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Auf der Höhe Band I

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Band I - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Band I
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel.

»Was nur mit der Königin –«

»Majestät!« ergänzte Mamsell Kramer halblaut.

–»vorgehen muß,« sagte Walpurga, »daß sie seit mehreren Tagen den Prinzen –«

»Königliche Hoheit!« ergänzte Mamsell Kramer.

– »kaum ansieht? Früher, da war sie immer so himmelhoch, so hinaus über alles, wenn sie das Kind gesehen und es ans Herz genommen hat, und sie hat mich einmal gefragt: Walpurga, ist dir's nachher nicht auch so gewesen, wie wenn du wieder ein Mädchen wärst? Ganz frei, los und ledig? Die ganze Welt ist nicht da, nur ich und mein Kind? – Und jetzt, jetzt sieht sie so drüber weg, wie wenn sie's nur einmal geträumt hätte, daß sie ein Kind hat. Es muß Schweres im Herzen einer Mutter –«

»Königlichen!« ergänzte Mamsell Kramer.

– »vorgehn, wenn sie keinen rechten Blick mehr hat für ihr Kind!«

Es ging in der That Gewaltiges vor im Herzen der Königin. Seit Monaten hielt sie ein gesteigertes Empfinden fest, und einen Punkt gab es, den sie selbst vor sich nie mit einem lauten Wort berührte, und um so mehr erschien ihr jede Mitteilung, jede Besprechung mit einem andern als eine Befleckung des reinen Gedankens. Frei aus sich wollte sie ihren Entschluß fassen. Und sie faßte ihn. Seit sie Mutter war, fühlte sie sich wie abgelöst von der Welt. Wenn sie an ihr Kind dachte, und mehr noch, wenn sie es am Herzen hatte, war's ihr, als wäre damit alles erfüllt, niemand geht sie mehr etwas an, sie und ihr Kind sind die Welt und gehören zu einander, sind eins! – Und doch liebte die Königin ihren Gatten von Herzensgrund und ein tiefer Drang regte sich in ihr, noch inniger, noch zugehöriger, in einen einzigen Ton verschmolzen, mit ihm zu leben.

So befestigte sich immer mehr der Gedanke in ihr: es darf in nichts eine Trennung sein. Der Vater, die Mutter und das Kind, sie sind eins, sie beten zu demselben Gotte mit den gleichen Gedanken, den gleichen Worten.

Aus der Isolierung heraus hatte sie das Verlangen, nur noch einiger zu sein mit ihrem Gatten, jetzt, wo sie in die Welt zurückgekehrt, ein neues Fest der Vereinigung mit ihm zu feiern, das höchste.

Da die Königin nur wenig sprechen durfte und keinerlei Unterhaltung pflegte, so ließ sie sich bald nach den ersten Tagen ein Lieblingsbild, eine Madonna von Filippo Lippi dem Jüngern, in ihr dem Dämmerlichte geöffnetes Zimmer bringen. Sie saß dem Bilde stundenlang gegenüber und schaute das Bild an, und das Bild schaute sie an, und die beiden Mütter lebten in der Seligkeit miteinander.

Der Domherr, der sie besuchte, fand die Stimmung der Königin so weihevoll und ihm vertraute sie zuerst mit zitternder Lippe ihr Verlangen, zur Kirche ihres Gatten und ihres Kindes zu gehören. Sie bat, daß man sie nicht mit dogmatischen Unterweisungen plage und fand williges Gehör. Als der Domherr weggegangen, überfiel sie eine Bangigkeit; da geht der Mann, der ihr Geheimnis mit fortnimmt. Er hatte ihr zwar gelobt, sich ihres Vertrauens würdig zu zeigen und nur selbst davon zu wissen, aber es war doch nicht mehr ihr eigen allein.

Bald beruhigte sie ihr Bangen und ihr Antlitz glühte von der Empfindung, daß noch ein Höchstes sei, in dem sie sich mit ihrem Gatten eine und wodurch sie, Mutter geworden, ihm das volle Zeugnis ihrer Liebe geben könne.

Aus der Fülle des Lebens heraus stieg der Gedanke des Todes in ihr auf. Sie ließ ein andres Bild auf die Staffelei vor ihrem Ruhebette setzen. Es war die Maria Aegyptiaca von Ribera.

