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Auf der Höhe Band I

Berthold Auerbach: Auf der Höhe Band I - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleAuf der Höhe Band I
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080406
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Zehntes Kapitel.

Walpurga erhob sich und folgte dem Diener, Mamsell Kramer begleitete sie.

Man wanderte durch den langen, schmalen, hellerleuchteten Flur; ein Diener mit einer Laterne, darin zwei Lichter, schritt voran. Nun ging es eine Treppe hinan, über den unerleuchteten Empor der Schloßkirche. Hier standen die gepolsterten Stühle für den Hof und Walpurga schaute einmal über die Brüstung hinab in die weite dunkle Halle. Nur die ewige Lampe brannte am Altar und beleuchtete mit mattem Schein ein Marienbild.

»Du bist überall und auch da!« sagte Walpurga fast laut in das Dunkel der Kirche hinab und begrüßte die Madonna mit dem Kinde, als wäre das eine persönlich Befreundete. – Im leisen Dämmer zog durch ihre Seele der Gedanke von der ewigen Göttlichkeit des Mutterberufes, wie er verherrlicht wird durch Jahrtausende in Bild und Gesang, Gebet und Opfer. Sie nickte dem Bilde nochmals zu und schritt weiter. Durch den Thronsaal, durch den großen Tanzsaal ging Walpurga, unsicher als schritte sie über Glas dahin; dann ging es durch wohnlichere Gemächer, nirgends waren Thüren, überall nur schwere doppelte Vorhänge; endlich schritt man eine hellerleuchtete breite teppichbelegte Marmortreppe mit goldenem Geländer wieder abwärts. Hier standen Lakaien und Wachen. Man trat in die Gemächer ein, sie waren voll von Menschen, die im eifrigen Gespräch waren, jetzt aber auf Walpurga schauten. Im dritten Zimmer kam ihr der Leibarzt entgegen. Er nahm sie an der Hand, führte sie zu einem Mann in prächtiger Uniform mit vielen Steinen und Kreuzen auf der Brust und sagte:

»Dies ist Seine Majestät der König.«

»Ich kenn' ihn, ich hab' ihn schon gesehen,« entgegnete Walpurga. »Mein Vater selig hat ihn über den See gefahren und mein Hansei auch.«

»Da sind wir ja alte Bekannte. Wir wollen's gut fortsetzen,« erwiderte der König. »Nun geh zur Königin und nimm dich in acht, daß du sie nicht aufregst.«

Er winkte huldvoll entlassend und Walpurga ging in Begleitung des Leibarztes und der Oberhofmeisterin, die sich hier eingefunden hatte, nochmals durch mehrere Gemächer, in denen man auf den dicken Teppichen keinen Schritt hörte.

»Nimm dich in acht, daß du sie nicht aufregst – nicht aufregst?« Das Wort machte Walpurga viel zu schaffen. Warum sollte sie denn die Königin zu Händeln reizen? – denn nichts andres verstand sie unter dem Worte »aufregen«. Dieses Hin- und Herschieben, auf und ab, durch die Gänge, durch die Zimmer, die Blicke der Hofherren und Damen und zuletzt ermahnt vom König – Walpurga wußte nicht, was »aufgeregt« heißen sollte, aber jetzt war sie's selbst.

Ein grünes, wie aus einem großen Edelstein ausgehöhltes Zaubergemach that sich endlich vor ihr auf. Von der Decke hing eine Ampel in grünem Glase und verbreitete ein märchenhaftes Licht. Dort in dem großen Himmelbett, darüber eine Krone blitzte, lag die Königin.

Walpurga hielt den Atem an. Ein stiller Glanz umfloß das Antlitz der Frau, die hier lag.

»Bist du da?« fragte eine sanfte Stimme.

»Ja, Frau Königin! Grüß' Sie Gott! Sei'n Sie nur recht ruhig und glücklich. Es ist ja gottlob alles gut gegangen!«

Mit diesen Worten drängte sich Walpurga vor an das Bett und ließ sich weder vom Leibarzt, noch von der Oberhofmeisterin zurückhalten. Sie streckte der Königin die Hand entgegen, und die arbeitsharte und die zarte Hand, die eine so hart wie eine Baumrinde und die andre so zart wie ein Lilienblatt, faßten einander.

»Ich danke dir, daß du gekommen bist! Bist du gern gekommen?«

»Gern gekommen, ja, aber gern fortgegangen nicht.«

»Du hast dein Kind und deinen Mann gewiß auch von Herzen lieb.«

»Ich bin ja die Frau von meinem Mann und die Mutter von meinem Kind.«

»Und deine Mutter wartet und behütet dein Kind mit voller Liebe?« fragte die Königin.

»Geh!« erwiderte Walpurga.

