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Auf der Höhe Band I

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Band I - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Band I
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel.

Der König hatte in der Unterhaltung mit seiner Gemahlin große Selbstbeherrschung angewendet. Jetzt in Einsamkeit empfand er, daß ihre Mitteilung ein schlummerndes Mißgefühl erweckt hatte.

Der König liebte seine Gemahlin, er liebte sie aufrichtig, aber er war – es ist ihm oft genug gesagt – eine heroische Natur und wollte es sein. Nur nichts Kleinliches, nichts Selbstquälerisches und Empfindsames. Er hatte das Bestreben, sein Land glücklich und seinen Namen geschichtlich zu machen. In einer Zeit ruhiger Entwicklung und friedlicher Arbeit aller Staatsangehörigen für das Gemeinwesen war keine Gelegenheit für heroische Thaten – es ließ sich nichts überraschend Neues schaffen; das Gewordene muß erhalten, das Werdende zu ungehemmter Entwickelung gebracht werden; dabei wird viel Arbeit vieler Menschen namenlos aufgesaugt. Der König baute daher gern. Das Entstehen von großen Gebäuden für Kunst, Wissenschaft, Kirche und Militär stellte sich doch als sichtbares Ergebnis eines ins Große strebenden Willens dar.

Der König liebte seine Gemahlin. Das ist etwas, wofür nichts zu thun ist, es lebt sich ruhig fort; aber die Königin will immer etwas Neues darin schaffen, will Dokumente geben – gewiß, ihre tiefe Innigkeit ist nicht zu verkennen, sie zeigt sich jetzt wieder in diesem an und für sich guten, aber in der Ausführung unmöglichen und überspannten Entschlusse. Die Königin idyllisiert alles, das ist der gerade Gegensatz gegen das Heroische, und wie ein Sinnbild ging es ihm auf: sie hat beständig Dämmerlicht in ihren Gemächern; er aber liebte das volle Licht; er mußte sich immer erst zurechtfinden in diesem Halblicht, und wenn er herauskam, war es ihm neu, daß voller Tag ist. Dies Abmühen mit Religionsfragen, die nicht gelöst werden können, dies ständige Aufregen des Gemütslebens – es hindert die entschlossene That. Soll man im Leben feststehen, zumal als König die weitumfassenden, vielverzweigten Thätigkeiten der Menschen beherrschen, so darf man keinerlei Privatgrübeleien mehr haben, ja alles Gemütsleben mich unter geordnet werden.

Die Königin will Mutter und Gattin in der höchsten Weise sein, aber sie müßte auch Königin sein. Nicht diese ewige Kleinmacherei, dieses tägliche, wenn auch noch so sinnige Kranzbinden. Und diese Liebe ist dabei doch anspruchsvoll, will bezahlt, vergolten sein, immer verdient durch beständige Aeußerungen der Gegenliebe. Das hat etwas Ausschließliches und Lästiges zugleich. Die Sonne scheint, die Liebe ist da – was soll dies ewige Abarbeiten? Während die Königin in ihrer Isolierung sich zu einer Steigerung ihrer Empfindung brachte und eine entsprechende That vollziehen wollte, hatte sich im König eine Isolierung andrer Art vorbereitet, und dieser Versuch des Religionswechsels – er darf unbedingt nicht mehr sein als ein Versuch, sagte sich der König – hatte diese Isolierung in ihm vollzogen.

Der König saß still in seinem Kabinett. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, da ihm der Gedanke durch den Kopf fuhr, wie es wäre, wenn eine großgesinnte, das Leben beherrschende Gattin ihm zur Seite stände. Er wollte das nicht denken, er hatte es nicht gedacht. – Er befahl, daß der Leibarzt zu ihm komme. Die Sache muß rasch erledigt werden.

Der Leibarzt trat ein.

Der König forschte zuerst behutsam, ob dieser Vertraute der Königin nichts von dem Vorgange wußte, dann teilte er ihm geradezu das Vorgefallene mit, natürlich zu strengster Geheimhaltung.

