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Auf den Antillen

Ferdinand Emmerich: Auf den Antillen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFerdinand Emmerich
titleAuf den Antillen
publisherVerlag Erich Stolpe
year1929
correctorhille@abc.de
secondcorrectoreldani1@gmx.de
senderwww.gaga.net
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Die inselreiche Mündung des Amazonenstromes lag hinter mir. Der kleine Küstendampfer »Carianna« gab sich alle Mühe, gegen den starken Südsturm anzukämpfen, um seine zahlreichen Fahrgäste rechtzeitig in Belem zu landen. Die meisten wollten dort den Anschluß an den fälligen Postdampfer nach Europa erreichen, auf dem sie bereits Plätze belegt hatten. Der erste Offizier des Dampfers, ein junger Österreicher, mit dem ich mich wegen meines umfangreichen Gepäcks gut stellen mußte, fragte mich im Rauchzimmer, wo er eben den vierten Whisky-Soda auf meine Rechnung trank, so ganz nebenbei:

»Auf welchem Dampfer haben Sie Ihren Platz belegt?«

»Auf keinem. Ich nehme den ersten, der in Belem anläuft.«

»Na, dann können Sie sich ein paar Monate in dem Fiebernest aufhalten,« sagte der Offizier mit überlegener Miene.

»Warum denn, laufen die Dampfer dort nicht mehr an?«

»Selbstredend. Und noch dazu in verstärkter Anzahl. Aber sie sind alle bis auf den letzten Platz besetzt, wegen der Ausstellung.«

»Was für eine Ausstellung?«

Jetzt sah mich der junge Mann mit einem unwilligen Blick an. Er glaubte, ich wollte ihn zum Narren halten. Ich beeilte mich daher, meiner Frage entschuldigend hinzuzufügen:

»Sie wissen vielleicht nicht, daß ich sechs Monate lang immer im unerforschten Innern Brasiliens war und erst seit achtundvierzig Stunden wieder unter Kulturmenschen bin?«

»Dann allerdings,« rief er besänftigt. »In diesem Jahr ist wieder eine Weltausstellung in Paris und alle Dampfer nach dem europäischen Kontinent sind seit Monaten ausverkauft.«

»Ach du lieber Herrgott,« rief ich entsetzt aus. »Das fehlte mir gerade noch. Jetzt bin ich fast zweieinhalb Jahre unterwegs und nun muß mir auch das noch dazwischenkommen. – Na, vielleicht verkauft mir jemand seinen Platz.«

»Wenn Sie das Aufgeld nicht scheuen, könnten Sie den Versuch ja mal machen.«

Als der vierte Dampfer von Belem ausgelaufen war, sah ich mich nach einer andern Möglichkeit, nach Europa zu gelangen, um. Der Österreicher hatte recht. Jeder Europadampfer war bis ins Mannschaftslogis hinein besetzt. Auch auf meine Kabeltelegramme nach den großen Küstenhäfen erhielt ich, wenn überhaupt, ablehnende Antworten. – Ich sah mich nach Segelschiffen um. Die Reise konnte allerdings unter Umständen viermal so lange dauern. Immerhin konnte ich doch noch vor Beginn des Winters in Europa sein. Aber auch hier hatte ich Pech. Es lag zwar eine mit Gummi beladene französische Brigg im Hafen, aber die Matrosen, die über die Reling schauten, als ich mit dem Boot an ihr vorbeifuhr, hatten derartige Galgengesichter, daß sogar mein Bootsmann sich mit seinem Fahrzeug in achtungsvoller Entfernung hielt. Zum Überfluß wurde ich Zeuge, wie der vertierte Kapitän auf einen Negermatrosen einschlug und ihn mit einer Flut von Schimpfworten überschwemmte, wie sie in solcher Gemeinheit des Ausdruckes auch nur von einem Franzosen möglich sind. Der Neger sprang nach der Mißhandlung über Bord und rettete sich auf ein in der Nähe liegendes Segelschiff, dessen Besatzung ebenfalls Zeuge der Mißhandlung gewesen war. Dort hatte er wohl mit seiner Erzählung die Entrüstung der Mannschaft erregt, denn es erhob sich ein solch drohendes Geschrei gegen den französischen Lumpenkerl, daß dieser es vorzog, die Anker zu lichten.

Schon trug ich mich mit dem Plan einer Reise nach der brasilianischen Guayana, als eines Nachmittags der amerikanische Dampferagent die Frage an mich richtete:

»Wäre Ihnen mit einer Fahrkarte nach Trinidad gedient?«

Ich überlegte. Es war immerhin ein gut Stück weiter nach Norden, und wer weiß...

»Unser New Yorker Dampfer hat noch Kabinen frei,« fuhr er fort, »Sie sind aber von Port of Spain ab verkauft. Dort müßten Sie das Schiff verlassen, vielleicht verspätet sich ein Passagier, und in dem Falle könnten Sie an Bord bleiben.«

»Aber in New York finde ich erst recht keinen Dampferplatz nach Europa.«

»Der Dampfer geht von Trinidad aus nach Southampton und dann erst nach Hause.«

»Bravo!« rief ich beglückt. »Dann ist die Sache in Ordnung. Bin ich einmal an Bord, dann gehe ich erst in England wieder an Land.«

Der Agent war zwar anderer Ansicht, aber ich rechnete auf die amerikanischen Seeoffiziere. Sie würden einen alten Kameraden – ich war ja selbst Seemann gewesen – nicht im Stiche lassen.

Als aber der Dampfer, der von Rio kam, auf der Reede erschien, sank meine Zuversicht um ein beträchtliches. So viele Menschen hatte ich selbst in chinesischen Gewässern nicht auf einem Dampfer gesehen. Kopf an Kopf standen sie auf Deck. Als sie mich mit meinem Gepäck herankommen sahen, erhob sich ein unwilliges Gemurmel, in das sogar die Offiziere einstimmten. Der Agent beeilte sich, zu versichern, daß ich ja nur bis Trinidad mitführe, aber auch das dämpfte den Unwillen nicht. Ich erfuhr bald den Grund.

Alles, was von der Besatzung über eine Koje verfügte, hatte sie auf eigene Faust vermietet und schlief auf Deck. Auch die Offiziere; diese machten es sich inzwischen in den erst von Trinidad aus vergebenen Kabinen bequem, und waren natürlich unangenehm überrascht, als ich nun einem von ihnen das Bett nahm. Da der Kapitän nicht duldete, daß ein Offizier mit einem Fahrgast die Kabine teilte, so mußten auch die andern ausziehen. Auf diese Weise bekam ich zwar eine Kabine für mich allein, aber auch zwei Feinde. Zum Unglück gerade die, auf deren Beistand ich gerechnet hatte.

Der Dampfer, ein alter Kasten, den die Reederei wohl nur aus Anlaß des lockenden Verdienstes wieder in die Fahrt eingestellt hatte, brauchte sechs Tage bis Port of Spain. Da gerade ein starker Südwest wehte, wagte er sich nicht in die Nähe des gewöhnlichen Liegeplatzes der Dampfer, sondern hielt sich weit außerhalb der Korallenbänke, es den Passagieren überlassend, wie sie in der hohen See von oder an Land gelangen konnten. Ich versuchte durch eine Weigerung, mich in dem starken Seegang einem Boot anzuvertrauen, an Bord zu bleiben, und hätte es auch vielleicht durchgesetzt, wenn nicht gerade der Mieter meiner Kabine ein hoher englischer Beamter gewesen wäre. Der wurde natürlich mit einem Dampfer herausgebracht, auf dem sich auch die übrigen Passagiere befanden. Man lud kurzerhand mein Gepäck auf diesen Tender über und deutete mir durch eine nicht mißzuverstehende Handbewegung an, daß ich mich zu »drücken« hätte.

Daß man beim Überladen meiner Habe eine Kiste absichtlich ins Meer fallen ließ, war wohl nicht anders zu erwarten.

So kam ich nach der Insel Trinidad. Sie wurde zum Ausgangspunkt einer Reise durch die Antillen, von der ich hier eine gedrängte Schilderung folgen lasse.

Über die Stadt selbst ist nicht viel zu sagen. Sie ist eine der typischen englischen Hafenstädte mit den Warenhäusern und den Kontoren. Daran schließt sich ein ausgedehnter Park, der in seinen lauschigen Baumgruppen die Landhäuser der Kolonisten birgt. Am Strande baut sich das Negerviertel auf, in dem es zu jeder Tag- und Nachtzeit recht lebhaft zugeht.

Einen Vorzug vor andern westindischen Hafenplätzen hat Port of Spain: Asphaltierte Alleen und einen erstklassigen botanischen Garten, in dem, ebenso wie in dem berühmten Garten von Buitenzorg auf Java, begünstigt durch das Klima, fast alle auf der Erde gedeihende Pflanzen zu finden sind.

Meine erste Sorge nach Betreten des festen Landes war natürlich die Beschaffung einer Dampfergelegenheit nach Europa. Auf allen Schiffsagenturen empfing mich dasselbe mitleidige Lächeln. Alles bis in den September hinein vergeben.

»Wenn Sie mit einem Asphaltdampfer fahren wollen?«

»Nein, danke. Ich habe in Nordamerika nichts zu tun.«

Immerhin hatte die Frage mir etwas ins Gedächtnis gerufen, was mir bisher entgangen war. Auf der Insel Trinidad gibt es ja die berühmten Asphaltseen, deren Besuch wohl einen längeren Aufenthalt wert war.

»Wie komme ich am besten dorthin?« fragte ich abends auf der Terrasse des Hotels den mir gegenübersitzenden Herrn Hart, den Direktor des Botanischen Gartens.

»Fahren sie mit dem Küstendampfer nach La Brea. Dort fragen Sie nach Herrn Ridley, an den ich Ihnen eine Karte mitgeben werde. Sie sehen und erfahren dann alles, was Sie nur wünschen.«

»Kann ich zu Lande nicht dorthin kommen?« fragte ich. »Ich habe so viel Zeit übrig, und möchte nun auch das Innere der Insel kennenlernen.«

Herr Hart schüttelte den Kopf.

»Der Landweg bietet Ihnen nichts Bemerkenswertes. Höchstens treffen Sie unsern Heulaffen an, und das ist nicht einmal sicher, da er sich in die Wälder zurückgezogen hat. Außerdem sind die Wege über die Bergrücken sehr primitiv und vielleicht auch nicht ungefährlich. Es läuft hier allerlei verdächtiges Gesindel auf der Insel herum, mit dem sich herumzuschlagen keinen Ruhm einbringt.«

»Wenn mir diese Auskunft aus anderm Munde würde,« erwiderte ich höflich, »so würde ich ihr keine Beachtung schenken. Da ich in Ihnen aber einen Kollegen sehe, so werde ich natürlich den Wasserweg wählen. Vielleicht bietet sich nach meiner Rückkehr Gelegenheit, in Ihrer Gesellschaft einen ›Urwaldbummel‹ zu machen.«

»Wenn sich bis dahin keine Reisegelegenheit für Sie findet, stehe ich gern zur Verfügung,« entgegnete Herr Hart.

Am nächsten Morgen, mit Sonnenaufgang, verließ ein kleiner Dampfer den Hafen und nahm Kurs nach Süden.

Im Golf von Paria, der die Insel Trinidad vom venezuelischen Festland trennt, herrschte ziemlich wilde See, die unser kleines Fahrzeug wie ein Spielzeug hin und her warf, als es in die Strömungen geriet, die zwischen den beiden Meerengen der Bocca del Drago (Drachenmund) im Norden und der Bocca del Sierpa (Schlangenmund) im Süden herrschen. Wir wurden durcheinandergeschüttelt wie ein Sack voll Nüsse und waren herzlich froh, als wir nach fünfstündiger Fahrt mit heilen Gliedern, wenn auch voller Beulen, vor dem Hafen von La Brea ankamen. Dort beförderten uns kleine, unendlich verwahrloste Boote ans Land.

Und was für ein Land. So weit das Auge reicht, verbrannter, öder Boden, auf dem kein Baum, kein größerer Strauch dem Wanderer Schatten spendet. Hier und da erhebt wohl ein kümmerliches Pflänzchen seine Krone, um nach einem nach Stunden zählenden Dasein unter der Glut der mörderischen Sonne sein junges Leben wieder auszuhauchen: Auch die Tierwelt meidet diesen Ort, über dem ein atembeklemmender Teergeruch lagert. Die wenigen Menschen, fast durchwegs Neger, die an der Bootslandung neugierig auf den Weißen blicken, der in diese Einöde einzudringen wagt, ohne daß ihn der Zwang der Arbeit dazu nötigt, verbreiten eine Atmosphäre von Fieberdünsten um sich, der man sofort wieder entrinnen möchte, wenn nicht durch die Abfahrt des Dampfers die Möglichkeit einer Rückkehr für die nächsten vierundzwanzig Stunden abgeschnitten wäre.

Ich suchte zunächst den Herrn Ridley auf, an den ich empfohlen war. Auf seinem Bureau erfuhr ich, daß er sich gerade auf einem der draußen am Ladepier liegenden Asphaltdampfer befand. Während man ihn mittels Flaggensignal benachrichtigte, hatte ich Muße, mir die Arbeiten zur Verschiffung des Asphalts anzusehen. Über einige auf hohen Gestellen ruhende Drahtseile glitten unaufhörlich Förderkörbe, die aus einer entlegenen Gegend schwarze blasige Blöcke – den rohen Asphalt – holten und in die weit draußen liegenden Schiffe mit dumpfem Gepolter entleerten.

Die mit der Förderung und Verschiffung des Asphalts beschäftigten Arbeiter sind ausschließlich Neger. Ein Europäer würde in dem fieberglühenden ungesunden Klima in kurzer Zeit zugrunde gehen. Aber auch diese Neger versehen ihre Arbeit nur während eines verhältnismäßig kurzen Zeitpunktes, und trotz der außerordentlich hohen Löhne bei beschränkter Arbeitszeit herrscht in La Brea immer Mangel an Arbeitskräften.

In Herrn Ridley lernte ich einen Engländer kennen, der seine Ausdauer im Asphaltgebiet nur seiner Abstammung von einem weißen Vater und einer Indianerin verdankte. Er war der einzige Europäer, der schon einige Jahre in La Brea wohnte und diesem gottverlassenen Erdenwinkel auch einige gute Seiten abgewinnen konnte. Auf meine erstaunte Frage, ob er denn keine Sehnsucht nach reiner frischer Luft, nach Wäldern und Bäumen habe, erwiderte er:

»Allerdings habe ich das. Es hindert mich auch niemand, mir diese Genüsse zu verschaffen. In ein paar Stunden kann ich mich inmitten der prachtvollsten Vegetation befinden und unsere saftigsten Tropenfrüchte von den Bäumen pflücken.«

Als er meine ungläubige Miene bemerkte, fügte er lächelnd hinzu:

»Wenn Sie unsere Asphaltseen besichtigt haben, werde ich Sie zu einem Ausflug einladen, der Ihnen die Erklärung dafür gibt, wie ein naturliebender Mensch, wenn es sein muß, auch in der anscheinend trostlosesten Umgebung mit frohen Sinnen an seine Arbeit gehen kann.«

Auf müden kleinen Pferden ritten wir durch die erstickend schwüle Nachmittagsglut über eine unsagbar trostlose Ebene den höher gelegenen Fundorten des Asphalts zu. Nach halbstündigem Ritt stieg das Land zu mäßigen Hügeln an und plötzlich befanden wir uns vor einem etwa einen Kilometer im Durchmesser haltenden vulkanischen Krater, auf dessen Oberfläche einige hundert Neger, nackt bis zum Gürtel, mit Pickel und Spaten arbeiteten.

»Das ist unser Asphaltsee,« sagte Herr Ridley erklärend. »Das heißt, die Bezeichnung ›See‹ ist nur eine willkürlich gewählte Ausdrucksweise für einen alten Krater, aus dessen Innern seit Jahrhunderten neben einer übelriechenden Flüssigkeit das Erdpech – Asphalt genannt – zutage tritt. Das merkwürdige ist, daß sich die Asphaltmengen hier niemals erschöpfen. Nachweislich werden schon seit dem siebzehnten Jahrhundert mehr oder weniger große Mengen des Erdpechs nach allen Teilen der Welt ausgeführt, und doch bleibt der Krater stets bis zum Rande gefüllt. Heute verladen wir wöchentlich fast zweitausend Tonnen und das schon seit Jahren. Und doch wird, wie Sie sich leicht überzeugen können, der Inhalt des Beckens nicht weniger. Was wir am Tage dem Krater an Asphalt entnehmen, ist unfehlbar am nächsten Morgen wieder nachgewachsen. Die ausgebeuteten tiefen Löcher sind wieder gefüllt und der Spiegel des mit einer leichten Wasserfläche überzogenen Beckens sieht aus, als ob niemals auch nur eine Unze Gewicht aus seinen Wänden entnommen wäre. Merkwürdig ist ferner, daß sich die geheimnisvolle Tätigkeit im Erdinnern nur während der Nachtstunden vollzieht. Solange die Sonne am Himmel steht, bleiben die ausgehobenen Gruben unverändert. Erst mit dem Eintritt der Dunkelheit beginnt ein leises Brodeln und Arbeiten und man kann beobachten, wie die Wunden, die der Asphaltdecke geschlagen wurden, von unten auf wieder geheilt werden. Welche Kräfte diese unbegreiflichen Vorgänge herbeiführen, hat man bis auf den heutigen Tag noch nicht erforschen können. Zweifellos sind sie wohl vulkanischer Natur. Wir haben ja einige kleine Schlammvulkane in der Nähe, die jedoch nur schweflige Dämpfe ausstoßen und mit unserm ›See‹ in keinem Zusammenhang stehen.«

Während dieser Erklärung begaben wir uns über die Asphaltmasss an eine der Arbeitsstellen. Der Boden zeigte sich leicht elastisch, und ich hatte das Gefühl, als ob ich über einen Moorboden schritt, der jeden Augenblick unter meinen Füßen nachgeben konnte. Vier Neger stachen die zähen schwarzen Blöcke wie in einem Torfstich aus der Grube ab. Vier andere warfen sie auf die Wagen einer Feldeisenbahn. Sobald ein Wagen gefüllt war, wurde er von dem Auflader zu einer Sammelstelle gefahren und mit großen Haken an das Drahtseil gehängt, auf dem sie dem Dampfer zugeführt wurden. Unaufhörlich kamen und gingen die kleinen Wagen, deren Anzahl der Arbeitsleistung der Neger angepaßt war, so daß nur immer so viel Wagen an der Grube standen, als bequem beladen werden konnten. Dadurch vermied man, daß die Neger einen Eindruck der Hetzarbeit gewannen, während in Wirklichkeit genau so viel gearbeitet wurde, als überhaupt aus den Negern herauszuholen war.

Wir verbrachten die Nacht in einer Aufseherhütte, die alle Bequemlichkeiten aufwies, die man in solcher Gegend billigerweise erhalten konnte. Mit dem ersten Sonnenstrahl waren wir wieder im Sattel, und schon nach einer halben Stunde fanden wir uns in der herrlichsten Tropenvegetation. Herr Ridley führte mich in ein Tal, das von zwei oder drei Bergzügen, welche die Insel durchziehen, gebildet wird.

Unvermittelt sahen wir uns in den jungfräulichen Urwald versetzt. Die leuchtende Sonne verschwand und machte einer fahlen Dämmerung Platz, die durch die dichten Laubkronen der Riesenbäume hervorgebracht wurde. Eine erfrischende Kühlung umfing uns, und unwillkürlich ließ ich den Zügel auf den Hals meines Pferdes fallen.

»Wir müssen die Pferde ohnehin zurücklassen,« sagte mein Begleiter, der meine Bewegung falsch deutete. »Von hier aus führt nur ein Pfad durch die Wildnis. Ich habe ihn selbst mit vier Negern vor vierzehn Tagen geschlagen und hoffe, daß er noch gangbar sein wird.«

Mit diesen Worten warf er den Negern die Zügel zu.

»Nehmen Sie nun Ihre Büchse und das Jagdmesser und dann wollen wir einen Tag reinsten Urwaldlebens verbringen,« fuhr er fort. »Ich glaube, ich kann Ihnen hier in Trinidad ebensoviel wilde Welt zeigen, wie Sie drüben auf dem Kontinent gefunden haben, wenn auch ohne Jaguare und Riesenschlangen.«

»Dafür besitzen Sie andere Seltenheiten auf der Insel,« entgegnete ich höflich. »Man hat mir von ein paar Affenarten erzählt, die hier in besonders großen Exemplaren hausen sollen.«

»Das mag richtig sein,« erwiderte Herr Ridley. »Ich kenne die Tierwelt außerhalb der Insel zu wenig, um darüber ein Urteil abgeben zu können. Das aber ist sicher, daß unsere Affen, wenn sie einmal gereizt sind, zu recht gefährlichen Gegnern werden können. Einer meiner Diener kann Ihnen eine Geschichte davon erzählen. Seien Sie auf Ihrer Hut, wenn Sie zufällig einem der Roten begegnen sollten.«

Der Weg nahm unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Dort, wo mein Führer vor zwei Wochen Bahn gehauen hatte, war wieder eine dichte Decke von Pflanzen aller Art emporgeschossen. Sogar Palmschößlinge erreichten Mannshöhe und besonders eine harmlos aussehende, prächtig blühende Schlingpflanze, die ihre langen, fingerförmigen Ausläufer über den Boden breitete, nahm das Auge gefangen, und gerade vor dieser mußten wir uns hüten. Neben jeder Blüte saß ein mit Widerhaken versehener Dorn, der sich tief in die Haut bohrte und bei dem geringsten Versuch, sich davon zu befreien, abbrach. Mit dem Dorn drang ein winziges Tröpfchen einer Flüssigkeit in die Wunde, das ein unerträgliches Jucken verursachte. Da mir das Gewächs nicht bekannt war, so wurde ich natürlich ein Opfer desselben, und zwar in eben dem Augenblick, wo mich mein Begleiter vor ihm warnen wollte. Ich verbiß den Schmerz und drängte zum Weitermarsch, denn ich wollte möglichst viel von der Insel kennenlernen. Ein tropischer Urwald als solcher war mir nichts Neues, und so kleine Unannehmlichkeiten, wie es Dornenrisse zu sein pflegen, war ich gewohnt, zu gelegenerer Zeit, etwa abends am Lagerfeuer, einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen.

Gar bald nahm die Jagd unser ganzes Interesse in Anspruch. Ein Pecari, ein kleines Wildschwein, war vor uns in dem Pfad aufgetaucht und hatte sofort das Dickicht angenommen. Bald bemerkten wir, daß es eine Anzahl junger Tiere führte.

»Wenn wir die lebendig fangen könnten,« rief Ridley aus. »Schon lange suche ich sie vergebens, und gerade heute habe ich die Neger zurückgeschickt.«

»Was sollen die Neger dabei tun?« fragte ich zurück.

»Die könnten wir in den Busch schicken, um uns ein paar Junge zu fangen.«

»Das können wir selbst doch auch,« erwiderte ich. »Die Alte verschwand dort neben dem Feigenbaum. Versuchen wir es, ihr zu folgen.«

»Ah, das würde uns sicher ein paar Kleidungsstücke und Hautfetzen kosten,« antwortete Ridley. »Der Wald ist so voller Dornen, daß wir schon nach den ersten zehn Schritten die Spuren des Pecari verloren hätten.«

»Nun, wie Sie wollen,« entgegnete ich. »Wenn ich es mir in den Kopf gesetzt hätte, ein paar junge Pecaris mit nach Hause zu bringen, dann würde ich auch ohne sie nicht zurückkehren, und wenn ich ein paar Tage im Walde liegen müßte. Was liegt an den Kleidern? Und meine Haut hat schon so manches Hundert dornige Risse glücklich überstanden, daß sie durch einige Dutzend weitere auch nicht an Solidität verliert.«

»Wenn Sie die Sache so gleichgültig aufnehmen, dann ist es etwas anderes,« gab mein Begleiter zurück. »Lediglich die Rücksicht auf Sie hält mich ab, der Fährte zu folgen. Es ist sehr leicht möglich, daß wir auseinander kommen, und ich möchte Sie nicht in die Lage versetzen, allein in diesem Walde herumzuirren.«

»Wenn Sie weiter nichts fürchten, lieber Herr,« rief ich aus, »dann lassen Sie uns nur die Verfolgung aufnehmen. Ich habe so manche Nacht ganz allein im Urwald geschlafen, daß es mir auf eine mehr auch nicht ankommt. Wir wollen nur kurz ein Verständigungssignal verabreden, und dann los. Das Pecari wird nicht sehr weit sein. Wenn Sie seine Nähe wittern, dann brauchen Sie nur das Locken der Alten nachzuahmen, und die Jungen kommen Ihnen von selbst entgegengelaufen. Hüten Sie sich aber vor der Alten. Die Tiere sind bekanntlich sehr bissig und wenn sie Junge haben, auch angriffslustig.«

»Das weiß ich,« rief Herr Ridley, den die Jagdlust ganz gefangennahm. »Also drei kurze Pfiffe und bei Gefahr zwei Schüsse.« Die Worte rief er mir zu, als ihn das Dickicht bereits verschlungen hatte. Ich selbst ging vorsichtiger zu Werke. Indem ich mich an den phantastisch geformten Brettwurzeln des riesigen Feigenbaumes entlang schob, gewann ich eine lichte Stelle, die es mir ermöglichte, einen Überblick über die nächste Umgebung zu gewinnen. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß die Wildschweinfamilie nicht mehr in der Nähe weilte, hieb ich das Unterholz zusammen und untersuchte den Boden nach einer Fährte. Ich hatte Glück. Deutlich prägten sich die zierlichen Klauen in dem feuchten Erdreich aus. Sie führten in ein Gewirr von Schlingpflanzen, das ich leicht durchbrechen konnte, indem ich mich mit dem Gewicht meines Körpers dagegen warf. Allerdings heimste ich bei der Gelegenheit manchen Stich der aus ihrer Beschaulichkeit gerissenen Wespen ein. Aber mich hatte die Kaltblütigkeit verlassen, und je mehr Hindernisse sich mir in den Weg stellten, desto eifriger verfolgte ich die Spur.

Der Boden wurde naß. Die holzigen Sträucher traten zurück und großblättrige Wasserpflanzen tauchten auf. Eigentlich hätte mich das vorsichtig machen sollen. Da ich jedoch irgendwo in den Büschen die lockenden Rufe des Pecari zu hören glaubte, faßte ich meine Büchse fester und warf mich ungestüm vorwärts. Durch das Geräusch erschreckt, flüchteten mit lautem Gekreisch ein paar Wasservögel. Ein Reiher überflog mich.

»Herrgott, da ist Wasser,« entfuhr es mir. In demselben Augenblick verlor ich auch den Boden unter den Füßen, und ich sank bis unter die Arme in ein übelriechendes Wasserloch. Unwillkürlich stieß ich dabei einen Schrei aus, der ein paar Tiere aufscheuchte, die irgendwo in meiner Nähe ihr Lager haben mußten. An dem Zittern der Büsche nahm ich wahr, daß das Wild auf mich zukam. Wo ich gerade stand, suchte ich festen Halt mit den Füßen und nahm die Büchse, die ich bei dem plötzlichen Versinken zum Glück über den Kopf gehoben hatte, in Anschlag.

Ich brauchte nicht lange zu warten. In der nächsten Minute schnaubte es vor mir, die Büsche teilten sich, und ich sah das Pecari umringt von seinem jungen Nachwuchs. Bei meinem Anblick setzten sich die Kleinen, wie auf Kommando, auf ihr Hinterteil und blickten erschreckt und leise wimmernd das bebrillte Ungeheuer an, das vor ihnen aus dem Sumpfe wuchs. Aber auch ich war überrascht von dem unerwarteten Bilde, das sich da vor meinen Augen aufbaute. Die kleinen Schweinchen, deren braunrotgestreifter Haarflaum golden in der Sonne schimmerte, schauten mich mit ihren erstaunten Äuglein so treuherzig an, daß ich es nicht über mich gewinnen konnte, sie durch einen Schuß ihrer Mutter zu berauben, um sie in die Hand meines Begleiters zu liefern. Und doch hätte ich ihm gern zu einer so heiß begehrten Beute verholfen. Aber wie? Ich streckte die Hand aus, um das mir zunächst sitzende Tierchen zu greifen. Es sprang jedoch zur Seite und stieß einen quietschenden Ruf aus, der die Alte zu einem fauchenden Angriff auf mich veranlaßte. Nun kam mir ein rettender Gedanke. Vorsichtig nahm ich meinen Tropenhut ab. Ich faßte ihn oben am Kopfe, wartete auf eine Gelegenheit, wo das Tierchen den Kopf wendete, und stülpte ihm mit einem Schlage den Helm über den Körper. Der Wurf gelang. Gleichzeitig schnellte ich mich nach vorn, um den Helm mit aller Kraft auf den zappelnden Gefangenen zu pressen, und versuchte mit der linken Hand, in der ich noch das Gewehr hielt, mein Signalpfeifchen zu erfassen. Das war nun schwerer als ich dachte. Noch hatte das Muttertier die Situation nicht erfaßt. Lange konnte es aber nicht mehr dauern, bis die dumpfen Töne, die aus dem Tropenhut hervorquollen, sie über das Geschehene aufklärten. Und dann hatte ich einen wütenden Angriff abzuwehren.

Nach vieler Mühe brachte ich die Pfeife zum Munde. Die schrillen Rufe gellten durch den Wald und wurden zu meiner Freude sofort beantwortet. Jetzt wurde aber auch das Pecari ungemütlich. Fauchend schob es die Jungen beiseite und schickte sich an, den Hut anzugreifen. Ich fühlte, daß ich mit der einen Hand die Beute nicht lange würde halten können, deshalb warf ich mir die Büchse über den Kopf und beugte mich vor, um mit beiden Händen den kostbaren Fang zu schützen. Dabei ging ich wohl etwas ungestüm zu Werke. Ich begann zu wanken, verlor das Gleichgewicht und fiel, da ich nirgends einen Halt fand, vornüber, wobei mir die grüngelbe Brühe über den Kopf spritzte. Trotzdem ließ ich nicht locker. Jetzt lag ich mit beiden Armen auf dem moorigen Rande des Tümpels und umklammerte krampfhaft den Hut, dessen Besitz mir das Muttertier mit Rüssel, Pfoten und Zähnen streitig zu machen suchte. Mit Mühe konnte ich es meinem Gesicht fernhalten. Fast hätte das Wildschwein den Sieg davongetragen, denn ich verlor immer mehr Boden unter den Füßen und dachte schon daran, Hut und Ferkel fahren zu lassen, als plötzlich Ridley am jenseitigen Rande des Sumpfes auftauchte und dadurch die Sau in die Flucht jagte. »Gott sei Dank, daß Sie da sind,« schrie ich ihm aufgeregt entgegen, wobei mir ein Strom der stinkenden Brühe in den Hals lief. »Nehmen Sie rasch das Junge, rasch, Mann!«

»Sie haben gut reden,« erwiderte er, über meine jammervolle Lage lachend. »Ich sehe keine Möglichkeit, zu Ihnen zu gelangen, denn hier ist ein Wasserloch neben dem andern.«

»Habe ich mich etwa besonnen, als es galt, Ihnen das Ferkel zu fangen?« fragte ich erregt. »Ich muß hier ertrinken, wenn Sie mir nicht sofort Hilfe bringen. Hauen Sie ein paar dicke Äste ab und werfen Sie mir sie zu, damit ich mich wenigstens über Wasser halten kann.«

»Werfen Sie mir das Ferkel herüber. Es hindert Sie ja nur bei Ihren Rettungsarbeiten,« rief Ridley zurück, ohne meine Worte zu beachten. Er konnte den Engländer nicht verleugnen, dem der Eigennutz mehr gilt als ein Menschenleben.

»Das Ferkel ersäufe ich, wenn Sie mir nicht sofort Hilfe bringen, Herr Ridley,« rief ich ihm wütend zu. »Ich begreife nicht, daß Sie nicht alles aufbieten, mich aus diesem übelriechenden Tümpel herauszuziehen. Steht Ihnen denn ein Wildschwein höher als der Gastfreund?«

»Nein, entschuldigen Sie,« erwiderte er jetzt beschämt. »Ich glaubte wirklich an einen Scherz Ihrerseits. Können Sie denn nicht auf dem Wege, auf dem Sie gekommen sind, wieder zurück?«

»Dann wäre ich schon längst draußen. Der Boden ist ringsum wie ein Schwamm. Wenn ich darauf drücke, saugt er sich voll. Werfen Sie mir einen kräftigen Ast herüber.«

»Ja, aber das Ferkel, das Ferkel,« jammerte Ridley, »werfen Sie es mir doch herüber.«

»Halten Sie sich nur nicht auf. Wenn Sie mich herausziehen, bringe ich Ihnen das Ferkel mit.« Ich fürchtete wohl nicht mit Unrecht, daß mich der Engländer in dem Tümpel sitzenlassen würde, wenn er das heißersehnte Tier erst in Händen hielt. Dem mußte ich vorbauen. Gleichzeitig reifte in mir die Idee, den Mann für seine hinterlistigen Pläne zu bestrafen. Es sollte ihm nicht besser gehen als mir. Und wenn ich naß und voller Schlamm war, so brauchte er auch nicht in trockenen Kleidern spazierenzugehen. Übrigens war auch keine Zeit mehr zu verlieren, denn ich sank langsam, aber stetig tiefer in den Morast, und wer weiß, was mir bevorstand, wenn ich nicht energisch auf Rettung drängte.

Ridley hatte mittlerweile einen jungen Palmbaum abgehauen, und warf mir das obere Ende, an dem noch ein paar Wedel hingen, zu. Das dickere Ende umschlang er mit einem Strick und wickelte sich diesen um das Handgelenk, um festeren Halt zu haben. Der kräftige Stamm bot mir eine Stütze. Ich konnte mich von dem hinderlichen Gewehr befreien, das ich quer über die Wedel legte und mit dem Riemen an dem Stamme festschnallte. Hierauf holte ich aus meiner Tasche eine dünne Schnur und fesselte damit die vier Beinchen des kleinen Ferkels, das alles ruhig mit sich geschehen ließ. Dann legte ich das kleine Paketchen behutsam in das Innere meines Helmes und band auch diesen an die Wedel. Dann rief ich Ridley an:

»Jetzt halten Sie fest, Herr Ridley, stemmen Sie die Füße gut ein, und wenn ich rufe, ziehen Sie langsam, ohne den Stamm loszulassen.«

Nach einer Weile war er mit den Vorarbeiten fertig.

»Hallo, jetzt ziehe ich,« rief er mir zu. »Halten Sie fest.«

Ich griff fest in die biegsame Krone des Baumes, stemmte mich, so gut es gehen wollte, in den weichen Boden und lag bald mit halbem Leib auf dem Rande des Wasserloches. Plötzlich ließ Ridley los, und ich rutschte ein Stückchen zurück.

»Lassen Sie um Gottes willen nicht los,« schrie ich hinüber, »sonst ist alle Mühe vergebens.«

»Ich kann nicht mehr, ich muß mich ein bißchen ausruhen,« klang es zurück.

»Dann befestigen Sie wenigstens den Baum, damit ich mich heraufziehen kann.«

Nach einer Weile bekam ich die Antwort:

»So, jetzt ist der Stamm fest.«

Ich faßte die Palme und zog mich mit meiner ganzen Kraft empor. Dann setzte ich den Fuß auf den schwammigen Rand und wollte gerade das andere Bein nachziehen, als ich bemerkte, daß der Stamm nachgab. Sofort rief ich Ridley die Warnung zu: er solle nur jetzt nicht loslassen. Dann gab ich mir einen kräftigen Schwung und stürzte der Länge nach außerhalb des Loches auf festen Boden. In demselben Augenblick durchschnitt ein Jammerruf die Luft.

»Hilfe, zu Hilfe, ich ertrinke!« schrie Ridley. Ein wildes Plätschern verriet mir, daß mein Begleiter im Wasser saß.

Ungeachtet des trügerischen Moorbodens, eilte ich der von Büschen verdeckten Stelle zu, wo ich meinen Lebensretter vermutete. Ich bog die Zweige auseinander und mußte nun meinerseits auflachen. Ridley saß genau wie ich vorher bis zum Hals in einem moorigen Tümpel, wo er wild um sich schlug, um ein ganzes Heer von großen Wasserwanzen von sich abzuwehren.

»Wie haben Sie denn das fertiggebracht?« rief ich erstaunt aus.

»Das ist Ihre Schuld, wenn Sie nicht so kräftig gezogen hätten, dann wäre mir der Stamm nicht aus den Händen geglitten. Helfen Sie mir jetzt nur rasch wieder aus der stinkenden Brühe heraus.«

Damit ließ ich mir nun Zeit. Der gute Engländer sollte nur auch einmal die Freude durchkosten. Sein Leben war ja nicht in Gefahr. Unter dem Vorwand, erst den Palmbaum holen zu müssen, empfahl ich Ridley möglichste Ruhe und kehrte gemächlich zu der Stelle zurück, wo ich Helm und Büchse gelassen hatte. Unter den größten Vorsichtsmaßregeln fischte ich beides aus dem Tümpel heraus, steckte das Ferkel in die Tasche und suchte nun Freund Ridley auf. – Er führte immer noch den erbitterten Kampf gegen die stachelbewehrten Wanzen und fluchte wie ein Spanier, weil ich ihn so lange in der ungemütlichen Situation ließ. Gern hätte ich ihn noch länger zappeln lassen, aber die Sonne stand schon ziemlich tief, und wir waren auf ein Nachtlager im Walde nicht eingerichtet.

Als er endlich auf dem Trockenen stand, überreichte ich Ridley das kleine Ferkel und beglückwünschte ihn zu dem seltenen Fang. Liebkosend betrachtete er das zarte Wesen und sagte dann vorwurfsvoll:

»Aber die Beine hätten Sie ihm nicht zusammenbinden sollen. Das arme Vieh leidet doch darunter.«

»Ich mußte es auf diese Weise sichern, weil es mir sonst wieder durchgebrannt wäre,« erwiderte ich trocken.

»Ach nein, das läuft nicht weg,« erwiderte Ridley und band die Schnur los. Dann wickelte er das kleine Wesen in ein Pisangblatt und steckte es in seine Jagdtasche.

Die noch folgenden mehr oder weniger herzlichen Auseinandersetzungen wurden durch rollenden Donner unterbrochen.

»Um des Himmels willen, jetzt kommt ein Gewitter,« rief Ridley erschrocken. »Das möchte ich nicht im Wald erwarten. Lassen Sie uns eilen, daß wir unsere Hütte erreichen, bevor das Unwetter zum Ausbruch kommt.«

Ohne sich nach mir umzusehen, ob ich folgte oder nicht, lief er in den Wald und ward gleich darauf durch das Unterholz meinen Blicken entzogen. Da er nach meiner Ansicht eine falsche Richtung eingeschlagen hatte, auf meine Rufe auch keine Antwort mehr erfolgte, so kehrte ich zu der Stelle zurück, an der ich das unfreiwillige, erfrischende Bad genommen hatte. Von dort aus suchte ich mir unter Umgehung des Tümpels den Weg, auf dem ich gekommen war. Ohne große Schwierigkeiten fand ich die abgehauenen Äste und den riesigen Feigenbaum und betrat den Pfad in dem Augenblick, als der Himmel seine Schleusen öffnete und einen jener Regen herniedersandte, wie ihn nur die Tropen kennen. Mit dem Wolkenbruch trat auch die Dunkelheit ein. Im Scheine der flammenden Blitze suchte ich eine lichte Stelle, an der die dichten Laubkronen einigen Schutz vor dem Regen boten, und begann mich zu entkleiden. Naß war ich ja schon durch das duftende Bad. Und den so hart mitgenommenen Kleidern konnte es nur von Vorteil sein, wenn sie gründlich gewaschen wurden.

Zum Glück war der Inhalt meiner Jagdtasche trocken geblieben.

So konnte ich mir wenigstens die Zeit damit vertreiben, daß ich den mitgeführten Proviant verzehrte und eine Zigarre rauchte. Tropengewitter pflegen ebenso rasch abzuziehen, wie sie kommen. Nach meiner Berechnung mußte es noch eine Stunde Tag bleiben, so daß ich Hoffnung hatte, meinen Begleiter, der zweifellos gleich mir unter den Bäumen Schutz gesucht hatte, noch in der Nähe anzutreffen.

Während ich, um mich zu erwärmen, im Adamskostüm auf dem engen Raum auf und ab lief, hörte ich plötzlich einen Schuß fallen. Der auf die Blätter klappernde Regen ließ nicht erkennen, aus welcher Richtung der Schall gekommen war. Da wir als Alarmzeichen zwei Schüsse verabredet hatten, so strengte ich meine Sinne an, um mir den zweiten Knall, falls er folgen sollte, nicht entgehen zu lassen. Aber der zweite Schuß blieb aus. Ich schloß daraus, daß mein Freund irgendeine Jagdbeute angetroffen und diese erlegt hatte. Ich schwelgte im Geiste bereits im Genuß eines saftigen Hirschbratens, ohne zu bedenken, daß es diese Tiere auf Trinidad gar nicht gibt.

Der Regen ließ nach. Allerdings um bald darauf um so heftiger wieder niederzugehen. Ich benutzte die kurze Pause, um mich in der Umgebung umzusehen. Der Pfad hatte sich in einen Sturzbach verwandelt. Beim Versuch, ihn bis zum Ausgang auf die Straße zu verfolgen, wäre ich beinahe von der Gewalt des herabschießenden Wassers zu Boden gerissen worden. Ich kehrte daher zu meinem Zufluchtsort zurück. Um aber meinen Begleiter, falls er sich in der Nähe aufhalten sollte, von meiner Anwesenheit zu benachrichtigen, gab ich wiederholt schrille Pfeifensignale. Sie blieben unbeantwortet. Dann schoß ich zweimal, mit demselben negativen Erfolg. Nun glaubte ich mich über das Schicksal meines Gefährten beruhigen zu können. Er hatte zweifellos die Schutzhütte erreicht und befand sich zu dieser Stunde unter Dach und Fach an einem wärmenden Feuer. Ein leises Unbehagen beschlich mich, als ich mir dieses Bild weiter ausmalte. Allein ich war zu oft von Leuten fremder Rasse hintergangen worden, als daß ich mich bei diesem Gedanken länger aufgehalten hätte. Ridley war eben ein Engländer. Er hatte den Zweck unseres Spazierganges erreicht. Was kümmerte ihn der Deutsche. Den Asphaltsee hatte er ihm gezeigt, damit hatte er seine Verpflichtung Herrn Hart gegenüber erfüllt. Mochte der Herr Naturforscher jetzt sehen, wie er weiter kommt. Ich entschloß mich denn auch, nicht wieder zu Ridley zurückzukehren, sondern den Weg auf eigene Faust zu suchen.

Zunächst mußte ich an ein Nachtlager denken. Ich suchte mir einen kräftigen Stock und schob damit das fußhohe Laub zur Seite, um die darunterliegenden Holzstücke zu sammeln. Ich fand meine Mühe reichlich belohnt. Der Regen war noch nicht tief eingedrungen, und so konnte ich schon nach ganz kurzer Zeit einen ansehnlichen Haufen dürrer Äste zusammentragen, die meinem Feuer als erste Nahrung dienen sollten. Hatte ich erst eine tüchtige Glut, dann genügten auch grüne Äste zum Unterhalt des Feuers bis zum nächsten Morgen.

Auch einen Braten bekam ich bei dieser Gelegenheit. Unter einem Haufen trockener Blätter fand ich ein Stachelschwein, das ich ungewollt mit meinem Stock verletzte. Nach dem Schlage blieb es liegen. Um seine Qualen zu enden, tötete ich es vollends mit dem Messer und warf es beiseite, um mir später den Balg zu konservieren. Zum Abendessen beabsichtigte ich mir eines der zahlreich durch das Buschwerk huschenden Agutis – eine Hasenart – zu erlegen.

Ich war noch mit den Vorbereitungen zur Herrichtung eines Schutzdaches beschäftigt, als der Regen plötzlich wieder mit voller Gewalt losbrach. Rasch fachte ich mein Feuer an, bedeckte es mit Holz und feuchtem Laub und legte später ein paar dicke Aststücke darüber. Unter dem dichten Laubdach der Bäume, das mich ohnehin vor dem Ärgsten schützte, konnte ich mein Feuer auf diese Weise leicht in Glut erhalten. Trotz des Regens ging ich dann in den Wald und hieb mir so viel Zweige ab, als ich in der Nähe erreichen konnte, baute vor dem Feuer ein Gerüst, auf dem ich sowohl meine Kleider als auch das Laub trocknen konnte und ging dann zu dem Wechsel, auf dem ich vor kurzem die Agutis bemerkt hatte. Aber diesmal hatte ich Pech. Die Tiere waren bereits zur Ruhe gegangen, und ich mußte mich darauf vorbereiten, eine hungrige Nacht zu verbringen. Einmal ertappte ich mich zwar bei dem Gedanken, einen der in den Bäumen schlafenden Affen zu schießen, gab ihn aber bald wieder auf, denn ein toter Affe hat so viel Ähnlichkeit mit einem menschlichen Leichnam, daß ich sicher keinen Bissen heruntergebracht haben würde, wenn ich wirklich einen erlegt hätte.

Da fiel mein Blick auf das Stachelschwein. »Kann man Stachelschweine essen?« fragte ich mich und suchte in meiner Erinnerung nach Beispielen. Aber so sehr ich mein Gedächtnis auch anstrengte, nirgends fand ich einen Präzedenzfall. Ich nahm das Tier auf meinen Schoß und untersuchte es nach allen Richtungen hin, bis ich zu dem trügerischen Entschluß kam, daß ein Stachelschwein auch ein Pflanzenfresser ist, wie alle zur menschlichen Nahrung bestimmten Tiere, warum soll man es nicht essen können?

Ich fand auf diese Frage keine Antwort. Inzwischen hatte ich damit begonnen, das Tier abzuhäuten. Je mehr ich mich in die kulinarische Frage vertiefte, desto mehr lief mir das Wasser im Munde zusammen, und als ich eine Viertelstunde später den Balg zum Trocknen auf das Gestell spannte, suchte ich bereits nach einem Bambusstock, der mir als Bratspieß dienen konnte. Nach einer weiteren Viertelstunde stak der Stachelschweinbraten bereits über der Glut und begann sich langsam zu bräunen.

Der Braten schmeckte nicht unangenehm, woran der Hunger schuld gewesen sein mag. Ich bedauerte sogar später, als die besten Stücke verzehrt waren, daß ich nicht mehr davon hatte. Mein Hunger war keineswegs gestillt, und der Rucksack barg nichts Eßbares mehr.

Die Zweige waren inzwischen trocken geworden und das Gewitter zog leise grollend nach dem Meere zu ab. Ich richtete mir neben dem Feuer ein Lager auf, holte noch ein paar gewichtige grüne Äste, die ich kreuzweise über die Glut warf, und legte mich dann zum Schlafen nieder. Zuvor fror mich ganz gehörig, aber unter den obwaltenden Umständen mußte es eben ausgehalten werden.

Ich mochte etwa zehn Minuten gelegen haben, und der Schlaf begann sich auf meine Lider zu senken, als ich in der Ferne einen Schuß hörte. Anfangs gedachte ich ihn zu beantworten. Da mir aber jede Bewegung einen Schüttelfrost über den Körper jagte, änderte ich meine Absicht. Wenn Ridley mich wirklich suchte, so würde er es doch nur auf dem Wege tun, auf dem wir hierhergekommen waren, dachte ich, und da mußte er mich ja endlich finden. Rauch und Feuerschein dienten ihm ohnehin als Wegweiser. Mitten unter diesen und ähnlichen Gedanken schlief ich wieder ein.

