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Auf der Höhe Band I

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Band I - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Band I
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zwölftes Kapitel.

»Mir fehlt was, mir ist's immer, als ob mich jemand rufe und ich mich umsehen müßte. Die Gräfin denkt gewiß viel an uns. Ach, das ist doch das beste Herz von der Welt.«

So klagte Walpurga noch viele Tage, nachdem Irma abgereist war, während man im Schlosse kaum mehr an sie dachte. Ist ein Mensch fort, gestorben oder verreist, alsbald rückt ein andrer an seine Stelle, hier gibt es keine Lücken und keine Sehnsucht. Man lebt ja immer Weltgeschichte und die Weltgeschichte steht nicht still.

Mamsell Kramer setzte jetzt den Schreibunterricht bei Walpurga fort, und diese verstand sie nicht, als sie sagte:

»Die vornehmen Herrschaften fangen gern allerlei Dinge an, aber fertig machen müssen wir's. Ich habe schon manche Stickerei vollendet, an der die Hand, die dafür geküßt wurde, kaum ein paar Stiche gemacht. Das ist aber so in der Ordnung.«

Bei Mamsell Kramer war alles in Ordnung, was die Vornehmen thaten, und dabei hatte sie die Gewohnheit, vor Untergebenen nicht deshalb zu sprechen, damit sie von ihnen verstanden werde, sondern nur, damit sie es gesagt habe.

Das Kind gedieh. Tag auf Tag verging in stiller Regelmäßigkeit und nun erhielt Walpurga den höchsten Ersatz für Gräfin Irma: es war der Königin gestattet, die Amme und das Kind täglich mehrere Stunden um sich zu haben.

Während Irma draußen in der Welt, wo sie Ruhe und Friede suchte, immer mehr das Chaos fand, war der Königin hier alles Dasein wie durchleuchtet. Sie hatte die Wirrnisse des Lebens auch neu und schwer kennen gelernt, jetzt war sie wieder vollauf eins und gesund. Sie betrachtete das Kind, und wenn sie sprach, faltete Walpurga oft die Hände und hörte still zu; sie verstand nicht alles, aber sie fühlte, was sich hier bewegte. Die Königin tröstete den Leibarzt über sein Familienleid und stellte den Trost vor, den die Mutter in einem Kinde habe; wenn die Welt auch noch so sehr voll Widersprüche und Rätsel sei, in jedem Kinde sei von neuem die Möglichkeit der reinen Menschheit, der höchsten Erlösung gegeben.

Die Königin schaute dabei nach dem Kinde um, das laut lallend in der Wiege lag, und Walpurga sagte mit leiser Stimme:

»Schauen Sie, unser Kind lacht! Heut zum erstenmal. Es ist ja heut sieben Wochen alt.«

»Und ich habe das erste Lächeln des Kindes gesehen, und sein Vater ist nicht da.«

»Machen Sie kein so ernstes Gesicht,« bat Walpurga, »lachen Sie weiter, dann lacht es auch weiter und alle Ihre guten Blicke bleiben ihm im Gesichte stecken.«

Das Kind lächelte fort und fort, bis der Arzt die beiden Frauen bat, es nun nicht weiter aufzuregen: aber Walpurga habe recht, wenn man einen Säugling oft recht freundlich ansehe, präge man ihm eine freundliche Miene ein.

Fortan sah das Kind keinen trüben Blick seiner Mutter mehr.

Walpurga konnte geläufig und fortgesetzt nur von Personen sprechen. Auch hier war daher Gräfin Irma mehrfach Gegenstand der Unterhaltung. Das war indes auch bald erschöpft, und wenn dann die Königin sagte: »Warum sprichst du nichts? Ich höre, du könntest doch so gut zu dem Kinde sprechen und allerlei Uebermut mit ihm treiben« – da blieb Walpurga beharrlich still.