Die Königin schien nicht verstanden zu haben, daß mit diesem einsilbigen Worte gesagt war: das versteht sich von selbst. Sie fragte daher: »Sind dir meine Worte deutlich, wie ich rede?«

»Ganz deutlich, ich versteh' ja Deutsch!« erwiderte Walpurpa. »Jetzt aber, Königin Majestät, Sie dürfen nicht so viel reden – wir sind, will's Gott, noch recht lang und gut bei einander, dann wollen wir alles ausmachen, wenn wir uns am hellen Tag in die Augen sehen, und ich will Ihnen schon thun, was ich Ihnen an den Augen absehen kann und dem Kind auch. Ich hab's überwunden, daß ich von daheim fort bin und jetzt muß ich thun, was mir auferlegt ist. Ich will eine rechtschaffene Nährmutter an Eurem Kinde sein, da seid ohne Sorge! So, jetzt gut' Nacht! Schlafen Sie recht gut und machen Sie sich keine Gedanken. Ich will jetzt unser Kind sehen.«

»Es schläft. O, ewiges Wunder und ewige Gnade Gottes! Das atmet neben mir und ist mein Atem...«

Walpurga fühlte, daß sie jemand hinten am Rock zupfte. Sie sagte daher schnell:

»Gut' Nacht, liebe Frau Königin. Werfen Sie alle unnötigen Gedanken weit weg. Jetzt ist keine Zeit zum Gedanken machen! Wir werden schon noch Zeit dazu bekommen. Gut' Nacht!«

»Nein, bleib! Du mußt noch bleiben!« bat die Königin.

»Ich muß bitten, Majestät –« fiel der Leibarzt rasch ein.

»Ach, lassen Sie mir sie noch!« bat die Königin in kindlichem Tone. »Glauben Sie, es schadet mir nicht, wenn ich mit ihr rede. Im Gegenteil. Wie sie zu mir ans Bett trat, wie ich ihre Stimme hörte, da war mir's, wie wenn auf einmal die ganze Alpennatur voll Taufrische mich anhauchte, die würzige, tannenharzige Luft: ich meine, ich liege auf einem hohen Berge und sehe in die weite schöne Welt hinein!«

»Eben diese Aufregung ist höchst schädlich, Majestät!«

»Gut, ich will ruhig sein. Aber lassen Sie mir sie nur noch einen Augenblick! Ich bitte um etwas helles Licht, daß ich sie auch sehe.«

Von einer Lampe auf dem Nebentisch wurde der Schirm emporgehoben und die beiden Mütter schauten einander an.

»Wie schön du bist!« rief die Königin.

»Darauf kommt gar nichts mehr an,« erwiderte Walpurga. »Jetzt sind wir beide gottlob über die Narreteien hinaus, die einem den Kopf verdrehen können. Sie sind eine verheiratete Frau und Mutter und ich bin auch eine verheiratete Frau und Mutter.«

Der Schirm von der Lampe senkte sich wieder und die Königin, die Hand Walpurgas fassend, sagte leise:

»Beug dich zu mir nieder. Ich will dich küssen – ich muß dich küssen!«

Walpurga beugte sich nieder und die Königin küßte sie.

»So, jetzt geh und bleib gut!« sagte die Königin.

Eine Thräne aus Walpurgas Auge fiel auf die Wange der Königin und diese setzte hinzu:

»Weine nicht! Du bist ja auch Mutter wie ich!«

Walpurga konnte kein Wort mehr reden und wendete sich ab. Noch im Fortgehen rief die Königin ihr nach:

»Wie heißt du denn?«

»Walpurga!« antwortete der Leibarzt.

»Kannst du auch gut singen?« fragte die Königin noch.

»Die Leute sagen's,« erwiderte Walpurga.

»So sing auch oft meinem Kinde, unserm Kinde, wie du gesagt hast. Gute Nacht!«

Der Leibarzt blieb bei der Königin. Er saß eine Weile still. Er mußte das hochbewegte Herz der Königin beruhigen, und er hatte ein gutes und einfaches Mittel.

»Majestät!« sagte er, »ich bitte, mir meinen Glückwunsch zurückzugeben. Meine Tochter Cornelia, die in der Universitätsstadt an den Professor Korn verheiratet ist, ist zur selben Stunde wie Eure Majestät eines Mädchens genesen.«

»Ich wünsche dem Kinde Glück zu einem solchen Großvater. Sie sollen auch unserm Sohne Großvater sein.«

»Der beste Glückwunsch ist der,« erwiderte der Leibarzt, »einem Menschen eine schöne Pflicht geben. Ich danke. Nun aber dürfen wir nicht weiter reden, Majestät. Gute Nacht!«

Der Leibarzt ging. Alles war still.

Walpurga wurde nicht mehr in die oberen Zimmer zurückgeführt, sondern zur andern Seite in ein wohlausgestattetes Gemach. Sie war glücklich, hier Mamsell Kramer zu finden.

»Die Königin hat mich geküßt!« rief sie. »O, das ist ein Engel! Ich hätte nicht geglaubt, daß es solche lebendige Menschen gibt!«

Nach einiger Zeit, als die Königin schlief, brachten zwei Frauen eine vergoldete Wiege in die Stube der Walpurga.

Die Königin hatte sich noch einmal umgewendet, als man das Kind von ihrer Seite nahm; sie hatte es mitten im Schlafe empfunden.

Walpurga hauchte das Kind dreimal an, ehe sie es an die Brust legte. Das Kind schlug einmal die Augen nach ihr auf, schloß sie aber schnell wieder.

Bald war alles still im Schloß.

Walpurga schlief und das Kind schlief neben ihr; Mamsell Kramer wachte und in den Vorzimmern hüben und drüben die Aerzte und Lakaien.

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