Ein Kältegefühl weckte mich. Um mich her herrschte tiefe Finsternis. Mein Feuer war heruntergebrannt und wie feurige Augen leuchteten die glühenden Aststücke. Ich erhob mich, um die Glut wieder zu beleben. Kaum stand ich auf den Füßen, als ich in meiner Nähe ein Geräusch vernahm, etwa so, als ob sich ein Mensch leise entfernte.

»Wer ist da?« fragte ich und legte einen energischen Ton in meine Worte. Gleichzeitig knackte der Hahn meiner Büchse.

Bei dem Ton meiner Stimme raschelte es neben mir, und ein paar Regentropfen fielen auf mein Gesicht. Der unsichtbare Besucher war auf seiner Flucht an einen Baum geraten, der mir die Feuchtigkeit seiner Blätter auf den Kopf goß. Eine Antwort auf meine Frage bekam ich nicht.

Nun ist es ja eine alte Erfahrung, daß man im tropischen Urwald im allgemeinen sicherer schläft, was persönliche Sicherheit anbetrifft, als in den ersten Gasthöfen mancher europäischen Großstadt. Ich ließ mich auch durch den geheimnisvollen Nachbarn nicht aus meiner Ruhe bringen, obschon ich gern gewußt hätte, wer sich an meinem Feuer wärmen wollte. Als ich die Glut wieder zur Flamme angefacht und dafür gesorgt hatte, daß das Feuer vor Tagesanbruch nicht erlosch, streckte ich mich neuerdings auf das Blätterlager und nahm mir vor, so lange wach zu bleiben, bis der Besucher sich wieder in meine Nähe wagen würde. Da nun bekanntlich gespannteste Aufmerksamkeit das beste Einschläferungsmittel ist, so lag ich auch schon nach kurzer Zeit wieder im besten Schlummer.

Als der Tag graute, fuhr ich plötzlich von meinem Lager in die Höhe. Ein seltsamer Ton hatte mich geweckt. Ich glaubte in meiner Nähe das Weinen einer Frau oder eines Kindes gehört zu haben. Als ich aber die Umgebung nach einem menschlichen Wesen absuchte, fand ich nichts. Der Traum mußte mich genarrt haben. Als ich dann im Begriff stand, meinen Blechbecher auszupacken, um mir das Wasser zu meinem Morgentrunk zu holen, trug mir der Wind abermals leise Klagetöne zu. Jetzt zweifelte ich nicht mehr, daß irgendwo im Walde sich ein Mensch befand, der seinem Schmerz durch bitteres Weinen Luft machte. Wahrscheinlich war es ein Verirrter.

Ich dachte natürlich zuerst an Ridley. Den Gedanken ließ ich aber bald fallen. Der Mann sah nicht danach aus, als ob er eines weichen Gefühles fähig wäre. Ich wollte rufen und dadurch meine Anwesenheit melden. Irgend etwas hielt mich aber davon ab. War es der Gedanke an die Nähe von Menschen, denen man besser unbemerkt naht, oder wollte ich den andern an mich herankommen lassen? Heute weiß ich es nicht mehr. Jedenfalls nahm ich mein Gewehr und trat in den Pfad, der heute einem schlammigen Bachbett glich. Ich verfolgte ihn aufwärts. Bald wurde der Wald auf der einen Seite lichter, und nach einigen Minuten raschen Wanderns sah ich Felsen durch die Bäume schauen. Dort mußte Wasser sein, denn der Schrei wilder Gänse drang aus der Richtung herüber.

Ich fand eine Quelle, die aus mäßiger Höhe in ein Becken herabfiel, auf dem sich eine große Anzahl von Vögeln aller Art tummelte. Der Grund des Beckens war Kiesboden, und das Wasser war so klar und rein, daß ich Lust hatte, da ein Bad zu nehmen. Auf der Suche nach einer passenden Stelle umschritt ich den einen waldigen Rand und wählte mir im Schatten eines gewaltigen Baumriesen einen sandigen Ufersaum, auf dem ich mich rasch entkleidete. Gewohnheitsmäßig blickte ich um mich, bevor ich den Fuß ins Wasser setzte. Da raschelte es über mir in den Zweigen. Als ich den Kopf hob, bemerkte ich nur ein Zittern der Äste. Zufällig streifte dann mein Auge das Spiegelbild des Baumes und da bemerkte ich, wie mir aus dem Wasser ein Gesicht entgegenblickte. Ich sah allerdings nur ein paar funkelnde Augen und einen roten Haarschopf. Aber in dem Blick lag eine Welt von Feindseligkeit, so daß ich langsam zu meinen Kleidern zurückkehrte und mein Gewehr aufgriff. Hierauf schritt ich gelassen, als ob ich nichts bemerkt hätte, an das Ufer zurück. Das Gesicht war noch da, nur war es noch etwas mehr durch die Blätter verdeckt als vorher.

Ich überlegte. War es ein Mensch, dann mußte er Auskunft über den Zweck seines Hierseins geben. Ich hatte den Gedanken noch nicht ausgedacht, da wurde über meinem Kopf ein Geheul laut, das mir durch Mark und Bein ging und das mit einer Wut und Kraft ausgestoßen wurde, die den großen Affen als einen nicht gerade leicht zu nehmenden Gegner erscheinen ließ. Gleichzeitig wurde es in der Krone des Baumes lebendig. Rauhe Kehllaute und ein Knurren und Fauchen sagten mir, daß ich einer Familie der von den Eingeborenen mit allerlei geheimnisvollen Kräften ausgestatteten, roten Heulaffen ins Gehege gekommen war. Vielleicht war sie von Jungen begleitet, und in dem Falle konnte eine Begegnung nur zu meinem Nachteil ausfallen. Vernünftigerweise packte ich meine Kleidung zusammen, um am andern Ufer eine geeignetere Stelle zum Baden zu suchen. Als ich jedoch dort ankam, war die ganze Gesellschaft – jetzt konnte ich sie mit Muße betrachten – bereits in den Felsen und benahm sich so unerschrocken, daß ich meine Badeidee endlich aufgab. Ich war froh, daß ich mich wenigstens satt trinken und den gefüllten Blechkessel mitnehmen konnte. Hatte ich aber geglaubt, durch meinen Rückzug die Affen los zu werden, so sah ich mich arg getäuscht. Als ich bei meinem Lagerfeuer ankam, waren auch die Affen dort und benahmen sich so frech, daß ich beinahe ein paar Schrotschüsse unter die Bande abgefeuert hätte. Der Rauch meines mit nassem Holz genährten Feuers veranlaßte sie, sich in größere Entfernung zurückzuziehen. Als ich dann kurz darauf noch ein Aguti schoß, floh die ganze Familie unter ohrenbetäubendem Geschrei tiefer in den Wald.

Der Goldhase war abgehäutet und bratfertig zugerichtet. Als ich am Feuer stand und in behaglicher Ruhe meine Zigarre rauchte, hörte ich wieder das Weinen, und zwar ganz in meiner Nähe. Da mich das Wesen gesehen haben mußte, so hielt ich es für überflüssig, mich unter Aufwand größeren Lärmens besonders bemerkbar zu machen. Ich zog meine Büchse näher an mich heran, tat aber im übrigen, als hätte ich die Laute gar nicht gehört. Ich wandte scheinbar meine Aufmerksamkeit meinem Braten zu, lauschte aber dennoch auf jedes Geräusch in meiner Umgebung.

Eine Weile blieb es still. Meine Bewegung nach dem Gewehr mußte dem Wesen zu Ohren gedrungen sein. Ich vernahm ein Scharren, das von leisem Winseln begleitet war. Die Laute kamen aus allernächster Nähe und veranlaßten mich, endlich aufzuspringen, um dem seltsamen Wesen auf die Spur zu kommen.

Ich mußte lange vergeblich suchen. Bei meiner Bewegung waren die Laute sofort verstummt. Ich durchsuchte wiederum die ganze Umgebung, schob jeden Busch, jedes Pflanzenbüschel auseinander ... umsonst. Mißmutig lehnte ich mich an den nächsten Baum. In demselben Augenblick hörte ich aufs neue das bittere Weinen, und zwar dicht an meinem Ohr. Nun entdeckte ich bald die Ursache. Es war wieder ein Affe, der mich in Aufregnng versetzt hatte. Eine Art Klammeraffe, dessen Ruf dem Weinen des Menschen täuschend ähnlich ist .... So lernte ich an einem Morgen die seltenen Vierhänder kennen, die als einzige Affenarten auf Trinidad heimisch sind und die dem größten Teile der auf der Insel lebenden Menschen kaum jemals zu Gesicht kommen.

Die Hoffnung, mit Ridley noch einmal zusammenzutreffen, hatte ich aufgegeben. Wenn ihm daran lag, sich nach mir umzusehen, so hätte er das längst tun müssen. Ob ich das Gewitter und die Nacht gut überstanden hatte, ob ich tot oder lebendig war, schien ihm gleichgültig zu sein. Ich hielt mich daher auch meinerseits nicht für verpflichtet, seine Fährte aufzusuchen. Er war in der Gegend zu Hause und hatte sicher zu dieser Stunde längst seine Arbeiten am Pier aufgenommen. Da ich meine ganze Habe, die ich zu meinem Ausflug nach La Brea mitgenommen hatte, auf dem Leibe trug, so hinderte mich nichts, über das Gebirge zu gehen und den Weg nach Port of Spain zu Lande zurückzulegen. Herr Hart hatte mich allerdings gewarnt, aber wenn ich meine Augen über die bewaldeten Berge streifen ließ, dann verblaßte die Warnung und das Vertrauen auf mein Glück, das mich auf dieser dritten Weltreise nun schon fast drei Jahre begleitete, ließ mich über die möglichen Gefahren lächeln. Kurz nach Mittag schulterte ich die Büchse, lud meinen Rucksack auf und begab mich zunächst zu der Felsengruppe, an der ich morgens die Heulaffen gefunden hatte. Dort erkletterte ich einen Felsen, um einen Überblick auf das vor mir liegende Land zu gewinnen. Meine Mühe war jedoch vergeblich. Soweit das Auge reichte, sah ich nur Wald und immer wieder Wald, der sich kulissenartig vor meinen Blicken aufbaute. Nur nach Süden durchbrachen einige höher gelegene Berge die dunkelgrüne Mauer. Da es nicht schwierig schien, noch bei Tageslicht zu jenen Bergen zu gelangen, so machte ich mich kurz entschlossen auf den Weg. Nach kurzer Buschwanderung gewahrte ich zu meiner angenehmen Überraschung einen schmalen Pfad, der vor gar nicht langer Zeit durch den Wald geschlagen sein mußte und der allem Anschein nach auf – oder über die Berge führte, die ich mir als Ziel ausersehen hatte.

Ohne mir über die Bedeutung eines solchen Weges lange Kopfzerbrechen zu machen, schritt ich fröhlich und guter Dinge immer tiefer in den Urwald hinein. Bald nahm das Licht ab, und das stets unter den riesigen Waldbäumen herrschende Zwielicht zwang mich, genau auf meine Umgebung zu achten. Zunächst fiel mir auf, daß der Wald keine Spur von tierischem Leben zeigte. Die Stimmen der Vögel, insbesondere des Glockenvogels, die mich während des Tages erfreuten, waren erstorben. Selbst die Affen fehlten. Eine unheimliche, drückende Stimmung lag in dem Walde, die das Empfinden auslöste, als ob ein größeres Unglück bevorstünde. – Diese Wahrnehmung machte mich aufmerksamer. Ich achtete auf jedes Geräusch und faßte meine Umgebung scharf ins Auge.

Je höher ich stieg, desto unheimlicher schien mir der Wald. Waren es meine erregten Nerven oder lagerte tatsächlich eine drückende, erstickende Schwüle über den Bäumen .... »Wenn ich nur sehen könnte,« rief ich im Selbstgespräch aus und blieb stehen, um mich nach einem Ausweg aus dieser Wildnis von Riesenbäumen und prachtvollen Schlingpflanzen umzusehen. Während dieser Pause vernahm ich ein schwaches Brausen, das lebhaft an das Abblasen des Dampfes aus einer fernen Dampfmaschine erinnerte. Es kam aus der Richtung, in der ich fortschritt, und im Marschieren zerbrach ich mir den Kopf darüber, was das wohl zu bedeuten hatte. Schließlich beruhigte ich mich bei der Annahme, daß irgendwo in der Nähe eine Sägemühle im Betrieb sei. Zu der Erklärung paßte denn auch der Fußweg, den die dort beschäftigten Arbeiter benutzten.

Nach einer Weile fiel mir das veränderte Laub der Bäume auf. Das Unterholz war teils abgestorben, teils sah es aus, als ob sich ein graugelber Pilz auf ihm niedergelassen hätte. Plötzlich befiel mich eine kaum zu bewältigende Müdigkeit. Ein metallischer Geschmack lag auf meiner Zunge. Nur mit Mühe konnte ich atmen. Die Haut, die soeben noch sehr stark transpirierte, wurde trocken und fühlte sich an wie rauhe Wolle ....

»Zurück,« rief es in mir, und der inneren Stimme folgend, kehrte ich auf dem Weg um, bis zu der Stelle, an der die üppigen Blattgewächse im Schmucke ihrer grünen Pracht gediehen. Dort spülte ich mir den Mund aus, um den unangenehmen Geschmack loszuwerden. Es dauerte immerhin einige Zeit, bis ich mich imstande fühlte, meinen Weg fortzusetzen.

Ich begann jetzt der eigentümlichen Erscheinung meine Aufmerksamkeit zu widmen. Es war mir sofort klar, daß eine Bodenausdünstung ihren giftigen Hauch über den Wald ausstreute und daß ich zufällig in deren Bereich geraten war. Merkwürdig kam es mir vor, daß der Fußweg gerade an jener Stelle, an der ich umkehren mußte, Spuren sehr starker Frequenz zeigte. Es konnte sich demnach nur um eine sporadisch auftretende Gasausströmung handeln, denn sonst wären die Menschen, die den Weg vor mir passierten, der Erscheinung zum Opfer gefallen.

Ich wich von dem Fußpfad ab und suchte mir einen Weg durch jenen Waldteil, der sich hart an der Grenze des zerstörten Pflanzenwuchses hinzog. Schon nach überraschend kurzer Zeit stand ich auf einem öden Terrain, auf dessen höchster Erhebung eine haardünne Wassersäule in die Höhe trieb. Ich umging diesen winzigen Krater in größerer Entfernung und gelangte auf Umwegen auf das über ihm liegende Gelände. Ein frischer, würziger Wind strich hier oben über die Berge, so daß ich bei einer Annäherung keine Gefahr lief. Meine Annahme, daß es sich um eine vulkanische Fumarole handelte, erwies sich als irrig. Ich stand vor einem Schlammvulkan, der sich in reger Tätigkeit befand. Er hatte den Boden an zwei nebeneinander liegenden Stellen durchbrochen, und die mit Wasser vermengte Asche brodelte, von dem Gase der Tiefe gehoben, mit lebhafter Blasenentwicklung. Dazwischen drängte sich in ganz regelmäßigen Zwischenräumen ein Strahl giftiger Dämpfe, die jedesmal einen gelben Bodensatz in dem Schlamme zurückließen, der allerdings beim Erscheinen der nächsten Blasen wieder verschwand.

Ich stand noch vertieft in den Anblick dieses Naturwunders, als plötzlich über mir im Wald ein Schuß fiel, dessen andauernd langes Echo mir die Gewißheit gab, daß ich nicht mehr weit entfernt von der zum Ziel gewählten Bergspitze sein konnte. Der Schuß wurde kurz nachher aus dem Wald unter mir durch drei Schüsse erwidert. Offenbar ein Signal. – Nun ist es ja im allgemeinen nichts Außergewöhnliches, daß Jäger in den tropischen Urwäldern sich durch Gewehrschüsse verständigen, und auch ich sah anfangs nichts Auffälliges darin. Trotzdem gab ich kein Zeichen meiner Anwesenheit, suchte vielmehr den höher gelegenen Wald auf und versenkte mich in die Betrachtung des einzig schönen Schauspieles des Sonnenunterganges. In meiner Nähe horstete ein Raubvogelpaar, das jetzt zum Neste flog und Atzung für die Jungen in den Fängen trug. Diese Wahrnehmung rief mir meine Obdachlosigkeit ins Gedächtnis. Es war Zeit, daß ich mir ein passendes Plätzchen für mein Nachtlager suchte. Weiche Moose gab es genug um mich her. Auch zum Lagern geeignete verborgene Felsnischen fanden sich. Aber ich traute den giftigen Gasen nicht. Geriet ich zufällig in die Nähe eines solchen vulkanischen Ventils, dann war meine irdische Laufbahn hier zu Ende, und daran war mir eigentlich recht wenig gelegen. Ich durchforschte die Bäume auf ihre Tragfähigkeit hin, fand aber nur solche mit glatten Stämmen, die zu erklettern mir unmöglich war. Ich setzte meinen Marsch aufwärts fort. War ich erst außerhalb der gefährlichen Zone, dann konnte ich mich unbedenklich unter den nächsten Baum legen.

Die Vegetation nahm zu, je höher ich stieg. Das Unterholz wurde dichter. Der Wald begann Leben zu zeigen. Ich fand eine Art hühnerartiger Vögel in größerer Menge, die bei meinem Erscheinen im Buschwerk verschwanden. Da ich nicht schießen wollte, versuchte ich es, eines der Hühner mit dem Stock zu erschlagen. Aber so sehr ich mich auch abmühte, die Hühner waren schlauer als ich! Endlich, als der Wald schon sein Nachtkleid angelegt hatte, überraschte ich einen Vogel auf seinem Nest. Ich ergriff ihn beim Halse und tötete ihn durch ein Wirbeln in der Luft. Nun fehlte mir nur noch der geeignete Platz zum Lagern. Während ich die nächste Umgebung danach absuchte, trug mir der Wind Geräusche zu, die ich für menschliche Stimmen hielt. Ich trat wieder ins Freie und lauschte. Nun spürte ich auch deutlich den Rauch eines Holzfeuers. Nach einiger Überlegung entschloß ich mich, die Stätte aufzusuchen. Den Vogel über die Achsel werfend, machte ich mich auf, um, vom Winde geleitet, das vermutete Dorf aufzusuchen und dort um ein Nachtlager zu bitten. Die letzten Strahlen des im fernen Ozean versinkenden Tagesgestirns zeigten mir noch die Spur eines viel begangenen Weges, der sorgfältig von dürren Zweigen gereinigt war und mir eine unbemerkte Annäherung an den Ort ermöglichte. Ich folgte dem Weg und sah schon nach kurzer Zeit ein gewaltiges Feuer durch die Bäume schimmern. Geräuschlos schlich ich mich näher und sah nun, daß acht Männer sich um das Feuer auf den Boden gelagert hatten. Sie lauschten anscheinend den Erzählungen, die ihnen ein jüngerer Mann, anscheinend ein Weißer, zum besten gab. Die größte Mehrzahl der Männer waren Neger. Nichts in ihrem Äußern ließ auf ihren Beruf schließen. Auch sah ich keine Werkzeuge, aus denen ich auf die Art ihrer Arbeit hätte schließen können. Nur Waffen, und zwar gute neue Gewehre, die man im Besitz von Negern nicht vermutet hätte, hingen in greifbarer Nähe an den Ästen.

Ich stand im Schatten der Bäume, konnte also von den Männern nicht leicht gesehen werden, und betrachtete die mir nichts weniger als einladende Gesellschaft. Einer der Männer, der wohl mit sehr feinen Sinnen ausgestattet war, schien meine Nähe zu ahnen. Er sah ein paarmal spähend auf den Weg und sprang schließlich auf, indem er zur Büchse griff. Ein paar seiner Kameraden riefen ihm lachend einige Worte zu, worauf er sich wieder niedersetzte und die Waffe neben sich legte.

Ich hielt es für das beste, mich zu zeigen. Ich schlich mich etwa hundert Schritte weit zurück und kam dann ziemlich geräuschvoll auf das Feuer zu. In Sicht desselben angekommen, rief ich den gewöhnlichen Gruß, der wie eine Bombe einschlug. Alles sprang mit einem Satz auf die Füße und hielt mir die Büchse entgegen. Obwohl mir ein derartiger Empfang genug über den Charakter der Leute sagte, glaubte ich die seltsame Bewegung übersehen zu sollen und rief lachend in spanischer Sprache:

»Donnerwetter, Männer, ihr empfangt ja einen Fremden höflich. Macht doch meinetwegen keine so großen Umstände. Ich bin nur ein armer verirrter Reisender, der gern sein Huhn an eurem Feuer braten möchte und in guter Gesellschaft die Nacht verbringen will. Ist es erlaubt, näher zu kommen?«

Die Worte und mein unverfängliches Auftreten beruhigten sichtlich die Männer. Einer derselben, eben jener, der mich vorher bereits gewittert hatte, erwiderte: »Wenn Ihr mit dem wenigen vorlieb nehmen wollt, das wir selbst haben, so seid willkommen.«

»Danke euch,« erwiderte ich, indem ich näher ans Feuer trat und meinen Hut zu Boden warf. »Verdammt unangenehme Gegend hier. Wäre beinahe in den Gasen umgekommen. Konnte mich eben noch rechtzeitig in Sicherheit bringen.«

»Woher kommt Ihr denn und was sucht Ihr hier oben?« fragte der Sprecher weiter, während sich seine Kameraden verstohlen über mich unterhielten.

»Ich suche einen Weg nach Port of Spain und komme von La Brea,« entgegnete ich.

»Nach Port of Spain?« fragte der Mann zurück. Gleichzeitig umlief ein unwilliges Gemurmel die Reihen der Männer. »Mann, Ihr bindet uns ein Märchen auf, das wir verdammt wenig Lust haben zu glauben. Ihr müßt Euch schon klarer ausdrücken, wenn wir gute Freunde bleiben sollen.«

»Es ist so, wie ich sage. Ich gebe aber zu, daß meine Angaben ohne nähere Erklärung etwas unglaublich klingen.«

»Dann schießt los mit der Erklärung. Laßt das Huhn so lange liegen,« fügte er hinzu, als ich begann, meine Beute zu rupfen.

»Also hört: Ich bin in La Brea gewesen, um mir die Asphaltseen anzusehen. Dann hat mich ein Herr zur Jagd eingeladen ...«

»Der Direktor Ridley, ich weiß,« unterbrach mich einer der Neger.

»Jawohl, der Ridley. Als wir gestern vom Gewitter überrascht wurden, kamen wir auseinander. Ich mußte im Walde schlafen und wartete heute bis Mittag darauf, daß er mich aufsuchen würde ...«

»Das würde dem Ridley gerade einfallen,« warf der Neger dazwischen.

»Da er aber nicht kam, entschloß ich mich, auch nicht wieder zu ihm zurückzukehren, sondern den Weg nach einem Küstenort oder wenn möglich nach Port of Spain zu suchen. Jetzt bin ich auf dem Wege dahin und hoffe, daß ihr mir Gastfreundschaft bis morgen früh gewähren werdet.«

»Wißt Ihr denn den Weg nach Port of Spain?«

»Ich weiß nur, daß er in nördlicher Richtung gesucht werden muß. Zeit genug habe ich, da ich in Port of Spain einen Dampfer nach Europa erwarte, und das kann noch einige Wochen dauern.«

»So, nach Europa wollt Ihr? Ihr wohnt also nicht auf der Insel?«

»Ich bin vor einigen Tagen mit dem Amerikaner aus Brasilien gekommen und war nie in Trinidad.«

»Habt Ihr einen Verwandten in der Hauptstadt? Freunde bei der Regierung?«

»Ich kenne nur den Direktor vom Botanischen Garten, der ein Kollege von mir ist.«

»Dann seid Ihr also auch vom Staate angestellt?«

»Nein, aber ich bin auch ein Naturforscher wie Herr Hart und daher sein Kollege.«

»Seid Ihr Engländer?«

»Nein, Deutscher.«

»Ah, aha, Deutscher.« Ein zufriedenes Gemurmel aus den Reihen der Umsitzenden ließ mich erkennen, daß wir Deutschen hier allgemein Achtung genossen.

»Und Ihr habt wirklich keinen andern Beruf als Naturforscher? Das sind ja wohl Männer, die Tiere und Kräuter sammeln?«

»Das ist mein einziger Beruf. Ich bin jetzt fast drei Jahre von meiner Heimat fort und auf dem Wege nach Hause, und da muß es mir passieren, daß alle Dampfer nach Europa voll besetzt sind. Anstatt heute bei meinen Angehörigen zu weilen, die große Sehnsucht nach mir haben, streife ich hier in den Wäldern herum und suche die Zeit totzuschlagen. Es ist kein angenehmer Beruf, glaubt mir das, Kameraden.«

»Den Plan, nach Port of Spain zu wandern, gebt nur auf, Mann,« sagte der Sprecher in einem freundlicheren Ton. »Ich will Euch einen Weg an die Küste zeigen. Vom Dorfe Moruga aus gibt es eine Dampferverbindung nach Port of Spain. Damit kommt Ihr schneller und sicherer an das Ziel.«

»Wie weit ist es bis zu diesem Dorfe?«

»Wenn Ihr guter Fußgänger seid und ein paar halsbrecherische Klettereien nicht fürchtet, könnt Ihr es in drei Tagen bequem schaffen ... Aber jetzt trinkt vor allen Dingen einmal und nehmt ein Stück Fleisch. Das Huhn bratet Euch Pedro, ohne daß Ihr es lange rupft.« Ich nahm den Becher und trank den eiskalten Whisky in durstigen Zügen. Dann nahm ich das mir angebotene Stück Fleisch und schlang es mit einem wahren Heißhunger hinunter. Dabei verwandten die umsitzenden Männer kein Auge von meiner Person. Der Sprecher bemerkte:

»Jetzt glaube ich es, Mann, was Ihr uns da erzählt habt. Ihr seid ja rein ausgehungert. Hier, nehmt noch ein Stück Brot, es ist noch warm.«

Er warf mir einen kleinen Laib Maisbrot zu, der mir vorzüglich mundete.

Ich glaubte den Männern nun auch etwas Angenehmes sagen zu müssen und flocht in die Worte meinen Dank ein.

»Bei Ridley gab es weder so vorzüglichen Whisky, noch bot er mir so wohlschmeckende Speisen. Ihr müßt einen guten Koch haben.«

»Nur an Tabak fehlt es,« rief einer aus der Runde. »Der ist auf der Insel nicht so leicht zu bekommen wie die andern guten Sachen.«

»Da bin ich aber froh, daß ich eure Gastfreundschaft vergelten kann,« sagte ich, indem ich den Rucksack öffnete und ihm ein Bündel Zigarren entnahm, die mir Herr Hart als Reisebedarf besorgt hatte. »Hier habe ich echte Portorikos. Ein Geschenk meines Kollegen. Nehmt sie. Wenn ich nach Port of Spain komme, finde ich neuen Vorrat. Vielleicht laßt ihr mir drei Stück, eine für jeden Tag der Reise.«

Gierig fielen die Männer über meine Gabe her. Jeder nahm aber nur ein Stück. Erst auf mein Drängen, die verbleibenden vierzehn Zigarren unter sich zu verteilen, machte der Sprecher von meinem Anerbieten Gebrauch. Nach einem weiteren Becher Whisky sank ich dort, wo ich gerade saß, in einen tiefen Schlaf, aus dem ich erst erwachte, als es schon heller Tag war. Die Neger hatten den Lagerplatz bereits verlassen, nur der Mann, der am Abend vorher das Wort führte, saß am Feuer und wartete auf mich.

Ich begrüßte ihn mit den Worten:

»So gut habe ich lange nicht geschlafen, Kamerad. Ich fühle mich so frisch und gesund, daß ich mich zu jedem noch so schwierigen Marsche stark genug fühle ... Und Ihr waret so freundlich, mir ein Frühstück herzurichten, wie kann ich Euch das danken, Kamerad?«

»Das werde ich Euch später sagen,« erwiderte der Mann mit eigentümlicher Betonung.

Während ich mein Frühstück verzehrte, wurde kein Wort zwischen uns gewechselt. Das dunkle Auge des Mannes lag forschend auf meinem Antlitz und oft bemerkte ich, wie ein feindseliger Ausdruck der geheuchelten Gleichgültigkeit Platz machte. Ich beeilte mich daher und stand schon auf, bevor ich den letzten Bissen im Munde hatte. Mein erster Griff war nach der Büchse. Dann öffnete ich meinen Rucksack und steckte das gebratene Huhn ein, worauf ich einen sehnsüchtigen Blick auf das frische Maisbrot warf, das allem Anschein nach vor kurzem erst gebacken war. Der Mann bemerkte den Blick und sagte:

»Nehmt von dem Brote, soviel Euch beliebt. In den nächsten Tagen werdet Ihr wenig davon zu sehen bekommen.«

»Dank Euch, Kamerad,« erwiderte ich und steckte mir die drei offenbar für mich bestimmten Brote ein. »Nun sagt mir aber, Mann, wie ich mich erkenntlich zeigen kann. Eure Gastfreundschaft in Ehren, aber Ihr müßt Euch die Lebensmittel doch auch mühsam verschaffen, und ich möchte nicht den Gedanken mit mir davontragen, daß ich Euch benachteiligt habe.«

Statt einer direkten Antwort richtete der Mann die Frage an mich:

»Was denkt Ihr Euch über uns? Was glaubt Ihr, daß wir hier im Walde suchen?«

»Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, Kamerad. Ihr habt mich freundlich an Eurem Feuer aufgenommen und mir eine ruhige Nacht verschafft. Dafür bin ich Euch von Herzen dankbar. Es tut mir nur leid, daß ich es Euch nicht vergelten kann. Über den Grund Eurer Anwesenheit im Walde habe ich kein Recht Fragen zu stellen oder mir Gedanken zu machen. Euer Geschäft wird es wohl so mit sich bringen.«

Das Gespräch wurde geführt, während wir den Waldweg zurückgingen. An einer offenen Waldstelle hemmte mein Begleiter die Schritte und sagte als Antwort auf meine soeben hingeworfene Rede:

»Den größten Dank könnt Ihr mir erweisen, wenn Ihr keinem Menschen ein Wort darüber sagt, daß Ihr uns hier angetroffen habt. Sollte Euch auf dem Wege, den ich Euch hier zeige, irgend jemand nach uns fragen, dann stellt Euch unwissend. Besser noch, Ihr sagt dem Frager, daß Ihr aus dem Norden kommt und an der Lagune in der Savanna Grande mit uns gesprochen habt. Man wird Euch nach dem Mocho, dem Manne mit der verstümmelten Hand, und seinen Leuten fragen. Wollt Ihr das tun?«

»Recht gern, warum sollte ich Euch den Gefallen nicht tun? Meistens pflege ich Leuten, die mit Fragen an mich herantreten, keine Auskunft zu geben, und so werde ich es auch in diesem Falle halten. Seid ohne Sorge, von mir erfährt kein Mensch etwas über Euch.«

»Nein, so meine ich es nicht. Ihr tut im Gegenteil gut daran, wenn Ihr Auskunft gebt, aber so, daß die Frager uns an weit entfernter Stelle vermuten. Übrigens, warum soll ich in Rätseln reden? Ich meine, wenn Euch Staatsbeamte ausfragen wollen, dann führet sie auf eine falsche Fährte. Wir tun nichts Unrechtes, aber der Staat verlangt von uns hohe Abgaben, die uns jeden Verdienst nehmen. Darum schlagen wir das Rosenholz und die Ebenholzbäume, ohne erst die Genehmigung der Regierung einzuholen. Jetzt wißt Ihr alles.«

»Nun, das ist ja kein Verbrechen, wenn man aus diesen Wäldern, die keines Menschen Eigentum sind, sich Holz schlägt. Wenigstens sehe ich es so an, und Ihr könnt auf mich vertrauen. Ich verrate Euch nicht.«

»Das habe ich gleich gesehen, als Ihr gestern abend an unser Feuer gekommen seid. Ich habe auch zu Euern Gunsten gesprochen, als Pedro heute früh es für notwendig hielt, Euch für immer still zu machen.«

»Donnerwetter, Mann, da bin ich Euch nur dankbar, daß Ihr Euch meiner annahmt. Ich habe so fest geschlafen, daß ich, ohne etwas zu merken, in die andere Welt gereist wäre,« rief ich aus, indem ich die Hand des Mannes ergriff. Die Mitteilung ging mir wirklich näher, als ich mir selbst eingestehen mochte.

»Eben Euer tiefer Schlaf sprach für Euch. Ein Mann, der als Spion zu uns kommt, legt sich nicht so vertrauensvoll zwischen seine Feinde. Das sahen die andern denn auch ein ... Nun aber gute Reise, Deutscher! Ich muß zu meinen Leuten zurück. Wenn Ihr diesen Pfad über das Gebirge verfolgt – er wird an manchen Stellen schon etwas verwachsen sein –, dann seht Ihr am Morgen des dritten Tages Moruga zu Euren Füßen. Von dem Augenblick an findet Ihr einen breiten Weg.«

»Ich danke Euch nochmals von Herzen, Kamerad,« sagte ich. »Nur eines möchte ich noch wissen ... finde ich Wasser auf dem Weg und kann ich ohne Furcht vor giftigen Gasen überall schlafen?«

»Ihr findet ein paar Ranchos, in denen auch Holz liegt. Das dürft Ihr ruhig verbrennen, es gehört uns, und hinter jedem Rancho werdet Ihr auch Quellen finden. Dort oben gibt es auch Wald ... und noch eins. Findet Ihr heute noch einen Menschen auf Eurem Wege, wer es auch sei, dann tut mir den Gefallen und schießt dreimal hintereinander. Wir wissen dann, was wir wissen müssen.«

Der Abschied von dem sonderbaren Menschen war ein recht herzlicher. Trotz seiner rauhen Eigenschaften und seines nicht gerade einwandfreien Gewerbes schlug doch ein gutes Herz in seiner Brust. Jetzt, wo ich allein war und die große Gefahr überdachte, in der ich schwebte, konnte ich es nicht unterlassen, ein Dankgebet zum Himmel zu senden, in das ich auch meinen Lebensretter einschloß.

Der mir gezeigte Pfad war anfangs so deutlich ausgeprägt, daß ich ihn gar nicht verfehlen konnte. An manchen Stellen zeigten sich unverkennbare Spuren des Holztransportes. Einmal sah ich sogar dicht am Weg ein Waldstück, auf dem erst vor ganz kurzer Zeit eine größere Anzahl Rosenholzbäume gefällt worden waren. Ich wunderte mich über diese Sorglosigkeit der Holzdiebe, schloß aber daraus, daß ich mich in einer Wildnis befand, die wohl nur sehr selten von eines Menschen Fuß betreten wurde.

Die Mittagsrast machte ich an einer Quelle, die neben einem von Menschenhand errichteten Blätterdach aus einem grünbewachsenen Steinhaufen entsprang. Dort verzehrte ich einen Teil des Huhnes und einen Teil des Brotes. Zur Gesellschaft fand sich auch eine Heulaffenfamilie ein, bestehend aus einem alten Männchen, das ein grauroter Bart zierte, drei Weibchen und einer Anzahl Junger. Letztere kamen so dicht an mich heran, daß ich sie ohne Mühe hätte fangen können. Solange ich mich unbeweglich verhielt, ließen die Alten ihren Nachwuchs gewähren. Als mir ein Stück Fleisch aus der Hand fiel und ich mich brüsk danach bückte, erhob das alte Männchen ein grollendes Geheul, sprang zwischen die mir am nächsten sitzende junge Affenschar und begann sie nach allen Regeln der Kunst durchzuprügeln. Die Szene war so drollig, daß ich laut herauslachen mußte. Diese fremden Töne aus dem Mund ihres Nachfahren mußten der Affenfamilie aber so schrecklich vorkommen, daß sie schleunigst in den nächsten Bäumen verschwand.

Am Spätnachmittag fand ich eine ziemlich gut erhaltene Hütte, in der ein gewaltiger Holzvorrat aufgestapelt war. Ich machte mir ein großes Feuer und versank schon während des Essens in tiefen Schlaf. Als ich am nächsten Morgen erwachte, war ich nicht mehr allein in der Hütte. Eine drei Meter lange buntgefärbte Schlange lag zusammengeringelt mir gegenüber an der andern Seite des Feuers und betrachtete mich mißtrauisch aus ihren tückischen geschlitzten Augen, ohne jedoch ihre Ruhestellung zu verändern. Um zum Ausgang zu gelangen, mußte ich an dem Reptil vorbeigehen, und da ich die Gattung nicht kannte, wußte ich nicht, wie ich mich dem ungebetenen Gaste gegenüber verhalten sollte. Töten wollte ich sie nicht, denn ich töte nie ein Tier ohne Not, und warten, bis es ihr gefällig war, das Feld zu räumen, wollte ich auch nicht. Auf mein Drängen mittels kleiner Steine reagierte sie nicht. Sie hob wohl den Kopf und zeigte die gespaltene Zunge, aber sie schickte sich nicht zum Verlassen des Raumes an. Ich mußte zu Gewaltmitteln greifen, so leid es mir tat. Erst warf ich ihr ein paar Hühnerknochen auf den Leib, um ihr nahezulegen, daß sie sich jetzt entfernen möchte, als das nicht half, zog ich ein glühendes Holzstück aus dem Feuer und schob es ihr vorsichtig entgegen. Dadurch erreichte ich, daß die Schlange sich auseinanderrollte und sich in drei achtunggebietenden Schleifen vor den Ausgang legte. Nun war ich noch schlimmer daran als zuvor. Ich mußte zu gröberen Maßnahmen greifen. Aus dem Aschenhaufen zog ich den nächsten glühenden Ast, schwang ihn ein paarmal durch die Luft, damit er sich zur hellen Flamme anfachte, und warf ihn dem Reptil gerade vor den Kopf und auf die erste Schleife. Das half. Mit einem anhaltenden wütenden Zischen fuhr die Bestie fast einen Meter in die Höhe und schien sich auf mich werfen zu wollen. Die Glut in dem Aschenhaufen schien ihr jedoch zu gefährlich und sie ergriff schleunigst die Flucht. Nun hielt aber auch ich mich nicht länger in der Hütte auf. Schon zuviel Zeit hatte ich bei dem Geplänkel mit der Schlange verloren. Ich nahm Gewehr und Rucksack auf und wollte letzteren eben über den Rücken werfen, als ich eine Bewegung im Innern des Sackes zu bemerken glaubte. Ich ließ ihn ziemlich unsanft wieder zu Boden gleiten. Als ich mich dann niederbückte, um nach der Ursache der Bewegung zu sehen, fuhr mir eine kleine Giftschlange (Korallenschlange) zwischen den Beinen hindurch und verlor sich in dem Blätterlager, auf dem ich die Nacht verbracht hatte. Der Biß dieser Schlangenart tötet innerhalb eines Tages, wenn nicht Hilfe in der Nähe ist.

Dieser Zwischenfall hatte mir die Laune ein wenig verdorben. Ich ging mißmutig meines Weges weiter, achtete nicht auf die prachtvollen Wunder, die ein gütiger Schöpfer auf diese Insel ausgestreut hat, und begann sogar zu fluchen, als ich mich plötzlich vor einem hohen Felsengebilde fand, das ich, wie die Spuren zeigten, erklettern mußte.

Lange besann ich mich, ehe ich den Anstieg begann. Die Sonne brannte mit ihrer ganzen Mittagsglut auf mich hernieder. Das helle Gestein warf die Strahlen mit doppelter Stärke zurück, und es herrschte hier oben eine Temperatur, wie sie an nicht vielen Stellen unseres Erdballes gefunden wird. Meine Vernunft riet mir, den Sonnenuntergang abzuwarten. Die zu überwindende Höhe betrug nun zwar kaum fünfzig Meter, aber ich fürchtete oben ein glühend heißes Gestein zu finden, in dem zu übernachten gerade kein Vergnügen war.

Immerhin entschloß ich mich, den Fels zu erklettern. Ich sicherte meine Büchse und stand im Begriff, sie auf die Schulter zu werfen, als über mir ein Kopf aus dem Gestein auftauchte. Ein Gewehrlauf schob sich vor, und eine barsche Stimme rief:

»Halt, Hände hoch!«

»Wer gibt Euch das Recht, mich hier anzufallen?« fragte ich zurück. Gleichzeitig stieß ich einen Ruf aus, der den andern glauben machen konnte, ich sei nicht allein.

»Nehmt Euch in acht,« tönte es zurück. »Hier ist Staatspolizei. Laßt Eure Kumpane nur, wo sie sind. Ehe sie hier sein können, seid Ihr ein toter Mann.«

»Ihr werdet Euch besinnen, einen Deutschen zu erschießen,« rief ich dem Manne zu. »Glaubt nur nicht, daß der Mord ungesühnt bleiben wird. Der Strang ist Euch sicher, wenn Ihr nicht sofort das Schießeisen wegnehmt, damit ich die Hände herunternehmen kann.«

»Was seid Ihr? Ein Deutscher?«

»Sehe ich aus wie ein Nigger?«

»Aber wie kommt Ihr hierher?«

»Wie Ihr seht, zu Fuß.«

»Das will ich nicht wissen, was Ihr hier zu suchen habt, will ich wissen.«

»Dann stellt Eure Fragen so, daß man Euch verstehen kann. Jedenfalls zeigt mir jetzt einmal Euren ganzen Körper, damit ich weiß, ob Ihr die Wahrheit gesprochen habt, und legt das Gewehr weg, denn in diesem Augenblick sind meine Kameraden schon in Eurem Rücken. Nehmt Euch in acht, es sind Männer, die nicht gewohnt sind, sich ruhig vor ein Büchsenrohr zu stellen.«

Der Mann sprang wirklich aus seinem Versteck hervor, und jetzt sah ich, daß er die Uniform der englischen Landgendarmen trug. Er wollte zu mir heruntersteigen, aber da ich, eingedenk meines Versprechens, den Mann so lange, bis ich die drei Schüsse abgefeuert hatte, zurückhalten mußte, rief ich ihm zu, mich oben zu erwarten oder noch besser mir seinen Lasso herunterzuwerfen, damit ich einen bequemeren Aufstieg hatte.

Als ich dem Polizisten Aug' in Auge gegenüberstand, nahm ich einen herrischen Ton an und fragte:

»Wie kommen Sie dazu, einen harmlosen Naturforscher mit dem Gewehr zu bedrohen?«

Ziemlich kleinlaut erwiderte er: »Ich hatte keine Meldung, daß Sie sich hier in den Wäldern aufhalten. Wir sind einer Verbrecherbande auf der Spur, und da ist ein Irrtum wohl entschuldbar.«

»Danke für das Kompliment,« erwiderte ich. »Ihr Chef wird erfreut sein, zu erfahren, daß seine Beamten seinen Freund als Verbrecher verfolgen und sogar erschießen wollten.«

»Nein, Herr, so war es nicht. Ich tat nur meine Pflicht. Ich muß jeden Menschen anhalten, der mir hier begegnet und den ich nicht kenne. Wenn irgendein Fremder in unsere Berge geht, so pflegen alle Polizeiorgane benachrichtigt zu werden. Wir wissen aber nur, daß ein Deutscher nach La Brea ging, um Herrn Ridley zu besuchen.«

»Der Deutsche bin ich.«

Dann erzählte ich dem Manne, was mir mit dem Ridley passiert war, und beschrieb ihm den Weg, auf dem ich über den Berg kam, wobei ich zwar den Pfad erwähnte, aber nichts von dem Schlammvulkan sagte.

»Haben Sie auf dem ganzen Wege keine Banditen gesehen?« fragte der Beamte, als ich geendet hatte.

»Dann stünde ich wohl nicht vor Ihnen,« gab ich zur Antwort. »Aber ein Mann, den ich im Walde traf und der mir diesen Weg zeigte, sagte mir, daß eine Gesellschaft von acht Negern an der Savanna Grande lagere. Jetzt sei der Weg über das Gebirge sicher.«

Aufmerksam hörte der Beamte meine Erzählung an. Dann fragte er:

»Haben Sie zufällig den Namen der Negerbande erfahren?«

»Daß ich nicht wüßte .... Doch halt, ich glaube er sprach von einem Mocho oder so ähnlich.«

»Aha, ja. Also die Bande ist an der Savanna Grande? Das ist nicht mehr mein Revier. Dann kann ich ja ruhig mit Ihnen zurückreiten.«

»Sind Sie denn ganz allein hier?«

»Nein, meine vier Begleiter warten hier oben im Walde. Darum glaubte ich Ihnen auch nicht die Finte mit den Kameraden,« fügte er lächelnd hinzu.

Der Einladung des Beamten, in seiner Gesellschaft nach Moruga zurückzukehren, leistete ich um so lieber Folge, als ich die Verfolger dadurch von der Fährte der Holzdiebe entführte. Immerhin glaubte ich noch, das Signal geben zu sollen, und als wir kurz darauf ein Aguti über den Weg laufen sahen, forderte ich meinen Begleiter auf, es zu schießen. Er befolgte meinen Rat. Zum Glück fehlte er es auch. Nun hatte ich Gelegenheit, meine zwei Schüsse abzugeben. Der Beamte wunderte sich zwar, daß ich zweimal auf das Tier schoß, merkte aber die Absicht nicht.

Am dritten Tag abends kamen wir an dem Dorfe Moruga an. Zufällig lag der kleine Dampfer fertig zum Auslaufen nach Port of Spain, so daß ich noch in derselben Nacht an Bord schlafen konnte. Am zweiten Tage morgens liefen wir La Brea an. Unter den hier hinzukommenden Fahrgästen befand sich auch Ridley, der außerordentlich überrascht tat, als er mich auf dem Dampfer wiederfand. Er gab an, er habe mich den ganzen nächsten Tag gesucht und die Nachforschungen erst aufgegeben, als er erfahren haben wollte, daß ich mit dem Dampfer nach Port of Spain zurückgekehrt sei. Das junge Pecari, nach dessen Schicksal ich mich erkundigte, hatte er nicht lebend nach Hause gebracht. Während der Gewitternacht war er in der Hütte eingeschlafen und hatte bei der Gelegenheit das Tierchen im Rucksack erdrückt.

Einige Tage nach meiner Rückkehr nach Port of Spain lief dort ein kleiner Dampfer ein, der den Dienst zwischen den englischen Inseln versah und noch Platz an Bord hatte. Ich schiffte mich daher auf dem »Esk« ein, der alle Antilleninseln bis einschließlich Jamaica anlief. Ich hatte zwar eine sehr lange, aber immerhin sehr abwechslungsreiche Reise vor mir. Sie kam aber nicht, wie so viele meiner Reisen, in der beabsichtigten Reihenfolge zur Durchführung. Unterwegs fand ich immer einen nicht vorhergesehenen interessanten Erdenfleck, der mich reizte und mich zur Änderung meiner Reiseroute bewog.

So auch diesmal. Wir hatten die Windwards-Inseln hinter uns gelassen, hatten die Dampfkronen um den Gipfel des Vulkans auf St. Vincent bewundert, waren an der Schlangeninsel St. Lucia an Land gegangen und hatten dort unsere Briefmarkensammlung bereichert, als uns angesichts der Insel Dominica der Schiffsarzt Dr. Numa Prat, ein tiefdunkler Mulatte, erzählte, daß sich der vulkanische See auf der Insel gerade jetzt in einem besonders interessanten Zustand ununterbrochener Bewegung fände.

Sofort war mein Plan gefaßt. Telegraphische Rückfragen bei der Deutschen Dampferagentur in St. Thomas hatten mir jede Hoffnung, in den nächsten Wochen eine Dampfergelegenheit nach Europa zu finden, genommen, und so entschloß ich mich, auf der Insel Dominica die Fahrt zu unterbrechen, um dem geheimnisvollen Vulkan einen Besuch abzustatten.

Schon von ferne leuchtete der Gipfel des vierzehnhundert Meter hohen Diablotin im Glanze der Abendsonne und das scheidende Tageslicht tauchte die dichtbewaldeten Höhen in ein so magisches Licht, daß meine letzten Zweifel, wenn ich sie noch gehabt hätte, geschwunden wären. Als der Anker in die Tiefe rasselte, war ich der erste, der sich eines der vielen kleinen Boote nahm und an Land fuhr.