Der König stutzte, da der Leibarzt sehr höflich, aber auch sehr bestimmt statt für das Vertrauen Dank zu bezeigen, eine Ablehnung aussprach.

»Ich würde es vorziehen, Majestät,« sagte er, »wenn mir Geheimnisse oder Störungen, bei denen ich nichts mitwirken kann, gnädigst vorenthalten würden.«

Der König sah staunend drein. Dieser Mann bleibt der ewig Starre, seine Würde Wahrende.

»Ich wollte Sie ja eben fragen,« sagte der König und sein Ton war herb, »ob Sie sich in dieser Sache eine Einwirkung auf die Königin zutrauen?«

»Ich nicht, wenn aber Eure Majestät sie mir zutrauen, bin ich bereit, den Versuch zu machen.«

»Thun Sie das!«

»Ihre Majestät die Königin wird aber dadurch verletzt werden; ich kenne ihre Sinnesweise – die Sache verliert ihr den Duft der Unberührtheit, wenn sie hin und her besprochen wird.«

»Das wäre gut! Das wäre zweckmäßig!« sagte der König schnell. »Diese Schwärmerei wird vielleicht dadurch am besten geheilt, und in unsrer Zeit wird ja alles debattiert. Ihre Freunde in der Abgeordnetenkammer debattieren alles – so mag auch das –«

Die gemischte Stimmung des Königs gegen den Leibarzt kam in unbewachten Momenten zu Tage. Es war eine beständige Unzuträglichkeit, daß der Leibarzt sich zwar nie vordrängte, aber so oft er in eine Erörterung gezogen wurde, immer mit gleicher Entschiedenheit sich in religiösen und politischen Dingen zum Freisinn bekannte. Dennoch mochte man ihn nicht entbehren. So unbequem oft auch seine Art und Weise, er stand bei dem König in hoher Schätzung und stand so hoch in der Wissenschaft und in der Achtung des Landes, daß es einen besondern Glanz auf den Hof warf, einen Mann von anerkanntem Freisinn in der nächsten Umgebung des Königs zu wissen.

Der König gab nun dem Leibarzt den förmlichen Auftrag, auf die Königin einzuwirken, daß sie von ihrem Entschlusse zurücktrete.

Die Aufgabe war schwer.

Die Königin hatte noch immer dem bewährten Freunde alles anvertraut, jetzt kam er mit ihrem Geheimnis, das ihm ein andrer übergeben.

Günther versuchte es dahin zu bringen, daß die Königin ihm ihren geheimen Entschluß mitteile; aber sie ließ sich nicht dazu herbei, und endlich mußte er selbst davon zu reden anfangen Die Königin war erschreckt.

»Warum that der König das?« sagte sie, und auf ihr Angesicht trat ein tiefschmerzlicher Zug.

»Seine Majestät,« erwiderte der Leibarzt, »traut mir vielleicht noch einige weitere bestimmende Vernunftbeweise zu.«

»Ich kenne die Vernunftbeweise alle,« erwiderte die Königin heftig. »Hier ist etwas, wo kein fremdes Wort, kein fremder Hauch –«

»So werde ich schweigen, Majestät, und bitte, mich zu entlassen.«

»Nein, nein, reden Sie, ich muß Sie hören.«

»Sie müssen nicht –«

»Ach! wollen – müssen! Sie sagen ja immer, wir Menschen haben keinen freien Willen! Bei Fürsten ist das gewiß.«

»Majestät,« begann der Arzt leise, »der hohe Entschluß, den Sie in sich faßten, ist auch nicht ein Akt Ihres Willens, er ist die natürliche und notwendige Folge einer Kette von Ereignissen und Eindrücken, die Ihre Seelendisposition gestalteten. Innige Naturen glauben immer, sich selbst und der Welt nicht genug thun zu können; sie möchten zu jeder Stunde, mit jedem Atemzug ein Glück schaffen, einen hohen Gedanken in der Welt befestigen.«

