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Auf der Höhe Band I

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Band I - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Band I
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080406
projectid51ada330
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Fünfzehntes Kapitel.

»Nun ist Ihr Wunsch in Erfüllung gegangen,« sagte am Mittag, als man von der Tafel aufgestanden, die Gräfin Irma zum Leibarzt.

»Welcher?«

»Ich habe eine Freundin, einen Kameraden, und wie es im Liede heißt, einen bessern findst du nit.«

»Ihre Freundlichkeit gegen die Bauernfrau ist liebreich und anerkennenswert, aber eine Freundin ist das nicht. Sie müssen ein Wesen Ihres Geschlechtes sich gleichstellen. Dieser Bauernfrau gegenüber bleiben Sie immer eine Gönnerin; sie kann Sie nie tadeln oder einen Tadel nicht aufrecht erhalten. Der einfache Verstand, ich möchte sagen, die Natur hat nicht Waffen genug gegen das Arsenal der Bildung.«

Irma zuckte bei diesen Worten.

Der Arzt aber fuhr ruhig fort:

»Sie sind der Naivetät aus dem Volke gegenüber doch immer wie ein Erwachsener im Verhältnis zu einem Kind. Ich fürchte, Sie haben's versäumt, sich eine ebenbürtige Freundin zu erwerben.«

»Ebenbürtig? – also Sie sind auch Aristokrat?«

Der Arzt erklärte Irma, daß man die volle Gleichberechtigung der Menschen gelten lassen kann, ohne damit die sozialen Unterschiede aufzulösen.

»Wenn ich von Ihnen gehe,« sagte Irma, und ein Glanz verbreitete sich über ihre Züge, »wenn ich in Ihrem Denken gelebt habe, da kommt mir alles, was ich thun soll und will, so klein und erbärmlich vor; es geht mir fast wie nach einer großen Musik, da möchte ich immer gern etwas Ungewöhnliches thun. Ich wollte, ich hätte eine künstlerische Begabung.«

»Freuen Sie sich, selbst ein schönes Werk der Natur zu sein, und helfen Sie sich zum schönen Fortgedeihen; das ist das Beste!«

Der Leibarzt wurde abgerufen.

Irma saß noch lange auf einer Bank, dann ging sie in ihr Zimmer; sie spielte mit ihrem Papagei, sie betrachtete ihre Blumen; endlich begann sie die Blumen auf eine Marmorplatte zu malen; es sollte ein reiches Werk werden. Für wen? Sie wußte es nicht. Einmal fiel eine Thräne mitten in eine Rose, deren Farbe noch naß war, sie schaute auf und verließ die Arbeit, dann trocknete sie die Thräne auf; sie mußte die ganze Rose neu malen.

Am Tage vor der Taufe diktierte Walpurga der Gräfin Irma den ersten Brief:

»Morgen ist Sonntag und da will ich auch bei Euch sein. Im Gedanken bin ich es immer. Ich meine, es wären schon sieben Jahre, daß ich von daheim fort bin. Hier ist der Tag so lang und im Schloß sind mehr Menschen, als dreimal in unsre Kirche hineingehen. Hier sind sehr viele Knechte im Haus, die verheiratet sind und auch wieder Dienstboten haben, es sind lauter schöne große Menschen hier im Schloß in Dienst, die Mamsell Kramer sagt mir, die Herrschaften wollen nur schöne Menschen um sich sehen, und manche sehen gar ehrwürdig aus und reden so zimpfer wie ein Pfarrer, man heißt sie hier Lakaien, und wenn der König auf einen zugeht, da ducken die Menschen, wie zusammengeknickt, das ist ein Kunststück, sich so klein zu machen und zusammenlegen wie ein Taschenmesser. Ach, wie viel gute Bissen hab' ich! Wenn ich nur Euch davon schicken könnte. Ich freue mich nur, daß wir in vier Wochen auf das Landschloß fahren und dort bleiben bis in den Herbst hinein. Wie geht es nur meinem Kind, und Dir Hansei, und Dir, Mutter, und auch Dir, Stasi? In der Nacht, wenn ich schlafe, bin ich immer noch daheim. Ich kann aber nicht viel schlafen, mein Prinz ist ein wahrer Nachtwächter, und der Leibdoktor hat gesagt, ich dürft' ihn nicht so viel schreien lassen wie daheim die Burgei. Aber eine gute Stimme hat er, und morgen ist die Taufe. Der Bruder von der Königin und seine Frau stehen Gevatter und noch viel Prinzen und Prinzessinnen. Ich hab' auch schöne neue Kleider bekommen und zwei grüne Hüte mit goldenen Borten und zwei silberne Ketten für das Mieder und das darf ich alles mitnehmen, wenn ich heimkomme. Es dauert aber noch lang bis dahin. Wenn jede Woche so lang ist wie die vergangene, dann bin ich siebenhundert Jahre alt, wenn ich heimkomme. Lustig bin ich auch wieder. Anfangs ist es mir gewesen, wie wenn ich das Schreien von der Kuh in unserm Stall hörte.

Die Euch das schreibt, ist die Gräfin Wildenort von drüben über dem Gamsbühel her, sie ist eine ganz gute Freundin von mir. Sie hat den Vater selig auch noch gekannt, und Du, Mutter, kennst ja auch ihre Familie.

Und Hansei, ich muß Dir was sagen. Laß Dich nicht zu viel mit dem Gemswirt ein, das ist ein Schelm, der Dir das Geld aus dem Sack schwätzt. Und es gibt überall gute Menschen und auch schlechte, daheim und hier. Und der Leibarzt sagt mir, Ihr sollt unsrer Kuh kein Grünfutter geben, nichts als Heu, sonst bekommt die Milch dem Kind nicht gut.

Ich lerne jetzt auch selbst schreiben, ich lerne überhaupt hier viel.

Und saget mir auch, was die Leute sagen, daß ich so schnell fort bin und mich zu dem entschlossen habe.

Es liegt mir aber nichts daran, was die Leute sagen. Ich weiß, daß ich rechtschaffen thue für mein Kind und für meinen Mann und für meine Mutter.

Und, liebe Mutter, nehmt Euch eine Magd ins Haus, wir können sie ja jetzt bezahlen.

Und Hansei! laß Dir vom Gemswirt Dein Geld nicht aus der Tasche schwatzen. Leg's auf sichere Hypothek an, bis wir einen Acker kaufen können, oder zwei.

Und vergesset nicht: am Mittwoch ist der Todestag vom Vater und da lasset ihm eine Messe lesen.

Wir haben hier die Kirche im Haus und ich höre jeden Morgen auf dem Gang die Orgel. Morgen ist ein großer Tag und ich verbleibe Eure getreue

Walpurga Andermatten.

Ich schicke hier ein Häubchen für mein Kind, das setzet ihm jeden Sonntag auf. Ich grüße Euch alle viele tausendmal

und verbleibe
Eure
Walpurga.«

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