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Auf der Höhe Band I

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Band I - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Band I
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtzehntes Kapitel.

(Irma an ihre Freundin Emmy.)

... Wie ich mir in der großen Welt gefalle? Die große Welt, liebe Emmy, ist nur eine kleine. Ich verstehe aber, warum man es große Welt nennt. Es ist ein Himmelreich für sich. Da gehen täglich zwei Sonnen auf, die Majestäten: ein huldvoller Blick, ein verbindliches Wort des einen oder des andern macht hellen Tag, ein Ignorieren trübes Wetter.

Die Königin lebt in einer exklusiven Empfindungswelt und möchte gern jeden emporziehen in ihre gehobene Stimmung, es ist etwas nachgeborner Jean Paul in ihr, lianenhaft, Morgenrot und Abendrot der Gefühle, nie weißes Tageslicht; sie ist äußerst huldsam gegen mich, aber wir fühlen's doch einander an: es ist etwas in ihr und mir, was keine Konsonanz hat.

Ich weiß nicht, warum ich jetzt so oft an einen Spruch meines Vaters denke: Wenn du mit einem Menschen gut bist, freundlich, ja sogar herzlich – denke dir aus, wie er sein würde, wenn ihr euch entzweit oder gar verfeindet.

Diese Vorstellung verfolgt mich wie ein Gespenst, ich weiß nicht warum. Es ist gewiß ein Dämon, der mich verfolgt. Sie halten mich hier alle für unendlich naiv, weil ich den Mut habe, selbst zu denken. Ich bin nur nicht mit Brille und Schnürleib der Tradition geboren. Die Menschen kleiden sich auch innerlich, wie es die Mode heischt. Am besten gefällt mir die Oberhofmeisterin, sie ist das wandelnde Gesetz mit sehr behutsam aufgelegtem poudre de riz. Die Damen hier spotten darüber. Ich finde diejenigen eher bemitleidenswert, die Schönheitsmittel anwenden müssen. Ach, Emmy, Du glaubst gar nicht, wie viele Menschen entsetzlich langweilig sind und sich langweilen, wenn sie nicht medisieren können. Nur wenig Menschen verstehen gesund lustig zu sein. Doch, ich wollte Dir von der Gräfin Brinkenstein erzählen.

Schade, daß ich Dir die Verlesung, die sie mir über Etikette gehalten, nicht wörtlich mitteilen kann. Es war viel Schönes darin. Sie sagt: über Etikette dürfe man ebensowenig denken wie über Religion; mit Räsonnieren beginne da und dort Ketzerei und Abfall; man müsse glücklich sein, Gesetze zu haben, statt sie erst zu machen.

Die Brinkenstein gibt auch Lehren à propos, wie weiland der Pflastertreter Sokrates. Im Park auf dem Sommerschlosse hat man auf einem Felsenvorsprung eine schöne Aussicht; rings um den Felsen ist ein eisernes Gitter. »Sehen Sie, liebe Gräfin,« sagte die Oberpriesterin der Etikette zu mir – sie scheint mich in Affektion genommen zu haben – »weil wir wissen, daß dort ein Gitter ist, können wir hier ruhig sitzen; sonst hielten wir's vor Schwindel nicht aus. Das sind die strengen Hofgesetze. Thun sie das Gitter weg, und Sie haben jeden Tag einen Sturz zu beklagen.«

Der König unterhält sich gern mit der Brinkenstein, er liebt das Gemessene, aber auch das heiter Freie. Die Königin ist zu seriös, ewiger Orgelton; aber nach der Orgel kann man nicht tanzen, und wir sind jung und tanzen gern und oft. Die Brinkenstein muß mich dem König besonders gerühmt haben, er spricht oft mit mir, und in einer Art, die deutlich sagt: es ist unzweifelhaft, daß wir einander vollkommen verstehen.

Den 1. Juni, nachts.

Schade, liebe Emmy, daß mein Geschreibe da oben kein Datum hat. Ich weiß nun nicht mehr, wann ich das geschrieben. Lang ist es her! heißt es in dem schönen schottischen Liede.

Du hast recht, wenn Du mir vorwirfst, ich schreibe meine Briefe nur für mich, nicht für den Adressaten; immer nur, wenn mir's Bedürfnis ist, nicht wenn Du Nachricht wünschest. Aber Du hast unrecht, wenn Du darin Egoismus findest. Das ist es nicht. Ich bin kein Egoist. Das Gegenwärtige faßt mich so ganz. Ach! warum bist Du nicht da? Täglich, nächtlich, stündlich ...