Der Königin war es oft, als müsse sie den Blick der Büßerin suchen, aber diese sieht nach nichts, sie hört mit den Augen, nicht erschreckt, da ein Engel ihr zuruft, sondern, an himmlische Stimmen gewöhnt, still ergeben, vertraut. Der Künstler hat die büßende Königstochter nicht zerfallen, abgehärmt von ihren Kasteiungen dargestellt, vielmehr liegt die wiedergewonnene kindliche Unschuld und jugendliche Schöne auf ihrem Antlitze. Da kniet sie, nackt, nichts von Menschenwerk ist mehr an ihr, von ihrem langen, rötlichblonden Haare eingehüllt, das bis zum Kniegelenke reicht; sie kniet vor ihrem offenen Grabe, das blaue Auge blickt ins Unendliche, der Mund ist schmerzvoll geschlossen und über ihr schwebt ein Engel, er breitet das Gewand der Barmherzigkeit über sie und ruft: »Dir ist vergeben!« Im nächsten Augenblick sinkt sie versöhnt und verklärt ins Grab.

Die asketische Haltung des Bildes traf in der Stimmung der Königin einen Accord, und der Geistliche fand sie oftmals bis zur Verzückung gehoben.

Der Leibarzt wollte diese stumme Bildergesellschaft nicht dulden, aber er drang weder mit seinem Wunsche, noch mit seinem ausdrücklichen Befehle durch. Zum erstenmal setzte die Königin dem Manne, den sie so hoch verehrte, Eigenwillen und unbeugsamen Trotz entgegen. Als Irma das Bild sah und gleichgültig eine Verzeichnung in der Augenstellung bemerkte, die aber geschickt zu einem absonderlichen Ausdrucke benützt sei, hielt die Königin die Hand aufs Herz: sie war einsam in ihrem Empfinden, sie wollte es sein.

Was indes dem Leibarzt und Irma nicht gelungen war, sollte Walpurga gelingen.

»Ist das ein Wildweib?« fragte sie.

»Was ist denn das?«

»Bei uns daheim erzählt man von Wildweibern, das sind Geister und die laufen in Geisternächten in den Bergen herum, und können sich in ihre Haare einwickeln,«

Die Königin erzählte Walpurga die Legende von der ägyptischen Maria. Das war eine Königstochter, die ein loses Leben geführt; plötzlich verließ sie das Schloß, alle Pracht und alle Lust, ging in die Wüste und nährte sich von Wurzeln und lebte da viele, viele Jahre, bis alle Kleider von ihr abfielen, und als ihre Sterbestunde kam, breitete ein Engel vom Himmel das Tuch der Barmherzigkeit über sie aus.«

»Das ist wohl recht schön und brav,« sagte Walpurga, »aber Frau Königin, nichts für ungut, ich meine, das wäre eine Sünde, sich so ein grausliches Bild immer vor Augen zu stellen. Ich möchte nicht in dem Zimmer schlafen, wo so ein Bild ist; ich meine, das könnte einmal in der Nacht da heraussteigen und auf einen zukommen und einen mit ins offene Grab ziehen. O lieber Gott! Ich fürcht' mich schon am hellen Tag.«

Diese Vorstellungen Walpurgas wirkten; es war der Königin nun in der That, als käme das Bild in der Nacht auf sie zu – sie konnte nicht schlafen – es mußte noch mitten in der Nacht aus dem Zimmer entfernt werden.

Nun trat wieder Ruhe und Gleichmäßigkeit ein, und als die Königin lesen durfte, erhielt sie von dem Geistlichen die entsprechende Lektüre.

Sie lebte allein in diesen Gedanken. Walpurga hatte richtig beobachtet: die Königin sah kaum mehr ihr Kind und doch wollte sie ihm und ihrem Gatten zulieb diesen Schritt thun.

Wenige Tage vor ihrem ersten Ausgang ließ sie den König zu sich rufen und sagte:

»Kurt! Am nächsten Sonntag ist mein erster Ausgang und es soll mein erster Eingang in deine Kirche und die unsers Sohnes sein. Ich bete fortan mit ihm und mit dir vor demselben Altare.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Ich habe gelobt, wenn Gott mir die Gnade schenkt, mich und das Kind gesund zu erhalten, eins zu sein mit euch, in allem. Ich vollführe aber nicht ein unfreies Gelübde, sondern einen freien klaren Entschluß. Ich will dir damit nicht ein neues Zeugnis, nur eine Bewährung, die letzte Besiegelung meiner Liebe geben, – Kurt! Was ich bin und denke, gehört dir; wir sind eins vor der Welt und wollen eins sein vor Gott. Keines geht mehr seine besonderen Wege, keines hat mehr seine besonderen Gedanken. Unser Kind erfährt nichts von einer Trennung der Menschen, vor allem der Menschen, aus denen sein Leben. Ich bin glücklich, dir das nicht als Opfer, sondern als freie Gabe darbringen zu können.«

»Mathilde–« sagte der König, und in seinem Tone lag etwas seltsam Frostiges – »sprichst du diesen Gedanken jetzt zum erstenmal aus oder hast du bereits Vorbereitungen –«

»Ich habe den Entschluß ernst und allein in mir gefaßt, dann erst habe ich ihn kundgegeben und alles ist bereit. Dich wollte ich mit der Thatsache überraschen. Der Domherr meinte, und er wollte fest darauf bestehen, ich sollte dir die Mitteilung in seiner Gegenwart machen; aber das wollte ich nicht.«

»Gottlob!« atmete der König auf, »so kann noch alles wieder gut werden.«

»Wieder? – und gut? –« fragte die Königin.

