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Auf der Höhe Band I

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Band I - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Band I
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080406
projectid51ada330
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Vierzehntes Kapitel.

»Ich hätt' eine Bitte an Sie,« sagte andern Tages Walpurga zur Gräfin Irma. »Sagen Sie mir immer gradaus, wenn ich etwas nicht recht mache.«

»Recht gern! Aber du mußt mir dann auch sagen, wenn ich –«

»Ja, da hab' ich gleich was auf dem Herzen.«

»Sag's nur frei heraus!«

»Wenn wir einmal allein sind.«

»Bitte, liebe Kramer, wollen Sie uns allein lassen?«

Mamsell Kramer ging in das Nebenzimmer, und Walpurga sah wieder staunend, wie man hier die Menschen hin und her schiebt, wie Stühle.

»Nun, was hast du?« fragte die Gräfin.

»Schau, wenn ich was Einfältiges sage, nimm mir's ja recht nicht übel, gelt, das thust du nicht?« Sobald Walpurga in Eifer kam, sagte sie immer wieder du.

»Was hast du?« fragte Irma nochmals.

»Schau, du bist so schön, gar so schön, so hab' ich mein Lebtag noch nichts gesehen; du bist noch schöner als die Königin, nein, nicht schöner, aber mächtiger, und die Gutheit sieht dir aus den Augen –«

»Was hast du denn? Sag's grad heraus!«

»Ich möchte glauben, ich hab' unrecht, aber es ist besser, ich weiß es gewiß. Jetzt – das hat mir nicht gefallen, wie der König dich gestern angesehen hat und du ihn, und er hat am Wiegengeländer seine Hand auf die deinige gelegt, und er ist Ehemann und Vater. Du bist ein lediges Mädchen, da weiß man nicht, was das ist, wenn ein Mann einen so ansieht; aber ich bin eine Ehefrau und kann dich warnen und ich darf und ich muß. Du hast gesagt, wir wollen gut Freund sein, jetzt kommt gleich die Prob' drauf.«

Irma schüttelte den Kopf und erwiderte:

»Du bist brav. Aber du irrst. Der König hat gar ein edles Herz, und besonders seit ihm ein Sohn geboren ist, möchte er gern jeden Menschen glücklich machen, wie er es selbst ist. Er hat seine Frau schwärmerisch lieb und du hast's ja auch gleich gesehen, sie ist ein Engel –«

»Und wenn sie auch kein Engel wär', sie ist seine Frau und die Mutter von seinem Kind und er muß treu zu ihr halten, und mit jedem Blick, den er auf eine andre wirft, ist er ein verfluchter Ehebrecher, dem man die Augen ausstechen sollte. Schau, wenn ich mir das denken sollte, daß mein Mann das könnte, – die Männer sind gar schlecht, sie können alles – daß ein Mann dasteht an der Wiege seines neugebornen Kindes, und mit denselben Augen, mit denen er eben sein Kind angesehen, sieht er auf ein ander Weibsbild und sagt ihm mit den Augen, ich hab' dich gern! – Schau, wenn ich mir das denke, ich könnte verrückt werden; und wenn ein Mann, der einer andern die Hand gedrückt hat, hingehen kann und seiner Frau die Hand geben und seinem Kinde mit derselben Hand ins Gesicht langen – die Welt, in der das geschehen könnte, die sollte man verbrennen und unser Herrgott sollte Pech und Schwefel drüber regnen lassen.«

»Sprich leiser, Walpurga, schrei nicht so wild! Nimm keine solchen Worte in den Mund! Du bist nicht da hergekommen, um Sittenrichter zu sein und du hast gar nicht zu richten! Was verstehst denn du von der Welt? Du hast ja keine Ahnung davon, was Höflichkeit ist.«

Gräfin Irma redete scharf auf Walpurga ein, demütigte sie tief und schloß:

»So, jetzt weißt du, wie du dran bist und wer du bist. Und nun will ich dir auch noch etwas sagen. Ich verzeih' dir, daß du den König und mich beleidigt hast mit deinen albernen Reden. Wenn ich nicht Mitleid mit deinem Unverstand hätte, würde ich kein Wort mehr mit dir reden; aber ich bin dir gut und weiß, daß du's auch gut meinst, darum will ich dir beistehen und dir etwas sagen: laß um dich her vorgehen, was will, und bekümmere dich um nichts. Versorge dein Kind und laß dir von niemand die Zunge heben zum Bösreden. Glaub mir, es meint's hier keines ehrlich mit dem andern, sie hinterbringen einander immer alles und du hast zuletzt im ganzen Schloß keinen Menschen, der dir gut Freund ist. Das merke dir! Und jetzt sag' ich dir noch einmal: ich danke dir, daß du mir das gesagt hast. Du hast's gut gemeint und es ist recht, daß du nichts im Hinterhalt hast. So werd' ich dir immer gut Freund sein und du wirst eine Stütze an mir haben. Wenn man dem König auch ehrerbietig ist, deswegen ist er doch so brav wie dein Hansei, und ich bin so brav wie du. So, jetzt gib mir die Hand und vorbei ists! Vor allem aber laß die Kastellanin kein Wort davon ahnen, was wir miteinander gesprochen haben. Denk daran: die Wände haben hier Ohren, man erfährt hier alles.«

Ohne ein weiteres Wort begann Gräfin Irma auf ihrer Zither die Weise eines Hochlandliedes.

Walpurga wußte nicht, wie ihr geschehen. Sie war ärgerlich auf sich selbst, über ihre Dummheit und ihre Keckheit. Aber das hält sie fest: sie will alles in sich hinein denken.

Während Irma noch spielte, trat der König wieder durch die Portiere und lauschte still; Irma schaute nicht auf, sie sah auf ihre Zither nieder. Als sie geendet, klatschte der König leise Bravo. Sie stand auf und verbeugte sich, ging aber nicht wieder mit dem König in das Zimmer, wo er den Prinzen betrachtete.

»Ihre Zither ist rein gestimmt, aber Sie, schöne Gräfin, scheinen verstimmt,« sagte der König, wieder ins Zimmer tretend.

»Ich bin auch rein gestimmt, Majestät,« erwiderte Gräfin Irma. »Ich habe nur eben der Walpurga eine Melodie gespielt, die mich tief erregte.«

Der König entfernte sich rasch, heute, ohne der Gräfin die Hand zu reichen.

Walpurga war am traurigsten darüber, daß sie auch Mamsell Kramer nicht mehr trauen dürfe.

»O du armes Kind!« sagte sie einmal, aber ohne daß es jemand hörte, zu dem Prinzen auf ihrem Schoße – »o du armes Kind! Du sollst unter Menschen aufwachsen, wo keiner dem andern ganz traut. Wenn ich dich nur mitnehmen könnte, du solltest ein prächtiger Bub werden. Jetzt bist du noch unschuldig – die Kinder allein, bis sie sprechen lernen, sind unschuldig auf der Welt. – Was thut's? ich hab' die Welt nicht gemacht, und ich brauche sie nicht zu ändern! Recht hat die Gräfin: ich will dich gut nähren und pflegen, das andre mag Gott machen –«

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