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Auf der Höhe Band I

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Band I - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Band I
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
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Drittes Kapitel.

Die Glocken tönten hell und widerhallten von den schroffen Bergen, die Schallwellen flossen hin über den ruhigen Spiegel des weiten grünen Bergsees, drin sich die bewaldeten Berge und Felsspitzen und der Himmel drüber klar nachbildeten.

Aus der einsam stehenden Kirche am obern Ende des Sees strömten die Menschen heraus; die Männer setzten die grünen mit Spielhahnfedern gezierten Hüte auf, holten die Tabakspfeifen aus der Tasche und schlugen Feuer; die Frauen putzten an sich herum, rückten an den spitzen grünen Hüten, glätteten die Schürzen, knüpften die weitflatternden Enden der seidenen Tücher von neuem. Noch hinter den alten Frauen, die die letzten in der Kirche sind, kam ein schönes junges Paar, die Frau hoch gewachsen und umfangreich, der Mann schlank und knorrig wie eine Tanne. Man sah ihm die rauhe Arbeit der Woche an; er setzte sich den Spitzhut, an dem kein Jägerzeichen war, etwas schief auf den Kopf, zog die Joppe aus und legte sie über die Schulter und schmunzelnd – das Schmunzeln in diesem wetterharten Gesicht war gar sonderbar – sagte er:

»Siehst du, daß es so besser ist? So kommst du nicht ins Gedränge.« Die junge Frau nickte beistimmend.

Eine Gruppe von Frauen und Mädchen schien auf die letztere gewartet zu haben; eine ältere Frau sagte:

»Walpurga, das hättest nicht thun sollen: jetzt, wo du nicht weißt, wann deine Stunde kommt, den weiten Weg zur Kirche gehen; man kann sich auch im guten versündigen.«

»Das schadet mir nichts,« entgegnete die junge Frau.

»Und ich habe heute für dich gebetet,« sagte ein junges, trotzköpfiges Mädchen, das einen frischen Blumenstrauß an der Brust trug. »Wie der Pfarrer das Gebet für die Königin gesprochen hat, daß ihr Gott in der schweren Stunde beistehen möge, da hab' ich gedacht: was geht mich die Königin an? und für die beten auch schon Leut' genug im ganzen Königreich. Ich hab' an dich gedacht dabei, und hab' Amen Walpurga! gesagt.«

»Stasi, du hast's gewiß gut gemeint,« wehrte Walpurga mit treuherziger Stimme ab, »aber ich will kein Teil haben an dem. Das darf man nicht; man darf kein Gebet verdrehen.«

»Recht hat sie,« bestätigte die Alte, »das wär' ja, wie wenn man einen falschen Eid schwört.«

»So soll's meinetwegen nichts gelten!« rief das trotzköpfige Mädchen.

»Es muß doch was Schönes sein,« fuhr die Alte fort und faltete die Hände, »eine Königin zu sein. In dieser Stunde wird in allen Kirchen von Millionen und Millionen Menschen für sie gebetet. So ein König und eine Königin, die müssen ganz schlechte Menschen sein, wenn sie nicht brav sind.«

Die Alte war die Wehmutter, sie durfte immer sprechen, und alles hörte ihr geduldig zu. Sie geleitete den Mann und die Frau noch ein Stück Wegs und gab genau an, wo sie in den nächsten Tagen zu jeder Stunde zu treffen sei. Dann ging sie abseits bergan nach ihrem Hause. Auch die andern Kirchgänger zerstreuten sich nach den einzelnen Gehöften, die Kinder gingen überall voran, die Eltern hinterdrein; dort wanderte noch eine Gruppe Mädchen, sie führten einander am kleinen Finger und hatten sich gar viel zu erzählen; aber nun stoben sie auch auseinander, jedes zu den Seinigen.

Das junge Paar war allein auf der Straße, die Mittagssonne blinkte hell wieder im See.

Es war fast noch eine Stunde Wegs bis zum Hause des jungen Paares, und kaum waren sie einige hundert Schritte miteinander gegangen, als die Frau sagte:

»Hansei, ich mein', ich hätt' die Annamirl nicht fortlassen sollen.«

»Ich will ihr schnell nachrennen, ich kann sie noch einholen!« rief der Mann.