Die Königin ließ sich die ganze Lebensgeschichte der Walpurga erzählen. Sie mußte viel fragen, denn Walpurga konnte nicht in einem Zuge forterzählen, sie hatte sich noch nie ihr Leben vergegenwärtigt; das war eben so fortgegangen, man braucht sich nicht darüber zu besinnen; und sie war noch ängstlich dazu, es war ihr, als stände sie vor Gericht.

»Wie bist du denn zu deinem Manne gekommen? Und hast du ihn recht lieb?«

»Freilich, er ist ja mein Mann! Und in dem ist kein böser Blutstropfen. Ein wenig unbeholfen, ich meine ungeschickt ist er, aber nur vor den Leuten; er ist nicht viel unter Menschen gekommen; er ist in einem einschichtigen Hause aufgewachsen und hat bis in sein zweiundzwanzigstes Jahr nichts vor sich gesehen, als eben Bäume, die man umhackt; aber ihm ist keine Arbeit zu schwer, und wo man ihn hinstellt, macht er seine Sache recht. Und er ist gar nicht so dumm, im Gegenteil; aber vor der Welt gibt er's nicht her, mit mir allein kann er alles ganz ordentlich auslegen, und das ist ihm genug, daß ich weiß, daß er ein rechter Mann ist. Mein Hansei braucht lang, bis er sich besonnen hat, dann hat er sich aber auch richtig besonnen. Sehen Sie, Frau Königin, ich hätt' einen viel gewitzigteren haben können. Mein Gespiel hat einen Jäger, und der Kamerad von dem ist mir lang nachgelaufen, aber ich hab' nichts von ihm gewollt, das ist ein Mensch, der doch nur in sich verliebt ist. Er ist einmal mit mir über den See gefahren, und da hat er sich immerfort im Wasser beguckt, wie er aussieht, und hat sich seinen Schnurrbart gezwirbelt und Mäulchen gemacht, und da hab' ich mir gedacht, wenn du goldene Kleider anhättest, dich nähm' ich doch nicht. Jetzt wie mein Vater auf dem See verunglückt ist, da ist der Hansei da und schafft alles im Haus und fährt mit dem Kahn über den See und bringt Fische, und ich und meine Mutter wir haben sie verkauft, und dann ist er in den Wald; mein Vater ist auch Holzknecht und Fischer gewesen; und so ist gewiß ein halbes Jahr lang der Hansei da, es hat ihn keines heißen kommen und keines hat ihn heißen gehen, aber er ist da und ist rechtschaffen und brav und hat mir nie ein uneben Wort gesagt, und da haben wir uns geheiratet, und wir sind gottlob glücklich, und durch unsern Goldprinzen kommen wir jetzt auch noch zu Vermögen; wir haben's schon. Und es ist keine Kleinigkeit, daß ein Mann seine Frau auf ein Jahr lang fortgibt. Aber mein Hansei hat nicht viel Worte davon gemacht; wenn etwas recht ist und sein muß, da nickt er nur mit dem Kopf, so – ganz stark – und dann geschieht's. Verzeihen Sie, Frau Königin, wenn ich so all das dumme Zeug hererzähle, aber Sie haben's ja gewollt.«

»Nein, es freut mich herzlich, daß es einfach glückliche Menschen auf der Welt gibt. Die Weltklugen halten sich für unendlich weise, wenn sie sagen: es gebe keine einfach glücklichen Menschen, und die auf dem Lande seien gar nicht so brav, wie wir uns denken.«

»Nein, das sind sie auch nicht!« fiel Walpurga heftig ein. »Es gibt gar nichts Schlechteres, als die Menschen bei uns sind. Brave gibt's natürlich auch, aber schlechte und neidische und diebische und liederliche und verdorbene und gottlose, alles sind sie, und die Zenza und der Thomas, die gehören zu den Schlechtesten und ich kann nichts dafür.«

Walpurga meinte, die Königin müsse auch von der Begnadigung wissen, und man sollte ihr nicht nachsagen, daß sie nicht die Wahrheit bekannt.

Die Königin war betrübt über die Heftigkeit und die schweren Anklagen, die Walpurga gegen ihre Heimatsgenossen vorbrachte.