Die Hafenstadt der Insel Dominica, die unter englischer Oberhoheit steht, trägt noch von früher her den französischen Namen Roseau, den die Briten zwar in Charlottetown umgetauft haben, ohne aber den alten Namen damit vertilgen zu können. Die Stadt selbst bietet nichts Bemerkenswertes. Sie sieht aus wie alle westindischen Hafenstädte, über die schon so viele Beschreibungen in der Literatur aufgehäuft sind, daß ich sie mir schenken darf. Charakteristisch ist nur, daß es in der ganzen Stadt keinen Gasthof gibt, in dem ich hätte übernachten können. Ich griff daher zu dem alten und stets bewährten Grundsatz der Selbsthilfe. Vor der Tür eines größeren Ladens stand ein Weißer. Auf den ging ich zu, nannte ihm meinen Namen und sagte ihm, daß ich die Absicht hege, bis zur Abfahrt des nächsten Dampfers seine Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen.

»Aber natürlich. Ich bin hocherfreut, daß endlich wieder einmal ein Landsmann auf unsere Insel kommt.«

»Wie, Sie sind ein Deutscher?« fragte ich erstaunt, denn das Äußere des Mannes ließ eher auf eine andere Nation schließen.

»Österreicher aus Fiume,« erwiderte er in schlechtem Deutsch. »Aber trotzdem sind wir Landsleute, besonders hier in dem traurigen Nest, wo sich fast nie ein Deutscher sehen läßt.«

Ich weiß nicht mehr, ob ich mich sehr erfreut gezeigt habe über diese Eröffnung, jedenfalls war Herr Mantitsch mit mir zufrieden. Er rief seine Boys, ließ mein Gepäck in seinen Laden tragen und lud mich ein, auf die Veranda des Hauses zu gehen und seine Frau zu begrüßen. Er käme gleich nach.

»Aha,« dachte ich. »Der gute Mann fürchtet, daß ihm die holde Gattin Vorwürfe wegen des Gastes macht, und will mich als Sturmbock benutzen. – Auch gut.«

Eine bildschöne junge Negerin empfing mich oben auf der Treppe und fragte nach meinem Begehr.

»Ich möchte der gnädigen Frau meine Aufwartung machen,« entgegnete ich, eingedenk der Tatsache, daß man Österreichern weiblichen Geschlechtes auch im Ausland nie höflich genug entgegenkommen kann.

Das Mädchen starrte mich sekundenlang verständnislos an, brach aber in ein lustiges Lachen aus und rief, über das Geländer gebeugt:

»Oh Rico, amor mio, warum schickst du mir den Fremden?«

»Er soll einige Tags bei uns wohnen, Kleine. Du wirst ihn freundlich aufnehmen, hoffe ich, das ist ein Landsmann.«

Jetzt gewann ich mehr Interesse, wenigstens gab es die junge Negerin dadurch zu erkennen, daß sie meine Hand nahm und sie lange in der ihrigen hielt, wobei ihre Glutaugen meine Person musterten. Hierauf sagte sie mit dem Lachen eines Kindes:

»Seien Sie mir willkommen, Freund meines Mannes. Betrachten Sie das ganze Haus mit allem, was darin ist, als Ihr Eigentum ... Hier ist unser Schlafraum. Dort – sie deutete auf zwei Haken an der Wand – werden Sie Ihre Hängematte aufhängen. Mein Mann und ich, wir ziehen Matratzen vor.« Eine Handbewegung zeigte mir in der Ecke eine breite, gut gepolsterte Matratze ... »Unsere Mahlzeiten nehmen wir morgens um sechs Uhr, mittags um zwei Uhr hier auf der Terrasse ein. Abends gehen wir in das englische Eishaus am Strand und essen dort ein paar Sandwichs (belegte Brote) zu unserm Whisky ... Im übrigen sind Sie freier Herr in meinem Hause und können tun, was immer Ihnen angenehm ist.«

Ich dankte dem jungen Wesen – ich schätzte ihr Alter auf 14 bis 15 Jahre – für ihre Freundlichkeit und behielt mir vor, dem Herrn des Hauses wegen der Schlafgelegenheit noch ein paar Worte zu sagen. Sie mußte meine Gedanken aber erraten haben, denn sie fragte mich:

»Wünschen Sie eine andere Gelegenheit, Ihre Hängematte aufzuhängen?«

Ich bejahte und fügte hinzu, daß ich fürchtete, das Ehepaar im Schlafe zu stören, da ich Frühaufsteher sei und wohl kaum das Zimmer geräuschlos verlassen könnte. Über diese Worte brach sie wieder in ihr kindliches Lachen aus und lief davon.

Ich begleitete meinen Gastgeber abends in das englische Eishaus, weil ich hoffte, dort nähere Auskunft über den vulkanischen See zu erhalten. Mein Wirt wußte nichts davon. Er hatte wohl gehört, daß irgendwo auf der Insel ein heißer See sei, aber das war auch alles.

Während ich mich mit der jungen Negerin unterhielt und auf ihre tausend Fragen Antwort gab, ging der Mann von Tisch zu Tisch und erkundigte sich nach dem Ziele meiner Wünsche. Dadurch wurde es noch an demselben Abend bekannt, daß ich in das Innere zu reisen gedachte, und wurde sofort Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit. Alles, was sich zur gebildeten Welt rechnete, und das taten neunzig Prozent der Anwesenden, beeilte sich, Herrn Mantitsch zu bitten, er möge mich doch am nächsten Morgen in ihre Bureaus oder Wohnungen begleiten. Sie machten sich eine Ehre daraus, mir mit ihren Kenntnissen über das Innere der Insel zu dienen. Einige machten auch Miene, sich an unsern Tisch zu setzen, und um dem zu entrinnen, schlug ich der jungen Frau einen Spaziergang am Strande vor, der sofort angenommen wurde.

Als wir uns so sichtbar absonderten, ließen uns die Neugierigen in Ruhe. Dahingegen sandten sie aber den armen Ehemann immer wieder zu mir mit dieser oder jener müßigen Frage, bis ich es satt bekam. Ich bat Mantitsch, mir nur Herren vorzustellen, die den See persönlich gesehen hätten und den Weg dorthin genau kannten. Nach einer halben Stunde kam Herr Mantitsch allein wieder zurück, von der ganzen Gesellschaft war kein Mensch jemals dort gewesen. Auch hier wiederholte sich die bekannte Erscheinung, daß man über das eigene Land und die engere Umgebung viel weniger weiß als der Fremde, der seinen Fuß zum erstenmal in das Land setzt.

Angesichts dieser Erfahrung gab ich mir auch gar keine Mühe, unter den Negern einen Führer zu finden. Ich ging am nächsten Morgen auf den Markt und begann die Weiber der Reihe nach auszufragen, wo sie ihre Pflanzung hätten. Natürlich erntete ich mit der Fragerei manch böses Wort. Aber ich ließ nicht locker. Erst bei dem letzten Stand, einer steinalten, schwarzen Großmutter, bekam ich die Antwort, die ich hören wollte. Sie wohnte ein paar Meilen entfernt am Fuße des Berges.

»Ah, dort wo der große See ist?« fragte ich harmlos.

»Ja, da wohne ich bei meinen Söhnen und ihren Familien.«

»Da muß es wohl sehr schön sein, Großmutter, wie?«

Die Alte machte ein erstauntes Gesicht, als der fremde weiße Mann sich mit ihr in ein Gespräch einließ, das nicht zum Geschäft gehörte.

»Oh, es ist sehr schön in unserm Walde, wir wohnen da ganz allein und haben alles, was wir brauchen.«

»Ich möchte Euch wohl einmal besuchen, Großmutter,« sagte ich leichthin. »Ich bin ein Fremder und reise in der Welt herum, um glückliche Menschen und schöne Natur und besonders auch schöne Waldseen kennenzulernen. Darf ich Euch einmal in Eurer Einsamkeit aufsuchen? Ich bringe natürlich alles mit, was ich brauche, und gebe Euch einige Geschenke für die Mühe, die ich Euch verursache, denn ich möchte auch bei Euch übernachten.«

Eine solche Rede hatte die Alte trotz ihrer achtzig Jahre noch nicht aus dem Munde eines Weißen gehört, und sie wußte auch im ersten Moment gar nicht, was sie darauf erwidern sollte. Als sie aber an meinen immer dringenderen Fragen und meiner ernsten Miene sah, daß ich keinen Scherz trieb, sagte sie: »Wo kann Euch mein Sohn morgen früh finden? Mauro wird mit Tagesanbruch vor Eurer Tür sein.«

Ich nannte das Haus Mantitsch und wollte eine Beschreibung desselben geben. Aber die Alte unterbrach mich mit den Worten:

»Den Mann kenne ich gut... sehr gut... sehr braver Mann. Hat eine schwarze Frau, braver Mann ...«

Plötzlich ging ein Leuchten über das Gesicht der Alten. Sie beugte sich zu mir herüber und fragte im Flüstertone:

»Sucht der Herr etwa auch eine Frau bei uns?«

Das mußte ich verneinen und schwächte die Absage dadurch ab, daß ich sagte, ich befände mich auf einer sehr großen Reise, wenn ich glücklich zurückkehre ... wer weiß?

Der junge Mauro stand am andern Morgen pünktlich vor meiner Tür und führte einen Esel mit sich.

»Der Herr wird meinen Burro nehmen. Dann braucht er sein Tier nicht in die Stadt zurückzusenden,« sagte der Bursche freundlich.

»Glaubst du etwa, mein Junge, ich wollte mein Leben in euren Bergen beschließen?« fragte ich lachend. »Ich muß in ein paar Tagen wieder hier sein, weil ich meine Reise mit dem nächsten Dampfer fortsetze.«

Der Junge sah mich mit erstaunten Blicken an. Er betrachtete mich genau von oben bis unten und brach in die Worte aus:

»Dann seid Ihr der Herr nicht, den ich abholen soll.«

Sprach's und verschwand hinter dem Hause.

Die Frau meines Gastgebers, die von der Terrasse aus unserer Unterhaltung zugesehen hatte, kam jetzt hinunter und wollte wissen, warum ich den Jungen wieder fortgeschickt hätte.

»Er behauptet, ich sei nicht derjenige, den er abholen sollte. Er ließ mir auch keine Zeit, ihn über seinen Irrtum aufzuklären, so schnell verschwand er wieder.«

»Haben Sie ihn wohl nicht richtig verstanden oder fühlt er sich irgendwie gekränkt? Die hiesigen Einwohner sind so empfindlich.«

»Ich wüßte nicht, womit ich ihn beleidigt haben könnte.« Dabei gab ich der Frau eine Wiederholung unseres kurzen Zwiegesprächs.

»Lassen Sie mich einmal mit dem Buben reden. Ich finde ihn bestimmt bei seiner Großmutter auf dem Markt. Während Sie sich auf der Polizei melden, bringe ich die Sache in Ordnung.«

»Was soll ich denn auf der Polizei? Darf man sich nicht frei auf der Insel bewegen?«

»Wenn Sie Waffen mitnehmen, müssen Sie die Erlaubnis von der Regierung haben, vielleicht macht man Ihnen keine Schwierigkeiten.«

»Warum sollte man Schwierigkeiten machen, ich brauche mein Gewehr ja nur zu Jagdzwecken ...?«

»Dort kommt eben der Major über den Platz, gehen Sie rasch zu ihm ins Bureau. Jetzt ist er noch zugänglich.«

Mehr um der Frau einen Gefallen zu tun, als aus andern Gründen, folgte ich dem bezeichneten Herrn in seine Amtsräume. Dort empfing mich der Major recht leutselig.

»Sieh da, ein neues Gesicht, was verschafft mir die Ehre, Herr ...?«

»Emmerich heiße ich, ich bin deutscher Naturforscher und möchte die vulkanischen Seen der Insel besuchen. Wie ich höre, bedarf es dazu einer Erlaubnis der Behörde.«

Über das sonnengebräunte Gesicht des Majors legte sich ein Zug des Unwillens. Meine Persönlichkeit schien ihm plötzlich unangenehm geworden zu sein.

»Hm ... ja ...« stotterte er »... gewiß ... also Deutscher sind Sie? Und Naturforscher? Waren Sie schon in andern Kolonien?«

»Gewiß, Herr Major. Die sämtlichen englischen Kolonien kenne ich, mit wenigen Ausnahmen, ziemlich genau. Ich komme eben von Trinidad, wo ich mich einige Wochen aufhielt.«

»Von Trinidad? ... Soso.« Ein Zug der Erleichterung glättete die Falten auf seiner Stirn. »Waren Sie dort auch als Naturforscher tätig?«

»Ich habe einen Teil der Insel durchstreift und bei der Gelegenheit die vulkanischen Gebilde kennengelernt.«

»Hm ... ja. Und die Behörden haben Ihnen das erlaubt?«

»Warum nicht? Dadurch wird ja niemand geschädigt.«

»Hm, ich wollte das nur wissen, weil ich, offen gestanden, den Fall noch nicht erlebt habe. Unsere Regierung steht im allgemeinen auf dem Standpunkt, daß die Forschertätigkeit in englischen Kolonien nur Engländern gestattet sein soll.«

»Aber ich will ja gar nichts erforschen, Herr Major. Ich will mir den See nur ansehen. Reine Neugier. Ich interessiere mich für derartige Naturerscheinungen, und da ich einmal hier bin, möchte ich auch alles besichtigen, was die Insel an Sehenswertem bietet.«

Eine längere Pause entstand. Der Major holte aus dem Schrank ein paar dicke Bücher, blätterte eine Zeitlang darin herum und drückte schließlich energisch auf eine Tischglocke.

Ein Polizeibeamter erschien. Er betrachtete mich mit einem Gesicht, als ob er sich auf mich stürzen wollte.

»Sergeant, dieser Herr hier ...«

»Weiß schon, Herr Major, wohnt bei dem Österreicher,« unterbrach der Beamte seinen Vorgesetzten und machte einen Schritt auf mich zu. »Wollt' Herrn Major eben melden ...«

»Was wollten Sie melden, Sergeant? Der Mann ist doch nicht verdächtig?«

Unwillkürlich trat der Major einen Schritt zurück.

»Genaues weiß ich noch nicht. Aber wenn Sie befehlen, nehme ich den Fremden einstweilen fest, und dann werden wir bald erfahren, was er hier auf der Insel zu suchen hat.«

Jetzt riß mir die Geduld, vor den offen stehenden Fenstern sammelten sich schon Neugierige. Ich sagte daher ziemlich scharf:

»Ich sehe, Herr Major, daß Sie augenblicklich keine Zeit für mich haben. Ich werde meinen Besuch wiederholen, wenn ich von meinem Spaziergang in die Berge zurückkehre.«

Mit den Worten ergriff ich meinen Hut und ließ die beiden Wächter der Sicherheit stehen. Sie machten so verblüffte Gesichter, daß ich ein hörbares Lachen nicht unterdrücken konnte.

Die Menge begleitete mich zu meiner nahen Wohnung. Dort stand vor der Tür des Ladens eine Anzahl Neger, die sich um Herrn Mantitsch gruppiert hatten und in recht lebhafter Unterhaltung mit ihm begriffen waren. Wenn Neger sich unterhalten, so hört sich das an, als ob sie jeden Augenblick mit Messern aufeinander losstürzen würden. Alles spricht bei solcher Gelegenheit durcheinander, und jeder Vorübergehende trägt zur Verstärkung des Lärmes bei.

Als man mich über den Platz kommen sah, drehten sich sämtliche Köpfe, wie auf Kommando, mir zu. Die Gruppe öffnete sich und machte Herrn Mantitsch Platz, der eiligen Fußes mir entgegenkam.

»Was haben Sie angestellt?« fragte er in deutscher Sprache. Und über sein dunkles Antlitz lief ein schelmisches Lächeln.

Ich bezog natürlich die Frage auf meinen Aufenthalt in der Polizeistube und erwiderte:

»Nichts. Der Major scheint seine Dienstvorschriften nicht zu kennen. Als mir das Warten zu dumm wurde, ließ ich ihn einfach stehen.«

»Nein, das will ich nicht wissen. Ich spreche von den Negern. Sie haben da irgendeinen Scherz gemacht, den die Schwarzen für Ernst nehmen.«

»Ich, einen Scherz?« fragte ich erstaunt. »Daß ich nicht wüßte.«

»Sie haben doch einen jungen Neger mit einem Esel bestellt, der Sie an den See bringen soll?«

»Nun, ja ... das heißt, ich habe nur eine alte Großmutter nach dem Wege dahin gefragt. Bei der Gelegenheit bot sie mir ihren Enkel als Führer an. Der Bengel kam heute morgen, lief aber aus einem mir unbekannten Grunde wieder davon.«

»Und Sie haben der Alten sonst nichts versprochen?«

»Nichts, das ich wüßte, aber warum lachen Sie denn so vergnügt?«

»Weil die Alte steif und fest behauptet, Sie hätten ihr versprochen, eine ihrer Töchter zu heiraten.«

Jetzt konnte aber auch ich meine Heiterkeit nicht mehr unterdrücken. Ich lachte, daß mir die Tränen über die Backen liefen. Und als die Negergesellschaft das sah, fing auch sie an zu lachen. Auch aus dem Nebengäßchen liefen Leute herbei, und nach wenigen Minuten herrschte unter den Arkaden eine allgemeine Fröhlichkeit.

Plötzlich erschien ein Polizeibeamter. Er ging auf mich zu und sagte im strengen Amtstone:

»Der Herr Major möchte Sie sprechen.«

Die Worte wirkten auf die Umstehenden wie eine Bombe. Die Neger starrten mich entsetzt an. Nur ich lachte ruhig weiter und sagte dem Überbringer der Neuigkeit:

»Bitten Sie den Herrn Major, er möge sich auf die Terrasse dieses Hauses bemühen. Es redet sich dort besser, und außerdem haben wir Eis im Hause.«

Der Beamte wußte nicht, was er mit meiner Antwort anfangen sollte. Er war vielleicht gewohnt, daß man die Wünsche seines Herrn Vorgesetzten prompt erfüllte. Er blieb stehen und blickte unschlüssig von mir auf meinen Gastgeber, dessen Mienen auch nur Heiterkeit ausdrückten. Ich klopfte dem Beamten vertraulich auf die Schulter und sagte:

»Es hat schon seine Richtigkeit. Überbringen Sie dem Herrn Major meine Einladung. Vorher überzeugen Sie sich aber selbst, daß ihm kein Hinterhalt gelegt wird. Bitte, folgen Sie mir nach oben ...«

Da ich ihm keine Zeit zur Antwort ließ und rasch die Treppe hinaufsprang, hielt der Mann es für richtiger, mir zu folgen. Er trat mit mir auf die kühle Veranda, wo ich sofort die Whiskyflasche aus dem Eisbehälter zog und ihm ein außerordentlich großes Quantum in ein Glas goß.

»Mit dem Wasser bedienen Sie sich selbst, Herr Sergeant,« sagte ich freundlich und schob ihm den Tonkrug zu. »Sagen Sie also Herrn Major, daß ich mich freuen würde, ihn recht bald hier zu sehen. Ich bin etwas unpäßlich und kann augenblicklich das Haus nicht verlassen ... Sie verstehen mich wohl?«

Ein breites Grinsen zeigte mir, daß der Mann mich vollkommen verstanden hatte.

Mantitsch war mir gefolgt. Er kam wieder auf die Neger zu sprechen und sagte:

»Die Frau wird gleich hier sein. Sie behauptet, Sie hätten ihr versprochen, eine ihrer Töchter zu heiraten. Sie sollte Ihnen nur einen Führer senden, damit Sie den Weg zu ihrem Dorfe fänden. Vielleicht haben Sie das im Scherz gesagt, aber die Neger hier sind sehr empfindlich, und ich würde Ihnen einen guten Rat geben, die Frau in dem guten Glauben zu lassen. Ihr Dampfer geht ohnehin in einigen Tagen, und dann ist das Spiel ja doch zu Ende.

»Nein, lieber Herr, das geht nicht. Ich habe der Frau auf ihre Frage nur gesagt, daß ich jetzt noch eine große Reise machen müßte. Wenn ich auf diese Insel zurückkäme, ließe sich darüber immer noch reden.«

»Das hat die Alte für ein Versprechen gehalten. Was weiß die von großen Reisen? Ihr Horizont geht nicht weiter als bis an die Grenzen der Insel, die man in ein paar Tagen umfahren kann, und so glaubt sie natürlich, daß auch Ihre Reise in wenigen Tagen beendet sein würde. Jedenfalls ordnen Sie die Geschichte, bevor Sie Ihren Ausflug an den See machen.«

»Was für eine Geschichte?« ließ sich eine Stimme auf der Treppe vernehmen. Der Major kam auf die Terrasse und faßte die letzten Worte auf. Nach einer Begrüßung erzählte ich ihm die Geschichte mit der alten Negerin, worüber er herzlich lachen mußte.

»Ja, so sind die alten Weiber auf der Insel. Wenn sie ihre Töchter an einen Europäer anbringen können, dann glauben sie, das große Los in der Lotterie des Lebens gewonnen zu haben ... Die Freude der Töchter selbst dauert aber nicht lange. Sie sehnen sich bald wieder zu ihrer Geburtsstätte zurück. Und wenn sie etwas Geld oder Schmuck auf die Seite gebracht haben, fliegen sie eines Morgens aus, und der jeweilige Herr Gemahl hat das Nachsehen. Nehmen Sie die Sache nicht tragisch.«

»Keinesfalls, aber ich möchte doch auch nicht in die Berge gehen mit dem Bewußtsein, mir unter den dort Lebenden Feinde gemacht zu haben.«

»Das ist auch nicht notwendig. Kaufen Sie eine Handvoll unechten Goldschmuck und behängen Sie damit die junge Schwarze, die man Ihnen als die Braut vorstellen wird. Dann ist der erste Anlauf glücklich überstanden. Tagsüber sind Sie ohnehin im Gebirge, und so beschränkt sich ihr Zusammensein nur auf zwei Abende. Daß man Sie hier in Roseau bei der Abreise nicht belästigt, dafür sorge ich dann schon.«

Ich dankte dem Major, der beim dritten Glase erst anfing, mitteilsam zu werden, und bat ihn um die Erlaubnis, mein Gewehr mitführen zu dürfen. Er erteilte sie nur ungern und entschuldigte sich vor sich selbst mit dem Einwand, daß es ja nicht ausgeschlossen sei, daß einer oder der andere der gekränkten Schwarzen mich angreifen könnte.

Der Frühschoppen mußte um drei Uhr nachmittags unterbrochen werden, weil die Sonne zu stark auf die Terrasse brannte. Der Major erhob sich und verließ uns mit der Versicherung seiner treuen Freundschaft.

Am nächsten Morgen stand Mauro wieder vor meiner Tür. Mantitsch hatte mir die mitzunehmenden Geschenke besorgt und drängte zur Abreise. Die Eile begründete er mit folgenden Worten:

»Wenn Sie der Major noch hier findet, müssen sie mit ihm trinken, und wohin das führt, haben Sie ja gestern gesehen.«

Da ich ihm darin nicht unrecht geben konnte, sprang ich in den Sattel und nahm vom Hause Mantitsch Abschied. Der Weg führte mich anfangs durch ausgedehnte Felder von Zuckerrohr, Mais, Ananas und Futtergräsern. Dann, mit dem Ansteigen des Geländes, schob sich der Wald vor. Er war belebt mit primitiv zusammengeschlagenen Wohnhütten, vor denen schwarze nackte Kinder sich mit schwarzen nackten Schweinen in einem schwarzen Morast wälzten, der aus einem ehemals klaren Gebirgswasser hervorgegangen war. Auf Veranlassung des mich begleitenden Buben tauchte ich meine Hände in das Wasser eines träge durch die Büsche sickernden Bächleins, das eine hohe Temperatur hatte.

Es dunkelte bereits, als wir vor der Besitzung der Negerfamilie ankamen. Eine Meute großer, magerer Hunde empfing uns mit wütendem Gebell. Ich hatte alle Mühe, die bissigen Köter von meinen Beinen fernzuhalten. Selbst der Neger konnte ihrer nicht Herr werden. Endlich fuhr eine Gestalt aus dem Dunkel der Hütte und hieb unbarmherzig auf die Köter ein, die diesem energischen Ansturm nicht gewachsen waren. Nun erst konnte man die eigene Stimme wieder verstehen. Ich rief Mauro, der während der Schlacht mit den Hunden in der Finsternis verschwunden war, bekam die Antwort aber von einer weiblichen Stimme. Es war jene Dame, die mir die Hunde vom Leibe gehalten hatte.

»Mauro ist im Hause ... Seid Ihr der weiße Herr, der ... der ... der ...«

»Welchen Weißen meinen Sie?« fragte ich aufs Geratewohl in das Dunkel hinein, denn sehen konnte ich nichts.

»Der Herr, der weiße Herr, der meiner Großmutter versprochen hat ...« die Stimme brach ab. Offenbar erwartete sie, daß ich auch ohne weitere Auseinandersetzung verstehen würde. Ich stellte mich aber unwissend und fragte aufs neue:

»Was soll ich Ihrer Großmutter versprochen haben?«

Anstatt mir zu antworten, zog mich das Mädchen in die Hütte, in der ein hellbrennendes Feuer genügend Licht verbreitete, um sich gegenseitig betrachten zu können. Ich fand in meiner Nachbarin ein Mädchen von unbestimmbarem Alter. Vielleicht war sie jung. Die Gesichtszüge ließen nichts davon verlauten. Die dicken, wulstigen Lippen, über einem überaus großen Munde, das prachtvolle Raubtiergebiß, neben dem Wollhaar ließen auf die Abstammung in gerader Linie von Kongonegern schließen. Ein Ausbund von Schönheit war sie also nicht. Aber sie war auch nicht häßlicher, als der größte Teil der Neger, die auf den Antillen herumlaufen.

Die gegenseitige Betrachtung mußte auf Seite meiner Gastgeberin nicht sehr zu meinen Gunsten ausgefallen sein, denn sie behandelte mich auffallend geringschätzend. Nach einigen nichtssagenden Redensarten verschwand sie aus der Hütte und überließ mich meinem Schicksal.

Ich kann nicht behaupten, daß mir das besonders unangenehm gewesen wäre. Anstandshalber wartete ich noch eine Viertelstunde mit dem Auspacken meines Rucksackes. Als aber dann immer noch niemand erschien, um mir eine Erklärung über den seltsamen Empfang zu geben, nahm ich meinen Proviant in Angriff. Ich zögerte das Essen absichtlich hinaus und speiste wohl eine Stunde lang. Aber es ließ sich niemand sehen. Da mich die Müdigkeit zu überwältigen drohte, warf ich den verfügbaren Holzvorrat auf die Glut und suchte mir die Haken für meine Hängematte. Ich fand sie in der hintersten Ecke der Hütte. Noch eine Weile wartete ich auf das Erscheinen irgendeines Menschen, dann kroch ich kurz entschlossen in mein schwankendes Bett und suchte den Schlaf. Für alle Fälle nahm ich das Gewehr in den Arm.

Wie lange ich geschlafen hatte, weiß ich nicht. Ich erwachte von einem in meiner unmittelbaren Nähe leise geführten Gespräch. Die Worte verstand ich nicht. Den Dialekt der Inseln, das mit Pidgeon-Englisch vermischte Kreole, hatte ich noch nicht gelernt. Ich entnahm aber aus dem ganzen Gebaren der Menschen, daß ich nichts von ihnen zu fürchten hatte.

Die beiden Gestalten, ein alter und ein junger Mann, legten sich auf den Boden, wo sie, dem Rascheln nach zu schließen, ein Lager von Maisstroh hatten. Einer von den beiden schlief sofort ein und brachte das durch ein dröhnendes Schnarchen zur Kenntnis.

Nicht lange dauerte es, da schoben sich wiederum einige Schatten vor das Haus. Dieses Mal waren es weibliche Wesen. Sie schlichen sich behutsam unter mein Lager und warfen sich dort ebenfalls auf ein raschelndes Strohbündel.

Unter Hundegebell, das durch kräftige Fußtritte zum Schweigen gebracht wurde, hielt jetzt ein Esel seinen Einzug. Sein Gefolge bildeten drei Personen. Sie alle verschlang der Boden. Der Esel selbst, als der zweifellos Klügste der Gesellschaft, kehrte zum Ausgang zurück und verstopfte diesen mit seinem Körper. Er selbst genoß dadurch die frische Nachtluft, während die Insassen der Hütte die Ausdünstung von acht Negern über sich ergehen lassen mußten. Und wie die Neger duften, überlasse ich der Phantasie der Leser. Ein Dutzend verwesende Schlangen sind mir lieber als die Nähe eines einzigen Negers.

Eine Zeitlang blieb alles ruhig. Unter mir schnarchten die Schläfer in allen Tonstärken. Trotzdem umfing mich der Schlaf, der indessen von beklemmenden Träumen gestört wurde. Mir träumte von Negern mit gewaltigen Rachen, die mich mit drohenden Gebärden aufforderten, einer alten, weißhaarigen Großmutter den Enkelkuß zu geben. Als ich mich weigerte, schlug man mich mit Fäusten, von den Schlägen erwachte ich und starrte in eine Finsternis, so dick, daß man sie hätte mit dem Messer schneiden können. Neben mir spürte ich einen übelriechenden Atem, und eine weibliche Stimme stammelte in englischer Sprache ein paar entschuldigende Worte. Sie hätte bei dem Versuch, ihr Lager aufzusuchen, versehentlich an meine Hängematte gestoßen. Ich möchte ihr das verzeihen.

Nur zu gern war ich dazu bereit, war ich doch froh, daß das nur ein wüster Traum gewesen war. Ich schlief endlich unter den Klängen eines Schnarchkonzertes wieder ein. Der Schlummer dauerte aber auch dieses Mal nicht lange. Draußen wurde es unruhig. Erst krähte ein Hahn, ihm antworteten aus allen Himmelsrichtungen die Kollegen. Das störte aber einen Esel in der Nachbarschaft, der sich berufen fühlte, dagegen mit seiner melodischen Stimme Protest zu erheben, selbstverständlich gab auch unser Hütteninsasse seine Meinung ab. Er schmetterte sein J–a– so zornig heraus, daß jeder Unerfahrene sofort den Herrn des Dorfes erkannte.

Das alles störte die Schläfer nicht. Höchstens drehte sich einer einmal im Schlafe herum. Mir aber wurde es ungemütlich auf meinem Schlaflager unter dem Dach, ich mußte flüchten, sonst wäre ich erstickt.

Aber so einfach, wie ich mir das dachte, konnte ich nicht ins Freie gelangen. Als ich aus der Hängematte heraussprang, packte jemand meinen Fuß. Ich war mit meinen Schuhen, die ich anbehalten hatte, in ein Gesicht getreten. Ein gurgelndes Geräusch belehrte mich darüber, daß ich nur mit Mühe der Gefahr entgangen war, in einem der großen Negerrachen zu landen. Ich stammelte ein paar Entschuldigungen und suchte meinen Fuß aus der Umklammerung zu befreien, wobei ich wohl ein wenig zu fest zugegriffen haben mochte, denn ein leiser Schrei aus weiblichem Munde drang an mein Ohr.

Ich schlich behutsam weiter. Sehen konnte ich natürlich nichts. Nur der matte Schimmer eines nächtlichen Himmels, den der Körper des türhütenden Esels in schmalen Streifen sehen ließ, ermöglichte es mir, die Richtung zum Ausgang festzustellen. Damit war ich aber noch lange nicht draußen. Schon der nächste Schritt traf wieder einen Körper, der jedoch geduldig auswich. Mit dem Fuße tastete ich an diesem entlang und geriet dabei in den Bereich des unter der Asche glimmenden Feuers. Ich trat auf einen glühenden Ast, der emporschnellte und den getreuen Wächter, den Esel, recht unsanft unter den Bauch traf. Eine derartige grobe Behandlung war diesem wohl noch nie zuteil geworden. Er schrie herausfordernd und schlug mit den Hinterbeinen so heftig aus, daß die funkensprühende Asche über die ganze schlafende Gesellschaft stob. Das brachte sie nun rasch auf die Beine. Natürlich wußte kein Mensch, was los war. Nur soviel sah man, daß der Esel der Missetäter war, und infolgedessen vollzog jeder das Strafgericht an dem armen Langohr. Das Gute hatte die Prozedur, daß sich der Esel schleunigst empfahl und mir dadurch die Möglichkeit bot, dem entsetzlich duftenden Raum zu entfliehen.

Draußen erwartete mich ein anderer Feind. Die Hunde. Kaum waren sie meiner ansichtig geworden, als die ganze Meute der auf den weißen Mann dressierten Köter wütend auf mich eindrang. Ein besonders bissiges Vieh nahm einen Anlauf und versuchte mir an die Kehle zu springen. Darauf war ich aber gefaßt und hieb ihm mit dem Kolben meiner Büchse so heftig auf die Schnauze, daß er in ein Wehegeheul ausbrach, das sofort die Hütte aller ihrer Bewohner entleerte.

Nun konnte ich zählen, mit wieviel Menschen ich den kleinen Raum geteilt hatte. Es waren fünf Männer und sechs Weiber jeden Alters. Bei ihrem Erscheinen ergriffen die Hunde knurrend die Flucht. Mich aber stellte ein alter Neger zur Rede und fragte in vorwurfsvollem Tone, warum ich »seine lieben Hündchen« geschlagen hätte.

Da mich die aufgezählten Zwischenfälle aus meiner kaltblütigen Ruhe gebracht hatten, verfehlte ich nicht, dem Manne meine Ansicht über seine Art der Gastfreundschaft in dürren Worten auszudrücken. Insbesondere gab ich meiner Entrüstung Ausdruck, daß man mich am Abend vorher nicht davon in Kenntnis gesetzt hatte, daß die Hütte allen Dorfinsassen als Schlafstätte diente. Ich hätte mir sonst ein Lager im Walde gesucht. Der gute Mann tat sehr beleidigt. Er erwiderte, da ich ja von heute ab ein Mitglied der Familie werden sollte, so müsse ich doch auch im allgemeinen Familienraum schlafen. Meine zukünftige Frau hätte ja bereits die Nacht unter meiner Hängematte verbracht. Die Rede wurde von allen Anwesenden beifällig aufgenommen. Und manch mißbilligender Blick traf mich, weil ich schon gleich am ersten Tag Unfrieden ins Haus brachte.

Ich stand im Begriff, dem Alten deutlich meine Meinung zu sagen, als mir noch rechtzeitig die Warnung des Österreichers einfiel. Ich sah auch selbst ein, daß ich aus dem Haufen gekränkter Neger niemals gesund herauskommen würde, wenn ich die Komödie nicht weiterspielte. Ich machte daher gute Miene zum bösen Spiel, entschuldigte mich bei dem Alten mit der schlaflosen Nacht und bat ihn, mir vor allen Dingen die mir zugedachte Braut auch zu zeigen. Das Verlangen erregte allgemeines Erstaunen. Die weiblichen Angehörigen sprachen alle zugleich, und deren kreischende Stimmen ließen die ruhigeren Männer gar nicht zu Worte kommen. Es stellte sich heraus, soviel ich aus der in der Negersprache geführten Unterhaltung entnehmen konnte, daß man sich darüber noch gar nicht geeinigt hatte. Die Dame vom vorigen Abend, die man vorzuschieben suchte, und die vermutlich das »Opfer« bringen sollte, schien keinen Gefallen an mir gefunden zu haben. Wenigstens bemerkte ich, daß sie, nachdem sie eine energische Rede gehalten hatte, wobei ihr entsetzlich breiter Mund wie ein Taschenverschluß auf und zu klappte, mit den Ellbogen durch die Menge trat und irgendwo hinter den Hütten verschwand.

Alles das spielte sich natürlich in meiner Gegenwart ab. Der alte Mann, der sich vielleicht noch seiner Sklaverei erinnerte und noch einen Rest von Scheu gegenüber von Weißen bewahrt haben mochte, sah mich mit verlegenem Gesicht an und bemühte sich, mir in englischer Sprache sein Bedauern darüber auszudrücken, daß seine älteste Tochter sich so ungezogen benahm. Ich beeilte mich, ihm zu sagen, daß das gar keinen unangenehmen Eindruck bei mir hinterlassen hätte, weil ich ja noch gar nicht davon in Kenntnis gesetzt worden sei, welcher der Damen des Dorfes ich die Ehre geben sollte. Es sei doch überall in der Welt der Brauch, daß man eine Frau, die man heiraten sollte, doch auch vor dem Verspruch zu Gesicht bekäme.

Das sahen die Männer denn auch ein. Sie nickten mir freundlich zu und forderten mich auf, mit ihnen ein Frühstück einzunehmen, das sich in der Folge als recht gut zubereitet erwies.

Die Weiber hatten sich inzwischen außer Hörweite zurückgezogen. Ich vermutete wohl nicht mit Unrecht, daß jetzt gemeinschaftlich eine andere Dame für mich ausgesucht werden sollte. Um dem zu entgehen, schützte ich Eile vor und drang darauf, daß man mir den nächsten Weg zum Schwefelsee zeigen möchte. Die Heiratsgeschichte konnte ja recht gut noch ein paar Tage hinausgeschoben werden. Nach Erledigung meiner Berufsgeschäfte – den Negern hatte ich gesagt, daß ich aus Berufsgründen den See besuchen müßte – hätte ich Zeit genug, um mit ihnen in aller Ruhe das Projekt durchzusprechen.

Zum Glück fanden meine Worte keinen Widerspruch. Ein junger Mann wurde abgeordnet, mich zu begleiten. Er schien den Auftrag nur sehr ungern anzunehmen, denn er wußte alle möglichen Ausflüchte. Als ich ungeduldig wurde, sprach der Alte ein Machtwort, und der Bursche mußte gehorchen.

Zehn Minuten später befanden wir uns auf einem schmalen Pfad, der durch den üppigen Tropenwald in vielen Zickzackwindungen aufstieg. Von Zeit zu Zeit trafen wir von Menschenhand aufgeschichtete Steinhaufen, die offenbar religiösen Zwecken dienten, denn mein Führer, obwohl Christ, blieb jedesmal an einem solchen Pomali zurück und machte sich daran zu schaffen.

Nach einstündiger Wanderung trug mir der Wind einen Schwefelgeruch entgegen. Mein Begleiter blieb stehen und blickte ängstlich um sich.

»Fürchtest du etwas?« fragte ich ihn.

Die Antwort kam zögernd heraus.

»Ich habe es meinem Großvater vorhergesagt, daß wir heute nicht an den See gehen können. Die Geister erlauben es nicht.«

»Was für Geister?« fragte ich zurück, froh, einen Vorwand gefunden zu haben, mich der lästigen Begleitung zu entziehen.

»Wenn die Geister aus dem Wasser steigen, und der See sich so böse zeigt, wie er heute wieder ist, dann müssen alle Menschen und Tiere sterben, die sich an seine Ufer wagen,« entgegnete der Neger, wobei ihm die Furcht auf das Gesicht geschrieben stand.

»Sind denn schon Menschen am See umgekommen?« wollte ich wissen.

»Sehr oft. Es ist noch nicht lange her, da haben vier Neger dort den Tod gefunden. Sie haben sich in der Nähe des Sees zum Schlafen niedergelegt und sind nicht wieder aufgewacht.«

Ich glaubte ihm die Erzählung aufs Wort. Es handelt sich offenbar um giftige Gase, die aus den Spalten entweichen und sich über den Boden verteilen. Alles Leben, das sich in ihrem Bereich befindet, muß natürlich sterben. Daß der Neger diese leicht erklärlichen Unfälle auf Geister zurückführte, war mir sehr lieb. Wenn ich ihn darin noch bestärkte, wurde ich ihn sicher los. Ich verbreitete mich über das Thema sehr eingehend und ließ so ganz nebenbei durchblicken, daß die Geister weißen Männern keinen Schaden tun können, da die Insel ja den Schwarzen gehörte. Auf meine dahingehende Frage erklärte er: »Du hast recht, weiße Männer sind noch nicht getötet worden.«

»Wenn du dich fürchtest, dann gehe ich allein zum See. Du kannst mich ja hier oder noch besser in eurem Dorf erwarten. Ich kenne jetzt den Weg und werde euch wieder aufsuchen, sobald ich meinen Zweck erfüllt habe.«

Der Vorschlag kam dem jungen Helden sehr gelegen. Er sprach zwar noch etwas von Vorwürfen, die ihm der Großvater machen würde, aber die Freude, von einem unangenehmen und nach seiner Meinung gefährlichen Unternehmen entbunden zu sein, prägte sich deutlich auf seinem Ebenholzgesicht aus. Nur zum Schein setzte er sich, als ich weitermarschierte, auf einen Stein und versprach mir, dort meine Rückkehr zu erwarten. Als ich mich nach einer Weile umblickte, war der Stein leer.

Der See war leicht zu finden. Der intensive Schwefelgeruch, der sich an Stellen, wo der Wind keinen Durchzug fand, schwer auf die Sinne legte, ließ kein Verirren zu. Anfangs konnte ich noch dem Pfade folgen, den kühnere Menschen, als es mein Führer war, durch das üppige Unterholz geschlagen hatten. Dann aber endete er plötzlich auf einer bewachsenen Bodenerhebung. Bis zu dieser Stelle schienen sich die Wanderer vorgearbeitet zu haben. Es war nicht schwer, zu erraten, daß ich unmittelbar hinter dem Hügel einen Blick auf den See tun konnte. Von dieser Annahme ausgehend, nahm ich mein Buschmesser und begann den ausgehauenen Weg fortzusetzen. Die Arbeit war nicht sehr anstrengend, denn es waren in der Mehrzahl fleischige Blattpflanzen, die sich mir in den Weg stellten.

Mitten in der Arbeit bemerkte ich, wie sich ein gelber Schaum über meine Kleider legte. Er wurde von den großblättrigen Pflanzen abgesondert, die sich auf gewaltigen Stengeln wie eine Wand vor mir aufbauten. Zugleich erfüllte ein atembeklemmender Geruch die unter dem Blätterdach herrschende schwere Luft. Um der gefährlichen Atmosphäre so rasch als möglich zu entgehen, hieb ich mit verdoppelter Kraft in die grüne Mauer und sah mich plötzlich vor einer weiten Ebene, die in dichte Nebelschwaden gehüllt war. Zu meinen Füßen zog sich in schmutziggelben Wülsten eine verkrustete Bank hin, auf die herunterzuspringen mir nicht ratsam schien. – Wie sich später herausstellte, war das der Uferrand des geheimnisvollen Sees.

Der engbegrenzte Überblick, den ich von meinem Standorte aus hatte, befriedigte mich indessen nicht. Um aber auf eine günstigere Stelle zu gelangen, mußte ich die Arbeit des Bahnschlagens von neuem beginnen. Ich ließ es mich auch nicht verdrießen. Ich war jetzt am Ziel und wollte nun soviel als möglich von dem erst vor zwei Jahren zum erstenmal von Wissenschaftlern besuchten Krater sehen. Die einzige in Roseau bekannte Beschreibung, die der Major in den Archiven gefunden hatte, stammte von englischen Geologen, die unter den Unbilden der Witterung zu leiden hatten und daher nur unvollkommene Resultate erzielen konnten.

Nach harter Arbeit, die den ganzen Tag in Anspruch nahm, erreichte ich eine Waldlichtung, auf der noch die Überreste einiger Hütten von der Anwesenheit der früheren Forschungsexpedition zeugten. Von dieser Stelle aus mußte man jedenfalls einen Überblick über den See haben, wenn eine Luftbewegung die leise wallenden Nebelwolken von der Oberfläche des Beckens hinwegfegen würde. Das konnte allerdings auch sehr lange dauern, aber ich war fest entschlossen, den Platz nicht eher zu verlassen, bis ich den See in seiner ganzen Ausdehnung gesehen hatte.

Mit der sinkenden Sonne und der hervortretenden Kühle des Waldes wurde die Bewegung in der Nebelschicht lebhafter. An Stellen, die von der kühleren Luft bestrichen wurden, schraubte sich eine feine Dunstsäule in Spiralen in den Äther empor. Dadurch wurde ein Zipfel der Decke gelüftet, und ich gewann einen Blick auf eine glasige Flüssigkeit, der ich die Bezeichnung Wasser nicht zugestehen konnte. Die weißgraue Masse hatte eher eine entfernte Ähnlichkeit mit flüssigem Quecksilber, besonders in ihren schwankenden Bewegungen. Leider zog das Phänomen sich die gelbliche Schutzhülle nach kaum einer Minute wieder über die Ohren, und die Nebeldecke legte sich schwerer denn je auf den Krater.

Zu rasch für meine Wißbegier zündete die Sonne ihre goldenen Fackeln an, mit denen sie die Wipfel der Bäume in ein zauberisches Licht hüllte. Sie waren mir ein Warner. Es war Zeit für mich, an ein Nachtlager zu denken, wollte ich nicht an diesen gefahrdrohenden Orten von der Dunkelheit überrascht werden.

Ich durchsuchte zunächst die Rudera der alten Hütten. Sie waren unbewohnbar, hatten auch wohl niemals als Nachtlager für die Forscher gedient, denn jeder stärkere Luftzug aus Westen hätte die schwefligen Dämpfe über sie hinweggetrieben. Es blieb mir daher nur der Rückweg. Während ich die von mir geschlagene Gasse aufsuchte, fiel mein Blick auf einen mit Pflanzenwuchs überwucherten, einst oft begangenen Pfad. Bei genauer Prüfung stellte sich heraus, daß es der Weg war, den die damals hier tätigen Forscher als Verbindungsgang zu ihren Aufenthaltshütten angelegt hatten.

Anfangs zwangen mich die langen Schatten durch Busch und Baum zu kriechen, um die Spur nicht zu verlieren. Nach kurzer Wanderung jedoch wurde der Wald lichter, und bald fand ich mich vor einem weitläufig angelegten Schuppen von etwa drei Meter Länge, der sich unheimlich aus einer Gruppe von Riesenbäumen abhob. Obwohl ich genau wußte, daß kein menschliches Wesen in der Nähe war, rief ich das Haus in der landesüblichen Weise an. Als keine Antwort erfolgte, stieß ich die halbangelegte Tür vollends auf und versuchte einen Blick in das Innere zu werfen. Tiefe Finsternis gähnte mir entgegen. Ein Scharren und Rasseln mahnte zur Vorsicht. Der verlassene Bau hatte Mieter gefunden, die sich bei der ungewohnten Störung in Sicherheit brachten.

Meine erste Sorge war die Beschaffung von Brennmaterial. Es lag genügend trockenes Holz auf dem Boden, so daß ich es nur zusammenzusuchen brauchte, um ein für meine Zwecke genügendes Feuer während der Nacht zu unterhalten. Durch langjährige Erfahrung gewitzigt, bediente ich mich aber nicht meiner Hände, sondern schnitt mir aus dem nächsten Busch einen starken Stock, an dem ich noch ein paar entsprechend beschnittene Zweige sitzen ließ. Dieser improvisierte Besen erfüllt vollkommen seinen Zweck und bewahrte mich vor dem Biß gefährlicher Kriechtiere. Wie gut meine Vorsicht war, zeigte sich bald. Um eine Beleuchtung herzustellen, zündete ich einen Haufen an. Sofort kamen zwei Schlangen aus dem dürren Holz zum Vorschein. Eine davon schlüpfte zwischen meinen Beinen hindurch und suchte Schutz unter einem andern Reisighaufen. Die andere aber, die anfangs ebenfalls die Flucht ergriffen hatte, kam zurück und rollte sich dicht vor dem brennenden Haufen zu einem Knäuel zusammen, wobei sie den Kopf der Flamme entgegenstreckte, und wie hypnotisiert die wunderlichsten Bewegungen ausführte. Ich hatte leider keine Zeit, die Entwicklung dieser höchst interessanten Erscheinung abzuwarten, denn das Feuer brauchte Nahrung. Später, als ich zurückkam, war das Tier verschwunden.