»Um Gottes willen nicht,« hielt ihn die Frau an, »dann bin ich ja ganz allein hier auf der Landstraß'. Bleib da, es wird schon vorübergehen.«

»Wart einen Augenblick, halte dich an dem Baum! So!«

Wie im Fluge rannte der Mann in die Wiese hinein, holte einen Arm voll Heu, legte es auf den Steinhaufen am Wege und setzte seine Frau darauf.

»Es wird mir schon besser,« sagte die Frau.

»Sprich jetzt nicht, ruh dich aus. O lieber Gott, wenn nur jetzt ein Wagen käme, aber weitum sieht man keinen Menschen und kein Vieh. Ruh dich nur aus, dann trag' ich dich heim, du bist mir nicht zu schwer, ich hab' schon schwerer getragen.«

»Am hellen Tag willst mich tragen?« lachte die Frau, und sie lachte so mit ganzer Seele und ganzem Körper, daß sie sich mit der Hand auf den Steinhaufen stützen mußte. »Du guter Kerl, ich dank' dir. Ist aber nicht nötig, ich kann schon wieder gehen.« Sie stand rasch auf. Das Antlitz des Mannes strahlte von Glück.

»Gottlob! Da kommt wie gewunschen der Doktor!« rief er.

Der Arzt aus dem benachbarten Städtchen kam eben um die Ecke gefahren; Hansei zog den Hut ab und bat, seine Frau aufzunehmen. Der Arzt willigte gern ein, aber Walpulga wollte nicht einsteigen. »Ich bin mein Leben lang noch in keiner Kutsche gefahren,« wiederholte sie.

»Man muß alles zum erstenmal probieren,« lachte der Doktor, und half ihr in die offene Kalesche; er gestattete auch dem Mann, daß er aufsteige und sich auf den Bock setze, aber der Mann verneinte entschieden.

»Ich will nur im Schritt fahren,« sagte der Doktor.

Hansei ging neben dem Wagen her, immer glücklich auf seine Frau schauend.

»Jetzt noch zweitausend Schritt – jetzt noch tausend – noch so viel und so viel,« sagte er im Gehen fast laut vor sich hin, und sah mit Dankesblicken auf den Doktor und auf die Kutsche, die so gut ist, daß sie seine Frau einsitzen läßt, und auf das Pferd, das sie so geduldig zieht; er wehrte dem braven Tiere die Bremsen, die es noch plagen wollen.

»Dein Hansei thut dem Pferde Gutes,« sagte drin in der Kutsche der Doktor zur jungen Frau. Sie antwortete keine Silbe, und der Doktor betrachtete mit Wohlgefallen den Mann, den er längst kannte, er war ja Holzknecht im königlichen Forste. Hansei hielt noch immer den Hut in der Hand und wischte sich manchmal mit dem Aermel den Schweiß ab. Er hatte ein gebräuntes, ausdrucksloses Gesicht, und trug keinen Schnurrbart, denn er war nicht Soldat gewesen; von den Schläfen herab rahmte ein zottiger Bart das längliche Gesicht ein, dessen Stirne noch größtenteils von dichten blonden Haaren bedeckt war; die kurzen Lederhosen zeigten die mächtigen Kniee, die mit Zwickeln gestrickten Wadenstrümpfe waren gewiß ein Geschenk der Frau, die schweren, nägelbeschlagenen Schuhe hatten schon manchen Berggang mitgemacht. Hansei schritt rüstig neben dem Fuhrwerk her, und endlich rief er: »Gottlob, wir sind da!«

Das Häuschen lag am See, von einem Gärtchen umgeben; am Zaun stand eine Alte und rief entgegen: »So? gefahren kommst auch noch?«

»Ja, Mutter!« antwortete die Frau, und mit tausend Dank verabschiedete sie sich beim Doktor; Hansei streichelte das Pferd zum Dank, daß es die Frau so gut dahergebracht.

»Jetzt geh' ich aber gleich zur Annamirl,« sagte er vor der Thür; »haltet mir was zu essen warm.«

»Nein, wir wollen miteinander essen, ich hab' auch Hunger,« rief die Frau, und legte Gesangbuch, Jacke und Hut ab. Sie war schön, ein volles, rundes, hellblühendes Antlitz, das mächtige blonde Zöpfe um die Stirne einrahmten. Sie zwang sich, zu Tische zu sitzen und aß gemeinsam mit Mann und Mutter. Aber mit dem letzten Bissen im Munde machte sich der Mann auf den Weg.

Es war höchste Zeit, daß die Annamirl kam. Bevor die Hühner sich aufsetzten, war es da, das Sonntagskind, ein schreiendes, blondköpfiges Mädchen.