Nach einer Weile sagte sie zu Walpurga:

»Man sagt mir, du kannst so schön singen; sing mir ein Lied, sing es dem Kinde.«

»Nein, Frau Königin, das kann ich nicht; ich thät's ja gewiß gern, aber ich kann nicht und ich weiß nur lauter so dumme Lieder, und von ordentlichen nichts als Kirchenlieder.«

»Singe mir eines von denen, die du dumme Lieder nennst.«

»Nein, ich kann nicht; das sind einsame Lieder.«

»Was ist denn das, einsame Lieder?«

»Ich weiß nicht, man nennt es so.«

»Ich verstehe. Diese Lieder kann man nur singen, wenn man einsam und allein ist?«

»Ja, ja, so wird's sein, die Königin hat recht.«

So sehr sich auch die Königin bemühte, Walpurga zum Singen zu bewegen, sie beteuerte immer, daß sie nicht könne, und zuletzt weinte sie vor Erregung. Die Königin mußte sich Mühe geben, sie wieder zu beruhigen; es gelang ihr, und Walpurga ging mit dem Kinde nach ihrem Zimmer.

Als Walpurga am andern Tage wieder zur Königin gerufen wurde, sagte ihr diese:

»Du hast recht, Walpurga, du kannst mir nicht singen. Ich habe viel über dich nachgedacht. Der freie Vogel auf dem Zweige singt nicht auf Befehl; die freie Natur läßt sich nicht mit Taktstock regieren. Du brauchst mir nicht zu singen, ich verlange es nicht mehr von dir.«

Walpurga hatte sich vorgenommen, heute vor der Königin zu singen, sie hatte sich schon die schönsten Lieder ausgesucht; und nun befahl ihr die Königin geradezu, nicht zu singen, und verglich sie gar mit einem Vogel. Es sind doch wunderliche Menschen, die Menschen im Schlosse.

»Ich höre,« sagte die Königin weiter, »man glaubt bei euch noch an die Seejungfrau. Glaubst du auch daran?«

»Glauben? Ich weiß nicht, aber man erzählt's so. Und mein Vater hat sie noch gesehen, drei Tag vor seinem Tod, und da war's sicher, daß er hat sterben müssen. Man sagt auch, daß es die Waldeckerin sei.«

»Wer ist denn die Waldeckerin?«

»Das ist die Frau vom Wörth.«

»Was ist denn Wörth?«

»Ein Stück Land mitten im See und ringsum Wasser.«

»Also eine Insel?«

»Ja, Insel, so heißt man's auch.«

»Und was ist denn das mit der Waldeckerin?«

»Da ist einmal vor vielen tausend Jahren ein Mann gewesen und der war ein Ritter mit Namen Waldeck, und der war ein Kreuzfahrer. Er ist mit vielen Kaisern und Königen ins gelobte Land gezogen zum Grab unsers Heilandes, und hat seine Frau daheim gelassen und hat ihr gesagt: Du bist brav und bleibst mir treu. Und wie er nach vielen Jahren heimgekommen ist, ganz schwarz verbrannt von der Sonne im Morgenland, hat er seine Frau angetroffen mit einem andern. Und da hat er den Mann und die Frau gebunden und in einen Nachen gelegt und hinübergeführt auf das Wörth, und dort hat er sie liegen lassen. Und sie haben gelegen und haben nichts zu essen und nichts zu trinken gehabt, und sind gebunden gewesen, und da sind sie Hungers gestorben, und die Vögel aus der Luft haben sie gefressen. Recht ist den Ehebrechern schon geschehen, aber grausam ist's doch. Und jetzt sieht man in den Losnächten manchmal ein blaues Flämmchen auf dem Wörth, und man sagt, die Seele von der Waldeckerin sei in eine Seejungfrau gefahren, und die muß umgehen.«

So erzählte Walpurga.