Der König setzte mit Ruhe auseinander, daß er das Opfer sehr zu schätzen wisse, es aber nicht annehme.

Die Königin wehrte sich gegen die Bezeichnung als Opfer und der König sagte:

»Gut denn! Du kannst schon an mir sehen, wie ein andrer Mensch – und ist er der einzig einige mit dir – deine Handlungsweise anders als du ansehen kann, ansehen muß. Wie viel mehr nun die große Welt, die Höfe, die Unterthanen.«

»Was kümmert uns das Urteil der Welt, wenn wir wissen, daß wir das Rechte thun? Die Welt! Immer die Welt! Sie darf uns nicht zwingen, anders zu sein, als wir sind.«

»Mathilde! Das ist die Stimmung eines Märtyrers, eine erhabene und verehrungswürdige. Mathilde, du bist edel und gut, aber glaube mir: die besten, ja die einzig korrekten Handlungen sind diejenigen, die keiner Erklärung und keiner Entschuldigung bedürfen. Wir sind keine Einsiedler. Deine Motive sind rein, hoch, anbetungswürdig; aber die Welt wird diese reinsten und höchsten Motive nicht verstehen, nicht verstehen wollen. Du kannst der Welt nicht erklären, wie erhaben dein Sinnen, sie würde es nicht fassen; und wir dürfen nichts erklären. Ein Fürst, der seine Handlungsweise erklärt, degradiert sich. Du siehst die Welt mit deinem himmlischen Blicke an; aber in der Welt ist dein himmlischer Blick nicht. Ich möchte dir nicht die Bosheit der Welt aufdecken und dir deine freundliche Lebensbetrachtung verdüstern: bleibe in deinem Glauben an das Höchste, bleibe es aber in der Form deiner Konfession.«

»Und ich soll lebenslang allein dahin, und du mit dem Kinde dorthin gehen?«

»Mathilde! Wir sind nicht Einsiedler, ja, wir sind nicht Privatmenschen. Wir haben eine exponierte Stellung. Ein Fürst, eine Fürstin vollziehen keine Privathandlung –«

»Du meinst, all unser Thun und Lassen ist beispielgebend?«

»Auch das,« erwiderte der König stockend, »auch das; aber ich wollte sagen: was du vollziehst, vollziehst nicht nur du, die Königin vollzieht es. Die Wirkungen gehen hinaus ins Allgemeine. Ich bin glücklich, so geliebt zu werden: glaube mir, du fühlst es, nicht wahr, Mathilde?«

»Sprich nicht davon: das Beste hat man in sich ohne Wort.«

»Nun sieh: die Frau eines Privatmannes kann im stillen eine solche Handlung vollziehen – du nicht: du müßtest die protestantische Hofkirche schließen, du verletztest deine Glaubensgenossen in der Residenz, im ganzen Lande.«

»Ich will aber niemand verletzen, und die Welt kann das Opfer nicht von mir verlangen. Eins sein mit dir, auf Erden und im Himmel, in Zeit und Ewigkeit, ist mein höchstes, mein einziges Trachten.«

»Gut, so versprich mir eines.«

»Was du willst.«

»Versprich mir, daß du mindestens noch einen Monat deinen Entschluß hinhältst. Es gibt Stimmungen, die man nicht zum Lebensgesetz machen darf.«

»Du bist ein hoher Mann,« sagte die Königin, »ich folge dir!«

»Du stehst also ab von deinem Entschlüsse?«

»Nein, ich warte. Es soll kein Entschluß der Einsamkeit, der Verschlossenheit in Gemächern sein, keine krankhafte Stubenstimmung, wie du doch meinst. Ich will meinen Entschluß im freien Tageslicht an der Sonne reifen lassen. Du wirst sehen, daß es nicht bloß Stimmung war.«

Der König war mit diesem Ergebnis zufrieden. Aber seltsamerweise hielt er sich von jeder Liebesbezeigung gegen seine Gattin fern. Er verließ sie mit freundlicher, aber doch anfremdender Handreichung.

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