Einen hellbrennenden Ast über dem Kopfe schwingend, betrat ich dann den Raum. Er zeigte deutliche Spuren von der Anwesenheit verschiedener Tiere, die jedoch Zeit gefunden haben mußten, sich in Sicherheit zu bringen. Dahingegen boten Fußboden, Wände und Pfosten eine wahre Fundgrube von Insekten in allen Stadien der Entwicklung. Schlangen sah ich nicht mehr. Um einer ungestörten Nachtruhe sicher zu sein, schleppte ich einen Teil meines Feuers in das Innere des Schuppens. Hier bedeckte ich die Flamme mit grünem Holz, um eine möglichst große Rauchentwicklung zu entfalten, und schloß die Tür. Draußen setzte ich mich auf einen gefundenen abgesägten Baumstamm und verzehrte in aller Ruhe meinen Proviant. Bei der Gelegenheit fehlte es mir nicht an Zuschauern. In den Lichtkreis wagte sich allerdings kein Tier, ausgenommen die großen Käfer und Nachtschmetterlinge. Dahingegen hörte ich rings um mich her leise Tritte in den Büschen. Aus höher gelegenen Waldteilen, aus sicherem Versteck heraus, glühten beobachtende Augenpaare: stumpfgrüne, die ich für Hirsche ansprach, gelbschillernde der Wildkatzen und glasige, rötliche der wilden Ziegen. Aber auch in den Baumkronen machten sich Neugierige bemerkbar. Vor allem eine kleine Affenart, die ich am Tage noch nicht zu Gesicht bekommen hatte, und deren Existenz später von den Eingeborenen geleugnet wurde. So sollten sich die Geister dem Menschen zeigen, die den Besuchern des Schwefelsees den Tod weissagten. Als mir auf meinem Klotz die Augen zufielen, erhob ich mich, um das Innere des Schuppens nochmals einer Besichtigung zu unterziehen. Größere Tiere schienen ihn verlassen zu haben. Trotzdem warf ich noch ein paar grüne Äste auf die Glut. Hierauf legte ich mich bei weit geöffneter Tür in meine Hängematte und schlief bis in den hellen Tag hinein.

Ein frischer Wind fuhr durch die Wipfel der Riesenbäume. Ein paar Wolken jagten ängstlich über den Horizont. Das war das Wetter, dessen ich bedurfte. Rasch beendete ich mein Frühstück und eilte zurück zu meiner Beobachtungsstelle vom Tage vorher. Ein sausendes Geräusch beflügelte meine Schritte. Ohne Rücksicht auf die Dornen, die meine Kleider zerfetzten, eilte ich den Hang hinunter. Als ich dann vor dem Hügel ankam, stieß ich einen Ruf froher Überraschung aus. Vor mir lag hell und von keinem Nebel verschleiert der riesige See im Sonnenlichte. Seine gestern noch so tote Oberfläche befand sich in Wallung. An mehreren Stellen stiegen riesige Blasen empor, die sich in immer rascherem Tempo dem Mittelpunkt des Sees zu bewegten. Dort vereinigten sie sich und wurden als dicker Wasserstrahl emporgeschleudert. Gleichzeitig hob sich der Wasserspiegel und sandte kurze Brandungswellen über die verkrusteten Uferwälle. Während ich noch mit Staunen die geheimnisvolle unterirdische Tätigkeit betrachtete, vernahm ich wiederum das schon einmal gehörte gurgelnde Rauschen. Fast gleichzeitig geriet das Wasser des Sees in Bewegung, und wiederum erhob sich in der Mitte eine wohl meterdicke Wassersäule. Sie wuchs steil in die Höhe, hielt sich dort sekundenlang und brach dann in sich zusammen. Dort, wo sie niedergegangen war, drängten weiße Dämpfe aus dem Wasserspiegel, die sich langsam über den ganzen See verbreiteten und ihn nach kurzer Zeit meinen Blicken entzogen. Ein scharfer, die Schleimhäute reizender Geruch zwang mich, das Ufer schleunigst zu verlassen.

Das meinem Standort gegenüberliegende Ufer reizte meine Wißbegier. Der Wald trat finster und drohend aus abgerissenen Felsenmauern heraus, die, wenn ein Sonnenstrahl darauf fiel, gleißende Blinke über die Umgebung warfen. Ich glaubte, die Erscheinung auf Spuren von Obsidian zurückführen zu sollen und beschloß, als nach längerem Warten sich keine Bewegung in der Nebeldecke bemerkbar machte, den See zu umgehen und die bezeichnete Stelle aufzusuchen.

Der Rand des Sees stellte sich als eine Umwallung dar, die aus angeschwemmten Schwefelmassen mit Erde vermischt bestand und an manchen Stellen die Härte des Steines erreicht hatte. Trotz dieser Wahrnehmung schritt ich nicht sorglos darüber hinweg, und gar bald stellte es sich heraus, daß meine Vorsicht sehr gut am Platze war. An einem Punkte, und gerade dort, wo die Brettwurzel eines Baumes es am wenigsten vermuten ließ, sank ich unvermittelt bis zum Knie in eine warme, schlammige Masse ein. Nur mein rascher Griff in die Wurzel verhinderte ein völliges Versinken. Mit Hilfe der Wurzel erreichte ich dann leicht festen Boden. Immerhin mußte ich mich ein wenig ausruhen, weil mir der Schrecken stark in die Glieder gefahren war.

Von nun an zog ich es vor, meinen Weg außerhalb der Umwallung fortzusetzen. Je mehr ich mich dem Ziele näherte, desto wilder wurde das Gelände. Die erwähnte zerrissene Felsenmauer setzte meiner Wanderung ein Ziel. Sie schob sich bis hart an den Rand des Sees und wies einen glatten Bruch von dem mit Bäumen bewachsenen Gipfel bis in unsichtbare Tiefen auf. Deutlich trat der Charakter des eingestürzten Kraters in die Erscheinung. Ich befand mich innerhalb desselben und bemerkte, daß dessen oberer Rand sich noch hundert Meter über mir in einem Kreise von mehreren Kilometern Durchmesser zwischen den Bäumen verlor. Der See selbst füllte die Mitte dieses Kraters aus. Seinen Umfang konnte ich ziemlich genau auf vier Kilometer festlegen, da ich ihn zur Hälfte umgangen hatte.

Die Dunkelheit überfiel mich wiederum so unbemerkt, daß mir keine Zeit blieb, zu meinem letzten Nachtlager zurückzukehren. Es blieb mir nichts anderes übrig, als da, wo ich mich gerade befand, zu übernachten. In meiner Nähe gab es indessen weder Brennholz, noch war der Boden so trocken, daß ich mich auf ein Pflanzenlager hätte ausstrecken können. Die Bäume selbst strebten astlos bis zu dreißig Meter in die Höhe, so daß an ein Befestigen der Hängematte nicht zu denken war. In mein Schicksal ergeben, kletterte ich endlich auf eine der Brettwurzeln, lehnte mich mit dem Rücken gegen den Stamm und verbrachte in dieser höchst unbequemen Stellung eine Nacht, an die ich durch meine geräderten Glieder noch lange erinnert wurde.

Unter den geheimnisvollen Lauten der auf Beute ausgehenden Nachttiere, und eingelullt von dem den Tropenwäldern eigenen nächtlichen Rauschen und Raunen war ich bald in jenen Halbschlummer gefallen, der dem einsamen Schläfer im Walde eigen ist. Man ruht Körper und Geist aus und weiß doch jeden Augenblick, was um einen herum vor sich geht. So gewahrte ich das Anschleichen eines größeren Vierfüßlers, der wohl die menschliche Witterung noch nicht kannte und sich bis dicht an meine Seite wagte, um seine Neugierde zu befriedigen. Ich verscheuchte ihn durch eine Bewegung der Beine und ein paar herrische Worte.

Bevor sich die Lider aufs neue schlossen, trat wiederum eine Störung ein. Ich hörte im Walde den Knall einer Büchse. Der Schlag klang matt und kurz abgebrochen. Der Schütze stand also jenseits der Nebeldecke. Hilfe konnte er mir nicht bringen, denn ein in der Dunkelheit unmöglich zu passierender Waldstreifen von fast zwei Kilometer lag zwischen uns. Ich hielt es daher nicht für notwendig, meine Anwesenheit durch Abfeuern meiner Büchse zu verraten. Außerdem lag mir eine große Müdigkeit in den Gliedern, was nach den Strapazen der letzten Tage nicht weiter verwunderlich war.

Der Schlaf sollte sich jedoch nicht wieder einstellen. Die harten Brettwurzeln schnitten mir ins Fleisch, und jede Veränderung meines unbequemen Sitzes verursachte eine kleine Revolution unter den Tieren, die sich zwischen den Wurzeln ein Stelldichein gegeben hatten oder die zur Erfassung einer Beute dort auf der Lauer lagen.

Plötzlich erschütterte ein rollendes Donnern die Luft. Ein leises Zittern lief durch die Wurzeln meines Baumes. Die Temperatur stieg merklich höher, und es zischte und brodelte in nächster Nähe meines Sitzes, daß ich, von banger Ahnung getrieben, Hals über Kopf von den Wurzeln heruntersprang. In allen Büschen um mich her hörte ich das Geräusch fliehender Tiere, und ohne mir selbst Rechenschaft über mein Tun zu geben, eilte ich tiefer in den Wald, um aus der Nähe des erwarteten vulkanischen Ausbruchs fortzukommen. Dabei stolperte ich über einige große Steine, an denen ich mir das Schienbein blutig schlug, rannte in der Finsternis gegen Bäume, daß mir die Funken aus den Augen sprühten, und kam erst wieder zur Besinnung, als sich vor mir eine schwarze Wand auftat, die meinem Laufen ein Ziel setzte.

Dort gewann ich meine Kaltblütigkeit wieder. Ich hielt mich an dieser Stelle vor dem Ausbruch des Vulkans ziemlich geschützt und erwartete den Anbruch des neuen Tages. Aber es waren noch viele Stunden, die ich, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, stehend verbringen mußte. Das Rollen im Erdinnern, verbunden mit einem Schwanken des Bodens wiederholte sich noch einigemal, und der Schwefelgeruch, der nach und nach den Krater in seiner ganzen Ausdehnung erfüllte, ließ darauf schließen, daß der Ausbruch im See stattgefunden haben mußte.

Es dürfte nicht allgemein bekannt sein, daß sich unter der Kette der Kleinen Antillen im Erdinnern ein Feuerherd befindet, der auf den Inseln Dominica, Martinique, Santa Lucia und St. Vincent eine Verbindung mit der Oberwelt findet. Der Vulkan auf Santa Lucia ist als erloschen anzusehen. Auf Dominica ist er noch durch gelegentliche Auswürfe heißen Wassers und Ausstoßen von Schwefeldampf tätig, während die Vulkane auf den beiden andern Inseln noch als tätig angesehen sind und sich von Zeit zu Zeit unangenehm in Erinnerung bringen.

Mit den neuen Strahlen der aufgehenden Sonne verließ ich die unheimliche Gegend und suchte so rasch als möglich den Schuppen wieder zu erreichen, um vor allen Dingen meinen gewaltigen Hunger zu stillen. Bis jetzt war mir noch kein jagdbares Tier vor die Büchse gekommen, was bei der Nähe des Sees erklärlich war. Ich verließ daher den Kraterboden und stieg langsam den Hang hinauf, ohne jedoch die Richtung zum Schuppen aus den Augen zu verlieren. Schon sah ich mein Ziel durch die Bäume schimmern, da kam mir endlich eine Bergziege zum Schuß. Sie fiel im Feuer. Im Begriff, sie aufzubrechen, hörte ich aus nächster Nähe einen Schuß. Jemand rief mich beim Namen, wenige Minuten später sah ich mich von vier Polizeisoldaten umringt, die sich nicht genügend darüber wundern konnten, daß sie mich noch lebend antrafen.

»Warum soll ich denn tot sein?« fragte ich lachend den Sergeanten. »Sind denn die Verhältnisse auf der Insel derartig, daß man sich nicht allein in den Wald wagen darf?«

»Uns sendet der Major. Ein Neger kam gestern zu ihm und meldete Ihr Verschwinden. Sie hätten den Führer entlassen und seien seit der Zeit nicht mehr zum Vorschein gekommen. Wir haben den Neger einstweilen in Haft behalten. Es sind gerade in dieser Gegend schon öfter Leute verschwunden, und wir haben allen Grund zu glauben, daß sie von den Dorfbewohnern ermordet wurden.«

»Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Ich habe heute Nacht eine Probe davon bekommen, wie gefährlich der Aufenthalt am Ufer des Sees werden kann, wenn dieser zufällig seine giftigen Dämpfe ausströmen läßt. Die Neger selbst wagen sich gar nicht in die Nähe des Kraters. Wenn also hier Menschen verschwinden, so würde ich zuerst in dem weiten Kraterboden nach ihnen suchen. Sie können von den über den Boden kriechenden Gasen getötet worden sein, wie es auch mir ergangen wäre, wenn ich in der vergangenen Nacht weniger Vorsicht geübt hätte ... Jetzt aber helfen Sie mir, meinen Ziegenbock in genießbaren Zustand zu versetzen, sonst verhungere ich vor Ihren Augen. Whisky würde mir über die Zeit bis zum Garwerden des Bratens hinweghelfen,« fügte ich anzüglich hinzu, wobei ich sehnsüchtige Blicke auf die Feldflasche warf, die der Sergeant an einem Riemen neben der Säbelkoppel trug.

»Es wäre wirklich schade, wenn Sie jetzt, wo wir Sie glücklich gerettet haben, verdursten würden,« erwiderte lachend der Sergeant und nahm die Flasche zur Hand. »Hier, nehmen Sie einen Schluck, aber vergessen Sie nicht, daß wir noch einen langen Weg vor uns haben.«

Als ich mich viel zu lange für den Geiz des Sergeanten mit der Flasche beschäftigt hatte, reichte ich sie mit ein paar Dankesworten zurück.

Eine Stunde später hatte ich mein Frühstück beendet, und wir brachen gemeinsam auf und kehrten unter Umgehung des Negerdorfes auf dem nächsten Wege zur Hauptstadt zurück. Dort wurde ich von der Familie Mantitsch und der gesamten Nachbarschaft mit aufrichtiger Freude empfangen. Das Gerücht von meiner Ermordung war wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt gegangen und bildete jetzt das Tagesgespräch. Auch der Major beglückwünschte mich zu meiner Rückkehr.

»Danken Sie Gott, daß meine Leute Sie früh genug gefunden haben,« sagte er nicht ohne Stolz.

»Ihre Ermordung war von den Negern beschlossene Sache, und bei Ihrem Erscheinen im Dorfe hätte man Sie verschwinden lassen ... Der junge Bursche, den ich vorsichtigerweise in Haft nahm, hat, um sich Straflosigkeit zu sichern, ein volles Geständnis abgelegt. Morgen wird die Verhandlung gegen ihn durchgeführt.«

Der am nächsten Tag eintreffende Dampfer verhinderte mich jedoch, an der jedenfalls recht interessanten Verhandlung gegen die Mordgesellschaft teilzunehmen. Ich beeilte mich, die Insel zu verlassen und einstweilen nach St. Thomas weiterzureisen. An diesem Knotenpunkt der deutschen Dampfer hoffte ich sicher eine Fahrgelegenheit nach Deutschland zu finden, wie sehr ich mich darin täuschte, sah ich leider zu spät ein.

In St. Thomas fand ich einen alten Freund. Herr Stürken, ein ehemaliger Seemann auf Hamburger Schiffen, war Besitzer des Eishauses geworden .... Nachdem die erste Begrüßung vorüber war, fragte er mich:

»Was wollen Sie nun eigentlich hier auf der Insel anfangen? Die Dampfer nach Europa sind alle besetzt, und wenn Sie es nicht auf einem Tramp versuchen wollen, dann müssen Sie auf unbestimmte Zeit mein Gast sein.«

»Das ist traurig, Stürken,« erwiderte ich mißgestimmt. »Wie soll ich die Zeit totschlagen in einer Stadt, die nur eine Straße besitzt? Wenn ich wenigstens ins Innere eurer Insel reisen könnte. Aber da gibt es weder Urwald noch sonst interessante Sachen.«

Stürken kaute nachdenklich an seinem langen Schnauzbart. Endlich brachte er zögernd heraus:

»Wollen Sie nicht einmal auf meine Besitzung auf Mafolie Hill hinauf? Da ist es kühl, und es findet sich allerlei Zeitvertreib da oben ... Sie können Vögel schießen ...«

»Wo ist das, Stürken? Wenn es da auch nur einigermaßen schön ist, dann nehme ich den Vorschlag an.«

Er führte mich auf die Straße und deutete auf die Spitze des mittleren der drei Berge, aus denen die Insel besteht. Dort erblickte ich das Ziegeldach eines Hauses, von dem man einen weiten Fernblick über das Meer haben mußte. Sofort sagte ich zu:

»Topp, Stürken, das Haus miete ich, wie komme ich da hinauf?«

Eine Stunde später trug mich ein kleiner, struppiger Brauner, eines der wenigen Pferde, die die Insel besitzt, in langgezogenen Spiralen den Berg hinan. Je höher wir stiegen, desto herrlicher wurde die Ansicht über das Meer. Die nähergelegenen Inseln waren deutlich zu erkennen, und als wir endlich auf der Spitze des Berges standen, lag die Stadt Charlotte Amalia in ihrer ganzen Ausdehnung zu meinen Füßen. Damals war St. Thomas noch dänisch.

Das mir zur Verfügung gestellte Haus bestand aus drei ebenerdig gelegenen Zimmern, die nur mit dem Allernotwendigsten ausgestattet waren, so wie man es eben in den Tropen überall findet. Merkwürdig war ein großer Kamin, vor dem ein mächtiger Holzstoß lag. Er nahm sich hier etwas sehr deplaciert aus, war aber nach der Versicherung meines Wirtes in der Regenzeit oft gar nicht zu entbehren. Im großen Gegensatz dazu standen die Fenster, die weder Läden noch Glasscheiben hatten und dem Durchzug freies Spiel gestatteten. Als Stürken mich am Abend verließ, war außer mir kein Mensch mehr auf Mafolie anwesend. Dafür leisteten mir Kühe Gesellschaft, die Eigentum meines Hauswirtes waren, frei auf den Bergen herumliefen und morgens und abends beim Hause erschienen, um das ihnen gestreute Salz zu lecken.

Eines kleinen Zwischenfalles muß ich hier noch Erwähnung tun, der später eine Bedeutung für mich gewann. Beim Aufstieg begegneten wir einem Flamen namens Tissot, der am Berge Kräuter gesammelt und öfter im Hause auf dem Gipfel übernachtet hatte. Stürken begrüßte ihn freundlich und machte mich mit ihm bekannt. Als der Flame mir dann später die Hand reichte, sagte er:

»Verankern Sie sich im Hause nur gut, damit Sie beim nächsten Zyklon keine Luftreise machen.«

Auf meine Frage, wie ich das verstehen sollte, erwiderte er:

»Sie werden es ja erleben. Befolgen Sie nur meinen Rat.«

Dann trennten wir uns. Die Worte kamen mir in den Sinn, als ich jetzt allein auf dem Berge hauste und den Bau auf seine Solidität hin prüfte. Es war ein massives Gebäude, dem so leicht auch ein schwerer Sturm nichts anhaben konnte. Um so mehr wunderte mich die Warnung Tissots.

Lange noch genoß ich die Fernsicht über das weite Meer, erfreute mich an dem Leuchten der Brandungswellen und sah den heimkehrenden Fischerbooten zu. Erst spät suchte ich mein Lager auf, das nach guter deutscher Art aus einem richtigen Bett mit Federmatratze bestand.

Am nächsten Morgen wurde ich brüsk aus dem Schlummer geweckt. Ich spürte, wie mir etwas Feuchtes auf das Gesicht fiel und eine heiße Luftwelle über meine Wange strich. Abwehrend hob ich die Hand, die einen naßkalten Gegenstand berührte. Nun fuhr ich blitzschnell von meinem Lager empor und – blickte in die großen Augen einer Kuh, die ihren Kopf zum Fenster hinein gesteckt hatte und mir mit der Zunge zärtlich über das Gesicht gefahren war. Ein mißbilligendes Brummen bewies mir, daß das Rindvieh meine etwas heftige Abwehr übelgenommen hatte.

Nachdem ich mein »Königreich« in einem halbstündigen Spaziergang von einem Ende zum andern Ende durchwanderte, suchte ich mir einen schattigen Platz und bereitete mir aus den vorhandenen Vorräten ein ziemlich reiches Frühstück. Gegen Mittag kam eine Negerin von der Stadt heraufgeritten, die mir mein Mittagessen brachte und für das nötige Getränk sorgte, dem ein Brocken Eis beigegeben war. Durch Eingraben in die Erde bewahrte ich das Eis bis zum nächsten Morgen vor dem Schmelzen. Dann ließ mich die Dienerin für den Rest des Tages allein. Die Zeit bis zum Erscheinen der Köchin am nächsten Tage vertrieb ich mir mit der Niederschrift meiner Erlebnisse auf der Reise durch die Inseln, mit der Jagd und mit Betrachtung des stets wechselnden Meeres.

Eines Tages brauste ein Orkan über die Inseln hinweg. Er blies mit gewaltiger Stärke und richtete viel Unheil unter den kleinen Fischerbarken an. Um das in seinen Tiefen aufgewühlte Meer auch in seinem Zorn aus der Vogelperspektive kennenzulernen, hatte ich mich auf den äußersten Punkt meines Berges begeben, wo nichts einen Rundblick beeinträchtigte. Dort stand ein wetterharter Baumstamm neben dem kleinen Häuschen, das man bei uns auf dem Lande mit einem herzförmigen Ausschnitt in der Tür zu versehen pflegt. An ein Felsstück angelehnt, schien es jedem Sturm Trotz bieten zu können. An dieser exponiertesten Stelle des Berges, an der ich jetzt stundenlang Sturm und Regen über mich ergehen ließ und mich an der ungebändigten Gewalt des Sturmes freute, verbrachte ich fast den ganzen Tag. Je mehr der Orkan an Stärke wuchs, desto mehr empfand ich, wie winzig wir Menschen doch den Naturgewalten gegenüber sind.

Gegen Abend wurde mein Stand unheimlich. Mit Mühe hielt ich mich, gegen die Felsen gedrückt, auf den Füßen, und schließlich mußte ich, um nicht hinuntergeweht zu werden, mich mit Stricken an den Pfosten des kleinen Häuschens festbinden. Sonderbarerweise wollte der Knoten des Strickes nicht halten, obwohl ich ihn nach allen Regeln der Seemannskunst geknüpft hatte. Nach ein paar mißlungenen Versuchen gab ich es auf und schlang das Tau um den Baumstumpf, wo es sofort hielt und mich gegen die immer heftiger werdenden Angriffe des Orkans sicher schützte. Kaum war ich so gegen das Herabgeschleudertwerden gesichert, als ein mit Donner und Blitz daher rasender Windstoß das Häuschen, so wie es dastand, aus dem Boden riß und in tollem Spiel durch die Lüfte trug, bis er es genau vor Stürkens Eishaus krachend auf den Boden setzte. Das merkwürdige Ereignis spielte noch lange das Stadtgespräch auf St. Thomas.

Am nächsten Morgen wütete der Sturm mit womöglich noch gewaltigerer Kraft. Ich stand wieder festgebunden auf meiner hohen Warte und ließ das Auge über die wilde See schweifen. Plötzlich entdeckte ich gegenüber der Insel ein Segelschiff, das Notflagge zeigte. Auch unten am Hafenbollwerk hatte man es bereits bemerkt. Auf der äußersten Spitze der linken Landzunge, die mit der gegenüberliegenden das Hafenbecken bildet, befand sich der Schuppen der deutschen Hamburg-Amerika-Linie. Hier lagen zwei Dampfer der Gesellschaft, die Saxonia und der kleine Cyklop. Nur der letztere befand sich unter Dampf. Durch das Fernglas sah ich, wie man aufgeregt vom Schuppen zur Landspitze und wieder zurück lief. Jedenfalls besprach man sich, ob eine Rettung von Seiten der Dampfer möglich wäre. Dem kleinen Cyklop konnte man nicht zumuten, sich in die fürchterliche See hinauszuwagen, und die Saxonia hatte keinen Dampf.

Auch auf der rechten Landzunge, wo sich das französische Kohlenlager befand, sah ich, wie die Menschen durcheinanderliefen. Dort lagen zwei große Ozeandampfer unter Dampf, der Saint Simon und der Flachat. Daß von diesen keine Hilfe geleistet wurde, wußte ich, auch ohne daß ich die Totenstille beobachtete, die an Deck der beiden Schiffe herrschte.

Da erschien plötzlich eine Rauchfahne am Horizont. Ein Dampfer näherte sich in rascher Fahrt dem Hafen. Wenn er Kurs behielt, mußte er hart an dem notleidenden Segelschiff vorüber. Aller Augen hingen gespannt an den Umrissen dieses Retters aus schwerster Seenot. Auch mein Herz klopfte in banger Erwartung, würde er es allein schaffen können? Die Brigg lag bereits sehr stark auf der Seite, und jede der bergehohen Wogen konnte sie im nächsten Augenblick unter Wasser drücken. Damit mußte die ganze Besatzung ihren Tod in den Wellen finden.

Aber nicht nur ich folgte angstvoll dem Laufe des Dampfers. Kopf an Kopf standen die Menschen am Hafen und am Vorgebirge. Hunderte von Ferngläsern waren auf den Dampfer gerichtet ... Jetzt war er in der Nähe ... Er fiel aus seinem Kurse und steuerte in die Leeseite der Brigg. Alle Welt erwartete jetzt das Aussetzen eines Bootes oder doch das Hinüberziehen einer Leine, um eine Verbindung mit dem schwer kämpfenden Segelschiff herzustellen. Da sah ich – und ein vielhundertstimmiger Schrei belehrte mich, daß es auch die Zuschauer am Hafen bemerkten –, wie der Dampfer, ohne sich um das Segelschiff zu bemühen, seine Fahrt fortsetzte und auf die Hafeneinfahrt zusteuerte.

Noch zitterte die Entrüstung über die gemeine Tat des Dampfers in aller Herzen – es war der englische Postdampfer »Moselle«, Kapitän Smith, den, nebenbei bemerkt, auf derselben Reise noch die Nemesis bei Port Limon, wo das Schiff verlorenging, erreichte –, da tauchte ein anderer Dampfer in der Nähe des Seglers auf. Auch er nahm Kurs auf das schwer kämpfende Schiff, obwohl er selbst nicht mehr völlig Herr seiner Bewegungen war. Seine Ladung war losgeschlagen, und er war dadurch so stark auf die Seite gedrückt, daß das Wasser fast die Reling erreichte. Nichtsdestoweniger bemerkten wir, wie er sich alle Mühe gab, eine Verbindungsleine nach der notleidenden Brigg hinüberzubringen. Jeder Seemann wußte, daß das Unternehmen bei der See nur sehr wenig Aussicht auf Erfolg hatte.

Da schrillte ein langanhaltender Pfiff zu mir herauf. Der winzige deutsche Dampfer Cyklop, Kapitän Jochen Meier, löste sich von seinem sicheren Liegeplatz und dampfte todesmutig hinaus in die wilde See. Kaum hatte er den schützenden Hafen hinter sich, da packte ihn der grimmige Ozean. Wie mit Schmiedehämmern schlug er auf das gebrechliche Fahrzeug los. Oft verschwand es unter den haushohen Wogen, so daß man schon dessen Verlust befürchtete. Aber die Seemannskunst des wackeren Kapitäns bestand in diesem Aufruhr der Elemente ihre härteste Probe. Nach einstündiger harter Arbeit erreichte der kleine Cyklop, nachdem man ihn mehr als einmal verloren gegeben, endlich das notleidende Schiff. Er arbeitete sich indessen näher, und als er jetzt sogar ein Boot aussetzte, hielt es wohl jeder Seekundige für rettungslos verloren. Immer wieder warf die kochende See das winzige Schifflein zurück. Bald thronte es hoch auf der Spitze eines Wellenberges, um im nächsten Augenblick mit rasender Geschwindigkeit in ein tiefes Tal geschleudert zu werden. So ging es über eine Stunde lang hin und her. Aber der kühne Mut der Hamburger Seeleute war nicht zu brechen. Sie sahen nach stundenlangem Kampf ihre Arbeit doch noch von Erfolg gekrönt. Es gelang ihnen, eine Verbindung mit der Brigg herzustellen. Und unter dem Beistand des andern Dampfers – es war die »Savona« aus Hamburg – schleppten sie das Segelschiff in den sicheren Hafen. Dort empfing ein nicht endenwollendes »Bravo« die Retter, die sich jedoch dem Dank entzogen und zunächst dafür Sorge trugen, daß die gerettete Besatzung der norwegischen Brigg »Sigurd« in sachgemäße Pflege kam. Besonders der erste Steuermann des Seglers, der Deutsche Jan Hilmer, hatte sich im Kampfe mit den Elementen nicht unbedeutende Verletzungen zugezogen, die ein längeres Verweilen an Land nötig machten. Stürken nahm sich seiner liebevoll an und sandte ihn, als die Heilung der Wunde keine besondere ärztliche Behandlung mehr nötig machte, zu mir nach Mafoli Hill. Ich verbrachte mit ihm einige sehr angenehme Wochen, die nur zu früh durch die Abreise seines Schiffes, das inzwischen repariert worden war, ihr Ende fanden.

Nach der Abreise des Steuermanns wurde mir der Aufenthalt auf St. Thomas zu langweilig. Ich entschloß mich, mit dem ersten Dampfer abzureisen, einerlei wohin er bestimmt war. Zufällig war es ein Deutscher, die »Saxonia«, Kapitän Magin, die nach Venezuela in See ging.

Acht Tage später wurde ich auf der Reede von La Guaira mit meinem Gepäck in einen großen Kahn verladen und an der Zollhalle an Land gebracht. Der Dampfer selbst durfte nicht mit dem Land in Verbindung treten, weil in La Guaira und der Landeshauptstadt Caracas die schwarzen Blattern grassierten.

Der Schwarze wagte sich nicht so recht an die Revision meiner Habe heran. Ob er sich vor einer Ansteckung fürchtete – ich kam aus einem kerngesunden Lande – oder ob er zu faul war, sich zu bücken, er nahm die ihm verstohlen gebotenen fünf Bolivares an und erklärte meine zehn Gepäckstücke für revidiert.

Nachmittags ging ein Zug nach der tausend Meter über dem Meere gelegenen Hauptstadt Caracas. Ich ließ mein Gepäck zum Bahnhof schaffen und verlangte eine Fahrkarte.

»Bitte Ihr certifikado de vacuna,« sagte der Mann am Schalter, ohne sich in seiner Lektüre stören zu lassen.

»Was wünschen Sie?« fragte ich erstaunt zurück.

»Ihren Impfschein. Ohne Impfschein darf ich Ihnen keine Fahrkarte abgeben,« sprach's und drehte mir den Rücken.

Die auf dem Bahnsteig herumlungernden Mulatten, denen meine Ratlosigkeit auffiel, lachten mich diebisch an.

»Aha,« sagte ich im Selbstgespräch. »Die Bande kennt sich aus.«

Auf einen Wink kam ein notdürftig gekleideter brauner Jüngling zu mir und sagte, ohne meine Frage abzuwarten:

»Ich zeige Ihnen die Apotheke, dort bekommen Sie einen Impfschein, folgen Sie mir nur.«

Der Apotheker, der mich in Begleitung des Mulatten in seiner Votica erscheinen sah, wartete mein Anliegen erst gar nicht ab. Er griff in eine Schublade und holte daraus ein paar gedruckte Zettel hervor.

»Schreiben Sie Ihren Namen hierher,« sagte er freundlich, indem er ein paar solcher Papiere vor mich hinschob. Ich erfüllte seinen Wunsch. Ohne einen Blick darauf zu werfen, was ich geschrieben, stempelte er die Scheine ab und reichte sie mir mit den Worten:

»Cinco reales, Senor.«

Ebensoviel beanspruchte mein Führer, der sich dann rasch empfahl. Bei genauerem Zusehen entdeckte ich zu meiner Überraschung, daß mir bescheinigt wurde, ich sei acht Tage zuvor geimpft worden und fünf Pusteln davon seien aufgegangen.

Ich selbst wußte zwar nichts von der überstandenen Impfung, aber der Mann am Fahrkartenschalter, dem ich vor einer Viertelstunde versichert hatte, daß ich zuletzt vor unzähligen Jahren geimpft worden war, prüfte den Schein gründlich, trug ihn zum Überfluß in ein großes Buch ein und verkaufte mir dann die Karte nach Caracas. Unterwegs an der Haltestelle »Zigzag« stiegen uniformierte Polizisten in den Zug und kontrollierten jeden Impfschein, den sie einer gründlichen Prüfung unterzogen. Mir passierte es dabei, daß ich bei der Entnahme des Scheines aus der Brieftasche gleich zwei Zettel (ich besaß ja deren fünf) erwischte und sie dem Beamten in die Hand drückte.

»O weh, jetzt ist's gefehlt,« schoß, es mir durch den Kopf. Aber der Mann fand es wohl ganz natürlich, daß ein Deutscher gleich zwei Impfscheine mit sich führte. Er legte die Hand an die Mütze und gab mir die Scheine zurück.

Abends bei der Ankunft in Caracas nahm ich einen Wagen, um in das deutsche Hotel Klindt zu fahren. Die erste Frage des Kutschers lautete:

»Haben Sie einen Impfschein?«

»O ja, Hombre, sogar fünf,« gab ich launig zur Antwort.

»Dann darf ich Sie fahren,« nickte er vergnügt und trabte davon.

Neben den Pocken grassierte noch eine andere periodisch wiederkehrende Krankheit in der Republik. Ein General rebellierte gegen den rechtmäßigen Präsidenten und zog in das Innere des Landes. Von dort aus sandte er dem letzteren eine Kriegserklärung.

Natürlich mußte der Präsident jetzt mobilisieren. Wie es dabei zuging, beschrieb ich vor Jahren einmal in einer siebenbürgischen Zeitung. Ich glaube die Erzählung an dieser Stelle wiederholen zu dürfen, um sie auch meinen deutschen Lesern zugänglich zu machen.

Zum besseren Verständnis des Nachstehenden bemerke ich, daß die Präsidenten der »Vereinigten Staaten von Venezuela« auf vier Jahre gewählt werden. Richtiger sich selbst wählen, denn höchst selten bleibt ein Präsident vier Jahre lang auf seinem Posten. In neuerer Zeit war es nur einer, Guzman Blanco, ein rücksichtsloser Gewaltmensch, aber ein erstklassiger Organisator, der sogar eine zweite Periode durchhielt. Allerdings sicherte er sich die Neuwahl dadurch, daß er die Abgeordneten, die zur Wahl erschienen waren, im Parlamentsgebäude einschließen ließ und durch seinen Leibgardegeneral bekanntgab, daß keiner der Abgeordneten das Haus lebend verlasse, wenn sie sich seinen Befehlen widersetzten. –

Der regelmäßige Regierungswechsel pflegt derart vor sich zu gehen, daß irgendein General Sehnsucht nach dem Präsidentenstuhl bekommt und dem gerade amtierenden Präsidenten den Fehdehandschuh hinwirft. Beide Teile sammeln dann mit ihrem Anhang an »Generalen und Obersten« ein Heer und rücken gegeneinander ins Feld.

In diesem hier erzählten Falle war es General Ramon Guerra, der den Präsidenten Andrade stürzen wollte, der bereits ein Jahr lang das Amt innehatte und nun zum Abdanken gezwungen werden sollte.

Allerdings waren die Sympathien der meisten Gegner Andrades auf seiten eines andern Kandidaten, des Generals Manuel Hernandez, genannt »el mocho«, der Verstümmelte, weil er in einer Schlacht den Arm verloren hatte. Aber der war einstweilen nicht zu fürchten, weil Präsident Andrade ihn sofort bei seinem Regierungsantritt auf der Festung San Carlo in Maracaibo festgesetzt hatte. Dort schmachtete er, mit Ketten belastet und gut bewacht, im tiefen Kerker.

Also war ein Versuch der Mühe wert. Ramon Guerra zog eines schönen Tages ins Innere und begann in der Provinz Carabobo Rekruten zu werben, Steuern einzutreiben und langsam ein Heer zu sammeln. Gleichzeitig ließ er den Präsidenten auffordern, sogleich abzudanken.

Als General Andrade diese unverhoffte Botschaft erhielt, ließ er seinen Kriegsminister kommen, um mit ihm die Lage zu besprechen. Dieser war erst einige Monate im Amte und auf eine so schnelle Inanspruchnahme nicht vorbereitet, denn ein venezuelischer Minister und besonders ein Kriegsminister braucht doch seine Zeit, um sich »einzuarbeiten«. Aber immerhin, wenn es sein muß und das Vaterland ruft, dann ist auch er »fertig«.

Also sprach er zum Präsidenten.

Andrade war früher selbst Minister gewesen und wußte genau, inwieweit diesem »Fertig« zu trauen war. Er wollte daher Genaueres wissen. Zahlen, Ziffern brauchte er.

Der Kriegsminister ließ von einem der hundert »Offiziere«, die draußen im Flur und auf den Steintreppen des Präsidentschaftspalastes herumlungerten, seinen Generalstabschef rufen, und als dieser erschien, wurde das unter den Waffen stehende Heer zusammengezählt:

Generale und Oberste etwa vierhundert Mann. Infanterie in Caracas tausend Mann, ebensoviel an der Küste. Artillerie? Ja, die Artillerie –

»Wieviel Artillerie haben wir also?« fragte der Präsident.

Man sieht sich stumm an. Kein Mensch weiß das...

»Aber wir haben doch erst vor Jahresfrist einen deutschen Artillerieoffizier angestellt, der unsere Artillerie ausbildet,« rief Andrade.

Richtig – das fiel dem Kriegsminister auch ein, das war ja der, der die Kriegsschule leitete.

»Man rufe den Oberst der Artillerie...,« schrie er in den Flur hinaus.

»Zu Befehl.«

Ein Offizier stürzt diensteifrig davon, rennt um die nächste Ecke, setzt sich da auf einen Stein und dreht sich eine Zigarette. –

Die Beratung beim Präsidenten geht inzwischen weiter. Man stellt fest, daß man mit den tausend Mann die Stadt nicht verteidigen kann, wenn der Feind angreifen sollte. Und Ramon Guerra greift sicher an, schon weil er Geld braucht. Also müssen noch »Freiwillige« eingestellt werden.

Mit dem herbeigerufenen Finanzminister wird das Budget aufgestellt, und nun ergibt sich, daß angesichts der bedrängten Lage des Vaterlandes mit den vorhandenen Mitteln sehr sparsam umgegangen werden muß. Außer den Ministergehältern kann von heute ab keinerlei Zahlung mehr geleistet werden.

Der Finanzminister telegraphierte sofort an alle Post- und Zollämter des Reiches. Es sollen keinerlei Zahlungen mehr geleistet werden, alle Eingänge sind nach Caracas abzuliefern.

Nichtsdestoweniger wurde am selben Tage noch flott eingekauft – gegen Anweisung auf das Zollamt.

Als nach längerem Warten der Artillerieoffizier immer noch nicht erscheint, trennt man sich bis morgen früh. Vorher aber wird jedermann strengste Geheimhaltung der Botschaft des Generals Guerra zur Pflicht gemacht, um dessen Anhänger in der Hauptstadt nicht aufmerksam zu machen.

Der Instruktor der Artillerie, Oberst v. C., begibt sie sich allmorgendlich auf das Kriegsministerium, um dort an der Kasse die tägliche Rate von fünf Pesos auf seinen Monatsgehalt in Empfang zu nehmen. Dieser Herr, wie noch einige andere ausländische Instruktoren, tut nämlich nur Dienst, wenn ihm jeden Morgen sein Gehalt für den laufenden Tag in bar ausbezahlt wird. Kein Gehalt – kein Dienst. – Der Kassier zuckte heute die Achseln. »Ich bedaure sehr, Herr Oberst, heute habe ich kein Geld.«

Coronel v. C. begibt sich zum Kriegsminister, der von einem Dutzend anderer Generale umringt ist, die alle auf ihn einreden und Geld wollen.

Der Oberst, der immer noch nicht Spanisch spricht und nur sehr mäßig Französisch radebrecht, wird vom Minister als »rettender Engel« stürmisch empfangen. Jetzt kann er die andern abschütteln, denn der Präsident will sofort den Artillerieoberst sprechen.

Der tut aber keinen Dienst, bevor er nicht seine Gehaltsrate von fünf Pesos hat. Das macht er jetzt dem Minister, der auch nicht viel Französisch versteht, klar, aber der »hört nicht auf dem Ohr«. C. will jedoch vom Befehl des Präsidenten nichts wissen. Erst seine fünf Pesos, dann Dienst.

»Himmel, was sind diese Deutschen für Hartschädel. ... Also, Kassier, zahlen Sie für heute noch einmal....«

Der besinnt sich ein wenig, bezahlt aber dann doch.

Endlich setzten sich Minister und Artillerieoberst, gefolgt von einem Dutzend Generale, in Marsch zum Präsidentschaftspalast.

General Andrade ist schon zu sprechen. Der Oberst wird zur Berichterstattung aufgefordert. Der Präsident will zunächst wissen, wie weit die Artillerie ist, wie viele Geschütze da sind, wie viele Offiziere und Mannschaften.

Oberst C. sieht den Frager ganz verständnislos an.

»Ja, Exzellenz,« radebrecht er in zwei Sprachen, »ich habe ja überhaupt noch keine Geschütze bekommen. Seit Monaten sind sie bestellt, aber es ist noch keines geliefert worden. Theoretisch sind meine Offiziere vollständig ausgebildet, fehlt nur noch die Praxis.«

Andrade schaut auf den Finanzminister und sagt:

»Aber lieber Minister, ich weiß bestimmt, daß ich Ihnen mehrfach Rechnungen unterschrieben und die Beträge angewiesen habe....«

»Erinnere mich wirklich nicht, werde aber sofort nachforschen lassen.«

Darauf lenkt er das Gespräch geschickt von dem heiklen Thema ab und verspricht dem Oberst die Kanonen zu »morgen«.

Jetzt wird großer Ministerrat gehalten und beschlossen, von heute ab »Freiwillige« anzuwerben. Dies wird den Polizeipräsidenten von Caracas und La Guaira vertraulich mitgeteilt. Bald sieht man in den Hof sämtlicher Polizeikommissariate der Hauptstadt geschlossene Karren fahren, die eine geheimnisvolle Ladung bringen, nämlich die unter dem Namen »Macheta« bekannten Seitengewehre.

Ein Befehl an die Reviere lautet: »Von heute abend sechs Uhr an alles aufgreifen, was Alpargatas trägt.«

Die Musik auf der Plaza Bolivar, diesem herrlichen kleinen Garten inmitten der Hauptstadt Venezuelas, hatte heute ausnahmsweise lange gespielt und dadurch eine besonders große Menge von Zuhörern herbeigezogen. Die schönen Damen der Gesellschaft trafen sich hier mit den herausgeputzten, promenierenden Herren. Draußen vor dem Gitter standen in Scharen die Farbigen in ihrer ärmlichen Kleidung, Jacke, Hose und den Alpargatas genannten Strickschuhen, verlangend sahen sie auf den Luxus und den Reichtum, der sich hier vor ihren Augen auftat, auf das auf und ab wogende Großstadtleben – als plötzlich die Musik abbrach und die venezuelische Hymne anstimmte.

Seine Exzellenz der Präsident verließ den gegenüberliegenden Palast und begab sich, nach allen Seiten huldvoll grüßend, zu Wagen nach Hause.

Es war sechs Uhr und das Konzert zu Ende. Langsam leerte sich die Plaza.

»Buena tarde, Mateo.«

»Buena tarde, Comisario, que hay de nuevo.«

»Nada, nada, pero venga conmigo.«

Und der Comisario veranlaßt Mateo, der eben von der Musik nach Hause gehen will, mit in sein Revierbureau zu treten. Hier wird dem guten Mateo eröffnet, daß er soeben Soldat geworden sei.

Mateo protestiert.

»Hilft nichts. Du bist nun einmal hier, ich habe Befehl, dich als »Freiwilligen« anzuwerben, und das ist geschehen, nun sei vernünftig. Du hast ein Haus, Frau und Kind, mach' keine Dummheiten. Hier hast du deine Macheta, nimm noch diese zwölf Stück auf deinen Buckel, und dann wollen wir zur Kaserne gehen. Unterwegs nehmen wir dann noch ein paar mit.«

Mateo kennt den Rummel, er kann nicht viel machen. Läuft er weg, schießt ihn der Comisario über den Haufen – also in Gottes Namen.

An der nächsten Straßenecke stehen drei Burschen und lachen aus vollem Halse. Zu denen geht der Comisario und teilt ihnen mit, daß sie jetzt Soldaten der Republik sind. Der Revolver belehrt sie, daß das Weglaufen gefährlich ist, dafür aber wird ein Mordsgeschrei erhoben, um andere zu warnen.

Richtig, da vorn setzten sich auch schon einige in Galopp.

»Gehen wir lieber in eine andere Gegend,« meint der Beamte.

Die vier Freiwilligen haben sich schon mit dem Leichtsinn ihrer Rasse in ihr Los gefunden und haben sogar selbst Gefallen an der Jagd.

An der nächsten Laterne steht wieder ein Jüngling und schmachtet zu irgendeinem Fenster hinauf. Schon will der Comisario ihn rekrutieren, da sieht er, daß der junge Mann Stiefel trägt. Den kann er nicht brauchen, denn es könnte ein Ausländer sein. Außerdem lautet der Befehl, nur die zu nehmen, die Alpargatas tragen, also dem Volk angehören.

Inzwischen ist natürlich in sämtlichen übrigen Stadtvierteln in gleicher Weise rekrutiert worden. Der Comisario hat seine zwölf Machetas verteilt, das heißt, er hat zwölf Soldaten, und steuert jetzt auf dem nächsten Wege der Kaserne zu, um sie abzuliefern.

Doch halt, ein herkulisch gebauter Neger kommt des Weges. Der muß auch noch mit. Schnell wird Mateo, der gute Bekannte des Comisario, zum Korporal befördert, gibt seine Macheta ab, und nach vielem Reden und lebhaftem Protest ist auch der Neger eingereiht.

Am Tore der Kaserne, in deren Hof es schon wie in einem Ameisenhaufen wimmelt, meldet der Comisario dem General: »Revier Santa Teresa bringt einen Korporal und zwölf Mann Freiwillige.«

Korporal Mateo geht in der Kaserne zu den Chargen, die Soldaten müssen in den Hof.

Trotz der Warnung, die wie ein Lauffeuer die Stadt durcheilt und jeden Träger von Alpargatas in ein Versteck treibt, ist es doch noch gelungen, zahlreiche Rekruten während der Nacht anzuwerben. Als am Morgen die Zählung vorgenommen wurde, kann der Kriegsminister melden, daß die Besatzung der Hauptstadt um siebenhundert Mann stärker ist.

Nach und nach bringt auch der Telegraph die Meldung der andern Städte. Das Ergebnis ist zufriedenstellend. Präsident Andrade verfügt über fast sechstausend Mann Infanterie.

Vor der Kaserne hat sich inzwischen ein Heer von Frauen und Kindern eingefunden. Laut schreiend rufen sie nach ihren Männern und Vätern und fordern energisch deren Freilassung. Die fürchterlichsten Radauszenen spielten sich da ab. Die Weiber machen Miene, an den hohen Eisengittern an dem Kasernentor hinaufzuklettern, versuchen einen der höheren Offiziere zu fassen und verschwenden das in der spanischen Sprache reichhaltige Schimpfwörterlexikon in ausgiebigster Weise an die Adresse der ganzen Republik – bis plötzlich dem Spektakel dadurch ein Ende gemacht wird, daß man einen großen Schlauch an einen eigens für derartige Zwecke an der Kaserne angebrachten Hydranten schraubt und eine wahre Sintflut über die Menge ausgießt.

