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Auf der Höhe Band I

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Band I - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Band I
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel.

Im Dorf am See, oder eigentlich in den wenigen Häusern, die beim Gemswirtshaus zusammenstanden, hatte die rasche und fast wunderbare Entfernung Walpurgas eine große Bewegung hervorgebracht. Alles strömte nach dem Wirtshaus. Der Gemswirt weiß besonderen Bescheid und er gibt zu verstehen, daß er viel machen kann, was die Menschen nicht glauben wollen; er hat natürlich das alles so angelegt, er hat seine Bekanntschaften bis zum König hinauf.

Der Gevatter Gemswirt hätte gern gleich nach der Abreise Walpurgas Hansei mit ins Wirtshaus genommen. Dieser Hansei ist heute so viel wie eine ganze Musikbande.

Hansei war aber nach der Abreise seiner Frau nicht mit dem Gemswirt gegangen. Er versprach später nachzukommen. Jetzt konnte er nicht von daheim fort.

Er ging durch das ganze Haus, von oben bis unten, und stand dann lange bei der Kuh und sah ihr zu, wie sie fraß. »So ein Tier hat's doch gut! Man muß dafür sorgen, daß es seine Nahrung hat und wo eine Krippe ist und Futter drin, da ist's daheim.«

Er ging in die Stube und nickte der Mutter still zu. Das Kind schlief in der Wiege, er sah nur flüchtig hin. Er setzte sich hinter den Tisch, stemmte die Ellenbogen auf und bedeckte mit den Händen das Gesicht.

»Die Uhr geht noch,« sagte er plötzlich auf die Schwarzwälder Uhr schauend, die im Ticktack weiter ging. »Sie hat sie noch aufgezogen.«

Er ging hinaus und setzte sich auf die Bank unter den Kirschbaum. Die Stare droben waren lustig und vom Walde drüben rief ein Kuckuck: »Ja, der macht's auch so, der läßt seine Kinder auch von Fremden aufziehen.«

Hansei lachte vor sich hin. Er schaute lange nach der Seite: ist es denn wahr, daß die Frau fort ist? Hier neben muß sie sitzen. Wie kann man denn so voneinander gehen, wenn man zusammen gehört?

Er starrte auf den Platz neben sich, aber sie saß nicht da. Draußen am Gartenzaun stand das halbe Dorf, groß und klein betrachtete ihn.

Der Spinnerwastl (Sebastian), ein Kamerad, der mit Hansei jahrelang im Walde gearbeitet hatte, rief ihm zu:

»Grüß Gott, Hansei! Dir ist dein Brot in den Honig gefallen!«

Hansei dankte verdrossen. Plötzlich gab es ein großes Gelächter. Niemand wußte, wer das Wort zuerst ausgesprochen, aber »Ammerich« hieß das Wort; es ging rasch von Mund zu Mund, und der rote Thomas, der Sohn der alten Zenza, ein starkknochiger, verwegener Bursch mit nackter brauner Brust, sagte laut:

»Die Walpurga ist die Amme vom Kronprinzen und der Hansei ist der Ammerich!«

Der Kamerad öffnete die Gartenthür und kam herein, der ganze Trupp folgte ihm nach. Sie gingen durch den Garten, durch das Haus und den Stall, schauten durch die Fenster, berochen die Nelken auf dem Fensterbrett, setzten sich auf das kleingehackte Holz unter dem Vordach. Das Haus gehörte jetzt dem ganzen Dorfe. Wenn eine Freude oder ein Leid in ein Haus eingezogen, dann stehen auf einmal alle Thüren offen, und der Stubenboden wird zur offenen Straße.

»Was wollen denn die Menschen alle?« fragte Hansei den Kameraden, der sich neben ihm aus die Bank gesetzt hatte.

»Ha, nichts! Sie wollen eben da sein. Sie wollen's mit eigenen Augen sehen, daß es wahr ist, nachher können sie es andern erzählen. Es gönnt dir aber jedes dein Glück!«

»Mein Glück? Muß schon sein,« sagte Hansei mit einem Tone, der nichts von Glück hatte. »Schau, Wastl, mir soll's einmal nicht grad gehen in der Welt. Jetzt hab' ich gemeint, es geht immer eben fort und muß ich auf einmal wieder über einen Berg 'nüber. Du freilich, du bist ledig, du kannst nicht wissen, was das ist.«

»Ist brav, daß du deine Frau so gern hast.«

»Meine Frau? So gern?« –

»Ich kann mir's denken, wie dir's ist.«

Hansei schüttelte den Kopf verneinend.