»Also auch Sie können schmeicheln?«

»Ich schmeichle nie; ich stelle nur die Diagnose, und sie ist gar nicht schmeichelhaft. Diese seelische Ueberfülle ist nicht Gesundheit.«

»Sie halten also meine Stimmung für krankhaft –«

»Wir nennen das nicht so – aber bitte, Majestät! dieser Ton ist uns beiden nicht ...«

»Sprechen Sie. Ich höre Sie gern. Es beleidigt mich nicht, daß Sie davon wissen. Ich betrachte Sie als ein Stück Tag, an dem ich meinen Entschluß wollte reifen lassen.«

»Nun denn, was reifen soll, muß sich auch von der Luftströmung, ja vom Sturm hin und her bewegen lassen. Ich bringe Ihnen keinen Sturm, ich will nicht davon sprechen, daß, wer seine angestammte Religion verläßt, Vater und Mutter beleidigt, und daß die von Jugend an gewohnten Zeremonien die Muttersprache der Seele sind. Das gilt nicht vor dem Geiste. Geist und Vernunft sind Vater und Mutter des bewußten Menschen. Was man erkennt, muß man auch bekennen. Ich mißbillige den Uebertritt aus Erkenntnis nicht. Soviel ich aber weiß, nehmen Sie, Majestät, das Bekenntnis nur äußerlich an – oder auch innerlich, aber nicht um des Bekenntnisses willen, sondern aus Liebe zu Ihrem Gatten. Majestät! Ich selber stehe, wie Sie wissen, auf ganz anderm Grunde. Ich glaube jene Quelle im Paradies zu kennen; dort, wo sie noch eins ist und erst draußen in die Ströme sich teilt, die, wie mein Freund Eberhard, der Vater unsrer Gräfin Irma, sagt, die Predigtmühlen treiben. Sie wissen, Majestät, daß die gleiche Sage, die sich in dem schönsten aller Bücher, in der Bibel, findet, auch in unsrer deutschen Sage sich findet, vom Baume Igdrasil gehen auch vier Ströme aus –«

»Gut, aber bitte, lieber Freund, jetzt keine gelehrten Kuriositäten.«

»Majestät!« nahm der Arzt wieder auf, »verharren wir in unsrer angestammten Religion, so können wir in ihr frei sein, das heißt in unserm Denken über sie hinausgehen; kein Ketzergericht hat mehr Gewalt über uns. Bekennen wir aber eine neue Religion, so haben wir kein Recht mehr, frei zu sein; wir haben die Pflicht, sie zu bekennen! Ein geborner Adeliger kann sich zur bürgerlichen Gleichheit bekennen; einer, der sich adeln läßt, kann das nicht. Und, Majestät, lassen Sie mich noch eines sagen: ich betrachte es als ein Glück für die Menschheit und für unser deutsches Vaterland besonders, daß es keine Konfessionseinheit gibt, dadurch allein ist die Humanität gewahrt, denn wir müssen lernen, daß es verschiedene Formen und Seelensprachen für ein und dasselbe gibt. In der Vielfältigkeit der Konfessionen liegt eine Bürgschaft gegen den Fanatismus, wie weiter hinaus eine Bestätigung, daß die äußere Religionsform gleichgültig, ich meine, daß man in jeder Religion ein rechtschaffener Mensch sein könne und sogar ohne äußere Religion.«

Diese Gedanken noch näher erläuternd, saß der Leibarzt lange bei der Königin.

Während er noch bei ihr war, ließ sich der Domherr melden.

Die Königin ließ sich entschuldigen und ihn auf den andern Tag bestellen.

Dennoch als der Leibarzt wegging, war sie von ihrem Vorhaben nicht abwendig gemacht. Sie blieb dabei, daß dies eine Handlung sei, in die kein andrer Mensch ein Wort dreinreden könne, zumal ein Mann nicht.

Sie war nahe daran, sich Irma anzuvertrauen; sie ist klug und meint es treu mit ihr. Aber eine unüberwindliche Scheu hielt sie davon zurück; sie wollte vor Irma nicht schwach und schwankend erscheinen.

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