Wasser fürchten sie alle, die Südländer.

Bald ist der Platz gesäubert. Durch Trommler wird nun offiziell, der Kriegszustand bekanntgegeben, der aber weiter keine Veränderung in der Hauptstadt bedingt. Nur die neuen »Freiwilligen« merken etwas davon, weil sie jetzt gedrillt werden. Auch die Annäherung an die Kaserne ist gefährlich geworden, denn es ist streng verboten, an der Kaserne die an einer Hauptstraße liegt, auf dem Bürgersteig zu gehen, auf den das Tor mündet.

Oben auf dem flachen Dach stehen auf jeder Ecke Posten, die scharf darauf zu achten haben, daß diese Bestimmung eingehalten wird. Nähert man sich der Kaserne auf der verbotenen Seite, so ruft der Posten schon aus großer Entfernung und wiederholt seine Aufforderung dreimal. Hat man sich dann noch nicht auf die gegenüberliegende Seite begeben, so feuert der Posten.

Da auch in jedem Kasernenfenster eine Wache steht, so ist eine Annäherung auf der andern Seite nicht möglich. Die Ruhe beim Drillen auf dem Kasernenhof kann also so leicht nicht gestört werden.

Das Einexerzieren wird nicht so genau genommen. Auf gleichen Schritt und Tritt wird keinerlei Gewicht gelegt. Es genügt, wenn der Offizier seine Leute nur so weit bringt, daß sie ihn als Oberhaupt anerkennen und tun, was er ihnen sagt. Gewehre sind zu wertvoll für die Rekruten. Sie bekommen die Macheta, deren Handhabung ja jeder versteht, und eine Lanze – das ist einstweilen genug. Damit werden sie ausgebildet. Uniform ist auch nicht erforderlich. Offiziere und Generale tragen ja Uniformen, je nach ihren Vermögensverhältnissen vom einfachen Rock bis zum goldstrotzenden Frack.

Die regulären Soldaten – eine Art Leibgarde –, die auch Gewehre tragen, sind allerdings mit Uniform und Käppi bekleidet und machen auch einen mäßig militärischen Eindruck. Diese werden aber selten ins Feld geschickt, denn der Präsident braucht sie als Schutztruppe.

Wenige Tage nach der Rekrutierung werden die Truppen an die Front gebracht. Die regulären Truppen, soweit sie entbehrlich sind, werden mit der Eisenbahn hinausbefördert. Zur Verstärkung wird eine Anzahl »Freiwilliger« mitgenommen, letztere werden aber in Viehwagen verladen, deren Türen mit Vorhängschlössern versehen sind. Die Schlüssel hat der General in der Tasche.

Der Truppenteil, der zu Fuß sein Ziel erreichen muß, wird von Berittenen begleitet, damit keiner durchbrennt.

Stößt man unterwegs auf einen ahnungslosen Feldbewohner, so wird er natürlich ebenfalls eingereiht, ob er mag oder nicht. Will einer nicht gutwillig marschieren, so holt man den nächsten besten Esel, setzt den Widerspenstigen darauf und schnürt ihm die Füße fest unter dem Bauche des Tieres zusammen, und er muß dann doch mit.

Proviantkolonnen sind im venezuelischen Heere unbekannt. Die am Wege liegenden Felder liefern ja Mais, Bananen, Zuckerrohr usw. Der Besitzer, wenn er nicht gerade Ausländer ist, muß die Faust in der Tasche machen. Er soll eben auch etwas für sein Vaterland tun.

Über meine Erlebnisse im Revolutionsgebiet habe ich an anderer Stelle ausführlich geschrieben. (Seybold Verlag, München. Insurgentenkämpfe.) Ich will aber noch eine Episode einflechten, die ebenfalls in jene Zeit fiel.

Von Tucacas nach Varquisimeto baute man damals eine Eisenbahn. Ein Teil der Strecke war bereits im Betrieb, an einem andern war aus mir unbekannten Gründen die Arbeit eingestellt worden. Diese nur halb gerodete Strecke stand im Ruf eines ergiebigen Jagdgebietes. Man fand dort Rehe, Goldhasen, Ameisenbären und an den sumpfigen Stellen den Tapir und das Wasserschwein. Natürlich fehlte auf einem so wildreichen Terrain auch der Jaguar oder, wie man ihn in Venezuela nennt, der Tiger nicht.

Diesen interessanten Landstrich wollte ich besuchen. Ich befand mich damals in Duaca, einem kleinen Ort an der neuen Bahnlinie. In dem primitiven Gasthause langweilten sich auch die Ingenieure der Baufirma, drei Belgier und ein Deutscher. Sie räkelten sich den ganzen Tag in den Schaukelstühlen, rauchten und gähnten um die Wette und machten die größten Anstrengungen, ihre hohen Gehaltsbezüge in berauschende Getränke umzusetzen.

Als ich meinen Einzug in das Nest hielt, wurde ich mit unverhohlener Freude empfangen. Das Kleeblatt glaubte in mir einen gleichgesinnten Kollegen gefunden zu haben und begann sofort Pläne zu schmieden, wie wir den Tag gemeinsam totschlagen könnten. Am ersten Tage tat ich mit, um vor allen Dingen den Charakter der Menschen zu studieren. Die Belgier schieden ohne weiteres für mich aus. Dahingegen glaubte ich in dem Deutschen, einem jungen Menschen von zwanzig Jahren, noch einen guten Kern entdeckt zu haben. Am andern Morgen nahm ich ihn auf die Seite und fragte ihn, ob er mich auf wissenschaftlichen Exkursionen begleiten möchte. Natürlich war er Feuer und Flamme – er hätte ja kein Deutscher sein müssen – und wollte sogar noch in derselben Stunde zu einem Marsch in das Gebirge aufbrechen.

»Wir haben oben einen Tunnel angefangen,« sagte er. »In dem finden wir sicher einen Tiger. Er hat unsere Arbeiter oft in Schrecken versetzt, wenn sie morgens zur Arbeit gingen und die Bestie ihnen den Weg in den Tunnel verlegte ... Warten Sie, ich werde meine Kollegen rufen, wir bringen dann den Tiger sicher zur Strecke.«

»Halt, guter Freund,« wehrte ich ab, »wenn einer von den Belgiern dabei sein soll, dann verzichte ich auf Ihre Begleitung. Ich kann nur Gefährten gebrauchen, die sich mir ganz und gar unterordnen, denn mit der Jaguarjagd bin ich sehr vertraut. Wenn Sie also mitgehen wollen, dann holen Sie Ihr Gewehr, Buschmesser und alles, was man braucht, um nötigenfalls eine Nacht im Walde zu schlafen.«

»Ach, Sie wollen nicht wieder hierher zurückkehren?«

»Ich will jedenfalls unabhängig sein. Gefällt es uns draußen nicht, dann kehren wir in den Gasthof zurück. Müssen wir im Walde bleiben, dann hängen wir unsere Matte zwischen die nächsten Bäume und schlafen an Ort und Stelle.«

»Und die Tiger?«

»Die schießen wir, wo wir sie treffen,« entgegnete ich lachend, denn ich nahm an, daß der junge Mann mit einem Angstgefühl zu kämpfen hatte, »Sie brauchen nichts zu fürchten, ich liefere Sie so gesund ab, wie ich Sie mitgenommen habe.«

Die Zeit, die das Satteln der Maultiere beanspruchte, genügte uns für unsere Vorbereitungen. Ohne ein Wort des Abschieds verließen wir den Gasthof. Nachdem wir die staubigen Straßen der Stadt hinter uns gelassen hatten, bogen wir vom Weg ab und stiegen in den rauhesten Teil des Gebirges, wo ich vor jeder Begegnung mit andern Menschen sicher zu sein hoffte.

In einer Felsenwüste, in der selbst die Maultiere nicht weiter konnten, stiegen wir ab. Ich gab dem Peon die Weisung, die Tiere unten an der letzten bewohnten Hütte des Dorfes einzustellen und dafür zu sorgen, daß es ihnen an nichts fehle. Unsere Abwesenheit könnte höchstens drei Tage dauern.

Mein Begleiter, er hieß Friedrich Wetter und stammte aus Württemberg, sah mich verblüfft an und versuchte Einwendungen zu machen.

»Was sollen wir hier in der Felsenregion anfangen?« fragte er mit einem Blick, der mir deutlich sagte, daß er mich für geistig nicht mehr normal hielt.

»Wir wollen hier zunächst Gottes herrliche Welt in aller Ruhe und fern vom Getriebe der Menschen genießen. Wir sammeln Insekten und seltene Vögel und schießen bei der Gelegenheit irgendein größeres Stück Wild, das uns für die nächsten Tage als Nahrung dienen soll.«

Freund Wetter gestand mir jetzt, daß er sich den Ausflug ganz anders vorgestellt hätte. Ein richtiges Waldleben schwebte ihm nicht im entferntesten vor. Er dachte an ein Picknick, wie man es wohl mit jungen Damen in der Nähe der Großstadt zu machen pflegt. Er folgte mir ziemlich mißmutig durch die majestätischen Baumriesen und taute erst auf, als ich ihm die frische Fährte eines Puma zeigte, der vor kaum einer Stunde hier vorbeigekommen war.

»Haben Sie Lust, ihn jetzt aufzusuchen oder wollen wir erst auf den Grat dieses Berges aufsteigen? Ich denke, wir können uns den Burschen für ein andermal aufsparen.«

Wetter wäre der Spur gern gefolgt, sah aber ein, daß wir das Fell jetzt doch nicht mitnehmen konnten. Die gefundene Fährte hatte ihn indessen umgewandelt, lebhaft plaudernd schritt er neben mir her, und als wir endlich den Grat erreichten, konnte er sich nicht genugtun mit Lobgesängen auf die herrliche Natur, die er sich so schön nicht vorgestellt hatte.

»Und doch leben Sie schon ein Jahr lang in diesem irdischen Paradies,« sagte ich lächelnd, »Sie sollten daher den Wald als Deutscher gründlicher kennen.«

»Ja, Sie haben recht, ich glaube, ich war blind. So wie Sie es mich gelehrt haben, konnte ich diese herrliche Blütenpracht, dieses malerisch schöne Gewirr bunter Pflanzen und Blumen nicht sehen. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen dafür.«

»Wenn Sie nun auch noch lernen, die kleinen Tiere und die Insektenwelt zu sehen und in den geringsten Lebewesen ein Gebilde des Schöpfers zu erkennen, dann erst werden Sie mit Genuß durch die Wälder streifen. Ich werde mich bemühen, Ihnen die richtige Anleitung dazu zu geben ... Doch was war das? Sind wir hier oben nicht allein?«

Ein Paar Gewehrschüsse drangen zu uns herauf. Sie wurden nach kurzer Pause von einer andern Stelle erwidert. Bald setzte ein richtiges Salvenfeuer ein, wie wir es nur vom Militär gewohnt sind.

»Donnerwetter, sollten sich die Rebellen bis hierher gewagt haben?« fragte Wetter.

»Was für Rebellen? Ist denn wieder eine Revolution im Gange?«

»Ja, es hieß vor ein paar Tagen, daß General Gomez die Macht an sich reißen wolle. Er war in Anoa, und man glaubte, er wende sich zur Küste, um sich von Tucacas nach La Guaira einzuschiffen. Vermutlich hat er seinen Plan geändert oder er ist mit den Regierungstruppen aneinandergeraten.«

Plötzlich krachte es neben uns im Unterholz, und ein stattlicher Rehbock sprang über eine Lichtung. Bei unserm Anblick stutzte er sekundenlang. Aber der Augenblick hatte genügt, ihm eine Kugel aufs Blatt zu schießen. Zufällig befand sich gerade an dieser Stelle ein Echo, das den Schall des Schusses verzehnfachte und die Töne so laut wiedergab, daß wir uns selbst erstaunt umblickten.

»So, Wetter, den Mittagsbraten hätten wir jetzt,« rief ich aus, als ich den Ziemer aus der Decke trennte. »Jetzt machen wir uns ein großes Feuer und braten uns das, was wir heute und morgen brauchen. Den Rest schenken wir den Füchsen.«

Dürres Holz fand sich in großer Menge. Es dauerte gar nicht lange, da loderte eine helle Flamme zu den Kronen der Laubbäume empor. Wetter fiel das Amt zu, die ausgeglühten Holzstücke auf eine Seite zu ziehen, um sie unter die schräggestellten Bratspieße, einige Bambusstöcke, aufzuhäufen, so daß die Glut das Fleisch braten konnte. In der Zwischenzeit sorgte ich für das Getränk, wir hatten uns einige Flaschen Mineralwasser mitgenommen, die ich in unsere vorher in den Bach getauchten Strümpfe steckte und sie an einer kühlen Stelle, wo sie der Luftzug traf, aufhing. So erreichten sie nach nicht langer Zeit die Temperatur des Eiswassers.

Unser Hunger ließ uns das Fleisch zerlegen, als es noch ein wenig sehr halb »englisch« war. Es mundete aber ausgezeichnet, und die eigentlich für Mittag und Abend bestimmte Ration verschwand im Handumdrehen, vorzüglich schmeckte dazu der durch das Mineralwasser gekühlte Whisky, dessen Genuß meinen Begleiter zu Lobsprüchen auf das Forscherleben anregte.

Wir hatten eben den letzten Tropfen des edlen Getränkes zu uns genommen, da drangen menschliche Stimmen an unser Ohr. Ich vernahm gemeine spanische Flüche, zornige Widerreden, untermischt mit herrischen Worten. Keuchend näherten sich fluchtartig heraufstürmende Männer....

»Nehmen Sie Büchse und Revolver zur Hand,« flüsterte ich meinem Begleiter zu und prüfte die Ladung in meiner eigenen Waffe. »Wenn uns das Gesindel zu nahe tritt, dann geben Sie unbedenklich Feuer.«

»Aber ich darf doch nicht auf Menschen schießen,« erwiderte Wetter ängstlich.

»Solange Sie nicht angegriffen werden, natürlich nicht. Aber ich besitze reiche Erfahrungen in der Behandlung von Menschen, die auf diese Art durch das Land streifen.... Geben Sie acht....«

Die letzten Worte galten zwei Männern, die vor uns aus den Büschen auftauchten und im Begriff standen, über unser noch unter der Asche glühendes Feuer hinwegzulaufen. Sie blieben überrascht stehen und fragten mit einem der lästerlichsten Flüche:

»Was sucht ihr hier? Herunter die Gewehre oder....«

»Oder? was?« fragte ich aufspringend und dem ersten den Lauf vor die Brust haltend. »Setzt euren Weg fort und laßt uns in Ruhe. Es könnte euch sonst leicht ein Unglück zustoßen.«

Inzwischen waren noch andere braune Gestalten an die Seite der ersteren getreten. Alle vier trugen eine Art Uniform, wie sie allgemein unter den Soldaten der Rebellen üblich war: mehr oder weniger abgetragene Hosen und Jacken und einen Hut, dessen Band die Farbe des jeweiligen Herrn und Führers zeigte. Die Hutbänder waren das einzig Uniforme bei den Kerlen.

Als sie sich vier gegen zwei sahen, wuchs ihnen der Mut. Einer der Banditen hatte unsern Fleischvorrat bemerkt und wollte sich mit einem höhnischen Lachen darauf stürzen. Zwei Schritte hatte er gemacht, da sauste ihm der Kolben meiner Büchse über den harten Schädel, daß er taumelnd zurückfiel und in die Knie brach. Trotz dieser Abfertigung stürzten sich die drei andern auf uns. Einer der Kerle warf sich zu Boden und riß mir hinterrücks die Beine unterm Leibe weg, so daß ich auf die Knie fiel. Ein anderer griff Wetter an, der sich jedoch durch wohlgezielte Boxstöße wehren konnte. Der dritte, der sich mit seinem gefallenen Kameraden zu schaffen machte, sprang nun herzu, um sich meiner Büchse zu bemächtigen. Er packte sie beim Lauf und hing sich mit aller Kraft daran, während mein erster Angreifer meinen Hals zu umklammern versuchte. Natürlich drückte ich ab. Auf den Schuß lockerte sich der Griff an meiner Kehle. Ein Blutstrahl rann mir über das Gesicht, und laut heulend fiel der Bandit zu Boden. Mein zweiter Angreifer, ebenso wie der Kerl, der mit Wetter im Handgemenge war, verloren jetzt den Mut zu weiteren Angriffen und verschwanden im Gebüsch, wo wir sie in heller Flucht davonrennen hörten.

Die beiden so gründlich abgefertigten Banditen suchten die Bewußtlosen zu spielen. Den Kerl, der mit meinem Kolben Bekanntschaft gemacht hatte, rief ich rasch wieder ins Leben zurück. Ich sah an dem Zucken seiner Augenlider und an einer Schluckbewegung, daß er den »wilden Mann« spielte, wie man bei uns sagt. Ich schüttete ihm deshalb den noch halb gefüllten Topf mit Quellwasser langsam ins Ohr und brachte ihn dadurch schneller auf die Beine, als es die besten guten Worte vermocht hätten. Er wollte nun ebenfalls flüchtig gehen, doch erwischte ich ihn noch rechtzeitig an seiner schmutzstarrenden Jacke.

»Halt, guter Freund. So rasch kommst du nicht von uns los,« sagte ich und drückte ihn unsanft zu Boden. »Erst sage mir einmal, was dich hierhergeführt hat und warum du uns wie ein Straßenräuber überfallen hast?«

»Wir sind Soldaten vom General Gomez und wollen unserm Obersten, der auf der andern Seite des Berges lagert, Befehle überbringen,« antwortete der Mann trotzig.

»Nette Soldaten seid ihr. Auf euch kann sich der General etwas einbilden, weiß er, daß ihr friedliche Wanderer überfallt, um sie zu berauben?«

»Herr, wir sind im Kriege, und da ist alles erlaubt,« gab er frech zur Antwort. »Wir müssen auch leben, und da uns niemand verpflegt, nehmen wir die Lebensmittel, wo wir sie bekommen.«

»Nette Grundsätze habt ihr, das muß ich sagen. Aber da wir nichts mit euch und euren politischen Streitigkeiten zu tun haben, so laßt uns in Ruhe. Ihr wißt jetzt, was euch erwartet, wenn ihr mir noch einmal in den Weg lauft.«

»Mein General wird es euch schon zeigen, wer hier der Herr ist,« knirschte der Soldat. »Wenn ich wieder frei bin, ist mein erster Gang zu ihm, und dann macht nur eure Rechnung mit dem Himmel, denn Gomez kennt keinen Spaß.«

»Und daß ich noch weniger Spaß kenne, habe ich Euch bewiesen. Sagt das Eurem Gomez, und jetzt nehmt vor allen Dingen Euren Kameraden mit. Bringt ihn nach Duaca zum Arzt und laßt ihm die Kugel aus dem Kiefer ziehen.... Wartet noch ein wenig, ich will ihn erst verbinden.«

»Das ist nicht nötig. Der arme Pio braucht keinen Doktor mehr. Ihr habt ihn erschossen.«

»Rede keinen Unsinn, Muchacho. Ein Kerl mit einem so dicken Schädel stirbt nicht an dem Schuß. Die Kugel steckt im Kieferknochen, gehe zu einem Doktor, sage ich. Der zieht sie ihm heraus, und nach acht Tagen kann euer Kamerad sein Geschäft als Buschräuber wieder aufnehmen.«

»Ich kann jetzt nicht nach Duaca hinunter,« schrie der Kerl heftig. »Ich muß dem Oberst dringende Befehle überbringen. Es kostet euch den Kopf, wenn ich zu spät komme.«

»Das hättest du bedenken sollen, bevor ihr uns angegriffen habt,« gab ich ruhig zurück. »Und was meinen Kopf anbetrifft, so wird sich euer General und euer Oberst lange besinnen, ehe sie sich an mich heranwagen. Es könnte sonst leicht der Fall eintreten, daß deine beiden Helden eher geköpft werden als ich. Wir sind nämlich Deutsche ..., sag' das dem General. Er wird dann schon wissen, was er zu tun oder vielmehr nicht zu tun hat.... Also nehmt jetzt Euren Kameraden auf den Rücken und tragt ihn zum nächsten Doktor. Und dann gebe ich Euch den guten Rat, laßt Euch nicht wieder in unserer Nähe blicken, denn das nächste Mal schieße ich sofort, wenn ich Euer Hutband sehe.«

Mehr noch meine die Worte unterstreichende Handbewegung als diese selbst machten einigen Eindruck auf den Kerl. Wir halfen ihm seinen Kameraden aufladen und befahlen ihm, den Berg wieder hinunterzusteigen.

Noch ein letztes Mal machte der Mann den Versuch, auf die andere Seite des Berges zu gelangen, aber ich litt es nicht. Ich nahm nicht mit Unrecht an, daß der Oberst viel näher bei uns lagerte, als es uns lieb sein konnte, und dann hatte ich, offengestanden, nicht allzu großes Vertrauen darin, daß ein Rebellengeneral auf Deutsche Rücksicht nehmen würde. Im Gegenteil, je mehr Verlegenheiten er der Regierung bereiten konnte, desto besser war es für seine Zwecke.

»Was jetzt?« fragte Wetter, als die beiden im Unterholz verschwunden waren. »Ich glaube, wir haben uns da in ein Wespennest gesetzt, und je früher wir unsern Tunnel aufsuchen, um so besser ist es, wenn Sie nicht vorziehen, nach Duaca zurückzukehren.«

»Letzteres kommt augenblicklich noch nicht in Frage, lieber Wetter. Meine etwas großsprecherischen Redensarten den Leuten gegenüber hatten nur den Zweck, sie einzuschüchtern, was mir bei dem Kerl nur sehr ungenügend gelang. Diesem Gesindel gegenüber darf man keine Furcht zeigen, und je voller man den Mund nimmt, desto mehr imponiert man ihnen. Immerhin halte ich eine Luftveränderung für zuträglich.... Wo liegt denn Ihr Tunnel?«

Wetter beschrieb mir den Weg, den man von Duaca aus nehmen mußte. Nach einigem Studium kamen wir zu der Überzeugung, daß wir, wenn wir jene Straße erreichen wollten, den Grat überschreiten und an der andern Seite absteigen müßten.

»Und gerade da soll der Oberst lagern, den wir um seine Instruktionen gebracht haben,« sagte Wetter.

»Hm, das ist allerdings fatal, aber versuchen wir immerhin unser Glück. Wenn wir den Soldaten den Rang ablaufen können und vor ihrer Anzeige das Lager passieren, dann wird uns der Oberst ungeschoren lassen.«

Während wir unser Fleisch in unsere Rucksäcke verstauten, besprachen wir noch verschiedene andere Pläne und kamen schließlich zu dem Ergebnis, daß es besser sei, dem Oberst einen Besuch zu machen und uns auch ihm gegenüber auf unsere deutsche Staatsbürgerschaft zu berufen. Ich wollte sogar den Überfall der Soldaten zur Anzeige bringen und Mißdeutungen zuvorkommen.

So machten wir uns voller Hoffnung auf den Weg. Auf dem Grat angekommen, suchten wir eine lichte Stelle, um vor allen Dingen einen Überblick über die zu durchwandernde Gegend zu erhalten. Der Baumbestand war hier oben durch einen Orkan weggefegt worden. Überall lagen die Riesenstämme durcheinander und bildeten mit der um sie herum emporgetriebenen Vegetation ein schier undurchdringliches Chaos. Eine größere Anzahl der gefallenen Bäume befand sich bereits im vorgeschrittenen Stadium des Zerfalles. Wenn man den Fuß darauf setzte, brach die Rinde zusammen, und aus einer dicken modrigen Staubwolke flohen Tausende von Insekten jeder Art.

Wir machten den Versuch, uns mit den Buschmessern durch diesen Riesenfriedhof zu hauen. Allein gar bald mußten wir einsehen, daß unsere Kräfte kaum ausreichten, um uns durch das Gewirr bis auf die andere Seite des Grates hindurchzuarbeiten und diese noch bei Tageslicht zu erreichen.

»Ich kann nicht mehr,« rief Wetter plötzlich und warf sich neben einem Baumstamm ins Gras, »wenn alle Generale und Obersten Venezuelas kommen sollten, so werde ich mich nicht mehr vom Fleck rühren.«

»Hier, trinken sie erst mal einen Schluck Kognak. Der wird Ihnen die Lebensgeister zurückgeben. An dieser Stelle können wir nicht liegenbleiben. Sollte es dem Obersten einfallen, seine Spürhunde auf uns loszulassen, dann haben sie uns sofort. Da ziehe ich doch vor, den Berg wieder hinunterzusteigen und irgendwo in den Felsen oder im dichten Walde zu übernachten. Zu dieser Stunde wird der Oberst von unserer Anwesenheit Kenntnis haben und jedenfalls Befehl gegeben haben, uns festzunehmen. Daher ist es gut, wenn Sie bei Kräften sind.«

»Was fürchten Sie denn?« fragte Wetter ängstlich.

»Ein Zusammentreffen mit den räuberischen Soldaten, das heißt die Soldaten selbst fürchte ich nicht. Aber es wird zum Handgemenge kommen, und dabei fließt Blut. Das will ich vermeiden, solange noch ein anderer Weg offen steht. Wer uns angreift, hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn ihm dabei ein Unglück zustößt. Auch Ihnen möchte ich den freundschaftlichen Rat gehen, den Banditen bei der ersten Annäherung zu zeigen, daß es uns Ernst ist mit unserer Verteidigung. Der erste Schuß hat schon oft Wunder gewirkt. Ich kann Ihnen ein Lied davon singen.«

»Der Gedanke, einen Menschen verwunden oder töten zu müssen, ist mir unerträglich. Ich weiß nicht, ob ich mich je dazu entschließen könnte,« entgegnete Wetter.

»Na, erlauben Sie, Kamerad. Sie sind doch Deutscher und müssen im nächsten Jahre heimfahren, um Ihrer Dienstpflicht zu genügen. Bricht in der Zeit ein Krieg aus, dann werden Sie sehr oft in die Lage kommen, von Ihrer Waffe Gebrauch machen zu müssen. Das ist nun einmal so im Leben. Hier haben Sie denselben Fall. Anstatt das Vaterland zu verteidigen, kämpfen Sie für Ihr eigenes Leben. Warum wollen Sie in diesem Falle mehr Rücksicht nehmen als im ersteren Fall?«

»Allerdings von der Seite gesehen, gewinnt die Sache ein anderes Aussehen. Bei der Verteidigung meines Lebens darf ich auf den Gegner keine Rücksicht nehmen.«

»Na, also. Nun stehen Sie auf, lieber Freund, und versuchen Sie mir zu folgen. Es sind nur wenige hundert Meter bis zu dem Felsen....«

Ich konnte den Satz nicht vollenden. Auf dem Grat wurde es lebendig, von allen Seiten hörten wir verworrene Stimmen. Aus einigen Flüchen vernahm ich das Wort »Alemanos«. Die Jagd auf uns hatte also begonnen.

Wetter zeigte sich stärker, als ich vorausgesetzt hatte.

»Was sollen wir tun?« fragte er hastig, und alle Müdigkeit schien verschwunden.

Ich überlegte einige Augenblicke. Der Weg nach dem Felsen hinunter war uns abgeschnitten. Die einzige Rettung lag in dem undurchdringlichen Dornengewirr des gestürzten Urwaldes.

»Kommen Sie, Wetter, wir müssen hier hinein,« raunte ich meinem Gefährten zu, als sich die Stimmen nach unserer Richtung wandten. »Folgen Sie mir und vermeiden Sie jedes unnötige Geräusch. Sollten Sie aber entdeckt werden, dann schnell Feuer. Das allein kann uns retten.«

Ich eilte in dem vor einer halben Stunde geschlagenen, kaum erkennbaren Pfad, der sich zwischen den gestürzten Bäumen hindurchzwängte, bis zu jener Stelle, wo uns ein weiteres Vordringen unmöglich erschienen war. Dort lagen mehrere Stämme übereinander geschichtet, die mit ihren riesigen Leibern eine unübersteigbare Mauer bildeten und von einer Pflanzendecke überwuchert waren, die allen möglichen Tieren Unterschlupf bot. Schon nach wenigen Schritten bemerkte ich eine Schlange, die sich langsam unter einen Stamm zurückzog. Ameisen aller Größen, Wespen, und andere Vierflügler, Kriechtiere jeder Sorte ließen es geraten erscheinen, den Weg nicht weiter fortzusetzen.

Sollten wir hier Schutz vor den Verfolgern suchen? Anfangs zögerten wir, uns abermals zwischen den morschen und bei jeder Berührung zerfallenden Baumleichen einen Weg zu bahnen. Aber Wetter, der mir nachdrängte, wollte bereits menschliche Gestalten zwischen den Bäumen gesehen haben. Uns blieb daher keine andere Wahl, als die Zähne zusammenzubeißen und uns der Gnade der mehr oder weniger giftigen Waldbewohner anzuvertrauen.

Da, wo wir uns befanden, waren wir gegen Sicht gedeckt. Wenn wir ruhig stehenblieben, war die Gefahr einer Entdeckung nicht sehr groß, denn die Soldaten wagten sich sicher nicht in das Dickicht, wenn sie unser Versteck nicht entdeckten. Immerhin mußten wir mit der Möglichkeit rechnen, daß unter den Banden des Oberst sich Leute aus der Gegend befanden, die im Urwald aufgewachsen und mit dessen Verstecken vertraut waren. Fiel es diesen ein, den Windbruch zu untersuchen, dann.... Doch warum sollte ich mir Gedanken über etwas machen, das vielleicht gar nicht eintraf? Und wenn schon, dann war es immer noch Zeit, einen Entschluß zu fassen.

Diese Gedanken teilte ich dem dicht neben mir stehenden Wetter im Flüsterton mit, um ihn zu beruhigen. Er hatte auch seine erste Verzagtheit überwunden und seine Faust schloß sich energischer um den Schaft seiner Büchse. Ich sah, daß er sich teuer verkaufen würde.

Das Lärmen im Walde wuchs. Jeder Zweifel, daß die schwärmenden Männer uns suchten, war geschwunden. Oft kamen uns die Stimmen so nahe, daß wir jeden Augenblick den Kopf eines Verfolgers über den Büschen zu sehen erwarteten. In der Tat wurden wir auch gezwungen, uns platt auf den Boden niederzulegen, um den Späherblicken eines besonders findigen Kerls zu entgehen, der einen Baum erstieg, um von da aus Umschau nach uns zu halten. Er würde uns auch entdeckt haben, wenn er seine Absicht nicht vorher laut in den Wald gerufen hätte. So aber verbargen uns die mächtigen Blattpflanzen.

Unsere Willenskraft wurde in jenen Stunden auf eine entsetzliche Probe gestellt. Die Lebewesen, die bei unserm Niederwerfen schleunigst die Flucht ergriffen, kamen jetzt, wo wir unbeweglich liegenbleiben mußten, wieder aus ihren Verstecken hervor und nahmen ihren Spaziergang nach Nahrungssuche wieder auf. Zuerst waren es die Ameisen, die auf ihren Entdeckungsreisen in die Öffnungen unserer Beinkleider eindrangen und sich von dort aus über den ganzen Körper verteilten. Wir konnten zwar ohne besondere Bewegung eine ganze Anzahl erdrücken, aber sie zu verscheuchen war nicht mehr möglich. Wer die Beharrlichkeit dieser allereifrigsten Insekten kennt, wird unsere qualvolle Lage begreifen. Leider blieben die Ameisen nicht allein. Nach und nach kamen Käfer, kleine Hundertfüßler, flügellose Wespen und wie die Insekten alle heißen, die einen Entomologen in helle Begeisterung versetzt haben würden. Bei jeder andern Gelegenheit hätte auch ich laut herausgejubelt, aber in unserer jetzigen Lage betrachtete ich sie als die Ursache unserer baldigen Gefangennahme. Ich sah den Augenblick voraus, wo einer von uns die Stiche und Bisse der kleinen Peiniger nicht mehr würde aushalten können und lieber den Kampf mit den Rebellen aufnähme, als sich von den unzähligen Insekten bei lebendigem Leibe auffressen zu lassen.

Ich besprach mich tatsächlich schon mit Wetter, ob und an welchem Punkte wir eine Flucht durch die Menge der Verfolger wagen sollten, als im wirklich letzten Moment eine Rettung nahte.

Trompetensignale stiegen aus dem Tale herauf, verteilten sich über den Grat und riefen ein anhaltendes Echo im Walde hervor. Sofort verstummten die Racheschreie gegen die Deutschen, dagegen wurden Zornesausbrüche laut, die sich gegen den Obersten und den General Gomez richteten und beide zu allen Teufeln wünschten. Ich schloß daraus, daß es sich um ein Alarmsignal handelte, das die Soldaten in das Lager zurückrief. Der Wald wurde merklich stiller, der tobende Lärm entfernte sich. Aber nicht alle Soldaten folgten dem Rufe. In unserer Nähe raschelte es. Ich hatte mich aufgerichtet und stand mit gespanntem Gewehr an einem Stamm gelehnt, entschlossen, jedem, der Miene machte, Hand an mich zu legen, eine Kugel durch den Schädel zu jagen. Die qualvolle halbe Stunde zwischen Ameisen und Wespen hatte meinen Zorn aufs höchste gesteigert. Billig sollte uns der General nicht bekommen.

Ein besonders heftiger Biß eines unsichtbaren Peinigers entlockte meinem Gefährten einen nur halb unterdrückten Fluch. Sofort hörte das Rascheln auf. An dem Zittern der Blätter sah ich, wo sich der Verfolger gerade aufhielt. Ich hob das Gewehr....

Wetter drückte den Lauf zu Boden, mehr durch Zeichen als durch Worte sagte er:

»Lassen Sie mich hinüberkriechen, mehr als einer wird nicht da sein, und dem verschließe ich den Mund durch einen Boxhieb, ehe er einen Schrei ausstoßen kann.«

Ich freute mich über die mutige Anwandlung meines Begleiters, nickte bejahend und folgte ihm auf dem Fuß, um zu seiner Unterstützung bereit zu sein, falls er sich mehreren Angreifern gegenüber befinden würde.

An unsern Kleidern war nichts mehr zu verderben. Wir ließen uns auf dem Bauch niederfallen und krochen unter Vermeidung jeglichen Geräusches in den Pfad zurück. Schon nach kurzer Zeit gab mir Wetter, der vorankroch, das Zeichen. Ich blieb regungslos liegen. Wir wagten kaum zu atmen. Wetter schob sich leise um eine Körperlänge vor. Wieder gab er das Zeichen. Dann aber sprang er blitzschnell auf die Füße, seine Faust sauste hernieder, und mit einem dumpfen Stöhnen fiel ein Mensch neben uns in das Dickicht.

Noch ein paarmal hämmerte Wetter auf den Schädel des Gefallenen. Dann sprang er auf die Füße, tief aufatmend:

»So, der hat genug für die nächsten Stunden. Das hätte ich nicht gedacht, als ich zu Hause das Boxen lernte, daß es mir noch einmal so gute Dienste leisten würde! Was machen wir jetzt mit dem Kerl?«

Ich beugte mich zu dem Gefallenen nieder und untersuchte ihn. Er war bewußtlos, wie es ja nach den empfangenen Hieben nicht anders sein konnte.

»Ich denke, wir lassen ihn liegen. In nicht allzu langer Zeit wird er wieder aufwachen, und dann kann er sich selbst weiterhelfen.«

Wetter widersprach jedoch. Es war, wie er sich ausdrückte, sein erstes »Opfer«, und er konnte es nicht über sich gewinnen, den Menschen hier liegenzulassen. Auf meine Frage, was er denn mit ihm anfangen wollte, wußte er keine Antwort. Am liebsten wäre er bei ihm geblieben. Aber da unsere Sicherheit, wenn nicht gar unser Leben davon abhing, daß wir so rasch als möglich aus dieser Gegend verschwanden, so gab er endlich nach. Noch einen letzten Blick warf er auf diesen Mann ....

»Er wird wach,« rief Wetter plötzlich. »Sehen Sie, er hebt den Kopf...«

»Geben Sie ihm noch eins auf den Schädel,« rief ich zurück, »wir brauchen mindestens eine halbe Stunde Vorsprung.«

Der Mann erhob sich langsam. Als er uns erblickte, streckte er die Hände empor zum Zeichen, daß er keine Waffe führe, und sprach:

»Tötet mich nicht. Ich bin nicht euer Feind. Ich selbst habe die Gelegenheit des Alarms benutzt, um aus dem Heere des Gomez zu fliehen. Ich zeige euch den Weg durch den Wald...«

»Danke,« erwiderte ich kurz. »Den finde ich auch ohne Euch. Wenn Ihr Euer Leben retten wollt, dann sagt mir, wie ich am besten den Banditen des Generals – Soldaten kann man die Kerle nicht nennen – aus dem Wege gehen kann. Ihr müßt uns begleiten. Bei dem ersten Versuch, uns zu verraten, seid Ihr ein toter Mann. Ihr habt mich doch verstanden?«

»Sehr gut,« erwiderte der Gefangene. »Ich will sogar noch mehr für euch tun und damit auch für mich selbst. Ich will euch dahin führen, wo heute nacht mit den Rebellen des Generals Gomez gründlich aufgeräumt wird.«

»Ah, sind ihnen die Regierungstruppen auf den Fersen? Dann erleben wir am Ende noch eine Schlacht?«

»Wenn der General Widerstand leistet, wird es dazu kommen. General Ruiz Ribeira hat ihn umzingelt und wird nicht eher Frieden schließen, bis der letzte Mann als Gefangener in seinen Händen ist.«

»Ihr scheint ja sehr gut unterrichtet zu sein?« sagte ich spöttisch. »Ihr gehört wohl nicht zu den Rebellen?«

»Nein, ich bin Oberst im Stabe des Generals Ribeira, tue aber seit einigen Tagen Dienst als gemeiner Soldat bei Gomez, um seine Absichten kennenzulernen und seine Person in die Hände seines Rivalen zu liefern. Ihr dürft mir vertrauen. Ich hörte, daß der Oberst den Befehl gab, Sie tot oder lebendig in sein Lager zu schaffen, und eilte mit in den Wald, um das zu verhüten, denn unsere Regierung muß jeden Zwischenfall mit dem Deutschen Reiche vermeiden, weil ... nun weil unsere Beziehungen schon sehr gespannte sind.«

Der Mann sprach so überzeugend, daß ich ihm glauben mußte. Ich fühlte mich sogar verpflichtet, auch ein paar entschuldigende Worte wegen der unzarten Behandlung an ihn zu richten. Er wehrte lachend ab:

»Der junge Mann erfreut sich einer gesunden Muskelkraft. Ich werde meine Kameraden warnen, sich mit ihm einzulassen. Denn mein Schädel brummt mir jetzt noch ... Dennoch bin ich ihm dankbar, daß er mich nicht sofort totgeschlagen hat, was zweifellos sein Recht gewesen wäre ... Darf ich Ihnen jetzt als Führer dienen? Sie könnten hier oben noch belästigt werden, denn in spätestens einer Stunde beginnt der Angriff, und es ist nicht vorauszusehen, wie sich das Gefecht entwickeln wird.«

»In einer Stunde ist es dunkel, Oberst,« erwiderte ich. »Es entspricht nicht den Gepflogenheiten der venezuelischen Soldaten, sich nachts zu bekämpfen. Sollte General Ruiz eine Ausnahme davon machen?«

»Allerdings, wir haben Vollmond, er ersetzt uns vollkommen das Tageslicht. Er soll uns auch bei unserm Überfall auf das Lager der Rebellen leuchten, die wir so zu überraschen gedenken, daß ihr Widerstand nur gering sein kann.«

Wir standen vor den nördlichen Ausläufern des Grates. Hier hatte einstmals ein Erdbeben die Felsen zerrissen und in die Tiefe geschleudert. Unter einer fast glatten Wand lagen die Trümmer in regellosen Haufen übereinander, so wie sie das Naturereignis dort aufgeschichtet hatte. Zwischen den Blöcken erhoben schlanke Palmen ihre gefiederten Wedel in den Äther, und stachelbewehrte Schlinggewächse schufen aus den Höhlungen unbezwingbare Burgen für die Raubtiere des Waldes. Von oben gesehen, bot sich dem Auge nur eine einzige dunkelgrüne Fläche. Dem Kenner der Tropen aber zeigte schon die Art der Vegetation, daß er vor einer jener Fallen stand, die den unerfahrenen Wanderer mit Tod und Verderben bedrohen.

Ich kleidete diese Belehrung in Worte, um meinen Begleiter auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Der Oberst aber unterbrach mich und sagte:

»Sie haben vollkommen recht, wenn Sie Ihren Freund warnen. Dennoch müssen wir in jenen Schlupfwinkeln ein paar Stunden verbringen. Gomez vereinigt sich noch heute abend, falls es noch nicht geschehen sein sollte, mit seiner Vorhut in dem Talkessel, der sich unter dem Trümmerfeld befindet. Dort sitzt er in einer Falle, aus der es kein Entrinnen für ihn gibt, denn die Truppen Ruiz halten schon die Höhen besetzt und dürfen den sich zur Wehr Setzenden keinen Pardon geben. Es sei denn, daß Gomez sofort kapituliert.«

Ich sah den Oberst ungläubig an. Für so dumm hielt ich den General Gomez nicht, daß er die Gefahr, die für ihn beim Lagern in der Schlucht bestand, nicht ebensogut erkannt hätte, wie sein Gegner. Der Oberst, der den Blick bemerkt hatte, bestätigte jedoch seine Angaben mit der Erklärung, daß Gomez keine Ahnung von der Nähe der Regierungstruppen habe und sich in völliger Sicherheit glaube.

Der Oberst kannte jeden Pfad in dem Gelände, durch das er uns jetzt abwärts führte. Die Nacht war inzwischen hereingebrochen, und unter den Bäumen war es so finster geworden, daß man kaum den Vordermann erkennen konnte. Natürlich ging unser Abstieg nicht lautlos vor sich. Wir Deutschen trugen feste Stiefel und konnten nicht so unhörbar durch das Geröll schleichen, wie unser Führer, dessen Füße mit den landesüblichen Strickschuhen, Alpargatas genannt, bekleidet waren. Wir störten auch allerlei Getier aus dem Schlafe, das in entsetzten Sprüngen, oft laut kreischend, flüchtete. Als wir endlich vor dem Trümmerfeld angekommen waren, konnte ich eine Bemerkung darüber nicht unterdrücken:

»Es ist doch nicht möglich, daß Gomez, wenn er wirklich hier in der Nähe weilt, diese Unruhe im Walde nicht bemerken sollte. Er muß doch wenigstens Posten oder Patrouillen aussenden, um sich nach der Ursache zu erkundigen.«

»General Ruiz tut das,« unterbrach mich der Oberst. »Sehen Sie dort den Mann, der am Stamme der zerfetzten Palme lehnt? Der stand vor einigen Minuten noch nicht dort.«

Ich entdeckte anfangs nichts an der bezeichneten Stelle und glaubte schon, der Oberst, dessen ganzes Benehmen mir nicht mehr gefiel, wollte sich einen Scherz mit uns erlauben. In diesem Augenblick fiel jedoch der erste Schimmer des über das Gebirge gleitenden Mondes auf die Baumgruppe, und obgleich der dort stehende Mann blitzschnell seinen Platz wechselte, war mir doch die Bewegung nicht entgangen.

»Wir befinden uns also in der Nähe der Regierungstruppen?« fragte ich den Oberst. »Wir können demnach unsern Weg, ohne weitere Beunruhigungen befürchten zu müssen, fortsetzen?«

»Sie befinden sich mitten zwischen den Regierungstruppen,« gab der Gefragte zur Antwort. »Ich rate Ihnen aber, noch bei mir zu bleiben, damit Ihnen Unannehmlichkeiten erspart bleiben. Sie werden begreifen, daß man im Kriege jeden genau betrachtet, der aus feindlichem Gebiet kommt. Jeder Posten ist verpflichtet, Sie anzuhalten und in das nächste Offizierszelt zu bringen.«

»Sie werden es dann wohl übernehmen, uns durch Ihre Reihen zu bringen, Oberst? Oder sind wir jetzt Ihre Gefangenen?«

»Nein, nein, ich möchte den Gedanken nicht bei Ihnen aufkommen lassen,« beeilte er sich zu erwidern. »Aber es liegt ganz und gar in Ihrem Interesse, wenn Sie bei uns bleiben, bis sich die Lage geklärt hat. Der Angriff wird bald beginnen, und dann werden Sie ruhig Ihres Weges ziehen können.«

»Wenn aber Gomez Sieger bleibt und uns hier findet?«

Der Oberst brach in ein belustigendes Lachen aus. Eine solche Möglichkeit schien für ihn gar nicht in Frage zu kommen, was er durch die Worte bestätigte:

»Beruhigen Sie sich, Gomez ist erledigt. Ehe der Tag graut, sind wir die Herren, und seine Truppen sind in alle Winde zerstreut.«

»Oder getötet,« warf ich ein. »Die armen Kerle haben doch wirklich keine Schuld daran, daß Gomez sich gegen die Regierung empört, und doch müssen sie unter Ihren Kugeln sterben. Ich bin überzeugt, daß achtzig Prozent der Mannschaft gar nicht weiß, wofür sie kämpft. Man hat sie einfach mit Gewalt ausgehoben, und sie laufen mit dem großen Haufen mit. Haben sie dafür den Tod verdient?«

Der Oberst war ernst geworden.

»Sie haben wohl recht mit Ihren Anschauungen, aber Sie dürfen unsere Verhältnisse nicht mit Ihren europäischen vergleichen. Wenn ich die Leute des gegnerischen Generals schonen könnte, ohne uns selbst zu schädigen, so würde ich es tun. Aber so...«

Ein eigentümlicher Schrei durchschnitt die nächtliche Stille. Er wurde aus dem Walde beantwortet und pflanzte sich wie eine Welle über das Trümmerfeld fort. Der Oberst nahm mich am Arm und sagte:

»Folgen Sie mir jetzt dort hinauf. Sie sind da oben vor verirrten Kugeln in Sicherheit. Gleich wird der Überfall befohlen werden, und dann muß ich auf meinem Posten sein.«

Er brachte uns auf einem festgetretenen Pfad durch eine Gasse von riesigen Felsblöcken auf eine Anhöhe, auf der sich eine Anzahl höherer Offiziere befanden. Dort trennte er sich von uns und schritt auf einen General zu, dem er anscheinend Auskunft über uns erteilte. Hierauf löste sich ein Offizier aus dem Haufen, der höflich grüßend an uns herantrat und uns im Auftrag des Generals Silva bat, ihm in einen Rancho zu folgen, wo wir die Nacht verbringen könnten. Für Lebensmittel würde gesorgt werden. Den Oberst sahen wir nicht wieder.

Wir mußten wieder steigen. Der Offizier brachte uns in eine Hütte, die einen weiten Blick über die ganze Umgebung frei ließ. Sie war sehr wohnlich eingerichtet, mit Betten, Tischen und Stühlen. Auf dem Tisch stand sogar eine Holzplatte mit Brot und Fleisch.

»Bedienen Sie sich, wenn Sie Hunger haben sollten,« sagte höflich der Offizier. »Das Essen ist zwar für einen unserer Generale bestimmt, aber der Dienst erlaubt ihm nicht zurückzukehren. Er stellt es Ihnen zur Verfügung.«

»Werden Sie nicht daran teilnehmen?« fragte ich, nachdem ich meinen Dank abgestattet hatte.