»Sei lustig!« rief Wastl. »Wie mancher wär' froh, wenn man ihm seine Frau auf ein Jahr abnähme.«

»Auf ein Jahr?«

»Länger wär' manchen noch lieber,« meinte Wastl. »Aber deine Frau kommt wieder und macht aus deinem Haus ein Schloß und du bist der König Numero zwei!«

Hansei lachte, er lachte überlaut; aber es war ihm gar nicht lächerig zu Mut. Im Gegenteil! Es war ihm, als müßte er hinaus in den Wald, und nichts mehr von der Welt hören und sehen. Mag alles zu Grunde gehen. Warum geht die Frau fort? Hat man sich darum verheiratet und vor dem Altare geschworen, Leid und Freud' miteinander zu tragen sein Leben lang?

Aber Hansei konnte nicht fort, das halbe Dorf umstand ihn und jedes pries sein Glück, und selbst der Leithofbauer vom großen Hof da droben hielt mit seinem Fuhrwerk am Gartenzaun an, stieg ab, kam zu Hansei, gab ihm die Hand, wünschte ihm Glück und sagte:

»Wenn du die Wiese kaufen willst, die neben deinem Garten da, sie ist mir ohnedies weit weg, ich verkauf' sie dir!«

Und der Schreiner im Dorf, der schon längst hatte auswandern wollen, sagte schnell: »Du thust gescheiter, du kaufst gleich mein ganzes Haus samt den Aeckern; ich geb' dir's billig.«

Schneller schwatzten die Stare auf dem Baume nicht, als hier die Menschen. Hansei lachte, lachte wirklich aus ganzer Seele. Das ist ja prächtig! Die ganze Welt kommt und bietet Haus und Hof und Acker und Wiese an!

»Hast recht, Walpurga, hast recht gethan,« sagte er plötzlich ganz laut, die Menschen schauten ihn und einander an und wußten gar nicht, was das mit dem Hansei sei.

Er reckte und streckte sich, als ob er aus dem Schlafe aufwache und sagte:

»Dank' euch, liebe Nachbarn; wenn ich's euch vergelten kann in Leid und Freud, soll's gewiß geschehen. Aber jetzt, ändern will ich nichts, keinen Nagel im Haus ändre ich, bis meine Frau wieder daheim ist.«

»Das ist wie ein Mann gesprochen, brav und gescheit,« sagte der Leithofbauer, und größeres Lob kann doch keinem Menschen auf der Welt werden, als wenn der Leithofbauer sagt: »Das ist brav und gescheit.«

»Wollet Ihr meine Kuh sehen?« sagte Hansei und winkte dem Großbauer, der ist jetzt noch der einzige, der zu ihm paßt.

Der Leithofbauer dankte, er müsse jetzt weiter; er gab aber Hansei die Versicherung, ihm gern beizustehen, daß er sein Geld gut anlege.

Sein Geld? Wo hat er's denn? – Hansei erschrak ins Herz hinein und griff sich an den Kopf – er hat die Geldrolle verloren? – wo ist sie? Er steckte die Hand in die Tasche. Da ist das Geld ja noch! Und wie er nun seine Geldrolle wieder in der Hand hielt, sprach er gar wohlwollend mit den Zurückgebliebenen, mit Männern und Frauen, Mädchen und Kindern; er hatte jedem ein freundliches Wort.

Die Leute gingen endlich und Hansei wußte nichts Besseres zu thun, als auf seinen Kirschbaum zu steigen, der ist treu, der bleibt immer da und gibt her, solang er hat.

Er brach wieder Kirschen und verspeiste sie und beschaute wieder die Telegraphendrähte und dachte: Der Draht läuft bis ins Schloß hinein, da könnt' ich mit meiner Frau reden, wenn ich's nur könnt'! Er beugte sich vom Kirschbaum weit hinaus und berührte den Draht, zog sich aber schnell zurück wie erschreckt, das darf man ja nicht.

»Hansei, wo bist du?« rief plötzlich eine Stimme.

»Da bin ich!«

»Komm mit!« antwortete es wieder. Es war der Pfarrer, der rief.

Hansei war schnell auf dem Boden und jetzt empfing er die höchste Ehre; der Pfarrer winkte, und Hansei näherte sich mit dem Hute in der Hand.

»Ich wünsche dir Glück!« sagte der Pfarrer. »Komm mit ins Wirtshaus, der Gemswirt hat frisch angestochen.«

Hansei schaute an sich herab, ob er auf einmal ein ganz andrer geworden; der Pfarrer ladet ihn ein, mit ihm zu gehen? mit ihm zu trinken?