Ich will mich aber im Briefschreiben bessern. Ich zweifle, daß ich's kann, aber ich will ...

Der König zeichnet mich besonders aus und die Gunst des ganzen Hofes fliegt mir zu. Wenn nur der Dämon nicht wäre, der mir immer zuflüstert ...

Ich schicke Dir hier meine Photographie. Wir tragen jetzt Vogelflügel auf den Hüten. Der König hat diesen Adler selbst geschossen und mir das Stück des Flügels gegeben.

O, diese wunderbaren Tage und Nächte! Wenn man nur nicht schlafen müßte! Ich musiziere viel, ich singe jetzt nur noch Schumann, seine Musik wirft einen Zauberschleier über die Seele, einen brennenden und doch so wohlthuenden, und man mag sich herauswinden wie man will, man kommt nicht heraus. Ich hülle mich wonnig hinein!

»Der Himmel hat die Erde geküßt!« sang ich eben noch spät in der Nacht, ich konnte gar nicht aufhören – Du kennst meine Art, ich wiederhole dasselbe Lied gern fort und fort. Nur kein Potpourri der Empfindung! Ich lege mich endlich ins Fenster, da – was huscht vorbei? – Ich darf's nicht sagen, will's nicht wissen, wer es war ... In der Lampe auf meinem Tisch summt es, ein Nachtfalter hat sich darin verbrannt ... Der Nachtfalter wollte nicht sterben, er hielt das Licht wohl nur für einen glühenden Blumenkelch und versank darin.

Schöner Tod, in der Sommernacht, unter Gesang, im Licht des Feuerkelchs. –

Gute Nacht!

Den 3. Juni.

Wo ich geh' und steh', bin ich immer erregt, ich weiß nicht warum: oder doch; ich denke immer daran, daß in meiner Schreibmappe diese Zeilen an Dich liegen, meine liebe Emmy. Wenn jemand am Hofe wüßte, was da steht! Ich habe diese Blätter schon verbrennen wollen. Ich bitte Dich, thue Du's! Nicht wahr, Du thust's? Oder verbirg sie an einem sicheren Ort. Ich kann nicht anders – ich muß Dir alles mitteilen.

Die Königin ist gar huldreich gegen mich. Eben in ihrer jetzigen Lage hat sie etwas besonders Rührendes, ich möchte sagen Heiliges.

»Der Mensch ist der Tempel Gottes, und zumal eine junge Mutter, eine junge königliche Mutter!« sagte gestern der Erzbischof, der uns hier besuchte.

Wie erhaben ist das!

Ich sehe nun die Königin ganz anders an. Als sie mir gestern sagte: »Der König spricht mit größter Liebe von Ihnen, Gräfin Irma, das freut mich!« – gepriesen sei die Etikette, daß ich mich niederbeugen und die Hand der Königin küssen durfte.

Ihre Hand ist jetzt so voll und rund, ...

Den 5. Juni.

Die heitersten Stunden sind doch die beim Frühstück. Ich weiß nicht, wie es die andern fertig bringen, etwas Alltägliches zu thun nach diesen olympischen Stunden. Ich fliege dann in den schrankenlosen Aether der Musik.

Der König ist sehr gütig zu mir. Er ist eine edle, tiefe Natur. Als ich gestern mit ihm durch den Park ging und wir so prächtig gleichen Schritt hielten, sagte er:

»Sie sind mir wie der gute Kamerad – wir gehen im gleichen Schritt und Tritt. So ging noch nie eine Frau mit mir. Mit der Königin muß ich meiner gewöhnlichen Gangart immer Zwang anthun.«

»Das ist wohl nur jetzt?«

»Nein, immer. Erlauben Sie, daß ich, wenn wir allein sind, Sie meinen guten Kameraden nenne?«

Wir standen still, wie zwei Kinder, die sich im Walde verirrt haben, und plötzlich nicht mehr wissen, wo sie sind.

»Wir wollen umkehren!« konnte ich nur noch sagen.

Wir kehrten nach dem Schlosse zurück. Ich bewundere den König, wie er sofort mit dem Minister in die ernstesten Besprechungen eintreten konnte. Das vermag doch nur eine große Erziehung und ein eingeborener bedeutender Geist.

Noch eins. Ich will es einstweilen bei Dir niederlegen.