»Einen Bissen, wie es die Sitte erfordert,« entgegnete er lachend. »Nur damit Sie sehen, daß mein General Sie nicht vergiften will.«

Nach den unzähligen Höflichkeitsphrasen, mit denen eine Einladung selbst in der niedrigsten Hütte verbunden ist, setzten wir uns an den Tisch. In demselben Moment erschütterte ein Krachen die Luft, dem ein anhaltendes Gewehrfeuer folgte. Ein einziger fürchterlicher Schrei brach sich in den Felswänden, und als wir jetzt mit dem Offizier ins Freie stürzten, sahen wir tief unten zu unsern Füßen das furchtbare Gemetzel, das die Regierungstruppen unter den Rebellen anrichteten. Die große Mondscheibe stand wie eine polierte Silberkugel am Himmel und goß ihr magisches Licht über die grauenhafte Mordszene, die sich dort unten mit tierischer Roheit abspielte. Anfangs war es ein dichter Knäuel ringender Menschen, der sich schreiend von einer Seite des Tales zur andern wälzte. Immer größere Scharen huschten gespenstig die Hänge hinunter in das enge Tal, und wo sie auf einen der zusammengeballten Haufen trafen, da löste sich dieser und gab den Blick auf zuckende Leiber und jammernde Menschen frei.

Ich wollte dem Offizier meine Entrüstung über diese Metzelei ausdrücken, aber er war verschwunden. Nun wollte auch ich keinen Augenblick länger mehr in der Hütte verweilen. Ich rüttelte meinen Begleiter, der mit den Händen vor den Augen schluchzend in der Ecke saß, auf und rief:

»Kommen Sie, Wetter, wir wollen die Stätte des Grauens so rasch als möglich verlassen. Das sind ja keine Menschen mehr, das sind Bestien, schlimmer als Jaguar und Panther. Ich habe schon manchen Kampf mit angesehen, aber mit einer solchen Roheit gehen selbst die auf der niedrigsten Kulturstufe stehenden Völker nicht vor. Warum schießt man die armen Menschen nieder, die sich nicht einmal zur Wehr setzten? Ruiz hätte die ganze Armee gefangennehmen können, ohne einen Schuß abzufeuern.... Aber nein, sein Ruhm wird größer, wenn er einen recht blutigen Sieg melden kann.«

Auf unserm Wege durch das Gebirge fanden wir einige Glückliche, die dem Blutbad in der Schlucht entronnen waren. Sie sagten übereinstimmend aus, daß sie nicht einmal die Gewehre geladen hatten, als sie von den Regierungstruppen überfallen und einfach niedergeschossen wurden. Ihre Führer, General Gomez und sein Oberst Urbaneja, waren überhaupt nicht bei ihren Truppen. Wie man sich später erzählte, hatten sie Wind von dem Überfall bekommen und sich beizeiten in Sicherheit gebracht.

So enden gewöhnlich die Revolutionen in Venezuela und den meisten der mittel- und südamerikanischen Republiken. Nur einmal versuchte man es, das Land und seine Anpflanzungen vor der Zerstörung durch kriegerische Unruhen zu bewahren. Man wollte die Revolution auf einem andern Wege ausführen. Da ich zufällig über die Vorgänge sehr gut unterrichtet bin, will ich die Episode, über die seinerzeit auch deutsche Blätter ausführlich berichteten (Frankfurter Zeitung), zur Belehrung meiner Leser niederschreiben. Es liegt zwar schon eine Reihe von Jahren zwischen jenen Ereignissen und dem heutigen Tage, aber die Zustände sind die gleichen geblieben und werden so bleiben, solange die Republik ein Spielball ehrgeiziger Parteigänger sein wird.

In dem vorliegenden Falle war man nicht sicher, eine genügend starke Truppenmacht in der Provinz zusammenzubringen. Auch war noch keine Einigung über die Person des neuen Kandidaten erzielt. Fast in jeder Provinz meldete sich ein General für die Nachfolge. Daher beschloß man, in der Hauptstadt einen entscheidenden Schlag vorzubereiten und sich über die einzuschlagenden Wege zu verständigen.

Im Hause des General Gomez in der Calle Candelaria in Caracas tagte eine größere Gesellschaft von alten Generalen und ehemaligen Ministern der Republik Venezuela. Man wollte den regierenden Präsidenten stürzen und an seine Stelle den alten Gomez wählen. Hundert Pläne wurden geschmiedet und wieder verworfen. Keiner erwies sich als ausführbar. Da erhob sich ein Freund des Hauses, ein Deutscher, und schlug einen neuen Plan vor, der nichts Geringeres bezweckte, als den Seekrieg gegen den Präsidenten zu führen, mit Blockade, Kaperei und Bombardements. Der Plan sah die Ausrüstung von Kriegsschiffen vor, mit deren Hilfe die jetzige Seemacht der Republik leicht zur Übergabe gezwungen werden konnte. Wenn erst die Admirale vom Präsidenten abgefallen waren, hatte man in den Häfen leichtes Spiel.

Das war etwas ganz Neues und bisher noch nicht Dagewesenes. General Matos, der reichste und unternehmendste der Unzufriedenen, war Feuer und Flamme für das Projekt und wußte nun in seine Reden so viel heiliges patriotisches Feuer zu legen, daß die alten Grauköpfe sich nach und nach ebenfalls breitschlagen ließen und große Summen zum Ankauf von einstweilen einem »Kriegsschiff« zeichneten. General Matos wurde einstweilen zum Leiter der Revolutionspartei ernannt, mußte sich aber verpflichten, nach Erfolg die Präsidentschaft dem alten Gomez zu überlassen und sich mit dem Finanzministerium zu begnügen.

Den benötigten Dampfer fanden die Agenten des Generals Matos in London. Es war der »Van Righ« Kapitän Willis, der sich verpflichtete, mit seinem Schiff eine Ladung »Kaufmannsgüter«, die in London und Antwerpen an Bord genommen wurden, nach Venezuela zu bringen. In Wirklichkeit handelte es sich um Gewehre, Geschütze, Munition und anderes Kriegsmaterial, das, in Kisten verpackt, als Klaviere, Maschinenteile usw. im Manifest aufgeführt wurde.

Der Kurs des »Van Righ« wurde anfangs auf die französische Insel Martinique gesetzt, doch zwei Tage vor Ankunft dirigierte General Martinez, der jetzt das Kommando übernahm, das Schiff auf die vor Martinique gelegene kleine Antilleninsel St. Martin. Die erstaunten Fragen des Kapitäns wurden mit Ausflüchten beantwortet, doch er wurde auch bald ohne seine Fragen über den Grund ihres Aufenthaltes in dem entlegenen Winkel aufgeklärt.

Die in Antwerpen an Bord gekommenen Passagiere entpuppten sich als Artillerieoffiziere, die hier, fern von Späheraugen, ganz gemütlich aus dem Frachtdampfer ein Kriegsschiff machten. Das Vorder- und Hinterschiff wurde mit je einem Schnellfeuergeschütz versehen, beide Breitseiten bekamen Geschütze, und nachdem die fertig aufgestellten Kanonen unter Leinwandhüllen dem Auge entzogen waren, dampfte man drei Tage später nach Martinique weiter.

Heller Jubel herrschte im venezuelischen Hauptquartier in Fort de France auf Martinique, als der »Van Righ« endlich dort eintraf.

Nach und nach hatten sich fast sämtliche Führer der Partei Matos von Venezuela aus auf die Insel begeben, und es war eine stattliche Schar von hocheleganten, meist dunkelhäutigen Herren versammelt, die in ihren blitzenden Zylinderhüten und dem feierlichen Gehrock dem Dampfer des Herrn Martinez einen Empfang bereiteten, wie ihn Fort de Franze seit den Tagen seiner Mitbürgerin Josephine Beauharnais wohl nicht mehr erlebt hatte. – Nach den landesüblichen, nicht endenwollenden Umarmungen und Freundschaftsbeteuerungen begaben sich die hohen Herren auf das abseits auf der Reede ankernde Schiff und nahmen eine eingehende Besichtigung vor, wobei dem hochverdienten Herrn Martinez volles Lob gespendet und mit Verleihung von Titeln und Ordensdiplomen nicht gekargt wurde.

Weihnachtsabend, das heißt der Tag nach der Ankunft des »Van Righ« in Fort de France, wurde für die englische Besatzung des Dampfers ein Freudenfest. Der freigebige Eigentümer ließ alles, vom ersten Steuermann bis zum letzten Schiffsjungen und Heizer, auf seine Kosten am Lande bewirten, und während die fröhliche Besatzung den Eigentümer feierte und hochleben ließ, fuhr dieser zum englischen Generalkonsul und ließ die gesamte am Lande pokulierende Mannschaft ablohnen, indem er den Betrag für Lohn und Rückfahrt nach England deponierte. So kam es, daß am ersten Weihnachtstage, trotz des hohen Festes, ein englischer Vizekonsul in aller Frühe auf dem »Van Righ« erscheinen mußte und der noch halb berauschten Mannschaft die Räumung des Dampfers anbefahl. Zum Glück ging das infolge der Katerstimmung ziemlich ruhig ab. Ungemütlich wurde nur Kapitän Willis, den man beibehalten hatte, und dem man jetzt eine vollständig neue Mannschaft vorstellte, die hinter seinem Rücken angeworben wurde. Er hielt mit seiner Entrüstung nicht hinter dem Berge und war nur mit Mühe zu bewegen, das Kommando über das Schiff weiter zu übernehmen.

Die strenge Einhaltung der Sonntagsruhe an beiden Feiertagen wurde, wie überall in England, so auch auf dem Generalkonsulat beobachtet. Dadurch wurde Kapitän Willis verhindert, seinen Protest vor dem Konsul anzubringen, zumal General Matos den Befehl gab, sofort in See zu gehen, und zwar mit dem Kurs auf Colon.

Man war achtundvierzig Stunden in See, und die Küste von Venezuela tauchte am Horizont auf, als plötzlich eine geheime Aufregung unter den Venezuelern bemerkbar wurde. Aus den Kajüten kamen all die zahlreichen uniformierten Generale und Offiziere und versammelten sich auf dem Hinterschiff. Oberst Matos, der Sohn des Generals, wurde zum Kapitän geschickt mit der Aufforderung, ebenfalls auf dem Hinterdeck zu erscheinen. Erstaunt betrachtete Kapitän Willis die bunte Gesellschaft, die mit feierlichem Ernst um General Matos versammelt war. Er konnte nur mit Mühe einen Heiterkeitsausbruch unterdrücken – die meisten der Herren machten aber auch einen zu grotesken Eindruck, wie sie da, mit Schleppsäbeln, Reitstiefeln und Sporen in schweren goldgestickten schwarzen Tuchröcken, das mit Goldlitzen überladene Käppi auf ihren weißhaarigen Köpfen im Kreis um einen mit einem Tuche verdeckten Korb standen.

Als der Kapitän in den Kreis eingetreten war, hub General Matos mit feierlicher Stimme zu einer Ansprache an, die etwa wie folgt lautete:

»Kapitän! Ich habe heute den ›Van Righ‹ von Herrn de Paul gekauft. Ich übernehme das Schiff im Namen der neuen Regierung von Venezuela und taufe es hiermit auf den Namen ›Libertador‹. Es soll seinem Namen Ehre machen und als Befreier auftreten sowie von heute ab tätigen Anteil nehmen an der Vertreibung eines Tyrannen von der Präsidentschaft des Landes, das schon lange unter der drückenden Faust dieses Emporkömmlings seufzt. Es soll die Flammen des Aufruhrs weiterschüren und unsern tapferen Brüdern die hier im Schiffsraum verladenen Waren bringen, damit sie unsere seemännische Befreiungsaktion von der Landseite aus tatkräftig unterstützen können.

Kapitän! Ich ernenne Sie hiermit, kraft der mir von den hier versammelten Mitgliedern der neuen Regierung erteilten Befugnisse zum Befehlshaber dieses Kriegsschiffes und stelle Sie unter den Oberbefehl des interimistischen Admirals, des hier anwesenden Oberst Matos. Und zum äußeren Zeichen der Umwandlung unseres Dampfers in seine neue Gestalt lasse ich hiermit die britische Flagge niederholen und an deren Stelle unsere heiligen venezuelischen Farben von der Gaffel wehen – dem Volke ein Befreiungszeichen – dem Tyrannen aber ein Menetekel.« – Dabei nahm er aus dem verdeckten Korbe die venezuelische Flagge und hißte sie eigenhändig.

Und noch bevor der biedere Willis sich von seinem maßlosen Erstaunen erholt hatte, lag die britische Flagge zu seinen Füßen, und hoch oben flatterten die vier Farben der Republik in die Lüfte. Gleichzeitig sandten die Geschütze einen donnernden »Salut« über das Meer, und eine Musikkapelle intonierte die Nationalhymne: »Abajo las cadenas ....« (Nieder mit den Ketten.)

Nur langsam erholte sich Kapitän Willis aus der Betäubung über die ihm und seiner Flagge zugefügte Beleidigung. Seine ehrliche Seemannsnatur konnte sich nicht so schnell mit der Situation abfinden, und da ihm auch die Rednergabe fehlte, war sein Protest anfangs nur lau, aber mit der Rede und Gegenrede schwoll auch sein Zorn, und mit derben, wenig parlamentarischen Ausdrücken gab er der Korona seine Entrüstung über die Vergewaltigung Ausdruck und weigerte sich ganz entschieden, unter diesen Umständen die Leitung des Schiffes beizubehalten. –

Zu seinem Unglück aber verstanden nur wenige die englische Sprache, und so verhallten seine Worte unbeachtet in dem Jubel der nun beginnenden Festlichkeit.

In seiner Kabine machte Kapitän Willis seinem Zorn über das vorgefallene von neuem Luft. Er kann es immer noch nicht fassen, daß man ihn so behandelt hat, daß man im zwanzigsten Jahrhundert ihn, einen freien Engländer, einfach vergewaltigt und seine Flagge beschimpft. Und noch dazu ein südamerikanischer Staat, dem man daheim stets mitleidig über die Achsel angesehen hat.

Aber es sollte noch besser kommen. Gegen Abend meldete ihm der farbige Steuermann, daß die Küste sehr nahe sei und er sich auf der Karte nicht auskenne. Wohl denkt Willis einen Augenblick daran, das Schiff einfach auf die Küste auflaufen zu lassen und so der Sache mit einem Schlag ein Ende zu machen. Aber sein besseres Gefühl hält ihn ab, er hofft im stillen irgendwo hier draußen auf ein englisches Kriegsschiff zu stoßen und dann dessen Hilfe anzurufen. Er geht also auf die Kommandobrücke und kreuzt auf Matos' Befehl die ganze Nacht an der Küste auf und ab, indem er das verabredete Signal, drei vertikale rote Laternen an beiden Masten zeigt. Aber es kommt keine Antwort, man hat den Dampfer nicht bemerkt. Gegen Morgen wird das Tagessignal, eine weiße Flagge mit rotem Quadrat, gezeigt.

Eine zweimastige Barke kommt vom Lande her in Sicht. Oberst Matos befiehlt dem Kapitän, an das Fahrzeug heranzudampfen und es mit Beschlag zu belegen, weil man es zur Landung von Waffen benötigt.

Aber Kapitän Willis will nicht. – »Zur Piraterie gebe ich mich nicht her, ich bringe das Schiff in seinen Hafen, wenn Sie wollen, aber was Sie da vorhaben, ist Seeraub, und da tue ich nicht mit,« gab der wackere Seemann zur Antwort.

Doch sein Sträuben half nichts, er mußte dem Zwange gehorchen, und auf die vor dem Winde segelnde Barke Jagd machen. Das Zusammentreffen führte zu einer Beschädigung des Seglers und riß ihm einen Mast weg. Die überraschte Besatzung wurde gefangen auf den Dampfer gebracht und die Barke ins Schlepptau genommen. Aber noch bevor man in die Nähe der Küste kam, schlug das kleine Schiff durch die schnelle Fahrt voll Wasser und versank.

Bald darauf tauchte ein größerer Schoner auf, der ebenfalls gekapert wurde. Der Kapitän des Schoners war aber ein Anhänger der Partei Matos und war erfreut, als er das Geschehene vernahm. Er kam auf den »Libertador«, wo er eine lange geheime Unterredung mit den Generalen hatte, und kehrte dann in Begleitung dreier Herren mit seinem schnellen Schoner zur Küste zurück. Er nahm außer wichtigen Nachrichten und Briefen einen schriftlichen Auftrag für Lebensmittel mit, die er auf die Insel Margarita bringen und dort warten sollte, um Waffen überzuladen.

Die Kreuzfahrt ging weiter. Aus der Bucht von Barcelona dampfte der holländische Postdampfer dem »Libertador« entgegen. Die vielen Passagiere und die Offiziere betrachteten kopfschüttelnd das seltsame Schiff, das da so dicht an ihnen vorüberfuhr. Ein deutscher Dampfer, im Kurse auf La Guaira, begegnete später dem neuen Kriegsschiff, aber es fehlte den tapferen Revolutionären doch der Mut, die Blockade der Küste durch Anhalten des Deutschen zu beginnen. Letzterer hißte höflich seine Landesfarbe und grüßte den »Libertador«, doch getraute sich Matos nicht den Gruß zu erwidern.

Nachts wendete man und lief wieder zur Insel Margarita zurück. Der Schoner war da, aber ohne Lebensmittel, denn der Adressat des Briefes hatte sich geweigert, ohne Bezahlung etwas herzugeben. Während man noch mit dem Schoner wegen der Landung der Waffen unterhandelte, tauchte plötzlich ein mit acht Zollwächtern bemanntes Boot auf und hielt auf den Dampfer zu. Dieser ließ es ruhig herankommen, doch als die Beamten an Bord kamen, um den »Libertador« zu untersuchen, wurden sie gefangengenommen und zu den andern ins Schiff hinunterbefördert. Dabei gelang es aber den beiden im Boote zurückgebliebenen Ruderern zu entkommen, und nun hielt es auch der Schoner für geraten, zu entfliehen.

Der »Libertador«, der seine Irrfahrt wiederaufgenommen hatte, mußte jetzt ernstlich auf die Landung seiner Ladung bedacht sein, denn ein holländischer Zollkutter, den er irrtümlich gejagt hatte, beschwerte sich energisch über die Belästigung und drohte, auf der nahen holländischen Insel Curaçao sofort Anzeige zu erstatten. Und wie das dort liegende Kriegsschiff die Abenteuer des »Libertador« beurteilen würde, darüber ließ Kapitän Willis dem jetzt ziemlich kleinlaut gewordenen General Matos keinen Zweifel. Holland würde die patriotischen Beweggründe kaum gelten lassen und sicher die Gesetze wegen Seeraub in Anwendung bringen.

Aber auch ohne die Anzeige des Zollkutters hatten die holländischen Behörden schon telegraphische Meldung von der Anwesenheit eines bewaffneten Dampfers bekommen, denn als der »Libertador« mit Volldampf auf die Bucht von Maracaibo zusteuerte, tauchte am Horizont ein holländisches Kriegsschiff auf, das sich schnell näherte.

Der Holländer hißte seine Flagge und signalisierte nach Namen und Art. Kapitän Willis, der wohl wußte, daß er nach internationalem Recht verpflichtet war, zu antworten, besprach sich mit Matos und wollte die wahre Art des Schiffes melden. Dem widersetzten sich aber die venezuelischen Generale. Sie wollten lieber fliehen und boten den Maschinisten hohe Belohnung, wenn es gelänge, den »Libertador« vor dem Holländer zu retten.

Aber der war ungeduldig geworden. Als er sah, daß sein Flaggenruf keine Antwort bekam, griff er zu energischeren Mitteln. Ein weißes Wölkchen blitzte drüben auf, und donnernd dröhnte der Signalschuß über die Wogen, um den jetzt mit überheizten Kesseln durch das Wasser jagenden »Libertador« zur Vernunft zu bringen.

Auch der Verfolger hatte, als er die Flucht des Dampfers bemerkte, Volldampf gegeben. Merklich verringerte sich der Abstand der beiden Schiffe, und Kapitän Willis berechnete schon, daß sie in weniger als einer Viertelstunde gekapert sein würden, als General Matos zu einem verzweifelten Mittel griff. Er hißte die englische Flagge.

Der Kapitän protestierte empört gegen diesen erneuten Mißbrauch, doch der Streich erreichte seinen Zweck. Der Holländer gab natürlich die Verfolgung auf, doch setzte er seinen Kurs direkt auf die Bucht von Maracaibo, und an dem »Libertador« stolz vorbeirauschend, verlegte er diesem den Weg in die Bucht.

Letzterer verlangsamte jetzt seine Fahrt. Kapitän Willis weigerte sich entschieden, zu derartigem Treiben noch länger die Hand zu bieten. Es kam zu heftigen Auftritten an Bord, die ihren Höhepunkt erreichten, als sich herausstellte, daß sowohl die Kohlen als auch die Lebensmittel zur Neige gingen. Es blieb jetzt den Venezuelern nichts anderes übrig, als den zunächst gelegenen »neutralen« Hafen aufzusuchen, um dort das Fehlende zu ergänzen.

Am Spätnachmittag des 12. Januar erreichte man Cartagena (Kolumbien), wo man auf der Reede zu Anker ging. General Matos hatte wieder die englische Flagge gehißt. Das Auftauchen des Schiffes, von dem man schon Kunde erhalten hatte, erregte unter den Bewohnern lebhaftes Aufsehen.

Auch der Präsident von Venezuela hatte unterdessen Wind von den maritimen Kunststücken seiner Widersacher erhalten und einen hohen Preis auf den Kopf des armen Kapitäns Willis gesetzt. Er sandte seine Seemacht aus, um den »Libertador« zu fangen und einzubringen. Selbst bis vor Cartagena wagte sich ein venezuelisches Kanonenboot, aber, obgleich dessen Kommandant auf dem Deck des jetzt wieder »Van Righ« genannten Dampfers viele bekannte Generale sah, wagte er es nicht, der englischen Flagge wegen, von den kolumbianischen Behörden die Auslieferung zu verlangen.

Kapitän Willis war sofort an Land gefahren und kehrte nicht wieder auf das Schiff zurück. Er erstattete seinen Rapport vor dem englischen Konsul in Barranquilla und reiste nach England zurück, wo er, wie später in den Blättern zu lesen war, Vorträge in Varietés über seine Abenteuer auf dem »Libertador« gehalten hat.

General Matos und seine Freunde konnten noch einen Teil ihrer »Maschinenteile und Musikinstrumente« in Kolumbien landen und über die Grenze nach Venezuela hinüberschmuggeln. Der größte Teil der Ladung wurde aber von der kolumbianischen Regierung beschlagnahmt.

So fand die mit so großen Hoffnungen ins Leben gerufene Kriegsmarine der venezuelischen Rebellen ein unrühmliches Ende.

»Die Cheruskia«, Kapitän Rüsch, nahm mich mit nach der Insel St. Domingo. Hier ließen die zahlreichen, teils lustigen, teils traurigen Ereignisse eine Langeweile bei mir nicht aufkommen. Sorgte schon der stets liebenswürdige Kapitän dafür, daß seine Fahrgäste während der Seereise jede nur denkbare Zerstreuung fanden, so ließ er es sich auch nicht nehmen, soweit es seine Dienstpflichten erlaubten, an genußreichen Exkursionen zu Lande teilzunehmen oder sie wenigstens in die Wege zu leiten. Seiner Initiative verdanke ich den verhängnisvollen und doch so humoristischen Ritt in den Straßen der Hafenstadt Samana, wie auch die denkwürdige Eisenbahnfahrt von Sanchez nach La Vega, über die ich in einem gesonderten Bande »Mulattenblut« ausführlich geschrieben habe.

In der Hauptstadt wurde ich oft Augenzeuge der teuflisch erdachten Willkürakte des damaligen Präsidenten Lilys Heureaux, einer blutdürstigen Bestie in Menschengestalt, eines Menschen, der den Tiger noch an Grausamkeit übertraf. Eine seiner Lieblingsgewohnheiten bestand darin, den Mann oder die Frau, deren Vernichtung er beschlossen hatte, zu sich zum Essen einzuladen. Während des auserwählten Mahles, bei dem die feinsten Weine nicht fehlten, unterhielt er seinen Gast mit einer bestrickenden Liebenswürdigkeit, so daß dieser sich schon als Anwärter auf den höchsten Ehrenstellen betrachtete. Nach beendigtem Mahle reichte der Präsident seinem Gast die Zigarette. Dann zogen Falten auf seiner braunhäutigen Stirn zusammen. Er wurde wortkarg, seine Augen nahmen einen grausamen Ausdruck an ... Dann pflegte er aufzustehen und an seinen Gast die Worte zu richten:

»Rauchen Sie nur langsam, es ist die letzte Zigarette, die Sie in Ihrem Leben rauchen. Wenn sie zu Ende ist, müssen Sie sterben.«

Bald darauf krachte ein Schuß durch den Saal. Ein blutüberströmter Körper wälzte sich auf den feinen Teppichen ... Der Präsident hatte seinen Gast mit eigener Hand erschossen.

Zahllos sind die Morde, die dieses Scheusal auf diese oder ähnliche Weise selbst begangen hat. Bis ihn endlich die Vergeltung traf. Vor einem Café im Innern des Landes, in der Stadt Moca, wurde er von dem Sohn eines seiner Opfer erschossen.

Mein nächstes Ziel bildete die auf der gleichen Insel gelegene Republik Haiti. Über die Insel und ihre Einrichtungen zu schreiben, setzt einen persönlichen Mut voraus. Denn in den meisten Fällen schüttelt der Leser zweifelnd das Haupt und denkt sich: »Na, der Kerl kann aber mal lügen!«

Die Zustände sind aber auch derart, daß sie uns Europäern einfach unglaublich erscheinen. Es ist möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich, daß sie durch den Weltkrieg und seine Rückwirkung auf manche Staatengebilde besser geworden sind. Ich weiß es nicht. Zur Zeit, als ich die Insel besuchte, herrschten die idyllischen Zustände, die ich hier kurz beschreiben möchte. (Vergleiche auch mein Buch »Negergreuel«.)

Vorausschicken will ich, daß die Republik damals in den rund hundert Jahren ihres Bestehens fast die gleiche Anzahl von Staatsoberhäuptern gehabt hat. Darunter Kaiser, Könige, Herzöge und, seit ungefähr sechzig Jahren, Präsidenten.

Allgemeiner Hang zum Müßiggang, ermöglicht durch die gütige Mutter Natur, die hier ihre Gaben in reichstem Maße spendet, übermäßige Freiheiten und mangelndes Verständnis für staatliche und gesellschaftliche Wohlfahrt, dazu persönlicher Eigennutz bilden die Ursache, daß in Haiti das gesamte Staatsleben zu einer Reihe von parlamentarischen Narrheiten und Skandalen, Gewalttaten und blutigen Aufständen geworden ist. Nur die gegenseitige Eifersucht der Großmächte ermöglicht den Fortbestand eines solchen staatlichen Zerrbildes, indem sie verhindern, daß die eine oder andere von ihnen, besonders Nordamerika, für das die Insel seit der Eröffnung des Panamakanals einen großen strategischen Wert bekommen hat, die Hand darauf legt. (Ist inzwischen geschehen.)

Gleich bei meiner Ankunft im Hafen von Port-au-Prince lernte ich schon den ganzen Humor dieses Operettenstaates kennen. Ich besaß ein ziemlich umfangreiches Gepäck, das ich in einem besonderen Boot an das Zollhaus bringen ließ. Eben verabschiedete ich mich von dem ersten Offizier des Dampfers, da trat ein Herr an mich heran und sagte:

»Mein Name ist Corti. Ich höre eben von Herrn von Lewetzow, daß Sie Ihre Koffer in das Zollhaus haben bringen lassen. Sie wollen sie doch nicht etwa verzollen?«

Meine stumme Bejahung bemerkend, fuhr er fort:

»Das tut ja kein Mensch, und Sie würden uns unsere guten Zollbeamten nur verderben, wenn Sie vor ihnen Ihre Koffer öffneten. Überlassen Sie mir die Sorge für Ihr Gepäck. Ich stehe Ihnen gut dafür, daß Sie heute abend alles in Ihrem Gasthof vorfinden. Ein paar Gourdes für die Neger werden Sie allerdings ausgeben müssen.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Vermittlung,« erwiderte ich, dem freundlichen Herrn die Hand drückend. »Hier haben Sie auch die Schlüssel für die Koffer ...«

»Danke, die brauch' ich nicht. Das wäre noch schöner, wenn wir den Beamten zeigen wollten, was unsereiner alles aus Europa mitbringt.«

»Wie wollen Sie aber denn die Verzollung ermöglichen?«

»Das sage ich Ihnen später. Fahren Sie ruhig in Ihren Gasthof. Zum Abendessen bin ich bei Ihnen.«

Abends fand ich zwar meine Koffer nicht im Gasthof vor. Corti kam zu mir und entschuldigte sich, daß der Andrang zu groß gewesen sei. Ich möchte mich bis morgen früh gedulden.

Am andern Morgen kam er schon frühzeitig zu mir und rief vergnügt:

»So, die Sache ist erledigt. Ihre Koffer sind bereits im Hause. Da der Zollmensch Schwierigkeiten machte, hat sie mein Schwarzer heute nacht einfach aus dem Zollschuppen gestohlen. Das ist noch einfacher als wenn man die >Verzollung< vornimmt. Nur verdient der Zollbeamte nichts dabei. Wenn Sie jedoch sehen wollen, wie ich den Diebstahl weiter ausschlachte, dann begleiten Sie mich zum Zollhaus. Ich habe noch zehn Fässer Alkohol dort liegen, die müssen heute noch abgeliefert werden.«

»Wollen Sie die auch stehlen lassen?«

»Nein, bei Tag geht das nicht so leicht. Die Fässer verzolle ich, und den Zoll zahlen Sie.«

»Ich? Warum soll gerade ich den Zoll bezahlen?«

»Sie müssen doch Schadenersatz für Ihre gestohlenen Koffer beanspruchen. Mit dem Betrage Ihrer Forderung bezahle ich den Zoll auf die zehn Fässer. Verstehen Sie das nicht?«

»Nicht ganz.«

»Dann hören Sie. Der Beamte darf doch nicht wissen, daß die Koffer gestohlen worden sind. Sie müssen also Ersatz dafür verlangen. Diesen Ersatz muß der Beamte leisten. Wenn ich ihm nun sage, daß Sie auf Ihre Schadensforderung verzichten, wenn er mir die Fässer unverzollt herausgibt, dann wird er auf den Vorschlag eingehen, und allen Teilen ist damit geholfen. Begreifen Sie jetzt?«

Ja, jetzt begriff ich, wie man es machen muß, um in Haiti schnell reich zu werden. Aber das sind nur Kleinigkeiten gegenüber andern Erwerbsmöglichkeiten, von denen ich noch am gleichen Tage eine Probe bekam. Es handelte sich um Finanzgeschäfte eigener Art, die ganz risikolos ebenfalls ihren Mann nähren.

Eine besonders auffällige Geschichte machte damals nicht geringes Aufsehen in der Hauptstadt. Der vor kurzem erst gewählte Präsident wollte die umlaufenden alten Geldscheine durch solche mit seinem Bildnis ersetzen. Er gab ein paar Kaufleuten einer befreundeten Nation den Auftrag, fünf Millionen Gourdes dieser Scheine drucken zu lassen und sie gegen Bezahlung der Kosten bei Ablieferung in Umlauf zu bringen. Der Auftrag wurde ausgeführt, und die Kaufleute bekamen Zahlung für die gelieferten fünf Millionen Gourdesscheine. Die Kaufleute wurden vom Ministerium beauftragt, die Scheine mit ihren Namen zu unterzeichnen und sie dann dem Verkehr zu übergeben. Das geschah. Bald nachher reisten die Kaufleute nach Europa, und nun stellte sich heraus, daß die Biedermänner das Doppelte der angegebenen Summe hatten drucken und verausgaben lassen. Da ihnen auch die Unkosten bei der Lieferung der fünf Millionen vergütet worden waren, verdienten sie netto vier Millionen Mark bei dem Geschäft.

Im Anschluß an die Ausgabe der Noten wurde eine Bankstelle mit der Einziehung der alten Noten beauftragt. Als eine größere Anzahl davon eingelöst war, befahl der Präsident, sie auf dem öffentlichen Platze zu verbrennen, damit sich das Publikum überzeugen könne, daß alles mit richtigen Dingen zugehe.

Auf dem Platze vor der Bank würde ein großer Scheiterhaufen errichtet. Neger schleppten keuchend große Körbe herbei, in denen fein säuberlich, in Pakete gebunden, die eingelösten und zur Vernichtung bestimmten Banknoten lagen. Die Bündel waren in weißes Papier eingeschlagen, und jedes trug oben eine Banknote der Serie, die in dem Bündel enthalten war.

In feierlichem Aufzug, Zylinder, Gehrock, Streifenhose, trat nun der Direktor der Bankstelle vor und meldete mit dem Hut in der Hand, daß er dem anwesenden Notar die Nummern der zu verbrennenden Serie angeben werde. Darauf möge der Präsident eine Person namhaft machen, die die Bündel den Flammen zu übergeben habe. Nun rief der Direktor mit lauter Stimme die auf dem obersten Geldschein verzeichnete Seriennummer auf. Der Notar notierte sie, und der Beauftragte des Präsidenten warf jedes Bündel vor aller Augen in die Flammen, wo es rasch verbrannte. Nachdem das letzte Bündel vernichtet war, unterschrieb der Präsident das Protokoll, das dem Direktor Entlastung erteilte. Hierauf ging alles nach Hause.

Ein paar Wochen später war der größte Teil der »verbrannten« Banknoten wieder in Umlauf. Der Bankdirektor aber befand sich bereits in Europa, wo er sich in der Nähe von Frankfurt am Main ein Landhaus kaufte und den Beruf an den Nagel hing. Er hatte es nicht mehr nötig.

Corti führte mich in den Kreis der wenigen Deutschen ein, die damals in der Hauptstadt lebten. Dort gab er auch unsere Erlebnisse aus dem Zollhaus zum besten und erntete damit den vollen Beifall der Tafelrunde. An die Erzählung knüpfte sich eine Unterhaltung, in der manches »gutes Geschäft« zur Sprache kam. Nur einer der Herren, der deutsche Apotheker, wollte von reichem Verdienst nichts wissen. Obwohl jedermann wußte, daß seine Apotheke eine wahre Goldgrube war, seufzte er elegisch:

»Ja, es ist nicht leicht, auf dieser traurigen Insel seinen Lebensunterhalt zu erwerben. Ihr Kaufleute habt es leicht, aber wir armen Apotheker ...!«

Ein homerisches Gelächter unterbrach den Sprecher, wußte doch jeder, daß gerade der Apotheker auf dem besten Wege war, sich trotz seiner jungen Jahre ins Privatleben zurückziehen zu können.

Der aufwartende Neger trat an einen der Herren heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dieser blickte sich um, und als er draußen einen elegant gekleideten Mulatten, mit Zylinder und gelben Glacés, erblickte, erhob er sich und eilte hinaus.

Er blieb kaum zehn Minuten draußen. Als er seinen Platz neben mir wieder einnahm, zeigte er mir einen großen Bogen mit dem Wappen der Republik Haiti und einigen blauen Stempeln.

»Aha!« rief ein Landsmann. »De Groot pumpt der Regierung.«

»Dja, was soll man machen? So ein Beamter will doch auch leben. Man muß da manchmal barmherzig beispringen!«

Die Worte lösten einen Heiterkeitsausbruch aus.

»Hört, hört! August wird Samariter!« ulkte es im Kreise. – Herr de Groot, der mein erstauntes Gesicht sah, wendete sich zu mir:

»Ich will Ihnen die Geschichte ein wenig erklären: Der Herr, mit dem ich soeben die Unterredung hatte, hat mir sein ›feuille d'appointement‹, d. h. sein Gehalts-Anerkenntnis verkauft. Die hiesige Regierung bezahlt ihre Beamten nur, wenn sie Geld hat, das heißt mit andern Worten: nie! Der Beamte erhält jedoch am Ende des Monats ein Anerkenntnis der Regierung, eben dieses ›feuille‹, in dem ihm vom Finanzministerium bestätigt wird, daß er z. B. dreihundert Dollars Gehalt für den Monat März zu fordern hat, und daß die Staatskasse diesen Betrag zahlen wird – wenn sie eben Geld hat. Von dem Papier aber kann der Mann nicht leben, da geht er nun her und versilbert das Papier. Wir geben ihm darauf aus reinem Mitleid – sehen Sie, wie die Herren wieder lachen! – aus reinem Mitleid, zwischen einem Drittel und der Hälfte vom Nennwert in bar und lassen das Papier auf uns überschreiben. – So gab ich dem Herrn eben hundert Dollars für sein Anerkenntnis.«

»Und was machen Sie mit dem Papier, wenn die Regierung doch nie zahlt?«

De Groot lächelte überlegen.

»Kommen Sie morgen früh um elf Uhr zu mir, dann können Sie sich persönlich davon überzeugen.«

Der dicke Neger hatte eben den unvermeidlichen und vorzüglichen Cocktail gemischt, ohne den in Haiti kein Geschäft denkbar ist, als ein in goldgestickte Uniform gekleideter starker Herr in das Kontor hineinritt und vor dem Schreibtisch des Herrn de Groot sein Pferd zügelte.

»Guten Tag, mein Herr!« sagte er, den Finger an den Schiffshut legend. »Wie ich sehe, komme ich gerade recht zum Morgentrunke.«

Ohne die Worte zu beachten, rief de Groot seinem Neger zu:

»Ohé, Charlôt, führe doch das Pferd hinaus. Der Mann glaubt, er sei hier unter seinesgleichen.«

Mit einem Satze sprang der Reiter ab und trat, das Pferd dem Neger überlassend, an den Tisch:

»Verzeihung, Herr de Groot, ich vergaß ...«

»Und wenn Sie jetzt auch noch den Hut abnehmen, dann will ich glauben, daß ich wirklich den Finanzminister der glorreichen Republik, Herrn Roche-Grellier, vor mir habe,« unterbrach de Groot den Sprecher.

»So, Herr Minister, womit kann ich Ihnen dienen? Sie können frei herausreden, denn der Herr Emmerich hier interessiert sich ebenfalls für Geschäfte mit der Regierung.«

Sich gegen mich verbeugend, sagte der Minister:

»Ich schrieb Ihnen bereits, lieber Herr de Groot, daß meine Regierung wieder Geld braucht. Sie wissen ja, unsere Wohlfahrtseinrichtungen ...«

»Zur Sache, Herr Minister! Wieviel brauchen Sie?«

»Zwanzigtausend Dollars!«

De Groot pfiff durch die Zähne und legte sein Gesicht in ernste Falten:

»Hm, das wird sich schwer machen lassen. Ich kann so viel Geld nicht aus dem Geschäft ziehen, wir haben auch gerade jetzt große Ausgaben....«

Pfiffig lächelnd klopfte ihm der Minister auf die Schulter:

»Zur Sache, bester Herr de Groot!«

»Nun ja! Aber bedenken Sie, fünfzigtausend Dollars laufen noch, und jetzt wieder zwanzig....«

»Macht siebzigtausend! Ganz recht, Herr de Groot. Aber Sie werden begreifen, daß die Regierung ihren Verpflichtungen nachkommen muß. Woher sollen wir das Geld auf einmal nehmen, wenn nicht von den Herren Kaufleuten? – Die Rückzahlung ist Ihnen doch sicher. Die Einnahmen aus den Zöllen dürften sich in den nächsten Monaten bedeutend steigern, und Seine Exzellenz, der Präsident, setzt seine eigenhändige Unterschrift auf den Schuldschein.«

»Darauf gebe ich keinen roten Cent! Wenn ich schon auf das Geschäft eingehe, dann muß ich die Unterschrift des gesamten Ministeriums haben, sonst ist nichts zu machen!«

»Und wie wären die Bedingungen?«

»Wie gewöhnlich. Auf sechs Monate zu zwei Prozent pro Monat. Ich zahle in Papier, die Regierung zahlt in Gold zurück, und zwar zum Tageskurse.«

»Und dann treiben Sie am Verfalltag den Goldkurs so hoch, daß ich das Doppelte zurückzuzahlen habe, weil wir ja doch das Gold nur bei euch Kaufleuten kaufen können.«

De Groot zuckte die Achseln und schlürfte ruhig seinen Cocktail. – Der Minister besann sich und versuchte mit einem großen Wortschwall günstigere Bedingungen zu erlangen, aber de Groot blieb unerbittlich.

Endlich zog der Minister ein Papier aus der Tasche und breitete es seufzend auf dem Schreibtisch aus:

»Ich hatte die Bedingungen vorausgesehen. Ihr Kaufleute steckt doch alle unter einer Decke! Hier ist der Schuldschein, vom Gesamtministerium unterzeichnet.«

De Groot nahm das Dokument in die Hand, hielt es gegen das Licht, prüfte jede Unterschrift mit der Lupe, ob keine Spuren von Rasur oder Bleistiftvorzeichnung zu entdecken seien, und legte es in seine Schublade. Dann entnahm er dem Kassenschrank das Scheckbuch, füllte einen Scheck auf zwölftausend Dollars Papiergeld auf die Nationalbank aus und wandte sich einem größeren Fach seines Geldschrankes zu. Aus diesem brachte er einen starken Stoß Papiere zum Vorschein:

»Hier sind achttausend Dollars in Anerkenntnissen und hier ein Scheck auf zwölftausend Dollars, macht zwanzigtausend. Bitte nachzuzählen!«

Verblüfft schaute der Minister auf die vielen Gehaltsanerkenntnisse.

»Aber, bester Herr de Groot, das ist doch kein Geld!«

»Wieso kein Geld? wollen Sie etwa Ihre eigene Unterschrift verleugnen, Herr Minister? Hier, sehen Sie her, jedes dieser »feuilles« trägt Ihre Unterschrift, ist also so gut wie bares Geld. Oder sind Sie etwa nicht der Ansicht?«

»Ja, ja,« winselte der andere, »aber ich kann doch nichts damit anfangen, und Sie haben doch die feuilles auch sicher nicht zum vollen Wert bezahlt, den Sie mir jetzt dafür anrechnen!«

»Lieber Herr, meine Geschäfte gehen Sie gar nichts an. Wollen Sie die Scheine zum vollen Wert annehmen oder nicht? Dann muß ich bedauern.... Charlôt! Der Herr Minister wünscht sein Pferd!«

Stöhnend steckte der hohe Beamte den dicken Pack in die Satteltaschen, verwahrte den Scheck in der Brusttasche und sagte, sich verabschiedend:

»Sie sind wirklich ein teuerer Freund, Herr de Groot!«

An dem Tore kehrte er noch einmal um:

»Nicht wahr, Herr de Groot,« fragte er vertraulich, »ich darf doch wohl auf eine kleine Provision rechnen?«

»Ja, ja, bei der Rückzahlung!« lachte dieser.

Als der Minister draußen war, rieb sich de Groot schmunzelnd die Hände:

»Nicht wahr? Man muß sich sein Brot hier sauer verdienen?«

Manch humoristisches Erlebnis hatte ich auch im näheren Verkehr mit der bewaffneten Macht, mit der Armee der Republik Haiti. Ich greife aus der Fülle des Abenteuerlichen eine Episode heraus, die den damals zwischen Präsident und Gegenpräsident herrschenden Kriegszustand und dessen Folgen treffend beleuchtet.

Auf der Veranda eines Lagerhauses hatte es sich der »Posten vor Gewehr« bequem gemacht. Unter dem schattigen Vordach schaukelte zwischen zwei Pfosten eine geräumige Hängematte, aus der rechts und links je ein bis zum Knie unbekleidetes Negerbein heraushing. Ich ritt an das Haus heran. Aus der Tiefe der Hängematte grunzte mir ein warnendes »Qui vive« entgegen und gleichzeitig fuhr der Lauf eines Gewehres in die Höhe. Die Flinte zur Seite drückend, ritt ich näher und blickte in das grinsende Gesicht eines pechschwarzen Soldaten, der, wie er sagte, hier seinen »Dienst« tat. Eben wollte ich ihn nach der näheren Art seines Dienstes fragen, als auf kleinem, schmutzbedeckten Pferdchen ein General herantrabte, dessen Schiffshut, Achselstücke und Kragen in funkelndem Goldglanz in der Sonne blitzten. Ein Karabiner hing an einem Strick um seine breite, nackte Brust, und die unteren Gliedmaßen staken in Hosen aus grauem Sackleinen. Beim Anblick seines hohen Vorgesetzten erhob sich der Posten ein ganz klein wenig aus seiner bequemen Lage und rief dem sein Pferd zügelnden Negerprinzen ein gemütliches »Bon jour, mon général« zu, während er gleichzeitig die Gelegenheit benutzte, die von mir dargebotene Zigarette anzubrennen. Exzellenz hielt das Rößlein an. Mein an heimische Disziplin gewohnter Sinn sah im Geiste schon fürchterliche Strafe auf das Haupt des Soldaten niederprasseln. Mitleidig blickte ich auf den armen Sünder.

»Ohe – Soldat,« rief der General.

»Oh, mon général, was gibt's?«

»Wieviel Uhr ist es, Posten?«

»Weiß, nicht, General.«

Ich half dienstfertig aus und gab dem hohen Chef die gewünschte Auskunft. Mit einer verbindlichen Geste nahm der General den Hut ab, drückte seinem Pferdchen den großen, am nackten Fuß befestigten Sporn in die Seite und trabte würdevoll von dannen.

Plötzlich schmetterte das Alarmsignal durch die Stadt. Hornisten durcheilten im Laufschritt die Straßen und riefen durch allerlei melodische Töne die Garnison auf den Exerzierplatz. Auch der Posten erhob sich, rollte umständlich seine Hängematte zusammen, spießte sie auf das rostige Bajonett und verschwand im Hofe des Anwesens, in dem die Hauptwache lag. Natürlich wollte ich alles sehen und folgte ihm. Im Schatten eines riesigen Mangobaumes surrte und schnurrte es. Zwei Leutnants und ein Gemeiner, alle drei in malerischer Uniform, nämlich zerrissenes Hemd und ausgefranste Hosen, gekleidet, arbeiteten emsig auf der Nähmaschine und trachteten die eben angefangenen Strohhüte noch vor dem Abmarsch fertigzubringen. Der die Hauptwache befehligende Oberst schien aber damit nicht einverstanden zu sein, wenigstens fuchtelte er mit dem großen rostigen Kavalleriesäbel drohend um die fleißigen Krieger, derweil seine Abteilung bemüht war, sich in Reih' und Glied aufzustellen. Da erst der eine, dann auch der andere nochmal dringend ins Haus zurück mußte, wo eine fette Negerin irgendeine kräftig nach ranzigem Schmalz duftende Speise verkaufte, so gelang die Aufstellung der Kompagnie noch nicht so rasch. Jedenfalls glaubte einer der Offiziers, der mich im Torweg entdeckte und unschwer den Neuankömmling ahnte, mir noch eine Kontribution in Form einer Zigarette auferlegen zu können, leider war mein Vorrat zu Ende, und bedauernd zuckte ich die Achseln. Da kam einer seiner Kameraden. Seinen als Degen dienenden starken Eisendraht unter den Arm klemmend, kam er freudestrahlenden Antlitzes auf mich zu, umarmte mich stürmisch und nannte mich seinen lieben, alten, guten Freund – ich hatte den Neger nie gesehen –, schwur, er sei hocherfreut, mich wiederzusehen und na, ich gab jedem der fünf Kameraden ein silbernes Zwanzigcents-Stück. Hätte ich es nie getan!

In brüllendem Kommandoton verlangte jetzt der Herr Oberst den Abmarsch der Kolonne. Mit drei Bläsern an der Spitze setzte sich der Trupp in Bewegung. Ich war aus dem Torweg abseits unter den Baum getreten, um die Leute vorbei zu lassen. Die Musikanten verübten nach dem Takt irgendeines Negerliedes einen fürchterlichen Lärm und kamen näher. Freundlich grüßten die reich beschenkten Offiziere, der Oberst grüßte huldvoll mit seinem rostigen Pallasch. Da schwenkten die drei Bläser halblinks ab, gerade auf mich zu. Ich zog mich selbstredend zurück, sie kamen nach. Der Oberst schrie irgend etwas. Ich setzte meinen Rückzug fort, retirierte, bis die Wand mir ein Ziel setzte – da standen auch mit freundlichstem Blick in den verzückten Augen die Musikanten vor mir und bliesen.