Er nahm die neue Ehre mit Würde an und grüßte die Leute auf dem Wege sehr freundlich, während er neben dem Herrn Pfarrer ging und alle den Hut abzogen.

In der großen Stube des Gemswirtes sprach alles nur zu ihm und über ihn, und er war so voll Glück, daß er seine Geldrolle in der Tasche aufbrach; er wollte das erste Stück davon herausthun und es dem Pfarrer geben, er sollte eine Messe lesen zum Wohl der Walpurga. Aber die Geldstücke waren doch zu groß, es sind ja lauter Kronenthaler. Hansei sagte nur:

»Herr Pfarrer, lesen Sie eine Messe für meine Frau und mein Kind, ich will's schon bezahlen!«

Die Dämmerung brach ein. Die Gäste gingen allmählich davon. Hansei aber saß noch immer, wie wenn er gar nicht vom Platze konnte. Endlich war er nur noch mit dem Wirte allein.

»Jetzt haben alle in dich hineingeredet,« begann der Gemswirt, »jetzt hör mich an. Ich mein's doch am besten mit dir und bin auch just nicht dumm. Weißt du, Hansei, zu was du passest, und deine Frau noch mehr?«

»Zu was?«

»Da mußt du sitzen! Du und deine Frau! – Ich hab' lang genug gewirtet. Wenn deine Frau wiederkommt, sagst du der Gstadelhütte am See gut' Nacht, und da herein setzt ihr euch und habt gute Nahrung für Kind und Kindeskind. Wir wollen jetzt nicht weiter davon reden, aber laß dich auf nichts andres ein. Ich bin dein bester Freund und Gevatter, ich meine, ich hab's heute bewiesen, und ich will keinen Heller dabei verdienen; im Gegenteil.«

O wie gut sind die Menschen, wenn's einem gut geht.

Hansei saß noch lange und schaute in sein Glas. Er wollte sich besinnen, wer er eigentlich sei, und dann ging er in Gedanken seiner Frau nach: wo die jetzt sein mag und wie es ihr ergeht? – Wenn man nur von dieser Stunde an schlafen könnte, bis das Jahr vorüber ist; aber da sitzen und warten ... Hansei schaute die Uhr an, sie schlug eben zehn.

Wie vielmal wirst du noch zehn schlagen, bis wir wieder bei einander sind? nickte er der Uhr zu.

Wie taumelnd ging Hansei durch das Dorf. Die Menschen, die vor ihren Thüren saßen und umherstanden, grüßten und wünschten ihm Glück, und weit hinein in die Berge, das wußte er, sprechen jetzt alle von ihm, wenn sie auf der Sommerbank sitzen. Es ist ihm, als müßte er sich in tausend Stücke zerteilen, um allen zu danken.

Er steht an seinem Garten und betrachtet den Zaun. – Wie lange ist's, da war er, der auf der Welt kein rechtes Heim hatte, gar so glücklich, ein Eigentum zu haben; und jetzt? Drin im Hause sitzt die Großmutter, er hört sie singen; sie singt sein Kind in Schlaf:

»Wenn alle Wasser wären Wein
Und alle Berge wären Edelstein,
Und sie wären mein,
So sollte mir mein Schätzelein
Noch viel lieber sein.

»Zum Beschluß einen Kuß,
Weil ich von dir scheiden muß.
Scheiden ist ein hartes Wort,
Du bleibst hier und ich muß fort.
Weit und breit ist die Zeit,
Breiter viel die Ewigkeit.«

»Weit und breit ist die Zeit, breiter viel die Ewigkeit,« das Wort fällt Hansei ins Herz und die Johanniskäfer, die funkelnd durch die Nacht schweben und auf dem Zaun und im Grase sitzen, ziehen seinen Blick hin und her, als wären es plötzlich nie gesehene Erscheinungen. Lange träumte Hansei so dahin, und als er sich endlich mit der Hand über das taufeuchte Gesicht fährt, meint er, es müsse ihn jemand forttragen, da hinein ins Haus und ihn ins Bett legen. Jetzt bei einer Wendung schlägt ihm die Geldrolle an die Hüfte; er ist wieder wach. Er geht die Straße weit hinaus, wo heut Walpurga davongefahren; er kommt an den Steinhaufen, wo sie heut vor vierzehn Tagen gesessen, es liegt noch ein wenig Heu auf dem Steine, er setzt sich darauf und schaut hinein über den weiten See, über den der Mond einen breiten glitzernden Lichtstreif zieht; es ist alles so still wie damals, aber damals war Tag und jetzt ist Nacht. Wo nur jetzt meine Frau sein mag? sagt er laut, springt rasch auf die Beine, er will seiner Frau nach, die ganze Nacht laufen; wie wird sie sich freuen, wenn er gleich am ersten Morgen zu ihr ins Schloß kommt! – In mächtigen Schritten geht er vorwärts. Aber an ihn hängen sich die Gedanken: »Wie wird es aber sein, wenn du morgen wieder fort mußt? Und was werden die Leute daheim sagen, und was wird die Großmutter denken, so allein mit dem Kind?«

