Nur Gutes! Schau, wir minderen Leute, wir müssen zusammenhalten, und du bist mir so, daß ich dir alles zuwenden möchte.«

»Wenn du mir was Gutes zuwenden kannst, werd' ich dir dankbar sein mein Leben lang, ich und mein Mann und mein Kind. Sag schnell, ich hab' Eile!«

»Dann können wir's ja lassen bis auf ein andermal.«

»Nein, sag jetzt, was hast du gemeint?«

»Ich habe eigentlich nichts gemeint. Schau, wir müssen immer dienen, immer für andre da sein, und da hab' ich gemeint, daß wir auch einmal eine Viertelstunde für uns da sein könnten. Ich hab' dir nur einmal sagen wollen, du bist meine Augenweide, meine Glückseligkeit; wenn ich dich sehe und höre, da möchte ich, ich weiß nicht was, und kann's gar nicht sagen.«

»Ist auch nicht nötig. Und ich kann dir sagen, das ist schlecht von dir.«

»Daß ich dich gern habe zum Tollwerden, das ist schlecht?«

»Ja, und doppelt schlecht, daß du mich daher führst und mir vormachst, du hättest mir etwas Gutes zu sagen.«

»Ich habe auch was,« lenkte Baum rasch ein. »Verzeih, daß ich so gewesen bin. Wenn du mir verzeihst, dann sag' ich dir das andre.«

»Ja, es soll dir verziehen sein, aber jetzt mach hurtig.«

»Also,« begann Baum mit gewaltsamer Fassung, »die Sache ist die: wer an der Krippe steht und nicht frißt, der ist ein Narr; verstehst du mich?«

»Freilich, weiß nicht, was da viel dran zu verstehen ist?«

»Ja, du verstehst doch nicht, wie ich's meine. Hier am Hof ist die volle Krippe, du stehst jetzt dran, und wenn du weggehst und hast dir nicht so viel genommen, daß du satt bist, du und dein Kind dein Leben lang, so bist du ein Narr gewesen.«

»Das möchte ich wissen, wie man das machen kann. Man muß alle Tage frisch essen, man kann nicht auf einmal sich vollstopfen für sein Leben lang.«

»Du bist gescheit, kannst's aber noch mehr werden. Schau, ich mein's so: eine gute Anstellung, ein einträglicher Platz, da ißt man sich satt für sein Leben. Zum nächsten Frühjahr kommt der Meier von der Meierei da drüben weg; es dauert längstens bis zum nächsten Herbst, und da mein' ich, da solltest du dich bei der Königin und bei allen dazu halten, daß dein Mann Meier wird, und du bleibst dein Leben lang da und hast für dich und die Deinen gut ausgesorgt. Glaub mir, ich kenne die Herrschaften. Wenn du fortgehst und dir nicht eine gute Stelle gemacht hast, denkt keine Katz' mehr an dich: wenn du aber dableibst, hast du's dein Leben lang gut, und je größer der Prinz wird, um so mehr wird er auf dich halten, und wenn er einmal König wird, versorgt er dich und die Deinigen und Kind und Kindeskind. Ist das nun was Schlechtes, was ich dir rate?«

»Nein, im Gegenteil, das ist ganz was Gutes; das will ich mir merken, das wär' ein schönes Brot und Butter dazu auch genug.«

»O, was hast du für einen Verstand, so habe ich noch gar keine Frau gesehen und gehört. Du hättest verdient, daß du ganz wo anders stündest. Aber das ist jetzt einmal so, und wenn du dableibst, da hab' ich doch die Freude, daß ich dich oft sehen und ein Wort mit dir reden kann, denn, nicht wahr, gut Freund dürfen wir bleiben?«

»Jawohl, und mein Hansei wird auch ein guter Freund zu dir sein; in dem ist kein falscher Blutstropfen, und gescheit ist er auch, er kann nur nicht so mit der Sprache heraus; und er hat mich grad so lieb wie ich ihn, und er ist ein herzguter Mensch und getreu, und ich laß nichts gegen ihn sagen.«

»Das hab' ich auch nicht gethan,« sagte Baum, und Walpurga mußte ihm das zugestehen; aber sie fühlte doch, daß jeder Liebesantrag gegen eine Frau eine Beleidigung und Herabsetzung des ihr angetrauten Mannes ist, denn es kann ja nicht anders sein, daß man stillschweigend oder ausgesprochen damit kundgibt: der ist nicht der Rechte, dem fehlt das und das; ich, ich wär' eigentlich der Rechte, der deiner wert ist.