Ich hätte dem König gern gesagt, daß die Königin, wie ich glaube, einen Schritt thun will, der schwere Folgen haben kann für ihn, für sie und wer weiß für wen sonst noch. Aber ich hatte nicht den Mut, jetzt von der Königin zu sprechen, und der Leibarzt hat mir auch allen Mut genommen, in dieser Sache etwas zu thun. Ich weiß, ich spreche Dir in Rätseln – ich werde Dir später erklären, was ich meine, erinnere mich daran – es muß sich in wenigen Wochen entscheiden.

Die Königin hat mir über diese Sache nichts vertraut, ich dürfte frei reden, ich habe alles nur kombiniert. – Doch genug, ich will Dich nicht mit Rätseln plagen.

Mein liebster Freund ist aber doch der Leibarzt, eine große Natur, und noch größer durch Kultur. Er ist zu jedem Moment auf der Höhe seiner selbst. Ich habe ihn noch nie zerfahren, verloren oder unsicher gesehen. Das altväterische Wort »weise« ist auf ihn anwendbar. Er liebt das Geistreiche nicht, denn er ist weise. Und dabei hat er eine sehr zutreffende, deckende Ausdrucksart und schöne Hände, die eigentliche Priesterhand, wie zum Segnen gebildet; er ist immer ebenmäßig, nie extrem; und was das Schönste ist, er gebraucht nie einen Superlativ. Ich sagte ihm das einmal; er stimmte mir bei und fügte hinzu: »Ich möchte der Welt für die nächsten fünfzig Jahre jeden Superlativ verbieten; das würde die Menschen zwingen, einfacher und bestimmter zu denken und zu empfinden.« – Findest Du nicht auch, liebe Emmy, daß das vollkommen wahr ist? Wir wollen einen Antisuperlativverein gründen. Ich bewundere den Mann, ich werde ihm aber nie ganz nachfolgen können. Durch ihn aber hab' ich glauben gelernt, daß es in der Welt hohe Weise gegeben hat. Er war, als er noch Militärarzt, der Freund meines Vaters, war dann Professor in der Schweiz, und ist jetzt seit achtzehn Jahren hier Leibarzt. Der Mann würde Dir gefallen; ihn zu kennen ist Lebensbereicherung. Wenn ich Dir aufzeichnen wollte, was er spricht, so wäre das nur halb; es gehört seine ganze Persönlichkeit dazu. Er hat den überzeugungsvollen Wahrheitston, eine klangvolle Bruststimme, man sagt, er habe ehedem auch schön gesungen; er ist ein ganzer Mann und liebt mich wie seine Nichte, ich werde Dir noch viel und oft von ihm zu erzählen haben. Am meisten freut mich noch, daß er auch eine gute Dosis Humor hat, der gibt ihm Salz genug, um nicht zu den Süßwassermenschen zu gehören.

Der Oberst Bronnen ist der beste, vielleicht der einzige innige Freund des Leibarztes, und dieser sagte mir vor kurzem, der Oberst habe in seinem ganzen Wesen viel Aehnlichkeit mit der Jugenderscheinung meines Vaters.

Den 15. Juni.

Ach, wie häßlich ist es doch, wie widerwärtig, wie der Mensch geboren wird und wie er stirbt! Sterben, in den Boden hineingelegt werden; die Augen, die geglänzt, geleuchtet, der Mund, der gelächelt – verwest! Des Menschen Tod ist eine Barbarei. Warum wissen wir vom Tod? Wir müssen unsterblich sein, sonst wär's eine Grausamkeit, uns Menschen allein wissen zu lassen, daß wir sterben müssen. Der Nachtfalter hat nicht gewußt, daß er sterben muß: er hielt das brennende Licht für eine farbenglänzende Blume und starb den Blumenfeuertod.

Wir sind seit gestern abend in schwerer Sorge um die Königin, um ein doppeltes Leben. Ach, sie war so gut, so engelrein. – Nein, sie ist, sie wird es bleiben, sie wird leben. Ich habe aus ganzem Herzen gebetet. Ich will von allen Zweifeln nichts mehr, das Gebet muß helfen.

Als ich heute dem König begegnete, sah er mich kaum an. Das hilft mir. In mir wollte etwas knospen, ich reiße es ab, ich reiße es aus mit der Wurzel! es darf nicht sein! Ich will sein Kamerad sein, sein guter, sein bester.