Dennoch geht Hansei immer vorwärts. Plötzlich überfällt ihn ein Schrecken, er hat das viele Geld bei sich, die Gegend ist zwar sicher, man hat lang nichts Böses gehört; aber es können doch Räuber kommen, ihn bestehlen, ermorden und in den See werfen .... Von Angst gepeinigt, wendet er rasch um und rennt heimwärts.

Dort kommt eine drohende Gestalt ihm entgegen, er greift nach seinem aufrecht stehenden Messer an der Seite. – Wenn's nur einer ist und kein Hinterhalt, bin ich Manns genug, tröstet er sich.

Die Gestalt kommt näher, sie grüßt von ferne, es ist eine Frauenstimme. Sollte Walpurga? Nein, das ist nicht möglich.

Die Gestalt bleibt stehen. Hansei geht auf sie zu: »Ei, du bist's, Esther? Noch so spät auf dem Weg?«

»Und du, Hansei?« erwiderte die schwarze Esther, die Tochter der Zenza, und lacht hell auf. »Ich hab' gemeint, es wär' ein Betrunkener, weil ich dich von fern hab' mit dir allein reden hören. Ja freilich, jetzt bist du allein.«

»Und du gehst noch so allein in später Nacht den Wald hinauf?«

»Wenn mich niemand begleitet, muß ich allein gehen,« lachte die schwarze Esther, es tönte so laut in der stillen Nacht. Es trat eine Pause ein. Hansei hörte sein Herz klopfen, vom schnellen Gehen wohl.

»Ich muß heim,« sagte er endlich. »Ich wünsche dir gute Nacht.«

Die schwarze Esther legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: »Hansei, ich bettle sonst nie, und am Tag thät' ich's nicht und wenn ich verhungern müßt', aber jetzt, du hast ein gutes Herz und es geht dir gut: schenk mir was oder leih mir ein Stück Geld, ich geb' dir's wieder.« Sie sprach so zutraulich, Hansei zitterte: ihre Hand lag auf ihm, er wollte schon in die Tasche greifen und ihr den losen Kronenthaler geben, den er dem Pfarrer abgespart hatte, aber unversehens machte er eine scharfe Armbewegung, schob die Hand von der Schulter und sagte: »Ein andermal geb' ich dir was.« Mit schnellen Schritten rannte er heimwärts. Er hörte helles Lachen hinter sich, und das klang, wie wenn hundert andre Stimmen aus dem Felsen antworteten. Hansei standen die Haare zu Berge, es überlief ihn eiskalt und siedendheiß. Das war gewiß eine von den Wildweibern, sie hat nur die Gestalt von der schwarzen Esther angenommen, und es ist ja alles wahr mit den Wildweibern, der alte Holzmeister hat eine gesehen und hat's noch auf dem Totenbett bekannt: bei Vollmond laufen sie herum und wickeln sich in ihre langen Haare, die man für Kleider hält, und in so einer Nacht, wo die Mutter von ihrem Kind fort ist, da haben sie Gewalt ....

Sein Leben lang war Hansei der Weg am See nicht so weit vorgekommen, und sein Leben lang war er nicht so gerannt, wie heute.

Endlich war er an seinem Hause; es steht noch da, es ist noch alles fest. Hansei hielt lange die Hand an die Mauer, als müßte ihm das die Gewißheit geben, daß es noch da ist.

Er ging ins Haus. In der Stube brannte noch Licht, die Großmutter saß auf einem Schemel und hielt das Enkelchen im Schoß: sie bedeckte mit der einen Hand die rotgeweinten Augen, mit der andern Hand winkte sie Hansei, recht leise aufzutreten.