»Ich hab Sie doch nicht schauern gemacht?« fragte sie besorgt, als sie den starren Blick der Königin bemerkte. »Man erzählt's eben nur so.«

»Nein, nein, du brauchst nicht ängstlich zu sein,« erwiderte die Königin. »Es geht mir eben vielerlei durch den Kopf.«

»Kann mir's denken, bei einer so großen Haushaltung in dem Schloß mit den vielen Menschen; da ist's schwer, Hausfrau zu sein.«

Die Königin lachte laut auf.

Walpurga wußte gar nicht, was da lustig und wunderlich sei, aber sie ließ sich's gefallen. So viel merkte sie aber doch: alles, was sie sagt, wird berufen. Es kam eine eigentümliche Verschüchtertheit über sie, die plötzlich wieder zu gewaltsamer Ausgelassenheit wurde; sie gefiel sich manchmal in Absonderlichkeiten; solche wurden ja immer belächelt. Je mehr sich die Königin bemühte, immer einfach natürlich sich zu geben, um so gemachter und gezierter wurde nach und nach Walpurga; sie kopierte sich selbst und ihre ehemalige harmlose Natürlichkeit; ihre ungeheuerlichen Wortverbindungen, mit denen sie das Kind liebkoste, brachte sie jetzt gern vor, wenn sie wußte, daß sie von der Königin gehört werde; ja sie fing einmal von selber an zu singen, und als sie geendet hatte, schaute sie nach der Königin und war sehr verwundert, fast beleidigt, daß diese gar nichts sagte. Hatte sie denn nicht schön gesungen?

Die Königin aber glaubte nichts sagen zu dürfen, um ihre Unbefangenheit nicht zu verscheuchen.

So war nur ein wundersames Widerspiel zwischen den beiden Frauen. Sie gaben sich Mühe, einander menschlich nahe zu kommen, und gingen doch verschiedene Wege auseinander.

Ein großer Tag kam. Die Königin fuhr zum erstenmal aus und nahm Walpurga und den Kronprinzen mit in dem Wagen.

»Unter freiem Himmel sind Sie doch noch tausendmal schöner. Ich hab's in den halbdunkeln Stuben gar nicht so gewußt, wie schön Sie sind, Frau Königin,« sagte Walpurga, und die Königin sagte in französischer Sprache etwas zu der neben ihr sitzenden Oberhofmeisterin.

Da sagte Walpurga: »Darf ich etwas bitten, gnädige Königin?« »Jawohl, sag's nur!«

»Ich mein', es schadet dem Kind, wenn man so vor ihm welscht. So eine junge Seele versteht's schon, wenn sie auch nichts kundgeben kann, und da mein' ich, verwirrt man ihm sein kleines Hirn. Ich weiß nicht recht, wie ich's sagen soll, aber ich spür's selber, ich spür's im Kopf, und was ich spür', das spürt mein Kind auch.«

»Sie hat recht,« sagte die Königin zur Oberhofmeisterin, »ein Kind sollte, bis es selbst vollkommen sprechen kann, keinen fremden Laut hören als seine Muttersprache.«

»Ja, Muttersprache,« rief Walpurga, »sehen Sie, Sie haben's getroffen! Es ist mir auf der Zunge gelegen, ich hab's aber nicht gewußt. Das ist's! Ich bin doch auch so – man kann doch sagen: die Mutter von dem Kind, und drum – nicht wahr?«

»Jawohl, du sollst alles Recht haben. Ich bitte, liebe Brinkenstein, dafür zu sorgen, daß vor dem Prinzen nicht mehr anders als deutsch gesprochen wird. Es kann niemand ahnen, welche Laute sich jetzt schon in die Seele senken, die noch im Halbschlummer liegt.«

Walpurga war glücklich. Nun wird in ihrem Beisein doch nicht mehr gewelscht; denn wo das Kind ist, da ist auch sie.

Mamsell Kramer erfreute sie noch mit der Nachricht, daß man in den nächsten Tagen aufs Land, das heißt nach der Sommerburg, übersiedle.

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