Erbost kam der Oberst herüber, packte einen der Bläser unsanft am Arm und schrie:

»Aber zum Kuckuck, Kerls, was fällt euch denn ein?«

Mild lächelnd deutete der Gefragte auf mich und sagte treuherzig:

»Der Herr will uns Geld geben.«

Und ich gab. Jetzt endlich zog die Truppe zum Tor hinaus, in den Kampf. Denn es wurde Ernst.

Während mir das eben erzählte kleine Abenteuer passierte, wurde bereits am Hafen die erste kriegerische Handlung eingeleitet. Mein Freund Keitel zeigte mir draußen in See einen Dampfer und sagte, das sei der haitianische hölzerne Kreuzer »Toussaint L'Ouverture«, dessen Kommandant (und zugleich Admiral der aus zwei Schiffen bestehenden Kriegsflotte) ein Deutscher namens Prismann sei. Der Mann war mir bereits bekannt. Der Kreuzer war nach St. Marc gesandt worden mit dem Befehl, die Garnison zur Übergabe aufzufordern und den General Dardignac gefangen zu nehmen, andernfalls aber die Stadt zu bombardieren. Am Strande herrschte natürlich große Aufregung. General Dardignac hatte endlich seine gesamten Streitkräfte am Platze beim Zollhaus versammelt und erwartete den Feind. Ich konnte mir hier das Heer mit Muße betrachten. Es war die ruppigste Bande, die ich je auf einem Haufen beisammen sah. Menschen aller Schattierungen vom tiefsten Schwarz bis zum schmutzigsten Gelb standen zerstreut umher oder kauerten auf dem Sande. Von Uniform keine Spur; jeder trug zerrissene, zerlumpte Kleider, und alle, Offiziere nicht ausgenommen, liefen barfuß. Manchem fehlte die Jacke, oder wer diese trug, hatte sicher kein Hemd. Bewaffnet waren sie fast durchwegs mit Gewehren neueren Ursprungs, aber auch Lanzen, Karabiner und vorsintflutliche Pistolen sah man. Die meisten trugen auch noch die landesübliche Waffe, den eisenharten Palmstock, Cocomakak genannt. Einige weißhaarige, verwitterte Kerle besaßen uralte Musketen, die ich um keinen Preis der Welt hätte abfeuern mögen.

General Dardignac schritt auf den ihm gut bekannten Herrn Keitel zu.

»Jetzt werde ich euch Deutschen einmal zeigen, wie der freie Haitianer kämpft. Laßt ihn nur kommen, den Admiral, wir weichen keinen Fußbreit.« –

Auf dem quer vor der Mole liegenden Kreuzer bemerkte man in diesem Augenblick eine dichte schwarze Wolke, wie die qualmende Rauchmasse einer Feuersbrunst. Es blitzte kurz auf, dann dröhnte ein dumpfer Krach über die Wasserfläche, als ob die Hölle geborsten wäre. Nicht weit vom Strande fuhr eine Wassersäule meterhoch in die Luft. »Das Bombardement beginnt.« General Dardignac jagte zu seinen Soldaten hinüber. Aber diese hatten schon den Sinn der krachenden Wolke erfaßt. Mit hundertstimmigem Schreckensgeheul machte das Ganze kehrt und rannte in regelloser Flucht zurück in den Schutz der zerbrechlichen Hütten.

Keitel hatte mich bei dem Schuß überrascht angesehen. »Nanu, Prismann wird doch keine Dummheiten machen. Sollte er wirklich absichtlich geschossen haben?«

Ja, er hatte absichtlich geschossen, wie wir später erfuhren, aber es blieb bei dem einenmal.

Drüben auf dem Kreuzer wurde jetzt ein Boot flott gemacht.

»Aha, er landet Truppen,« meinte Keitel.

Aber schon vorher, gleich nach dem Schuß, hatten wir dunkle Punkte sich vom Schiff ins Wasser stürzen sehen, die sich in großer Menge schnell dem Strande näherten. Sie plätscherten und spritzten im Wasser wie eine Herde Delphine. Jetzt erreichte der Kutter die schwarzen Punkte. Ein Mann im Boot erhob sich und ließ wütend die Ruder ins Wasser sausen. Da haben die ersten Schwarzen den Molenkopf erreicht. Glänzende triefende Gestalten entsteigen dem Meer und rennen, ohne umzublicken, in wahnsinnigem Lauf in die Stadt.

»Das Landungskorps,« rief lachend mein Freund.

»Ja, mein Landungskorps,« lachte Prismann, als er bald darauf aus dem Boote sprang und auf uns zu kam. »Die feige Bande! Denken Sie nur, beim Krach des ersten Schusses aus meinem Geschütz, das allerdings für den alten Dampfer etwas kräftig geladen war, brüllten die Kerle vor Angst, und sprangen in panischem Schrecken über Bord und weg sind sie, alle Mann.« Die haitianische Marine war vorderhand erledigt.

General Dardignac hatte also selbst mit seinem ausgerissenen Heer einen Sieg errungen, denn er konnte seine Tapferen wieder sammeln, Prismann nicht. Auch die durchgebrannten Marinesoldaten des Gegners ließ er ohne Umstände in sein Heer einreihen und zog, tausend Mann stark, worunter mindestens hundert Generale und dreihundert Offiziere, in die Ebene vor Port-au-Prince, um den Präsidenten in seiner Hauptstadt anzugreifen. Der Präsident sandte ihm eine ebenso starke Streitmacht unter dem Oberbefehl der Generale Duchatellier und Le Comte Turenne, wie sich der Vollblutneger nannte, entgegen.

Wir hatten uns als Zuschauer genügend weit vom Schuß entfernt eingefunden.

In der Ebene, bei dem Flüßchen Artibonite, stießen die Truppen mit den Aufständischen zusammen.

Zuerst griff die aus zweihundert gutgekleideten und vorzüglich bewaffneten Negern bestehende Kavallerie des Präsidenten unter dem Oberbefehl des Kriegsministers an. Wie ein Sturmwind sauste die malerische Schar über das Blachfeld, den in dünnen Kolonnen weit auseinandergezogenen Truppen des Revolutionsgenerals entgegen. Aus deren Reihen krachten plötzlich einige Salven, für die Angreifer sichtlich unerwartet, denn die Reiter stutzten, zügelten ihre Rosse, feuerten blindlings ihre Karabiner ab und jagten zurück. Einzelne Reiter blieben auf dem Felde liegen. Jetzt ließ der Revolutionsgeneral Dardignac zum Angriff blasen. Mit dem Signal lösten sich aus dem Troß der Nachhut zahlreiche unbewaffnete Neger, die auf dem Kopfe große Holzkisten trugen. Sie rannten eilends vorwärts und verloren sich in dem Haufen des Fußvolks.

»Das ist die Munitionskolonne,« erklärte mein Freund. »Gelt, da schauen Sie? Bei den Haitianern sind nämlich Patronentaschen aus verschiedenen Gründen nicht eingeführt. Man hilft sich auf andere Weise. Zwischen je vier Soldaten tritt ein Mann, der die Patronen in einer offenen Kiste auf dem Kopfe trägt. Beim Kampfe kniet der Mann nieder, und jeder der vier Schützen nimmt sich seinen Bedarf aus der Kiste. Greift die Truppe an; dann läuft der Munitionsmann immer inmitten der vier mit vor, wird Feuern befohlen, kniet er nieder, geht's weiter vor, springt er auf und geht mit. Kommt es aber zum Handgemenge, dann müssen die Munitionsträger, so schnell sie können, zurücklaufen, um die kostbaren Patronen in Sicherheit zu bringen....«

»Sehen Sie, Dardignac greift an.« Auf flinken kleinen Pferdchen jagte eine Anzahl goldgespickter Uniformen den ungeordnet folgenden Scharen voran, dem kleinen Flusse zu.

Beim Gegner blitzten Schüsse auf, eine Salve knatterte über das Feld. Den jenseitigen Generalen schien die Sache jetzt gefährlich zu werden, denn sie schwenkten seitlich ab und ritten zum Troß zurück. Die Truppen zogen sich in Viererhäufchen auseinander und die Kistenträger knieten sich auf den Boden. Drüben machten sie es genau so. Eine ganze Weile feuerte man hüben und drüben, ohne besonderen Erfolg, denn den Negern ist das Knallen die Hauptsache, bis ihnen die Patronen knapp wurden. Dann bliesen die Hörner zum Sturm. Unter ohrenbetäubendem Geschrei stürzt die schwarze Schar vorwärts, hält, feuert, dann wieder vorwärts. Wie von Federn geschnellt, hüpfen die gelben Kisten auf und nieder, hier und da lösen sich Leute ab und laufen querfeldein. Sie tun nicht mehr mit. Endlich prallen die Heere aufeinander. Aus dem Wirrwarr lösen sich auf beiden Seiten die Munitionskolonnen und stürmen in rasendem Laufe zurück. Das Handgemenge ist erbittert. Man hört die dröhnenden Schläge der glasharten Palmstöcke auf die harten Negerschädel hämmern. Ein tosendes Geschrei und Geheul wogt über die Ebene. Reiterlose Pferde und Maultiere galoppieren über den weiten Plan. Nur die zahllosen Generale knallen noch mit ihren Revolvern – aus sicherer Entfernung – in den wirr verschlungenen Haufen. Bald beginnt sich der dichte Knäuel zu entwirren, man unterscheidet raufende Einzelgruppen. Am Boden ringen Gestürzte und bearbeiten sich mit Fäusten und Messern. Die Gruppen verschieben sich mehr und mehr, und plötzlich, wer weiß, welcher Eingebung folgend, rennen Freund und Feind unter ohrenzerreißendem Gejohle nach verschiedenen Seiten zu ihrem Troß zurück. Um die das Kampffeld bedeckenden Opfer kümmert sich niemand.

Hier in der »Aufnahmestellung« erst stellt sich heraus, daß auch Regierungstruppen zu den Rebellen gelaufen sind und umgekehrt. Das schadet aber weiter nichts, Soldat ist Soldat, und für wen und was er sich eigentlich schlägt, bleibt ihm ja meistens unbekannt. Sold bekommt er von dem einen so wenig als von dem andern.

Eine Weile wird hüben und drüben gerastet. Allmählich finden sich auch die höheren Offiziere wieder ein. Selbst von denen hat sich mancher verlaufen und wird vom Feinde kameradschaftlich begrüßt, bis beim nächsten Zusammenstoß die richtige Seite wiedergewonnen wird.

Als die Munitionskisten wieder neu aufgefüllt waren, riefen die Hörner nochmals zum Kampfe. Das oben geschilderte Spiel wiederholte sich. Beim dritten Angriff glückte es Dardignacs Truppen endlich, den gegnerischen Befehlshaber, General Duchatellier, gefangenzunehmen. Damit war Dardignac zufrieden. Er schrieb sich den Sieg zu und zog sich mit seinen Leuten nach St. Marc zurück, dem Feinde das Kampffeld überlassend.

Als am nächsten Morgen die Sonne aus dem Ozean tauchte, wurde General Duchatellier auf Befehl Dardignacs erschossen.

Mit dem Eintritt des nordischen Winters fand ich endlich Gelegenheit, nach Europa zurückkehren zu können. Wieder war es mein Freund, Kapitän Rüsch, der jedoch diesmal den Hamburger Dampfer »Polynesia« kommandierte, mit dem mich das Schicksal zusammenführte. Die Reise sollte indessen eine so ereignisreiche und gefahrvolle werden, daß selbst nautische Blätter eine mehr als übliche Schilderung davon brachten. Ich glaubte sie daher auch meinen Lesern nicht vorenthalten zu sollen.

Von Port-au-Prince nach St. Thomas bot die Fahrt nichts Bemerkenswertes. Auch als wir mit voller Ladung und vier Passagieren St. Thomas verließen, um ohne Aufenthalt nach Hamburg zu dampfen, war die See spiegelglatt und eine echt tropische Glutsonne brannte auf uns nieder. Wir lagen ausgestreckt in unsern Deckstühlen und schlürften von Zeit zu Zeit einen Schluck des besten Tropengetränkes: kalten Tee.

Wie meist in den ersten Tagen nach Verlassen des letzten Hafens drehte sich unser Gespräch um das Wetter und die Aussichten für den weiteren Verlauf der Reise. Ein etwas ängstlicher Däne, der als vierjähriger Knabe nach den Antillen gekommen war und jetzt, zwanzig Jahre später, die alte Heimat besuchen wollte, wandte sich an den Kapitän mit der Frage, ob Zyklone oder Orkane zu erwarten seien.

»O nee, was glauben Sie denn? Jetzt im Dezember finden wir ruhige See bis nach den Azoren hinauf – Orkane kommen in dieser Jahreszeit höchst selten einmal vor. Für die nächsten zwölf Tage brauchen Sie keine Sorge zu haben.«

Wie sehr sich selbst ein alter, erfahrener Seemann mit der Wetterprophezeiung täuschen kann, sollten wir bald erleben.

Von der Ausreise her hatte die »Polynesia« noch ein Schwein an Bord, ein rundes, fettes Tier, dem die Besatzung bisher liebevollste Pflege hatte angedeihen lassen und auf dessen Tod sich schon alle Welt freute. Dieses Inventarstück des Proviantverwalters durfte nicht wieder mit nach Hamburg gebracht werden, und man beschloß, die herrliche, ruhige Fahrt des Schiffes für das »Schlachtfest« auszunutzen. Ein Metzger befand sich zwar nicht unter der Mannschaft, aber Koch und Bäcker gaben vereint die Erklärung ab, daß sie imstande seien, die Sau kunstgerecht vom Leben zum Tode zu befördern.

Nur der erste Ingenieur betrachtete die beiden etwas mißtrauisch und sagte dem Koch eindringlich:

»Daß mir nur kein Blut verlorengeht, denn das ›Schwarzsauer‹ ist das Allerbeste vom Schwein, und davon muß ich recht viel haben!«

Eines Mittags, in der Schlummerstunde, wurde das Schwein aus seinem Stalle herausgeholt. Durch die gewohnte gute Behandlung zutraulich geworden, kam es nichts ahnend auf Deck und schickte sich eben zu seinem täglichen Rundgang an, als Koch und Bäcker heimtückisch und hinterrücks auf das Borstentier losstürzten und es durch einen Ruck an Kopf und Schwanz zu Fall brachten. Das Tier ließ sich diesen brüsken Überfall merkwürdig ruhig gefallen. Es grunzte sogar behaglich, als sich der mit einem langen Küchenmesser bewaffnete Koch auf seinen Körper niedersetzte. Bäcker und Koch suchten nun unter der mehr oder weniger sachverständigen Beihilfe der Zuschauer die Stelle zu ermitteln, auf die der todbringende Stich geführt werden mußte. Als man die gefunden zu haben glaubte, holte der Koch weit aus und versenkte sein Messer mit wuchtigem Stoß in den Hals der Sau.

Kaum war das geschehen, als das Schwein mit einem fürchterlichen Gequietsch aufsprang und, den verblüfften Koch zur Seite schleudernd, mit dem Messer im Halse wie toll um das ganze Schiff rannte – hinterher die johlenden Matrosen.

Durch den Lärm geweckt, waren auch wir Passagiere auf dem Oberdeck aus unsern Stühlen aufgesprungen. Wir kamen gerade auf dem Tatort an, als der Ingenieur mit dem Aufschrei aus seiner Kabine stürzte:

»Minsch, hol fast, dat Blot, dat scheune Blot!... Oh, min Swattsuur!« und sich dem Schwein in den Weg stellte. Dieses nahm den Feind an. Bevor noch Herr Wichmann zurückspringen konnte, war ihm die Sau zwischen die Beine geraten, trug ihn ein paar Schritte weiter rittlings über das Deck und warf ihn dann der Länge nach zu Boden.

Alles schüttelte sich vor Lachen über die komischen Gesichter des Ingenieurs und des Kochs und über die verzweifelten Bestrebungen der Mannschaft, des Schweines habhaft zu werden, das sich endlich in einer Sackgasse des Vorderschiffes verrannte und dort regelrecht totgeschlagen wurde.

Ingenieur Wichmann war untröstlich über den Verlust seines »Swattsuur«, worauf er sich schon seit zwei Monaten gefreut hatte.

Das Schwein war abgebrüht und hing vor dem Kücheneingang, um ausgehauen zu werden, als plötzlich ein scharfer Pfiff über den wie flüssiges Blei daliegenden Ozean ging. Die dienstfreien Seeleute horchten auf. Man beugte sich vor über die Sonnensegel und sah, daß die Luft ein fahles Aussehen angenommen hatte, als ob sie von feinem Staub erfüllt sei. Tief im Südwesten stand an dem sonst wolkenlosen, bleifarbenen Himmel ein längliches, grauschwarzes Wölkchen.

Der Kapitän hatte uns schon vor einer Viertelstunde plötzlich verlassen und war auf die Kommandobrücke gegangen. Schrill tönte jetzt die Signalpfeife des ersten Offiziers über das Deck. – Mit fieberhafter Hast wurden die Sonnensegel eingeholt und festgezurrt. Das lose herumstehende Geschirr, Bänke, Deckstühle wurden unter Deck geschafft. Die Kellner eilten in die Kabinen und Salons, wo sie mit schweren Schraubenschlüsseln alle Fenster fest verschraubten.

Die Luft wurde jetzt grau. Die Sonne glich einer rotpolierten Kupferscheibe. Die in Bewegung geratene See überzog sich mit einer schwarzgrünen Farbe, die dem Kenner nichts Gutes verhieß.

Der Däne hatte den Hantierungen mit steigender Unruhe zugesehen. Er lief von einem zum andern, um sich nach der Ursache der seltsamen Maßnahmen zu erkundigen. Aber von der Besatzung zuckte jedermann nur die Achseln und lief seiner Obliegenheit nach. Auch wir andern Fahrgäste, obwohl wir zum Teile nicht zum erstenmal derartigen Vorbereitungen gegenüberstanden, sahen uns mit ernsten Blicken an.

Eben standen wir im Begriff, uns über unsere Ansichten auszusprechen, da erschien Kapitän Rüsch, in Ölzeug und Seestiefeln, gefolgt von dem ebenso gekleideten zweiten Offizier.

»Meine Herren, ich muß Sie bitten, in den Speisesaal hinunterzugehen und die Räume unter Deck nicht zu verlassen, wir bekommen ›schlechtes Wetter‹. So Gott will, wird es bald vorüberbrausen.«

Kaum waren wir dem Wunsche nachgekommen, da pfiff es wiederum in den Lüften. Diesmal in so gellendem Aufschrei, daß wir es im Innern des Schiffes sogar in Mark und Bein verspürten. Gleich darauf setzte unter prasselndem Geräusch ein wolkenbruchartiger Regen ein.

Der Orkan war da! Ein Tosen und Heulen im Tauwerk des Schiffes begleitete das donnerähnliche Krachen der über das Deck brechenden Wogen. Ein Blick aus dem Fenster zeigte uns draußen ein wild durcheinandergeworfenes Chaos von Berg und Tal, dort, wo vor kurzem noch eine glatte, spiegelnde Fläche im Sonnenlichte lag.

Hochauf bäumte sich das stolze Schiff. Machtvoll warf es sich den Wellenbergen entgegen und sausend fuhr es hinein in die wild gurgelnden Massen.

Schwer getroffen, neigte es sich bald rechts, bald links auf die Seite. Mit ängstlicher Spannung beobachten wir das Rollen und ob wir nicht in die Gefahr des Kenterns geraten. Aber auf deutsche Arbeit kann man sich verlassen. Die Ladung im Schiffsraum ist so gut verstaut, daß selbst die wütendsten Schläge der empörten See nicht imstande sind, das Gleichgewicht zu erschüttern. Immer wieder, wenn auch oft recht mühsam und nach bedenklichem Zögern, richtet sich das wackere Schiff unter dem Anprall auf. Und ob sich auch die ganze Wucht des in seinen Tiefen aufgewühlten Meeres dem Laufe entgegenstemmt, unsere tüchtigen Offiziere droben auf der Kommandobrücke wissen den Elementen Trotz zu bieten.

Man hatte uns Fahrgäste vorsorglich eingeschlossen und jeden Weg nach außen gesperrt. Ein Aufenthalt auf Deck wäre in dem Wetter auch nicht ratsam gewesen, denn unausgesetzt wuschen die haushohen Seen über das Schiff, alles mit sich reißend, was nicht mit eisernen Banden befestigt war.

Der Abend brach herein, der Tisch wurde gedeckt; aber nur für vier Personen. Der Kapitän, der erste Offizier und der erste Ingenieur, die sonst mit uns speisten, blieben auf ihren Posten. Das Schiff holte so stark von der einen nach der andern Seite über, daß selbst die an den Tischen angebrachten Sturmleisten, die ein Abrutschen des Geschirrs verhindern sollen, die Teller nicht immer vor dem Kentern bewahren konnten. Keine geringe Geschicklichkeit erforderte es, den Teller in der linken Hand, die Speisen in den Mund zu bringen.

Kurz vor dem Nachtisch schlug uns eine besonders heftige Woge ein Fenster im Speisesaal ein. Das drei Zentimeter dicke Glas flog in Splittern in den Saal und eine salzige Flut ergoß sich über Tische und Teppiche. Nur mit großer Anstrengung gelang es, die eisernen Schutzklappen vor die Fenster zu bringen und die Öffnung zu verschließen. Dadurch waren wir nun auch des Ausblicks nach außen beraubt und nur auf das spärliche Licht von schwelenden Petroleumlampen angewiesen. Das Halbdunkel ließ das Toben der Elemente und das Ächzen und Krachen des Dampfers doppelt schauerlich erscheinen.

Nur ungern gingen wir in unsere Kabinen. Die Hoffnung auf Schlaf war bei dem Wetter sehr gering.

Kurz vor zehn Uhr hörten wir ein fürchterliches Krachen, gefolgt von aufgeregtem Hin- und Herlaufen über unsern Köpfen.

»Was war das?«

Die mit uns eingeschlossenen Kellner konnten uns keine Auskunft geben. Bange Minuten folgten in atemloser Spannung... Da trat der zweite Offizier herein und teilte uns zu unserer Beruhigung mit, daß die See ein Boot losgeschlagen und zertrümmert habe. Gefahr sei nicht vorhanden. Der Sturm scheine abzuflauen... Trotz der nach allen Seiten stark überholenden Bewegungen, die ein Anstemmen von Knie und Rücken an die Bettwände erforderten, gelang es mir, einige Stunden zu schlafen.

Eine recht wässerige Sonne beleuchtete am andern Morgen die hochaufgewühlte, sturmgepeitschte See. Die Stärke des Sturmes hatte etwas nachgelassen, und wir konnten zur Erholung in den überdeckten Gängen unter dem Oberdeck spazierengehen. Dort fanden wir auch den ersten Ingenieur, der sich umquartiert hatte, weil das zertrümmerte Boot gerade in seine Kabine geschlagen worden war und dort alles vernichtet hatte. Die fünfzehn Zentimeter starken schmiedeeisernen Bootsträger waren von der Gewalt des Wassers wie Streichhölzer geknickt worden. Die Stümpfe ragten noch in die Luft.

Gegen Abend setzte der Sturm mit erneuter Gewalt und womöglich noch stärker wieder ein. Auch das Mittagessen hatten wir allein einnehmen müssen. Die Offiziere gönnten sich nicht die Zeit zu regelmäßigen Mahlzeiten. Sie setzten sich wohl auf kurze Zeit in das Kartenzimmer hinter der Kommandobrücke, um etwas auszuruhen, doch waren sie immer vollzählig auf dem Posten.

Es war ein Uhr nachts. Wir lagen im Halbschlummer in unseren Kabinen, als plötzlich Alarm geschlagen wurde. Der Ruf »Feuer« eilte schaurig durch das Schiff. – Es brannte im Maschinenraum. Der Lebensnerv unseres Fahrzeuges war in Gefahr! – Im Ölraum war durch das starke Arbeiten des Schiffes eine Lampe aus der Befestigung gerissen worden und hatte die Vorräte in Brand gesetzt. Dem Maschinenpersonal war es nicht gelungen, des Feuers Herr zu werden.

Angesichts der großen Gefahr für das Schiff wurde uns gesagt, daß die Türen jetzt geöffnet blieben, doch sollten wir uns wegen des schweren Sturmes und der wütenden See nicht hinauswagen.

Vom Nebengang aus konnte man zu dem in hellen Flammen stehenden Maschinenraum hinüberschauen. Dort stand Kapitän Rüsch und gab mit schallender Stimme seine kurzen, klaren Befehle. Keine Miene verzog sich in seinem Antlitz. Kaltblütig kamen die Anordnungen über seine Lippen. Nichts in seinen Bewegungen ließ ahnen, welche Gefühle, angesichts der doppelten Gefahr, die jetzt das ihm anvertraute Schiff bedrohte, sein Innerstes durchzogen.

Zwei grimmige Feinde des Seemanns galt es zu bekämpfen: die tobende See und das Feuer. So kühn und furchtlos wie der Kapitän standen seine Offiziere ihm zur Seite, an den gefährdeten Stellen mutig vordringend und mit ihrem Beispiel die hart arbeitenden Matrosen und Feuerleute anfeuernd. Keine Hast, keine Überstürzung. Sachkundig wurde alles getan, um die Maschine, die in dem Flammenmeere ruhig weiterarbeitete, zunächst vor Schaden zu bewahren. Ein Versagen der Maschine hätte das Schiff steuerlos gemacht und einer unmittelbaren Gefahr ausgesetzt.

Der unermüdlichen Arbeit der braven Besatzung gelang es endlich, gegen Morgen des Feuers Herr zu werden. Mit rauchgeschwärzten Gesichtern, Haar und Bart versengt, kamen die Offiziere auf Augenblicke in den Saal, um sich etwas zu stärken. Freundlich und bescheiden wehrten sie unsere Glückwünsche ab.

»Es war ja nicht so schlimm,« meinte Kapitän Rüsch in seiner schlichten Art. Trotzdem er jetzt seit vierzig Stunden ununterbrochen im Dienste war, gönnte er sich noch keine Ruhe. Er schickte seine Offiziere auf ein paar Stunden ins Bett und versprach, auf seine Brücke zurückkehrend, gegen Mittag ebenfalls etwas ruhen zu wollen.

Doch aus seiner Ruhe wurde nichts. Um elf Uhr tönte wieder die Feuerglocke. Die Ladung brannte! Die eisernen Querwände, die den Maschinenraum vom Laderaum trennen, waren glühend geworden und hatten, wie man jetzt entdeckte, die dort lagernden Waren entzündet. Dünner Rauch aus den Luftschächten kündete den Brand an.

Der mit unverminderter Gewalt wehende Sturm und die hohe See verhinderten ein Öffnen der Decksluken. Man mußte versuchen, vom Zwischendeck aus zu dem Feuerherd vorzudringen. Doch auch das erwies sich als unmöglich, weil die Luken mit Ladung voll lagen.

Nun meldete sich der zweite Offizier, Herr Molchin, freiwillig, um sich von oben durch den Luftschacht in den brennenden Raum hinabzulassen. Es war ein gewagtes Unternehmen, zu dem der Kapitän nur unter dem Drucke der äußerst gefahrvollen Lage seines Schiffes die Zustimmung gab.

Der mutige Offizier band sich ein Tau um den Gürtel, nahm einen essiggetränkten Schwamm vor den Mund und trat, nachdem er einen stummen Händedruck mit seinem Kapitän gewechselt, mit Löschbomben versehen, seinen gefährlichen Weg an.

Atemlos verfolgten alle das Vordringen des Kühnen. Man bemißt nach dem Abwickeln des Taues seinen Weg – da: Ein Ruck! Das Seil wird schlaff. Nach einigen qualvollen Minuten erscheint das totenbleiche Gesicht unter dem Schachtrohr: Er zwingt es nicht allein!

Kurz entschlossen eilt ein junger Heizer seinem Offizier zu Hilfe in den brennenden Raum. Rastlos arbeiten sie gemeinsam um an den Herd des Brandes zu gelangen. Mehrmals muß ihnen der Schwamm hinuntergelassen werden. Ab und zu taucht ein bleiches, von unmenschlicher Anstrengung verzerrtes Gesicht unter der Schachtöffnung auf, um Luft zu schöpfen. Endlich gelingt es den Braven, den Raum frei zu machen und durch hereingeleiteten Dampf aus der Maschine das Feuer zu ersticken. Mehr tot als lebendig kriechen die kühnen Seeleute zur Einsteigöffnung zurück und geben das Zeichen zum Aufziehen. Erschöpft fallen beide auf Deck nieder und begrüßen tiefatmend das Tageslicht.

Der Sturm tobte mit ungebrochener Stärke weiter. Die See hämmerte auf das Schiff los, als wolle sie es unter allen Umständen vernichten, wir konnten kaum glauben, daß es je seinen Heimathafen erreichen würde.

Ein Abflauen am nächsten Nachmittag ließ uns alle aufatmen. Wir wiegten uns in der Hoffnung, daß der Wind abgezogen sei. Allein in der darauffolgenden Nacht brach der Orkan wieder mit voller Gewalt aus und warf die »Polynesia« wie einen Kork über die wild durcheinanderlaufende See.

Auch diesmal fanden die Wogen eine verwundbare Stelle. Gegen acht Uhr morgens wurde das Steuer von einer schweren See unglücklich getroffen und weggeschlagen. Steuerlos trieb jetzt das große Schiff auf dem Ozean und bot der See mit seinem riesigen Leib einen wehrlosen Angriffspunkt.

Aber auch angesichts dieser neuen Gefahr verloren die Schiffsoffiziere ihre Kaltblütigkeit nicht. In umsichtiger Weise traf der Kapitän Maßnahmen, um ungeachtet der hochgehenden wilden See das an Bord vorhandene Reserveruder einzusetzen. Diese Arbeit mußte aber außerhalb des Schiffes gemacht werden. Wer jemals den kochenden, brodelnden Hexenkessel eines in seinen Tiefen aufgewühlten Ozeans gesehen hat, der wird mit Schaudern daran denken, daß Menschen, die ungeschützt an der Außenwand eines Schiffes arbeiten müssen, hundertfach dem Tod ins Antlitz schauen.

Kühne Männer der Besatzung wurden an starken Tauen über die Meeresfläche hinuntergelassen. Gierig leckten die schaumgekrönten Wogenkämme nach den vermeintlichen Opfern. Aber Furcht war deutschen Seeleuten von jeher fremd. Frei schwebend, rittlings auf schwachen Brettern sitzend, arbeiteten sie da draußen an der Beseitigung der Trümmer und an der Einsetzung der schweren Teile des Reservesteuers. Oft schlug die um ihre Opfer geprellte brüllende See die tapferen Männer gegen die Schiffswand, daß ihnen der Atem verging. Haushohe Wogen überschütteten sie mit salziger Flut... Ein Wanken aber gab es nicht.

Das Schiff hatte sich mit dem Kopf in den Wind gedreht und trieb nun als ein Spiel der Wellen vor dem Sturm. Man ließ Öl zur Beruhigung aus, das auch seinen Zweck erfüllte, da es die heranstürmenden Brecher verhinderte, das Schiff zu überfluten.

Mit der gefährlichen, überaus mühevollen Arbeit verging der ganze Tag, und als endlich mit einbrechender Nacht die Meldung des zweiten Ingenieurs, daß »Alles in Ordnung« sei, zu uns gelangte, atmeten wir erleichtert auf.

Und noch einmal versuchte das gierige Meer unser schwer heimgesuchtes Schiff zu zerstören. Durch die unausgesetzt über das Schiff hinwegwaschenden schweren Seen war die Decksladung losgeschlagen worden. Zwei Zentner schwere Honigfässer rollten bei jedem Überholen des Schiffes wie Geschosse gegen die Bordwand und drohten alles zu zerstören, was in ihren Bereich kam. Eine Bergung der Fässer war mit größter Lebensgefahr verbunden. Aber trotzdem wagten sich die unerschrockenen Matrosen unter Leitung des dritten Offiziers auf das Vorderschiff. An solide Taue gebunden, stemmten sie sich den überschäumenden Wellen entgegen. Sooft sie auch vom Wasser zu Boden geschlagen wurden, immer wieder sah man sie mutig vordringen und nicht eher ruhen, bis die Fässer wieder befestigt und die Gefahr für das Schiff beseitigt war.

Als wir uns der portugiesischen Küste näherten, ließ der Sturm nach, und die See beruhigte sich wieder. Jetzt hatten wir die Freude, unsern Kapitän und seine Offiziere wieder bei uns am Tische zu sehen. Bescheiden wehrten die braven Männer, die wahrhaft Heldentaten verrichtet hatten, unsern Dank ab und wollten nichts davon wissen, daß sie mehr als ihre Pflicht getan hatten. Aber die Namen Rüsch, Molchin und Wichmann werden mir zeitlebens in angenehmer Erinnerung bleiben, denn ich hätte nie geglaubt, daß wir damals das Ziel unserer Reise je erreicht hätten. Ich war überhaupt vom Schicksal dazu ausersehen, das Meer, das ich so gern habe, in seiner furchtbarsten Gewalt kennenzulernen. Am Schlusse dieses Buches füge ich die Erzählung eines Schiffsunterganges an, der damals wochenlang die Spalten aller Blätter füllte, und aus der der Leser das harte Los eines Seemanns in seiner ganzen Wirklichkeit kennenlernt.

Kapitän Rüsch, der früher auch Segelschiffe über die Weltmeere geführt hatte, erzählte uns lächelnd, daß ein Sturm unausbleiblich gewesen wäre, denn nach altem Seemannsglauben bräche immer ein Unwetter aus, wenn an Bord das letzte Schwein geschlachtet würde. Der Sturm hätte deshalb unter den Seeleuten den Namen »Swienstorm«. Dieses Mal sei er nun wohl deshalb so heftig geworden, weil das Schwein unter so ungewöhnlichen Umständen gestorben sei. – Leider war auch das Schwein der See zum Opfer gefallen, und so mußten auch wir uns mit dem ersten Ingenieur trösten, der schmerzvoll und ergeben um das verlorene »Schwarzsauer« trauerte.

Mit meiner Rückkehr nach Deutschland fand meine dritte Reise um die Welt ihren Abschluß. In den folgenden vierundzwanzig Jahren durchstreifte ich noch oft die Welt nach allen Richtungen. Manche meiner Erlebnisse schrieb ich bereits in Tageszeitungen und in einzelnen Bänden nieder, vieles harrt noch der Herausgabe. Der Raum ist mir in diesen Büchern beschnitten, und ich kann aus der Fülle meiner Erinnerungen nur noch einige wenige Begebenheiten, die in eine spätere Zeit fallen, einfügen. In der Folge bereiste ich noch das Innere Nordbrasiliens, von den Orinocoquellen (oder dessen Ursprungsflüssen) quer durch Venezuela kommend. Ich war in Guayana und in Südafrika, wo ich den Burenkrieg erlebte, und ich beschloß meine Wanderung mit einer Reise nach Südosttibet. Der Weltkrieg zwang auch mich zur Ruhe, und obwohl ich trotz meines vorgerückten Alters noch immer die Reiselust in mir verspüre, so muß ich, durch die Verhältnisse gezwungen, dennoch die zahlreichen Aufgaben, die ich mir gestellt hatte, durch andere lösen lassen.

Die Welt beginnt sich nach und nach mit einem Netz von Eisenbahnen zu überziehen, die selbst die unberührteste Einsamkeit tropischer Urwälder erschließt. Leider – muß ich sagen, denn das, was ich in den von des Weißen Fuß noch nicht entweihten Ländern erschauen durfte, wird in Zukunft den Forschern versagt bleiben. Die Kultur tötet es.

Mit einem grausigen Erlebnis auf dem Atlantischen Ozean will ich das Buch schließen.

Ich befand mich an Bord des großen französischen Postdampfers »Ville de Saint Nazaire« auf der Reise von Neuyork nach Westindien.

Wir hatten das Lichtmeer der Riesenstadt Neuyork hinter uns, und in den trüben Wässern des Hudson spiegelten sich nur noch die dunklen Umrisse der entgegenkommenden Schlepper und Ozeandampfer.

Als ich unter Deck ging, herrschte in den Kajütengängen noch ein geschäftiges Leben und Treiben. Die Abfahrt war etwas überhastet vor sich gegangen und hatte dadurch Verwirrung in das sonst regelmäßige Getriebe gebracht. Einige des Reisens auf See noch unkundige Passagiere konnten sich mit den engen Kabinen nicht ohne weiteres abfinden und brachten durch ihre Klagen über die ihnen zugeteilte Schlafgelegenheit den Obersteward zur gelinden Verzweiflung. Hier schrie ein erboster Yankee den Beamten in groben Tönen an, wie er sich unterstehen könne, ihn, den weißen Amerikaner, mit einem Farbigen in eine Kabine zu legen. Dort jammerte eine Dame, daß man sie von ihrem Manne getrennt und mit einer fremden Frau zusammengelegt habe.

Von meiner Kammer aus konnte ich durch die dünnen Wände allen diesen Klagen um so eher mit kühlem Gleichmut zuhören, als ich mich frühzeitig nach einem guten Platz umgesehen und eine Kabine für mich allein belegt hatte. Es regte mich daher auch nicht weiter auf, als ich draußen auf dem Gang eine schrille Frauenstimme rufen hörte:

»Hier ist Nummer 24. Miß, bringen Sie das Gepäck hierher.« Gleichzeitig wurde der die Tür vertretende Vorhang zurückgerissen, und auf der Schwelle erschien eine ältliche hagere Dame, die mit einem entrüsteten »Aoh, Sir, was tun Sie hier?« sich vor mir aufpflanzte und mich wütend durch ihre großen Brillengläser anstarrte.

»Wie Sie sehen, Madame, ordne ich meine Sachen, und dann gehe ich zu Bett.«

»Aber, wie können Sie? Dies ist meine Kabine. Es ist die Nummer 24, und die habe ich gemietet.«

»Das muß ein Irrtum sein, Madame, ich habe die Nummer schon vor zehn Tagen belegt.«

Mit diesen Worten drückte ich auf die Klingel und ersuchte den erscheinenden Kabinendiener, die Streitfrage dem Zahlmeister zu unterbreiten. Während der Kellner sich entfernte, begann die Dame ohne weiteres ihre Schirme, Handtaschen, Mäntel, Schals auf mein Bett zu werfen. Dann setzte sie sich kampfbereit auf das Sofa, ihre Zofe auffordernd, dasselbe zu tun.

»Aber Madame, möchten Sie nicht die Güte haben, mit der Besitzergreifung zu warten, bis der Zahlmeister die Sache entschieden hat?« fragte ich in höflichem Tone.

»Aoh, was geht mich der Zahlmeister an, ich habe diese Kabine bezahlt und will diese Kabine haben. Sie werden jetzt sofort hinausgehen,« schrie im höchsten Diskant die erregte Amerikanerin.

Meine etwas derbe Erwiderung wurde durch den Zahlmeister abgeschnitten, der, mit der Passagierliste in der Hand, unter der Tür erschien und der alten Dame klarmachte, daß Nummer 24 von mir gemietet sei.

»Aber sehen Sie doch, ich habe heute mittag diese zwei Plätze in Kabine Nummer 24 gekauft. Der Agent sagte mir, das sei eine dreibettige Kabine, in der nur ein Bett belegt sei.«

»Allerdings, Madame, aber der Herr hier hat das Bett belegt, und Sie können doch hier nicht auch noch wohnen wollen?« entgegnete schmunzelnd der Beamte. Das ob dieser Zumutung höchst verblüffte Gesicht der streitbaren Dame zwang uns zum Lachen. Doch dieser Heiterkeitsausbruch löste bei unserm Gegenüber einen Sturm der Entrüstung aus, dem der Franzose nicht gewachsen war.

Er machte mir den Vorschlag, trotz meines anerkannten Rechtes auf die Kabine, hier das Feld zu räumen und eine der Luxuskabinen auf dem Oberdeck zu beziehen, denn er befürchtete, daß wir wohl kaum zur Ruhe kämen, weil diese Art von Damen an ein Zurückweichen nicht dächten.

Unser Zwiegespräch in der ihr unbekannten französischen Sprache schien die Amerikanerin schon als ein Zugeständnis an ihre Superiorität aufzufassen, denn sie begann ohne weiteres meine Handtaschen und die bereits ausgepackten Kleider ihrer Zofe in die Arme zu drücken, mit dem Befehl, die Sachen draußen auf dem Gange niederzulegen. Ich wurde also im wahrsten Sinne des Wortes aus meiner eigenen Kabine hinausgeworfen.

Den beschwichtigenden Worten des Zahlmeisters gelang es, meinen Zorn über derartige Behandlung zu unterdrücken, und die neue Kabine auf dem Oberdeck versöhnte mich durch ihre größere Bequemlichkeit und die geräumigen Ausmessungen mit dem Hinauswurf aus Nummer 24. Besonders das Bett war viel bequemer, und ich freute mich auf die angenehme Reise in dieser schönen Kabine.

Die Nacht ging vorüber. Als der Morgen anbrach, befand sich der Dampfer auf hoher See. Vom Lande war nichts mehr zu sehen, das Meer war mäßig bewegt, und ein leichter Wind kräuselte die Köpfe der kurzen, weißen Wellen.

Bald zeigte sich das bekannte Bild. Alle Passagiere kamen nach dem Frühstück an Deck. Die Damen suchten sich geschützte Ecken und legten sich mit Handarbeiten oder Zeitungen in die bequemen Bordstühle. Die Herren spazierten rauchend um das Oberdeck und musterten mit prüfendem Blicke die Mitreisenden, um deren gesellschaftliche Zugehörigkeit zu ergründen.

Es waren zweiundvierzig Passagiere in der ersten Klasse, darunter achtzehn Damen. In der dritten Klasse mochten vielleicht einige dreißig Leute sein, meistens Italiener, welche ihr Glück in den Antillen versuchen wollten. Eine zweite Klasse führte der Dampfer nicht. Die Besatzung bestand aus hundertsechs Köpfen unter Kapitän Geoffroy. wir waren also zirka hundertachtzig Personen an Bord.

Die Reisenden bedurften nur kurze Zeit, um sich an die neue Gesellschaft zu gewöhnen. Bald bildeten sich Gruppen, welche, wie das auf allen Seereisen der Fall ist, durch den Zufall zusammengebracht, auch während der ganzen Reise einen mehr oder weniger abgeschlossenen Kreis bilden. – Der Obersteward bringt bald mit kundigem Blick heraus, wie sich die verschiedenen Elemente zueinander stellen, und verteilt demgemäß die Plätze an der gemeinsamen Tafel.

Zu mir hatte sich der Schiffsarzt, Dr. Caselli, gesellt, der in humoristischer Weise noch einigen hinzutretenden Passagieren mein Erlebnis mit der Amerikanerin schilderte, die den armen Zahlmeister noch die halbe Nacht auf den Beinen gehalten hatte.

Es war nämlich auf der Agentur noch ein weiteres Versehen passiert, dadurch, daß man einer dicken Holländerin einen Platz in einer Herrenkabine verkauft hatte. Diese wies nun der Zahlmeister in das dritte Bett auf Nummer 24. Es soll dabei zu erregten Szenen zwischen den Damen gekommen sein, die nur durch einen Machtspruch des herbeigerufenen Kommandanten geschlichtet werden konnten.

Bei dem ruhigen Gang des Schiffes war am ersten Tage alles vollzählig bei der Mittagtafel versammelt. Aber schon am Nachmittag änderte sich das Bild. – Die Oberfläche des Wassers wurde glatt wie Glas, von Süden her kam eine schwere Dünung über die ungeheure Fläche, welche das Schiff sich heben und senken ließ und viele Passagiere seekrank in die Kabinen trieb.

Der erste Offizier trat zu uns und bestätigte meine Ansicht, daß uns die Dünung bald Sturm oder heftigen Wind bringen würde, »aber,« fügte er abschwächend hinzu, »das Barometer ist zwar gefallen, doch das braucht durchaus noch nicht auf Sturm zu deuten, es verkündet vielleicht nur südliche Winde.«

»Aber sehen Sie nur die sinkende Sonne und die See, die wie flüssiges Gold aussieht, das hat doch um diese Jahreszeit und in diesen Breiten sicher nichts Gutes zu bedeuten?« warf ich ein.

Und wirklich, die Sonne sank wie eine große Purpurkugel am dunstigen Horizont herab und schien mit ihrem unteren Rand auf der Seelinie zu zittern. Es lag etwas Überwältigendes in der einsamen Majestät ihres Untergangs, besonders als jetzt der glühende Ball in dem unermeßlichen Ozean versank und am Himmel noch der letzte Feuerschein die Mastspitzen unseres Dampfers in goldigem Licht aufflammen ließ.

Mit dem allmählich verblassenden Widerschein verschwand der herrliche Anblick, und ein unangenehmer kalter Luftzug machte sich empfindlich fühlbar.

»Das war ein wunderbares Schauspiel, wie ich es vielleicht nie wieder haben werde,« rief ein neben mir am Heck stehender Pflanzer aus Kuba begeistert aus.

»Wenn uns das nur keine kalten Tage weissagt,« entgegnete ich dem Enthusiasten, »wir kommen bald auf die Höhe von Kap Hatteras, und da kann es böse wehen. Ich habe zum Unglück eine Kabine hier oben auf Deck und daher das Wetter aus erster Hand.«

»Seien Sie froh,« erwiderte der Pflanzer, »da unten ist es jetzt schon unangenehm mit all den Seekranken, und wie wird es erst werden, wenn wir wirklich Sturm bekommen?«

»Nun, diese Nacht werden Sie noch nichts von einem Sturme spüren,« warf der vorübergehende Kapitän ein, der die letzten Worte gehört hatte. »Ich denke, daß das ruhige Wetter noch anhält und die Dünung von einem Sturme herrührt, der sich vor uns bereits ausgetobt hat.«

»Mich soll's freuen, denn ich fürchte nur die Kälte, während der Sturm mich wenig bekümmert,« gab ich zurück, indem ich mich in meine Kabine begab.

Die Nacht war hereingebrochen. Der Mond war kaum sichtbar, doch die Sterne schienen groß und leuchteten und glitzerten im weißen Licht auf dem Wasserspiegel, von meiner Kabine aus, die sich unmittelbar auf das Deck öffnete, konnte ich unter einem großen Boote hinweg in den matt leuchtenden Streifen sehen, den der rasche Lauf des Schiffes in der dunklen Wasserfläche aufwühlte.

Vom Vorderdeck her tönten die melancholischen Weisen eines italienischen Liedes. Fast geisterhaft klangen die Töne in der Stille und Dunkelheit. Der wehmütige Eindruck wurde noch erhöht durch das Rauschen des von der Schraube aufgeworfenen Wassers und die gespenstig sich hebenden Masten, wenn das Schiff auf die Kämme der hohen Dünung stieg.

Die Stille wurde plötzlich unterbrochen durch die Glocke des Kellners, der zum Abendessen in den Speisesaal rief. Hier zeigten sich schon manche Lücken in der Tafelrunde, manch leerer Stuhl zeigte uns, daß die Seekrankheit bereits zahlreiche Opfer gefordert hatte, viele bleiche Gesichter deuteten auf heroische und doch so zwecklose Kämpfe gegen das Übel.

Nach dem Abendessen fehlte die Stimmung unter den wenigen Spaziergängern, welche vor dem Schlafengehen noch den kurzen Verdauungsmarsch rund um das Oberdeck machten, und früher als sonst wurde das Deck verwaist.

Ich saß mit dem Doktor vor der Tür meiner Kabine, als der zweite Offizier sich zu uns gesellte und sagte:

»Das Barometer ist bedeutend gefallen, das Wetter wird sich in der Nacht noch ändern. Schließen Sie ihre Tür recht fest, denn sonst schwimmen Sie mitsamt Ihrem Bett fort.«

»Na, na, Herr Massa, gar so schlimm wird's wohl nicht. Ich wohne doch hier neun Meter über dem Wasser, und so hoch kommen höchstens die Spritzer bei einem Orkan,« entgegnete ich..