Baum seufzte schwer und sagte: »O, wenn man nur das Leben doppelt machen könnte!«

»Ich mein', man hat schon an einem genug.«

»Freilich, wenn man's nicht verspielt hat ... man lebt doch nur einmal!«

»Ja, auf dieser Welt, aber auf der andern geht's wieder frisch an.«

»Ich mein's auch auf dieser Welt. Schau, es ist doch hart, wenn man das ganze Leben verspielt hat, wenn man so hineingeplumpst ist und weiß nicht, wie und warum. Soll man das hinnehmen und nicht mehr ändern? Wir sind beide so hineingeplumpst.«

»Wer?«

»Wie ich Soldat gewesen bin, da hab' ich den alten Kammerdiener vom hochseligen König kennen gelernt, er hat Freude an mir gehabt und hat mich nach und nach eingeschoben, er hat schon gewußt, warum. Ich hab' gemeint, wunder was für ein Glück ich mache, daß ich seine Tochter heirate; ich hab's zu spät gemerkt, es ist eine kranke bissige Person, die keinen guten Blutstropfen im Leib hat. Soll ich jetzt mein Leben verspielt haben und keine Lieb' mehr auf der Welt, weil ich mich so verunschickt habe? Und du auch. Du und ich, wir zwei – aber warum soll's jetzt zu spät sein?«

»Du machst schöne Späße, aber sie sind nicht schön; mit so etwas muß man keinen Spaß machen.«

»Ich mach' keinen Spaß. Soll jetzt alle Freude auf der Welt verloren sein, weil wir dumm gewesen sind? Da wären wir zweimal Narren.«

»Ich seh', du sprichst ernst.«

»Ja freilich,« sagte Baum, und seine Stimme zitterte.

»So? Da will ich dir auch was sagen. Wie kommst denn du dazu, meinen Hansei zu beleidigen? Wenn's auch so wäre, aber es ist nicht so, wenn's aber so wäre, was meinst du? Wenn du auch schöner wärst oder manierlicher, bist's aber nicht, das will ich dir gerad heraus sagen, aber sei's meinetwegen, das geht mich nichts an; einen Braveren als meinen Hansei gibt's nicht, und wenn's auch einen gibt, geht er mich nichts an; wir haben einander und wir gehören einander. – Gelt, du hast nur Spaß gemacht? Freilich, einen blitzdummen. Sag's, daß du nur Spaß hast machen wollen. Ich könnt' sonst ja kein Wort mehr mit dir reden. Und jetzt gute Nacht!«

»Nein, bleib noch! Daß du so brav bist, jetzt gefällst mir noch einmal. Wenn ich auch so eine Frau hätt'.«

Es war eine mächtige Erregung über Baum gekommen. Er hatte anfangs mit den guten Worten nur gespielt, aber allmählich hatte seine Stimme einen bewegten, zum Herzen sprechenden Ton.

»Ich will dir was geben,« sagte Walpurga und legte die Hand auf seine Schulter.

»Was denn? Einen Kuß?«

»Geh, schwätz nicht so. Du bist jetzt so ordentlich gewesen. – Nein, ich will dir was von meiner Mutter geben. Die sagt immer: wer nicht mit dem zufrieden ist, was er hat, der wäre auch nicht mit dem zufrieden, was er haben möchte.«

»Und das hast du von deiner Mutter?«

»Ja, und die hat noch viele so gute Worte und das freut mich, daß du dich da dran halten kannst. Wirst sehen, es thut dir gut.«

»Jawohl! – Jetzt gib mir aber auch nur einen einzigen Kuß dafür, weil ich so brav bin.«

»Ein närrischer Kerl,« lachte Walpurga. »Jetzt will er brav sein und will gleich dafür was Schlechtes. Und wenn du mir das ganze Schloß schenkst, mit allem, was drin, und noch sieben Schlösser dazu, ich bin eine verheiratete Frau und gebe keinem andern Mann einen Kuß. Eine Hand geb ich dir, da, und jetzt gut' Nacht.«

Mit dem Gelöbnis, daß man gut Freund bleibe, trennte man sich.

Walpurga traf Mamsell Kramer in schweren Sorgen, denn das Kind jammerte und schrie. Erst der Gesang Walpurgas beruhigte es.

Unterdessen kehrte Baum wieder ins Schloß zurück. Er biß die Lippen zusammen und dachte in sich hinein: es ist doch ein einfältiges, stockiges Ding, solch ein Bauernweib. Aber schön ist sie. Ich kann warten. Ich kenne den langen Weg. Sie wird schon kirre werden.

Viele Tage ging Walpurga an Baum vorüber, ohne aufzuschauen; auch Baum hielt sich zurück, Endlich aber, als er sie einmal wieder auf der Bank traf, sagte er rasch im Vorübergehen:

»Just bös brauchst du mir nicht zu sein. Ich wüßte nicht, daß ich dich beleidigt hätte; wenn ich's aber doch gethan habe, so verzeih mir's.«

Walpurga sah wieder frei auf. Baum nickte und ging rasch von dannen.

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