Hansei sah der Schwiegermutter nicht an, was mit ihr vorgegangen war und noch vorgeht. Er war nur mit sich beschäftigt und saß hinter dem Tisch, so müde und fremd, als käme er von einer weiten gefahrvollen Reise. Er mußte sich immer wieder erinnern, daß er daheim sei und es ist doch kein rechtes Daheim mehr. Die Großmutter legte das Kind in die Wiege und saß da, das Kinn auf die geballte Faust gestützt. Sie hatte im Schutze der vier Wände ganz andres durchgemacht, als Hansei draußen. Nach der Abreise Walpurgas, und nachdem auch Hansei fortgegangen, war das Gespiel eine Weile bei ihr geblieben. Wie es Walpurga gehen werde, war bald durchgesprochen; denn man wußte es eben nicht. Als es Nacht zu werden begann, sagte das Gespiel, sie wolle jetzt heimgehen, werde aber morgen wieder kommen. Die Großmutter nickte; sie war gern allein; sie konnte dann besser zu ihrem Kinde denken. Sie sprach ihm Gebete nach auf den Weg; aber die Worte gingen ihr so leicht, daß sie andres dabei denken konnte. Zuerst dachte sie, Walpurga betet wohl auch dieselben Worte; mit jedem Worte sind sie immer weiter voneinander, aber in der Seele sind sie doch beisammen. Sie freute sich, daß Walpurga so gediehen war in allem; man kann sich auf sie verlassen. Schwer hat sie's, so allein in der fremden Welt; aber am Ende sind's doch auch Menschen. Ein Bangen wollte sie überkommen, ob Walpurga aushalte. Sie hat freilich viel brave Gedanken, aber wenn sie ihr auch nur zur rechten Zeit immer einfallen. »Du wirst es mir nicht anthun, daß du dich verderben lässest,« sagte sie laut vor sich hin, und hörte auf mit Beten. – Plötzlich war's ihr so einsam und verlassen, so allein! sie hatte noch nie eine Nacht ohne Walpurga gelebt, und sie schaute zu den Sternen auf und wünschte, wenn's nur schon Tag wäre. Hansei hätte wohl daheim bleiben können; aber es ist doch auch eine Ehre, daß der Pfarrer ihn mit ins Wirtshaus genommen, wie das Gespiel berichtet hat. Er wird jetzt gewiß der Großmutter einen Schoppen alten Wein zur Herzstärkung heimschicken, und wenn es auch nur ein halber Schoppen ist, man sieht doch den guten Willen. Die Zunge klebte ihr am Gaumen; sie lechzte nach dem Wein und horcht hinaus, ob nicht die Magd des Gemswirts kommt mit der Flasche unter der Schürze; sie wartete lange und vergebens. Da überfiel sie ein namenloses Mitleid mit sich selber, und sie weinte große Thränen. Ja, wenn ihr Mann noch lebte! So eine arme Witfrau soll immer nur für andre bei der Hand sein, aber wie es ihr ist, daran denkt niemand. Sie weinte, aber aus dem Weinen heraus erhob sie sich: du bist ein arger Sünder; hast du's denn nicht gut, daß du Nahrung, Wohnung und Kleidung hast und kein böses Wort? – Sei froh, daß du noch zuweg bist und für die andern was thun kannst.

Die Thränen hatten ihr leicht gemacht: sie waren beim unrechten Anlaß herausgekommen, aber sie waren doch frei. Wie in Scham vor dem Enkelchen, das doch nichts sehen konnte, wendete sie sich von ihm ab, trocknete ihr durchfurchtes Antlitz und sang dem Kinde fröhliche Lieder. Dann wartete sie wieder lange still, bis Hansei kam. So traf er sie, das Kinn auf die geballte Faust gestützt, an der Wiege sitzend.

»Wo bist so lang gewesen?« fragte die Großmutter leise.

»Ich weiß selber nicht.«

»Jetzt ist die Walpurga wohl auch schon im Bett?«

»Kann schon sein, mit vier Roß fahren sie schnell.«

»Hörst du, wie die Kuh draußen im Stall brüllt? Das arme Tier ist's eben auch nicht gewohnt, allein zu stehen, und das Kalb hat der Metzger heut abend da vorbei getrieben. Es ist ein Grausen, wie sie jammert. Geh doch einmal in den Stall und sieh zu ihr.«

Hansei ging in den Stall, die Kuh war still. Er ging weg, da fing sie wieder zu schreien an. Er kehrte zurück, gab ihr die besten Worte; solang er sprach und die Hand auf das Rückgrat der Kuh legte, war sie still, sobald er aber wieder hinausging, fing sie um so erbärmlicher zu schreien an. So ging er verzweifelnd hin und her zwischen Stube und Stall. Er kehrte nochmals zur Kuh zurück, gab ihr das beste Futter und setzte sich auf ein Heubündel. Endlich legte sich die Kuh zum Schlafe nieder und auch Hansei schlief ein. Er war über alle Maßen müde; es hat wohl nicht bald ein Mensch an einem einzigen Tag so viel erlebt wie unser Hansei.

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