Hansei wußte gar nicht, was er anfangen solle vor lauter Freude – er hatte doch eigentlich nicht ordentlich zu Mittag gegessen, er hatte die rechte Ruhe nicht gehabt, wie er sie brauchte, und wie lang ist's her, daß er gegessen hat! Das war ja damals, als er noch nicht Vater eines schreienden Kindes war, da liegen ja Stunden dazwischen, die sind jahrelang! Er schnitt sich ein groß Stück Brot ab, aber draußen, wo die Vögel so lustig zwitscherten, und besonders die Stare gar so zutraulich waren, rief er: »Da, ihr sollet auch was haben! ihr sollet auch wissen, daß ich Vater bin, und Vater von einem Sonntagskind!« – Er bröckelte ihnen alles Weiche vom Brote hin, und die Rinde warf er in den See und rief: »Da, ihr Fische, ihr ernährt uns, heute will ich euch nähren!« – Er hätte gern der ganzen Welt etwas zu gute gethan, aber es war nichts mehr da, das etwas von ihm wollte, und er weiß gar nicht, wohin er sich thun soll. Halt! da steht die Leiter am Kirschbaum; er steigt hinauf, bricht Kirschen und ißt sie, und ißt immer fort und vergißt sich ganz, und es ist ihm, wie wenn er sie gar nicht selber esse, sondern jemand anderm zu essen gäbe, und er weiß gar nicht mehr, wo er ist, und wer er ist, und er meint, er könne zuletzt gar nicht mehr vom Baum herunter, er ist wie auf den Baum verhext. Am Hause vorbei ging die Telegraphenleitung, die Drähte streiften fast den Kirschbaum. Hansei sah den Telegraphen an, als wollte er ihn beauftragen: du, sag's der ganzen Welt, ich bin Vater geworden. Er freute sich, daß die Schwalben und Stare so gern auf den Drahten sitzen und nickte ihnen zu: laßt euch nicht stören, ich thu' niemand was!

Und so brach er Kirschen, und so schaute er hinaus, wer weiß wie lang.

Da ruft die Großmutter aus dem Fenster: »Hansei, sollst zu deiner Frau kommen!«

Er ist schnell herunter, und wie er zu ihr eintritt, lacht sie laut auf, denn er hat einen schwarzblauen Mund und ist blau und rot im Gesicht vom Kirschsaft.

»So? du hast genascht?« rief die junge Mutter. »Laß mir auch noch ein paar Kirschen auf dem Baum.«

»Ich thue dir die Leiter in die Stube, daß ich nicht mehr hinauf kann,« und es gab viel Lachen in dem kleinen Häuschen am See, bis Mond und Sterne darauf niederblickten. Heute brannte die ganze Nacht Licht im Stübchen; die junge Mutter schlief bald ruhig und glückselig, nur das Sonntagskind gluckste manchmal, ließ sich aber bald wieder beruhigen.

Die Großmutter allein wachte: sie hatte sich nur zum Schein niedergelegt, stand aber bald wieder auf und saß auf einem Schemel an der Wiege des Neugeborenen.

Ein glänzender Stern steht über der Hütte. Er flimmert und glitzert, und drin in der Hütte liegt ein Glanz auf dem Antlitz einer Mutter, eine Wonne, so unfaßbar, wie der Glanz am Stern da droben – ein Menschenkind ist Mutter eines Menschenkindes, und ein Auge wacht und sieht es, es ist das Auge der, aus der dies Leben und das andre daneben hervorgesproßt. In der stillen Luft ist es wie Singen und Klingen aus ewigen Harfen, und in der Stube bis an die Decke ist es, als ob Engelsköpfe überall schwebten und lächelten.

Die alte Großmutter sitzt, das Kinn in die Hand gestützt, und schaut drein; in ihr Antlitz leuchtet der Glanz vom Sterne am Himmel, und zum Stern hinauf leuchtet ihr Auge. Sie ist wie hinausgehoben über die Welt und hält den Atem an; die Glorie des Höchsten hat sich niedergesenkt in die Hütte und umstrahlt das Haupt von Großmutter, Mutter und Kind.

»Mutter, wie glitzerig scheinen die Steine!« sagte die junge Mutter einmal erwachend.

»Und sie scheinen auch, wenn du die Augen zumachst und schläfst. Schlaf nur wieder!« erwiderte die Großmutter.

Wieder war alles still, bis der helle Tag erwachte.

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