»Warten Sie es ab, lieber Herr, ich kenne das Schiff, wenn es zu rollen anfängt, legt es sich tief über – doch hören Sie, da geht es schon los.«

Ein plötzlicher Windstoß fuhr über das Schiff, begleitet von einem pfeifenden, unbestimmten Ton, der wie ein leises Echo aus unendlicher Ferne klang.

Dem Windstoß folgte eine plötzliche Stille.

Der Offizier erhob sich schnell und wünschte uns kurz »gute Nacht«. Auch der Doktor sprang eilends auf und verließ mich. Ich selbst konnte mich noch nicht entschließen, mein Bett aufzusuchen. Die eigentümliche, ich möchte fast sagen greifbare Stille und ein Gefühl der Erwartung bedrückte mich. Das singende Echo aus der Ferne kam näher und nahm bald einen Ton an, wie wenn starker Regen auf Blätter fällt. Aus Südosten kamen lange dunkle Schatten über den Horizont gezogen und umhüllten, wie mit gespenstigen Armen, die glitzernden Sterne. Bald verdickten sich die Schatten zu festen schwarzen Wolkengebilden, die mit rasender Schnelligkeit herankamen, und gleichzeitig stürzten brausend und tosend haushohe Wellen heran, die der heulende Wind mit weißem Schaum bedeckte.

Das Schiff begann zu rollen. Ächzend und knarrend tauchte es seinen Bug tief in die aufgewühlte See, legte sich dann auf die rechte Seite, und, sich wieder aufrichtend, schüttelte es die über das Vorderdeck sich ergießenden Wassermengen beim Überholen nach links in das Meer zurück.

Meine Kabine lag auf der dem Sturm abgekehrten Seite. Ich hatte mich vom Deck zurückgezogen und in die Tür meiner Kabine gesetzt. Das Schiff neigte sich so scharf gegen das schäumende Meer, daß ich den weißen Gischt des vom Schiffsrumpf verdrängten Wassers von meinem Platz aus sah, und ich fing an, die Warnung des zweiten Offiziers zu verstehen.

Der Wind nahm immer mehr zu. Die hohle, schwere See stand schräg zu unserer Fahrtrichtung und warf große Wogen gegen unsere Bordwand. Dabei wurde es recht empfindlich kalt. Ich verließ meinen Platz und legte mich zu Bett, nachdem ich die Tür der Kabine geschlossen hatte. Aber das Tosen und Rauschen des Sturmes, das ächzende Knarren des schwer arbeitenden Schiffes ließen mich nicht recht zur Ruhe kommen.

Bald tauchte das Schiff so tief, daß ich in meinem in der Richtung der Längsachse des Schiffes liegenden Bett fast auf dem Kopfe stand, bald hob es sich und stellte mich fast aufrecht auf die Füße. Die nächste seitliche Bewegung drohte mich aus dem Bett zu werfen, und unter solchem fortwährenden Balancieren suchte ich den Elementen einen kurzen Schlaf abzutrotzen.

Gegen fünf Uhr brach die Morgendämmerung an. Das matte, trübe Licht zeigte das wilde, stürmende Meer, welches sich berghoch gegen den Horizont abhob. Unser Schiff arbeitete schwer und bahnte sich mühsam seinen Weg durch die aufgeregten Wassermassen. Bald befanden wir uns hoch auf einem Wellenberg, bald tief in einem dunklen Tal, und die See spielte mit dem großen Dampfer, als wäre er eine Nußschale.

Der Himmel war dunkelgrau, und die regenschweren Wolken zogen in großen Fetzen pfeilschnell dahin, von Zeit zu Zeit rasselte ein kurzer Schauer auf das Deck, daß die Tropfen hoch aufspritzten.

Auf dem Wege zum Frühstücktisch mußte ich mich an dem Geländer entlangziehen, und die Stellen des Decks, die schutzlos dem Wetter offen standen, konnten nur passiert werden, wenn man sich der zu diesen Zwecken ausgespannten Haltetaue bediente.

Am Frühstücktisch traf ich nur den Zahlmeister.

»Ich danke für eine solche Luxuskabine, Herr Kommissar, die man nur unter Lebensgefahr erreichen oder verlassen kann,« sagte ich ihm. »Wenn ich das geahnt hätte, wäre ich um keinen Preis hinaufgegangen.«

»Seien Sie froh, daß Sie oben sind. Da unten ist alles seekrank und eine fürchterliche Luft. Man muß alle Türen und Fenster dicht verschlossen halten, und selbst Seeleute würden da krank,« tröstete er mich. Zugleich erfuhr ich, daß die See in der Nacht ein Oberlicht eingeschlagen hatte und meine Nummer 24 ganz gehörig durchnäßt wurde.

»Wenn die alte Amerikanerin nicht so schwer seekrank wäre, getraute ich mich gar nicht mehr aus meiner Koje,« fügte er lächelnd hinzu.

Im Rauchzimmer fand ich den Doktor und den ersten Offizier, wir unterhielten uns über die Wetterlage und tauschten unsere Ansicht über den nächtlichen Unfall aus, als plötzlich in dem Kajüteneingang eine merkwürdige Gestalt erschien. Ein blasser, langaufgeschossener Mulatte in hellgrauem Schlafanzug, dessen Gesichtsfarbe durch die Seekrankheit ins Grüne spielte, wollte offensichtlich einen Spaziergang auf Deck machen. Schon setzte er den Fuß über die hohe Bordschwelle, als der erste Offizier ihm zurief, er sollte lieber drinnen bleiben. In demselben Moment aber neigte sich das Schiff tief auf die rechte Seite, der Mulatte verlor den Halt, kollerte laut schreiend über das glatte Deck, gerade als eine Sturzsee von links kam und ihn mit aller Wucht gegen die Schanzkleidung warf. Der Offizier und ein Kellner sprangen ihm zu Hilfe und zogen den völlig Durchnäßten wieder in das schützende Dach. Hier klammerte er sich angstvoll an die große Treppe und flehte heulend um Rettung. Nur mit Mühe war er zu beruhigen.

Bis zum zweiten Frühstück blieb ich im Rauchzimmer, wo sich nach und nach sechs Herren einfanden. Der Wind flaute etwas ab, aber die See tobte noch furchtbar. – Infolgedessen war auch der Speisesaal wieder sehr schwach besetzt.

Das heftige Rollen des Schiffes machte das Essen zu einer schwierigen Aufgabe. Teller und Gläser rollten trotz der am Tisch angebrachten »Sturmleisten« wild hin und her. Bei einer besonders schweren Bewegung glitt ein Stoß Teller auf den Boden, wo er zerbrach. Da ein Einschenken in die Gläser eine Unmöglichkeit wurde, mußte das Getränk aus der Flasche genommen werden. Die sich hieraus ergebenden komischen Situationen trugen viel zur Verscheuchung der gedrückten Stimmung bei.

Nachmittags ging der Wind nach Nordosten herum und packte den Dampfer direkt von der Seite. Das Auf- und Abstampfen des Schiffes milderte sich etwas, dafür wurden aber die seitlichen Bewegungen so stark, daß man oft glauben konnte, das Schiff richte sich nicht wieder auf. Besonders gegen Abend wurden die Wellen so hoch, und das Schiff holte so stark über, daß das Gepäck in den Kabinen aus den Netzen fiel und in den Anrichteräumen Teller, Flaschen, Gläser klirrend aus ihren Befestigungen auf den Boden geschleudert wurden.

Unter wirklicher Lebensgefahr erreichte ich meine Kabine. Ich fand auch hier alles chaotisch durcheinandergeworfen.

Da ich nicht imstande war, aufrecht zu sitzen, legte ich mich auf das Bett, ließ die Tür offen und sah hinaus in das tobende Element. –

Ein blauer, scharfer Schein leuchtete über das Wasser. Aber wenn ein Donner dem Blitz gefolgt war, so war er doch unhörbar in dem wilden Geheul des Orkans. Ich rutschte bis zur Tür und sah hinaus. Der Himmel war tiefschwarz, nur von Zeit zu Zeit von unheimlich leuchtenden, blaugrünen Blitzen durchkreuzt. Der Orkan, der das Meer bis in seine Tiefen aufwühlte, schleuderte mir den Schaum in Fetzen vor die Füße. – Das Schiff erbebte in allen Fugen, wenn eine besonders schwere See es traf. Ich mußte mich mit aller Kraft festhalten, um nicht aus der Kabine auf Deck zu rutschen, von wo ich sicher in die See geschleudert worden wäre.

So verging Stunde auf Stunde. Ich dachte gar nicht daran, mich auszukleiden. Auch der Schlaf floh mich, da der Aufruhr in der Natur auch meine Nerven aufgepeitscht hatte.

Ein furchtbarer Schlag mit darauffolgendem Splittern und Krachen ließ mich aufspringen. Dann wieder ein Brechen – ein Krachen.

Vor meiner Tür huschten Gestalten vorüber, Matrosen, die sich in triefenden Kleidern mühsam an der Brustwehr entlangzogen. Ich versuchte sie anzurufen, doch der Ruf verhallte ungehört.

»Haben Sie irgend etwas Trinkbares in der Kabine?« brüllte da plötzlich eine Stimme durch den offenen Türspalt.

Es war der zweite Offizier, der im Ölzeug und Südwester auf meine Einladung zu mir hereinkam. Zu seinen Füßen bildete sich sofort eine große Lache. – Nachdem er sich durch einen kräftigen Schluck aus meiner Kognakflasche gestärkt hatte, erzählte er, daß die See soeben an der Windseite ein Boot aus den Trägern gerissen und die armdicken, schmiedeeisernen Bäume wie Strohhalme abgeknickt hatte. Das Boot war an der Wand des Maschinenoberlichtes zerschellt.

»Und was halten Sie von Schiff und Wetter, glauben Sie, daß wir es überstehen werden?« fragte ich ihn.

»Ich denke doch, denn unsere 'Ville de Saint-Nazaire' ist immer noch solide, wenn auch alt. Lieber wäre es mir allerdings, wenn der Kapitän beidrehen würde,« gab Herr Massa zur Antwort, und eine schwere Sorge prägte sich unverkennbar auf seinem Antlitz aus. »Aber jetzt darf ich mich hier nicht aufhalten, um zwölf Uhr ist meine Wache zu Ende, dann komme ich auf ein Stündchen zu Ihnen.«

Die wenig vertrauenerweckende Ansicht des Offiziers über die Stabilität des Schiffes gab mir zu denken. Ich hatte genug Erfahrung in nautischen Dingen, um mir einen Vers darauf machen zu können, und hatte schon deshalb Befürchtungen gehegt, als ich daran dachte, daß das Schiff sehr wenig Ladung hatte und durch das Verfeuern der Kohlen täglich leichter wurde. Wenn jetzt durch irgendein Versehen in den Kohlenbunkern die rechte Seite zum Nachteil der linken ungleich entleert wurde, dann neigte sich das Schiff zu sehr gegen die See und kam bei seinen hohen Decksbauten in dem schweren Sturm in Gefahr, zu kentern.

Diese Reflexionen teilte ich dem zweiten Offizier mit, als er gegen halb ein Uhr morgens zu mir kam.

»So ganz unrecht haben Sie nicht,« meinte er, »ich habe dem Alten auch schon Andeutungen gemacht, aber er will von Beidrehen nichts wissen. Übrigens sehe ich, daß Sie schon die Rettungsgürtel bereit liegen haben, sind Sie ängstlich?«

»Nicht im geringsten,« entgegnete ich, »aber Vorsicht schadet nie. In der See, die jetzt da draußen steht, würde mir ein Rettungsgürtel wenig nützen, denn so weit, wie wir von der Küste entfernt sind, ist wenig Aussicht, aufgefischt zu werden, und ein langsamer, qualvoller Tod im Rettungsgürtel ist doch wohl das Schrecklichste, was einem passieren kann, wir fischten einmal bei Kap Horn einen toten Seemann auf, der im Rettungsring trieb und der, nach verschiedenen Anzeichen zu urteilen, inmitten der großen Wasserwüste verdurstet war.«

»Um Gottes willen,« unterbrach mich der Offizier, »beschwören Sie nicht so böse Bilder herauf. Das Wetter ist nicht danach, um sich mit solchen Schilderungen zu unterhalten.«

»Allerdings,« entgegnete ich, »aber in einer Gefahr soll man immer klaren Kopf haben und alle Möglichkeiten erwägen. Ich mache mir zum Beispiel auch Gedanken darüber, ob unsere Boote dicht und für den Notfall gut verproviantiert sind, und ob sie genügend Raum für alle Menschen an Bord bieten.«

»Die Boote sind sämtlich in Ordnung, besonders das meinige, das hier gerade vor der Tür hängt. Die Hafenpolizei in Neuyork hat uns am Tage vor der Abfahrt streng kontrolliert, und ich muß gestehen, es war manches nicht so, wie es sein sollte. Sie wissen ja, wir Seeleute denken nicht, oder doch nicht gern, an die Möglichkeit eines Schiffbruchs, und das hat dann auf den Zustand der Rettungsmittel Einfluß. Ob wir aber im Falle einer Katastrophe alle an Bord befindlichen Menschen in den acht Booten – oder jetzt noch sieben – unterbringen können, weiß ich nicht. Das hängt auch wohl von den Umständen ab. Ich habe übrigens noch keinen Untergang erlebt und hoffe auch, daß er mir erspart bleibt.«

»Aber ich habe eine solche Katastrophe noch ziemlich frisch im Gedächtnis, und ich werde sie Ihnen gelegentlich mal genau schildern,« erwiderte ich. »Wir wurden damals angerannt, und unser Dampfer sank in zwanzig Minuten. Noch heute denke ich mit Schrecken an die Szenen, die sich da abspielten...«

»Bitte, hören Sie auf und reden wir von etwas anderm. Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber ich male den Teufel auch nicht gern an die Wand,« rief der Offizier. »Doch ich will jetzt in meine Koje kriechen und noch ein paar Stunden schlafen. Gute Nacht, lieber Freund, und besten Dank für den Kognak.«

Der Sturm riß dem Offizier die Tür aus der Hand und schlug sie mit solcher Gewalt an die Wand, daß die Fenster zersprangen. Er rief mir dann noch etwas zu und verschwand in der Finsternis.

Nach vergeblichen Versuchen, die Tür wieder zu schließen, streckte ich mich wieder auf mein Lager. Die Müdigkeit senkte sich auf meine Lider, und ich schlief trotz des heulenden Orkans ein.

Ein Frösteln weckte mich. Als ich die Augen aufschlug, war die dicke Finsternis in ein schmutziges Dunkelgrau übergegangen. Der Orkan wehte immer noch, und in dem ungewissen Lichte sah ich, daß die wild durcheinanderlaufende, kochende See uns noch immer hart zusetzte.

Während ich so dastand, glaubte ich ein Stoßen im Innern des Schiffes zu verspüren. Ich ging zur Tür und bemerkte, daß unser Schiff sich stark auf die rechte Seite legte und keine Miene machte, sich wieder aufzurichten. Mein Gespräch von gestern abend schoß mir blitzschnell durch den Kopf. Ich zog meinen dicken Wettermantel an und stapfte gegen den Sturm nach der Mitte des Schiffes. Die Neigung nach rechts wurde immer ausgeprägter.

Doch noch hatte ich keine zehn Schritte vorwärts gemacht, als der langanhaltende, heulende Ton der Dampfpfeife den Passagieren verkündete, daß uns ein Unglück bevorstand. Was war geschehen? Was mußten wir fürchten?

An mir vorüber sprangen in wilder Hast einige Matrosen, auf ihren Gesichtern las ich Angst und Entsetzen. Ich stellte mich ihnen in den Weg, um Auskunft bittend. Mit rohem Griff stieß mich einer zurück, ich taumelte, glitt auf dem nassen Deck aus und schlug mit dem Kopf hart an die Reling. Der Sturz hatte mich fast betäubt.

Als ich mich wieder erhob, sah ich, daß man im Begriff war, die Boote freizumachen. Ich kroch mehr als ich ging die wenigen Schritte zu meiner Kabine zurück. Hier, vom erhöhten Standpunkt, konnte ich sehen, daß das Wasser bereits auf das Unterdeck spülte. Jetzt hörte ich auch das Abblasen des Dampfes aus der Maschine.

Hastig entledigte ich mich meines dicken Mantels und legte die Korkgürtel um. Ich war mir über die gefahrvolle Lage sofort klar, doch spürte ich kein wirkliches Angstgefühl. Mit Ruhe sah ich mich um, steckte noch einiges zu mir und schwang mich in demselben Augenblick in das vor meiner Tür hängende Boot, als der zweite Offizier mit einigen Leuten herbeisprang, um es zu Wasser zu lassen.

»Schnell, fort, wir sinken, das Wasser ist schon in die Maschinen gedrungen,« schrie er mir zu. Das weitere verhallte in dem Tosen des Sturmes.

Sofort legte ich mit Hand an, um das schwere Boot aus den Lagern in die Höhe zu heben und nach außen zu bringen. Hier zeigte sich wieder der Nachteil des Streichens mit Ölfarbe. Die Farbe war eingetrocknet und saß so dick in den Blöcken, daß es der Anstrengung aller im Boote befindlichen Männer bedurfte, das bereits frei schwebende Fahrzeug auf das Wasser zu bringen.

Der Offizier schrie sich heiser, um uns zur Eile anzuspornen, und wir arbeiteten mit der Kraft, die die Todesangst verleiht.

Eine Anzahl Menschen stürzte auf unser Boot zu, doch als sie bemerkten, daß dasselbe nicht flott wurde, rannten sie auf die Windseite des Dampfers hinüber. Endlich – es schien uns eine Ewigkeit – ein Ruck. Das Tau löste sich und rollte durch den Block. Der Offizier sprang zu uns hinein, gab kurze Befehle, dann stieß das Boot so heftig auf die See, daß wir alle durcheinandergeworfen wurden.

In diesem Moment wurden auf Deck noch einige Gestalten sichtbar. Kurze Rufe übertönten den Lärm. Dann sprangen sie über Bord. Wenigen gelang es, unser Boot zu erreichen. Die andern verschwanden lautlos in der gurgelnden Flut. In der nächsten Minute faßte uns eine schwere Welle, hob uns hoch über das fast bis zum Oberdeck im Wasser liegende Schiff und warf uns dann in ein tiefes Wellental hinab.

Hier gelang es uns, noch zwei Heizer dem Ozean zu entreißen, ehe wir aber weitere treibende Menschen erreichen konnten, hob uns die See wieder haushoch und trieb uns mit kräftigem Stoß weit ab. Es bedurfte der ganzen Geschicklichkeit des Offiziers, um das Boot in der hohen See vor dem Kentern zu bewahren. Eine schwere Woge nach der andern faßte uns und warf uns in tiefe, gurgelnde Abgründe. Der Atem stockte, wenn man auf dem höchsten Kamm einer See balancierend, eine Sekunde gleichsam haltlos in der Luft schwebte, um im nächsten Augenblick in eine gähnende, brodelnde Tiefe geschleudert zu werden, daß das Boot in allen Fugen krachte.

Als wir zur Besinnung kamen, sahen wir unsern Dampfer schon weit entfernt. Er lag mit dem Stern im Wasser, und schwere Sturzseen brachen über das Hinterdeck. Lebende Wesen waren nicht mehr an Deck zu sehen, dagegen hielten sich zwei Boote noch in der Nähe des Vorderschiffs.

Ein tiefes Wellental entzog uns dann jeden Rundblick, aber die nächste Welle packte uns von neuem, und gleichsam als wollte sie uns Zeit geben, der Vernichtung des stolzen Dampfers beizuwohnen, schwebten wir kurze Zeit von Kamm zu Kamm.

Plötzlich sahen wir, wie sich der Bug hoch aus dem Wasser reckte, der spornförmige Vordersteven erschien in der Luft, als strecke ein Ertrinkender in seiner Verzweiflung und letzten Qual noch einmal die Hände gegen den Himmel.

Dann versank er langsam in der Flut. Der Dampfer, der so stolz das Meer gepflügt, lag in seinem Grabe.

Wie gebannt hafteten unsere Blicke an der Stelle, an der sich eben das Schicksal unseres Schiffes und ach, wie vieler Menschen erfüllt hatte.

Jetzt waren wir allein auf der ungeheuren, aufgeregten Wasserwüste. Auch die vorher gesichteten Boote waren unserm Gesichtskreis entzogen. Kein Wort wurde gesprochen, wir alle waren noch unter dem Eindruck des Furchtbaren, das da so unvermittelt über uns hereingebrochen war.

Der Offizier saß totenbleich mit fest zusammengebissenen Zähnen am Steuer, die Augen geradeaus gerichtet, und widmete scheinbar seine ganze Aufmerksamkeit der Leitung des Bootes. Ich selbst war durch die übermenschliche Arbeit beim Flottmachen des Bootes über den ersten lähmenden Schrecken hinweggekommen und konnte mich jetzt nach meinen Mitgefährten umsehen.

Ich zählte sechsundzwanzig Personen, davon waren acht Männer, zwei Frauen, drei Kinder und ich Passagiere, die übrigen gehörten zur Besatzung. Es waren der Offizier, der Doktor, sechs Matrosen, zwei Heizer, ein Kellner und ein Küchenjunge.

Ich wagte nicht zu berechnen, wie viele wohl in den übrigen Booten Aufnahme gefunden hatten.

Der Doktor brach zuerst das Schweigen.

»Wie weit sind wir von der nächsten Küste entfernt, Herr Massa?« fragte er den Offizier.

Wie aus einem Traum erwachend, blickte dieser einen Moment wie geistesabwesend vor sich hin, strich sich mit der Hand über die Stirn und sagte dann: »In meiner Wache waren wir hundertachtzig Seemeilen nordöstlich von Norfolk. Wir haben also Hoffnung, von vorüberfahrenden Schiffen aufgenommen zu werden, da wir in dem regelmäßigen Dampfertrakt liegen.«

Die Stimme klang erzwungen und unnatürlich und erhöhte sonderbarerweise das Gefühl der Einsamkeit, das mich beim Anblick der trostlosen Wasserwüste beschlich.

Die Kinder schienen die Empfindungen zu teilen, die allen Erwachsenen auf dem Gesicht ausgeprägt waren und ihnen die Sprache raubten. Ein kleiner Junge zupfte seine Mutter am Kleid und fragte flüsternd, wann das Schiff zurückkommen würde, um sie wieder an Bord zu nehmen.

»So Gott will, kommt bald ein Schiff, das uns abholt, mein Kind,« antwortete die Mutter.

»Und wo ist mein Papa und meine Mama jetzt, ich will zu ihnen!« schluchzte ein anderes Kind, ein herziges, schwarzlockiges Mädchen von ungefähr sechs Jahren.

Überrascht und erstaunt blickten wir uns gegenseitig an. Der Doktor, der sofort die Situation erfaßte, beruhigte die Kleine mit den Worten:

»Deine lieben Eltern erwarten uns schon am Land, sie fahren in einem andern Boot vor uns.«

»Ist da meine Mama auch?« fragte das dritte der Kinder, ein blasser Knabe von acht Jahren.

»Ja, mein Junge, deine Mama ist auch in dem Boot,« antwortete der Doktor.

»Sagen Sie, Herr Kapitän, wird unser Boot auch nicht untergehen?« fragte einer der Passagiere, ein Kreole, der vor Angst am ganzen Körper zitterte.

»Gewiß nicht, beruhigen Sie sich nur. Sehen Sie, der Sturm läßt nach, und wir können jetzt das Segel setzen. Dann werden wir bald an Land und in Sicherheit sein,« gab Herr Massa zur Antwort.

Und in der Tat, der Sturm legte sich etwas, und die See, die jetzt ihre Opfer hatte, schien sich auch zu beruhigen. – Aber die Gefahr war noch nicht vorüber. Das Boot schoß noch in wilden Sprüngen dahin, verfolgt und umtobt von den brüllenden Wogen. Einer der Heizer bog sich über den Rand, um sich die brennende Stirn zu netzen.

»Schnell niederbeugen und festhalten,« schrie da plötzlich die Stimme des Offiziers durch das Getöse.

Ich griff nach dem neben mir sitzenden Knaben und duckte ihn unter die Bank. Eine ungeheure Woge brauste von hinten heran, ihren grünen mächtigen Kamm bis zur Mastspitze hinaufschleudernd und dann dem Boote mit tigerartigem Sprunge folgend.

Ich hatte meine Füße gegen die Bank gestemmt und mit beiden Händen meinen Sitz umklammert. Steil hinauf flog das Boot, als wollte es sich überschlagen. Ein klatschender Schlag traf uns. Der Wasserberg brach, füllte das Boot und schoß zischend über die Spitze hinaus, als dasselbe in ein neues Wellental hinabstürzte.

»Alle Mann ausschöpfen,« tönte das Kommando.

Ich ließ das halb ertrunkene Kind, das vor Schreck keinen Laut von sich geben konnte, los, strich ihm sein triefendes Haar aus dem Gesicht, nahm den Schöpfer und begann emsig das eingedrungene Wasser auszuschöpfen.

»Wo ist denn Pierre, der Heizer?« fragte da plötzlich eine Stimme. Überrascht sahen wir an die Stelle, wo der Heizer gesessen hatte. Sie war leer. – Die überbrechende Woge hatte ihn über Bord gespült.

Da bei der See an eine Rettung nicht zu denken war, trieb der Offizier von neuem zum Ausschöpfen an und schnitt damit jede Erörterung über den Unfall ab.

Indessen stürmte das Boot vor dem jetzt ganz entfalteten Segel weiter. Hochauf spritzten die Wogen und warfen ihren Gischt in dicken Flocken über die Insassen. Die Frauen saßen still und in sich gekehrt. Die eine weinte leise vor sich hin, die andere spielte mit den Locken ihres Knaben, der seinerseits schüchterne Versuche wagte, das kleine Mädchen zum Spielen zu bewegen. Die Schiffsleute saßen zusammen im Vorderschiff und unterhielten sich leise in ihrem heimischen Dialekt. Die Passagiere sprachen mit dem Doktor und erörterten die Katastrophe.

»Was ist denn nun eigentlich mit unserm Schiff passiert, Herr Massa?« wandte ich mich an den neben mir sitzenden Offizier. »Das kam alles so rasch über mich, daß ich nicht einmal weiß, wie das Schiff leck wurde. Ich bin ja da oben in meiner Kabine von allem abgeschnitten gewesen.«

»Danken sie Gott, daß sie oben waren, denn die meisten Passagiere sind in ihren Betten ertrunken,« flüsterte er mir zu. »Durch das schwere Arbeiten des Schiffes hat sich eine der großen Türen geöffnet, die vom Zwischendeck nach außen gehen und zum Kohlenladen dienen. Dort stürzte das Wasser in Strömen in das Schiff und hat es in den Grund gedrückt. Ich fürchte, daß von den Kajütenpassagieren nur ganz wenige in den andern Booten sind. Diese hier sind bis auf die zwei Kinder Zwischendeckspassagiere.«

»Warum warten denn die andern Boote nicht auf uns, ich sehe sie gar nicht?« jammerte das kleine Mädchen, uns unterbrechend.

»Habe nur keine Angst, Kleine, wir treffen sie vielleicht heute abend noch,« tröstete ich.

Einige fliegende Fische erhoben sich ganz nahe aus der See und lenkten das Kind von seinen Gedanken ab. Die Sonne brach durch das Gewölk, und das Meer erglänzte in ihrem trostspendenden Lichte. Wer vermag den Eindruck zu schildern, den die Unendlichkeit der Meeresfläche auf das Menschenherz ausübt, wenn das Auge die unendliche Tiefe so nahe erblickt, daß die Hand ihre Oberfläche berühren kann? Beklemmend und grauenerregend wirkte diese Nähe auf die meisten unserer Gefährten. Besonders der Kreole litt furchtbar unter seiner Angst. Die Höhe des großen Dampfers über dem Wasserrand hatte ihnen bisher das Gefühl der Sicherheit gegeben, aber hier, wo sie das Wasser auf Armeslänge neben sich sahen, wo die hohen, gläsernen Wellenberge sich drohend neben dem Boote, ja, über unsern Köpfen türmten, und in dem Bewußtsein, daß nur unsere dünnen Planken uns von dem unermeßlichen Abgrund trennten, da war es ihnen, als wenn sie der Tod aus allen Ecken angrinste.

Am stärksten kam diese Empfindung bei dem Kreolen zum Ausdruck. Als das Boot bei der frischen Brise dicht an den Wind gebracht wurde, legte sich das kleine Fahrzeug scharf über. Der Kreole wurde dadurch so erschreckt, daß er sich angstvoll an der Wetterseite an den Bootsrand klammerte und kreischte:

»Hilfe, Hilfe, das Boot geht auch unter.« Dann brach er in nervöses Weinen aus und betete laut einige spanische Gebete.

Seine Angst und Verzweiflung waren wirklich mitleiderregend. Das bleiche, eingefallene Gesicht und die tief in den Höhlen liegenden Augen, aus denen eine gräßliche Todesangst leuchtete, machten einen unheimlichen Eindruck, und unwillkürlich zog sich der neben ihm sitzende Kellner von ihm zurück.

»Hier, trinken Sie einmal einen tüchtigen Schluck!« rief ich ihm zu, indem ich ihm die Kognakflasche reichte, die ich beim Verlassen des Schiffes eingesteckt hatte. Doch der Kreole schüttelte den Kopf, stierte mit weit aufgerissenen Augen auf das Wasser, schauderte wie im Fieber und betete leise vor sich hin, von Zeit zu Zeit sich bekreuzigend. – Auch die Frauen beteten und hatten die drei Kinder zwischen sich genommen, um ihnen die Aussicht auf die See zu entziehen.

Unser Boot war ziemlich neu und stark gebaut. Es sollte Raum für 45 Personen bieten und erlaubte uns daher einige Bewegungsfreiheit.

Der Offizier nahm jetzt seinen Kompaß zur Hand und befestigte ihn vor sich auf der Bank. Dann wurden die Vorräte nachgesehen, und wir hielten sie bei sparsamer Einteilung für fünf Tage für ausreichend.

Gegen Mittag gab der Offizier die erste Ration aus. Es gab Büchsenfleisch, Biskuits und Wein mit Wasser. Alle nahmen die Nahrung zu sich bis auf den Kreolen und den Küchenjungen. Dieser war beim Abstoßen des Bootes heruntergesprungen und hart auf die Bootswand aufgefallen. Er mußte sich dabei wohl verletzt haben.

Als der Doktor darauf aufmerksam wurde, setzte er sich zu dem Jungen und fragte ihn aus. Aber außer einem trüben, wehmütigen Lächeln bekam er keine Antwort. Sein totenblasses Gesicht und die Schauder, die über seinen Körper liefen, ließen erkennen, daß er sehr krank war.

Nachmittags schlief der Wind fast ganz ein, und die Wogen glätteten sich mehr und mehr.

Der Offizier teilte jetzt die Männer für die Bootsarbeit ein. Für die Ruder wurden je sechs Mann benötigt, die sich stündlich ablösten. Je ein Mann war am Tage für Ausguck und Steuer nötig. Diese lösten sich zweistündlich ab. Die Nachtwache wurde verdoppelt. Für das Steuern nach dem Kompaß kamen aber nur der Offizier, der Doktor, ein Matrose und ich in Frage.

Die Sonne tauchte mit goldiger Glut in den Ozean unter. Mit der Dunkelheit kam auch der Wind wieder auf, so daß wir das Segel setzen konnten. Die Sterne kamen zum Vorschein und spiegelten ihr Licht in dem leise rauschenden Wasser.

Ich saß am Steuer. Die Luft war mild, aber die See warf das Boot wiegend auf und nieder. Jede Unterhaltung war verstummt, und jetzt drängte sich wohl jedem von uns das Gefühl tiefster Verlassenheit auf.

Als die Abendration verteilt wurde, nahmen der Kreole und der Küchenjunge wieder nichts zu sich. Ersterer lag mit dem Kopf auf dem Bootsrand und schien zu schlafen. Letzterer saß apathisch gegen den Mast gelehnt und ließ von Zeit zu Zeit ein wimmerndes Klagen hören.

Ich machte den Doktor durch Zeichen auf den Jungen aufmerksam, worauf er wieder zu ihm herüberrückte. Er versuchte ihm etwas Kognak einzuflößen, aber der Kranke wehrte leise ab. Dann neigte er seinen Kopf auf die Brust des Arztes und schien diesem etwas sagen zu wollen. Nach wenigen Augenblicken fielen die Arme, die der Doktor auf seine Schultern gelegt hatte, schlaff herunter, der Kopf rutschte tiefer... ein Ruck ging durch den Körper, dann war es zu Ende.

Der Doktor gab mir das Zeichen, daß der Arme ausgelitten hatte.

Das war schon das zweite Opfer in unserm Boot.

»Großer Gott, prüfe uns nicht noch härter!«

Ich weckte vorsichtig den neben mir schlafenden Offizier und teilte ihm den Todesfall mit. Er winkte uns Schweigen zu, um die andern nicht zu beunruhigen.

Massa blieb nun wach. Als es auf Mitternacht ging, löste er mich ab. Er rief die beiden für den Ausguck bestimmten Matrosen leise an und befahl ihnen, den Toten mit nach vorn zu nehmen, um ihn den Blicken der andern zu entziehen.

Als dann die Mondsichel unter den Horizont getaucht war, begaben wir uns vorsichtig in die Spitze des Bootes. Drei Matrosen nahmen den Leichnam auf, der Arzt konstatierte nochmals den Tod, dann nahm Massa die Mütze ab und sprach mit leiser Stimme:

»Laßt uns dem Armen ein kurzes Gebet sprechen.« Wir folgten seinem Beispiel, und jeder betete ein kurzes, stilles Gebet... Hierauf erfaßten die drei mit Ehrfurcht den Toten und ließen ihn über den Rand des Bootes gleiten... Noch einen Augenblick schwamm der Leichnam auf dem Wasser, dann schlossen sich die Fluten über ihm.

Tieferschüttert kehrten wir an unsere Plätze zurück.

Das Boot zeigte einen tristen Anblick. Die nicht zum Wachen bestimmten Gefährten lagen in den unbequemsten Stellungen auf und unter den Bänken und suchten in kurzem Schlaf Vergessenheit. Rücken an Rücken gelehnt, saßen die beiden Frauen auf dem Boden des Bootes und hatten die Kleinen neben sich auf den Mantel des Heizers gelegt.

So verging die Nacht. Das fahle Licht des anbrechenden Tages brachte uns wieder heftigen Wind und schweren Seegang. Die Bewegungen des Bootes wurden äußerst unangenehm und die Spritzwellen durchnäßten uns alle.

Der zunehmende Wind führte große Wolken herauf, von denen jede ihren Regenschauer brachte. Das Segel mußte gerefft werden. Die Wogen schäumten brüllend, und es war oft schwer, zu vermeiden, daß ihre Kämme das Boot überfluteten.

Bis zum halben Mast schoß es hinab in die Wellentäler, in denen es, vorn und hinten umstarrt von den schwarzen gläsernen Wassermauern, wie tot zu liegen schien. Im nächsten Augenblick wurde es wieder von hinten gepackt und mit Gewalt emporgerissen, um wie toll vor dem Winde herzulaufen.

Ich hatte mich zum Doktor gesetzt und war auf das Schlimmste gefaßt. Der Kreole kauerte auf dem Boden des Bootes und schien teilnahmslos für alles. Die Kinder verbargen sich ängstlich in den Kleidern der Frauen, und diese beteten unaufhörlich vor sich hin.

So hielt das Wetter den ganzen Tag an. Durch den schweren Seegang und das ständige Kreuzen konnten wir nur wenig Fortgang machen. Ich besprach mich mit Massa über die Aussichten auf baldige Rettung durch eigene Kraft.

»Nach meiner Schätzung haben wir doch hundert Seemeilen in den sechsunddreißig Stunden gemacht,« erwiderte er. »Also sollten wir doch, wenn nichts Unvorhergesehenes eintritt, in vierundzwanzig Stunden an der Küste sein. Merkwürdig ist nur, daß wir gar kein Schiff gesichtet haben.«

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als der Ausgucksmann uns zurief:

»In Luvseite ist ein Dampfer in Sicht.«

Wie elektrisiert sprangen wir auf und suchten in der angedeuteten Richtung.

»Ja, das ist ein Dampfer,« antwortete Massa, nachdem er mit dem Fernglas hinübergeschaut hatte. »Aber er ist zu weit ab, er wird uns nicht sehen können. Immerhin können wir versuchen, seine Aufmerksamkeit zu erregen.«

Der Kellner kletterte am Mast empor und suchte durch Winken mit einem Tuche den Dampfer auf uns aufmerksam zu machen. Aber wir mußten das Vergebliche unserer Mühe bald einsehen. Die See ging zu hoch, und selbst wenn uns eine Welle auf den Rücken nahm, hinderte doch die Dämmerung eine größere Fernsicht.

Die Nachricht hatte natürlich eine große Aufregung unter uns hervorgerufen, die jetzt dem erkältenden Gefühl der Enttäuschung wich. Die Frauen besonders, die sich bisher resigniert in das Schicksal ergeben hatten, brachen in lautes Wehklagen aus und ließen sich kaum beruhigen.

Der Kreole hatte sich bei den ersten Worten des Matrosen aufgerichtet und stand vorn im Bug. Er spähte eifrig über die Wasserfläche und redete leise vor sich hin. Der Doktor rief ihm zu, er möge sich setzen, das Schiff könne uns doch nicht bemerken. Er drehte sich um, starrte mit irren Augen über das Boot, bückte sich, als wollte er etwas suchen, und hob dann laut aufschreiend die Arme. –

»Haltet ihn!« schrie der Doktor, der die Absicht des Unglücklichen ahnte. Aber ehe noch jemand zugreifen konnte, war der Wahnsinnige über Bord gesprungen und in den Wogen verschwunden.

»Helfen Sie ihm, retten Sie den Ärmsten,« rief man von allen Seiten dem Offizier zu. »Da taucht er wieder auf – um Gottes willen, helfen Sie.«

»Das ist bei dem Seegang unmöglich, das Boot würde kentern und uns allen den Tod bringen,« entgegnete der Offizier mit fester Stimme.

Der Ertrinkende erschien noch einmal auf dem Kamm einer hohen Welle. Man sah, wie er beide Arme gegen den Himmel streckte, dann verschlang ihn die nächste Woge.

Die Mehrzahl unserer Gefährten war durch die entsetzliche Szene derart angegriffen, daß sie einer Ohnmacht nahe waren. Die Leute konnten den Blick nicht von der Stelle wenden, wo der Ärmste versunken war.

Kurz darauf brach die Nacht herein, und die fahle Mondsichel schuf mit ihrem fahlen Licht recht phantastische Gebilde. Die hoch aufschießenden, langen Fetzen der vom Winde gepeitschten schäumenden Wellen hoben sich gespenstig vom Abendhimmel ab und glichen Furien, die ihre knochenlosen Polypenarme nach der sicheren Beute ausstreckten, und die an der Bordwand auflaufenden kurzen Wellen leckten wie gierige Zungen über die schmale Brüstung.

Diese schauerliche Szenerie und der Eindruck, den der gräßliche Tod des Kreolen gemacht hatte, wirkte lähmend auf die Gemüter. Nur wenige von uns waren imstande, etwas zu essen.

Ich saß am Steuer und suchte mich von dem sich immer in anderer Form erneuernden unheimlichen Schauspiel durch Rauchen zu befreien.

Aber erst als der Mond untergegangen war und tiefe Finsternis die öde Fläche bedeckte, wich der Alp.

Um Mitternacht übergab ich das Steuer dem Doktor.

Ich suchte, zusammengerollt wie ein Igel, mit dem Kopf auf die Brüstung gelehnt, etwas Schlaf, als ich ein dumpfes Geräusch zu hören glaubte. Sofort war ich auf den Beinen.

»Doktor, hören Sie nichts? Ein Dampfer muß in der Nähe sein,« rief ich aufgeregt dem Steuerer zu.

Dieser lauschte angestrengt in die Nacht hinaus.

Dann meldeten auch die Ausgucksleute das Geräusch, wir weckten den Offizier, und als auch dieser unsere Wahrnehmung bestätigte, riefen wir die ganze Besatzung.

Die frohe Nachricht erregte anfangs lebhafte Freude, dann trat lautlose Stille ein. Jeder horchte gespannt auf das Wasser.

Der Offizier entnahm dem Vorratskasten eine kleine Laterne, zündete die Kerze an und befestigte sie am Mast. Das Segel wurde eingeholt, und wir trieben in spannender Erwartung mit der langen Dünung dahin.

Klopfenden Herzens sahen wir uns an. Die Aufregung jagte uns das Blut fiebernd durch die Adern.

»Wenn die Freude wieder umsonst wäre? – Es wäre fürchterlich!«

»Wir wollen Tücher anzünden, bitte, geben Sie mir Ihren Schal,« sagte der Offizier zu einem der Leute.

Das große wollene Tuch wurde bereitgelegt, daneben stellte ich eine Rumflasche, um den Stoff damit zu tränken und seine Brennbarkeit zu erhöhen.

»Licht gerade voraus!« schrie der Mann am Ausguck mit vor Aufregung heiserer Stimme.

Alles sprang auf, um das heißersehnte Schiff zu erspähen.

»Alle Mann an die Ruder,« kommandierte der Offizier. »Paßt auf, Leute, daß wir dicht an ihn herankommenden, hat Kurs gerade auf uns zu.«

Wer kann die fürchterliche Nervenanspannung schildern, die sich unserer bemächtigte, als wir erst das weiße Licht des Mastes, dann das rote und grüne Seitenlicht des Dampfers erblickten, wir lagen mit unserm Boot gerade in dem Kurs des herannahenden Schiffes. Es kam näher und näher.

Eine der Frauen verfiel in nervöse Weinkrämpfe und lachte und weinte krampfhaft vor sich hin.

»Her das Tuch und die Flasche!« schrie Massa. Er zündete ein Streichholz an, und zu unserer größten Freude flackerte alsbald ein großes Feuer auf, das mit seinem hellen Schein unsere zitternden Gestalten mit rötlichem Licht übergoß.

Atemlos spähten wir zu dem Dampfer hinüber. Hat er uns bemerkt? Einige bange Minuten folgten.

»Rufen wir alle zusammen um Hilfe!« schrie ich mit heiserer Stimme.

»Schiff – ahoi!« hallte der Seemannsruf wie ein langer Todesschrei aus der schwarzen Tiefe aufsteigend durch die Nacht.

Ein Augenblick angstvoller Spannung folgte.

Da hallte plötzlich der dumpfe Ton der Dampfpfeife über das Wasser.

»Gott sei Dank, sie haben uns gesehen!«

Wieder schrien wir aus voller Kraft unsern verzweifelten Ruf in die Nacht hinein.

Das Schiff war uns jetzt bis auf hundert Meter nahe gekommen, wir bemerkten, daß es die Fahrt verlangsamt hatte.

Da – ein Anruf!

»Ahoi!« schrie eine Stimme, »Was ist das für ein Licht?«

»Schiffbrüchige – helft uns um Gottes willen!« schrien wir zurück.

Die Maschine stoppte. Deutlich hörten wir ein Hin- und Herlaufen auf dem Dampfer.

»Müssen wir euch holen oder könnt ihr selbst kommen?« schallte es uns entgegen.

»Nein, wir können kommen!« riefen wir zurück. Mit Wucht legten sich die Matrosen in die Ruder. Die nahe Rettung verlieh ihnen übernatürliche Kräfte.

An der Seite des Dampfers wurde eine Laterne hinabgelassen, und wir hörten das Rasseln der in den Ketten hängenden Schiffstreppe.

Wir waren unfähig, zu sprechen. Unaufhörlich liefen uns die Tränen über die Wangen. Stumm drückten wir uns gegenseitig die Hände.

Noch ein paar Ruderschläge – dann steuerte unser Boot an dem Rumpf des Dampfers. An der Treppe stand ein Offizier und bot uns seine Hilfe beim Aussteigen, aber wie mit Flügeln eilten wir an ihm vorbei die Treppe hinauf und sanken zitternd an Deck nieder.

Gerettet!

Keine Feder ist imstande, die Gefühle zu beschreiben, die uns beseelten, als wir endlich wieder ein sicheres Schiff unter den Füßen fühlten. Immer wieder drückten wir dem braven Kapitän dankbar die Hand, der uns nach vierundvierzigstündiger Schreckensfahrt einem qualvollen Schicksal entrissen hatte.

Wir befanden uns auf dem nach Kuba bestimmten spanischen Dampfer »Larrinaga«.

Drei Tage später betraten wir in Havanna wieder festen Boden.

Lange blieben wir über das Schicksal unserer Mitreisenden im unklaren. In angstvoller Spannung richteten wir unsere Schritte allmorgendlich zur Agentur der Dampfergesellschaft. Doch Tage vergingen, ehe man auf unsere besorgten Fragen antworten konnte.

Eines Morgens aber, drei Tage nach unserer Landung, weckte uns der Schrei der Zeitungsjungen:

»Ein Boot der ›Ville de Saint Nazaire‹ ist in Norfolk angekommen!«

Mit einem Satze war ich unten. Und was der Doktor in prophetischen Worten dem unglücklichen Kinde damals zur Beruhigung sagte, erwies sich als wahr. Die Eltern des schwarzlockigen Mädchens befanden sich unter den Geretteten.

Ich hatte die Genugtuung, später dem ergreifenden Wiedersehen beizuwohnen.

Mit einem Jubelschrei, dessen durchdringender Ton eine Welt von Glück ausdrückte, stürzte sich die Mutter auf ihr Kleinod. Und während es die glühenden Küsse zu ersticken drohten, stand der Vater in stummem Glücksgefühl neben der Gruppe und ließ die Locken seines Lieblings durch die zitternden Finger gleiten.

Dann, wie einer Eingebung folgend, warfen sich die drei zu Boden und dankten dem lieben Gott für die wunderbare Rettung und Wiedervereinigung.

Dann ging's ans Erzählen. Das gemeinsam erlebte Unglück hatte uns gegenseitig nähergebracht.

Auch den Insassen des zweiten Bootes waren die Schreckensszenen nicht erspart geblieben. Fünf Tage und fünf Nächte blieben sie in ihrer Nußschale zu fünfunddreißig zusammengedrängt, auf dem wild durcheinandergepeitschten Meer. Jeder Tag forderte seine Opfer. Der Wahnsinn und die Verzweiflung rafften acht Leute dahin. Vier erlagen ihren Verletzungen. Und als am Abend des fünften Tages das rettende Küstenwachtschiff die Schiffbrüchigen aufnahm, fiel noch eine Frau ins Meer und ertrank.

Und die übrigen hundertfünfunddreißig Personen?

Lange Wochen verstrichen, ehe man Gewißheit über deren Schicksal erhielt. Aus den Zeitungen erfuhr ich, daß ein Segelschiff ein drittes Boot des gesunkenen Dampfers aufgenommen hatte. Acht lange, bange Tage waren diese Unglücklichen, unter denen sich auch der Kapitän der »Ville de Saint Nazaire« befand, auf dem Weltmeer umhergetrieben. Am dritten Tage schon waren die Lebensmittel zu Ende gegangen. Bald darauf brach auch unter den vierunddreißig Insassen dieses Bootes der Wahnsinn aus. Die Tagesblätter gaben damals den Bericht über die fürchterlichen Szenen, die sich in dem Boot abspielten. Mann auf Mann verfiel der geistigen Umnachtung und suchte freiwillig den Tod in den Wellen. Zuletzt fehlte den Überlebenden auch dazu die Kraft. Zu Skeletten abgemagert lagen sie zwischen den schwanken Brettern, unfähig ein Glied zu rühren. Die meisten verloren die Besinnung. Und als endlich das rettende Segelschiff die Verschmachtenden an Bord nahm, konnten sich nur noch sieben Personen, darunter der Kapitän, wieder erholen.

Die Katastrophe hatte hundertachtundzwanzig Opfer gefordert.








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