Mein Klavier, die Musikalien, die Bilder, die Statuetten, mein Vogel – wie sieht mich das alles jetzt so fremd an! Ein Mensch, ein doppelter Mensch ist in Lebensgefahr. Was ist da der ganze Plunder der Welt? Mit allem zusammen können wir keinen Menschen retten! Ist die Erbsünde eine Wahrheit, daß der Mensch darum mit Todesschmerzen das Licht erblickt?

Ich möchte ein Buch lesen. Es gibt keines in solcher Not. Es gibt kein Denken. Nichts, gar nichts! Alle Weisheit aller Bücher ist nichts ....

Den 16. Juni.

Halleluja! Ich komme aus der Kirche! Könnte ich Dir nur diese Worte zusingen. Ich habe das Halleluja gesungen, als müßte ich meine ganze Seele zu Gott hinaufsingen.

Halleluja!

Alles ist gut!

Ein Kronprinz geboren.

Die Königin ist gesund, der König glücklich, die ganze Welt schön und ein blauer Himmel, an dem auch kein Wölkchen, steht über uns.

Gottlob, daß ich so schnell aus der Verwirrung gekommen! Vielleicht redete ich mir sie nur ein. Es war nichts da, gar nichts. Ich verstehe die Huldbezeigungen des Hofes noch nicht, ich bin ein albernes Klosterpflänzchen. Nicht wahr? Ich sehe Dich lachen, ich sehe die Grübchen in Deinen Wangen. Ich küsse Dich!

Ach, alles ist gut und fromm und heilig und glücklich und – Wenn ich nur komponieren könnte! Jetzt könnte ich eine große Musik machen. In meiner Seele ist ein stummer Beethoven.

Den 18. Juni.

Eine Bäuerin aus dem Gebirge ist Amme des Kronprinzen. Ich war auf Wunsch des Königs bei ihr. Ich stand an der Wiege des Prinzen. Da kam der König.

Er sagte leise zu mir:

»Es ist Wahrheit, an der Wiege des Kindes steht ein Engel!«

Er legte seine Hand auf die meinige, die auf dem Geländer der Wiege ruhte.

Der König ging. Und denke Dir, was jetzt geschah.

Die Bäuerin, eine frische, muntere Gestalt mit klugen blauen Augen, derb und massiv, eine vollkommene Landschönheit, der ich mich freundlich bezeigte, um sie zu erheitern und kein Heimweh in ihr aufkommen zu lassen, die Bäuerin sagt mir mit dürren Worten ins Gesicht hinein: Du bist eine Ehebrecherin! Du hast mit dem König Liebesblicke gewechselt ....

Emmy! Wie recht hattest Du, da Du mir immer sagtest: Du idealisierst Dir das Volk, es ist mindestens ebenso lasterhaft und verdorben wie die große Welt, und hat dabei weder Zügel noch Zaum der Bildung.

Doch – was geht mich die Bäuerin an? Gewisse Figuren sind nur Requisitenstücke.

Nein! sie ist eine brave verständige Frau. – Sie hat mich um Verzeihung gebeten wegen ihrer Keckheit. Ich bleibe ihr gut. Ja, das bleibe ich.

Den 25. Juni.

Der König bezeigt mir die größte Güte. Noch gestern sagte er mir im Vorbeigehen:

»Wenn Sie einmal ein Geheimnis haben, Gräfin Irma, so machen Sie mich zum Vertrauten!«

Er fühlt recht wohl, daß ich an meinem Bruder keinen heimischen Halt habe, und von meinem Vater so entfernt lebe.

Der Oberst Bronnen, vom Regiment Königin, ist äußerst aufmerksam gegen mich. Er ist sonst ein Mann von großer Zurückhaltung. Ach, ich beneide alle Menschen um ihre Reserve. Ich besitze gar nichts davon, und da schmeichelt man sich, diese ewige Rückhaltlosigkeit sei biedere Ehrlichkeit und sie ist doch nichts als Schwäche.

Bronnen sagt, er empfange bisweilen Briefe von Dir. Ist es möglich, daß ein Gedanke von Dir ins Schloß kommt, der nicht mein ist?

Ich freue mich, daß wir in vierzehn Tagen wieder das Sommerschloß beziehen. Die Städte sollten im Sommer alle verschwinden. Man sollte die Häuser hinausstellen können in Wälder, auf Berge und in Thäler; im Winter könnten sie wieder zusammenkommen.

Gestern abend, als wir auf der Veranda saßen, gab es viel Spaß, als mein Bruder Bruno uns ausmalte, wie es wäre, wenn durch einen Zauber die vier Füße an allen Bettstellen in der Stadt lebendig würden und kämen daher getrampelt mit ihrem Inhalte und schritten durch die Promenaden. Es war gar possierlich. Freilich war auch manches dabei, was sich nicht schickte: aber Bruno hat bei all seiner Ungezogenheit viel Grazie, er wußte das äußerst behutsam und pikant darzustellen.

Ich bin dadurch auf den Gedanken von der Wanderung der Häuser gekommen und habe auch das ausgemalt.

Es war ein heiterer Abend, voll Lachen und Scherz. Mir klingt es noch im Ohr, da ich Dir's jetzt schreibe.

Der König hat einen neuen Spazierstock – er hat eine schöne Sammlung von derlei – und dieser Spazierstock macht mir den Hof. Gleich und gleich gesellt sich gern und ich soll ja geistreich sein, und dieser Spazierstock ist geistreich par excellence. Er heißt Geheimer Legationsrat Baron Schnabelsdorf. Denke Dir einen behäbigen bartlosen Junggesellen, stets tadellos frisiert, die Haare auf seinem Haupte sind gezählt und mit Virtuosität zu einer vollen Frisur wie ein Hahnenbusch aufgesträußelt. Er gilt als staatsmännische Autorität. Er kommt eben aus Rom, war früher der Gesandtschaft in Paris, Madrid und ich glaube auch in Stockholm attachiert; erzählt bequem und gern. Er muß einen dienenden Hausgeist haben, der für ihn studiert, denn er weiß alles: welchen Schnitt die Aermel der Königin Elisabeth hatten, welche neuen Entdeckungen man in der Milchstraße, und welche Ausgrabungen man in Ninive gemacht; alles, alles. Die Herren und Damen machten sich mehrmals den Spaß, einen oder mehrere Artikel im Konversationslexikon nachzulesen und das Gespräch darauf zu lenken; aber der allwissende Baron wußte Datum und Umstände noch genauer. Und immer hat er eine Bonbonniere voll pikanter Anekdoten. Er ist fast beständig um den König; man sagt, er sei zu einer hohen Stellung auserlesen.

Was meinst Du nun? Soll ich den Mann heiraten?

Mein Bruder wünscht es. Er behauptet, Schnabelsdorf habe ihn nicht mit einem Antrag zu mir geschickt, aber ich glaube es doch. – Ich müßte hellauf lachen, wenn ich mit dem gelehrten Spazierstock vor dem Altar stünde. Aber es schmeichelt mir doch, daß ein so grundgelehrter Mann mich zu seinem Ehegespons erkiesen will. Ich muß doch auch überaus gelehrt und geistreich sein. Habe Respekt vor mir.

Tausend Grüße und Küsse von
Deiner ewig verzogenen
Irma.

Nachschrift. Zur Taufe war der Bruder der Königin, der Erbprinz *** mit seiner Gemahlin da. Sie spricht fast gar nicht, aber sie ist schön. Es heißt allgemein, der Erbprinz werde sich von ihr scheiden lassen, da sie kein Kind hat. Wie gräßlich muß es der Armen zu Mute sein, wenn sie den Erbprinzen liebt, und es scheint in der That. Die Erbprinzessin muß mir meine Neigung für sie angesehen haben. Sie behandelt mich mit ausnehmender Gnade, und ich bin diejenige, mit der sie die meisten Worte gesprochen. Sie will, ich soll auch mit ihr ausreiten. Das Fest war groß und prächtig. Zur Kirche trug ich ein weißes Moirékleid, den Schleier an der Coiffure befestigt; zur Galatafel – der Kammerherr Baron Schöning führte mich zur Tafel, ich gelte hier für eine dichterische Natur, und der Kammerherr, der mir auch seine Gedichte bereits schenkte (Du kennst sie, er hat seine sublimen Gefühle in den Dialekt des Hochlands maskiert), hält sich gern zu mir, er sprach schrecklich albernes Zeug bei Tafel – ja, also zur Tafel trug ich ein meergrünes Seidenkleid mit viereckigem Ausschnitt à la Madonna, und einen einfachen vollen Erikakranz im Haar. Man sagte mir allgemein, ich hätte schön ausgesehen, und ich glaub's selber.

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