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Auf dem Heilwigshof

: Auf dem Heilwigshof - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorAdalbert Meinhardt
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Fünfter Band
titleAuf dem Heilwigshof
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeFünfter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081022
projectid13aa15d5
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Es war am späten Nachmittag. Der Postbote war mit gefülltem Sack soeben fortgeritten. Herr Heilwig trat bei dem Freunde ein: »Fährst du mit mir?« – Sie bestiegen den wohlbekannten hohen Jagdwagen mit den zwei Braunen aus eigener Zucht, Johannes kutschierte. Rund um den kleinen Rasenplatz, zum Hoftor hinaus, durchs Dorf ging es und in schnellerem Trabe zu der großen Landstraße, die schnurgerade zwischen zwei hohen Pappelreihen sich bis zu dem nächsten Städtchen hinzieht. Links und rechts lagen noch weit die reichen Felder des Heilwigshofes. Wo ein Mann von der Arbeit kam, grüßte er voll Ehrerbietung. Die Kinder, die vor den Türen der Katen sich im Sand der sonnigen Dorfstraße gebalgt, unterbrachen ihre Spiele, standen linkisch da in verlegener Scheu. Die Mägde hinter dem Milchwagen, der eben mit gefüllten Eimern von der Regel zurückkehrte, traten zur Seite, knixten zierlich, zu zweien und zweien, wie sie paarweise gingen. Und der junge Inspektor kam im Galopp an den Wagen herangesprengt, eine Frage zu tun. Heilwig gab kurze, bündige Antwort, was zu geschehen habe, was nicht. Er war der Herr hier, gewohnt zu befehlen, gewohnt, sein Wort als Gesetz hinzustellen und als solches geachtet zu sehen von allen Leuten weit und breit. In eine Welt von Gleichgestellten, wo jeder sich nach dem Nachbarn regelt, wo man nicht Raum hat, frei die Ellenbogen zu brauchen, hätte er schwer sich zu finden gewußt.

Sie fuhren auf der Chaussee eine Stunde und etwas darüber. Dann lenkte Johannes in einen ausgefahrenen Feldweg, der seitwärts abbog und zwischen schlechter gehaltenen Äckern im Zickzack hinging.

»Also doch nach Markow?« fragte Paul.

»Ja,« sagte Johannes. »Ich habe vorhin den Geschwistern geschrieben. Es scheint mir recht so; dem Mädchen ist es eine Hilfe, dir kann es nicht schaden, was spricht noch dagegen? Steh du nur zu mir wider die Spötter, die möglicherweise meinem Alter den Schritt verargen. Weiter brauche ich nichts. Und somit – da sind wir!«

Der jetzige Besitzer des adeligen Gutes, ein Verwandter des verstorbenen alten Grafen, empfing die Herren, führte sie durch das Haus auf eine offene Veranda, die auf den Blumengarten hinausging, und zu seiner Frau. Eine kleine, lebhafte Dame, städtisch gewöhnt und von weltläufiger Höflichkeit, hatte die Gräfin gleich zum Gruße viel zu sagen, zu erzählen, zu fragen. Daß da hinten im Strohschaukelstuhl eine kleine Gestalt in tiefster Trauer, ein Kind auf dem Schoße, saß, beachtete Paul nicht, bis der Knabe durch Lachen und Jauchzen die junge Mutter an seine Gegenwart gemahnte. Da lief sie hin: »Sei still doch, Kuno; ach, ich vergaß, Herr Gordon, Ihnen meinen Ältesten vorzustellen. Und hier – unsere liebe Cousine, Komtesse Willfriede.«

Sie war nicht schön. Er sah es auf den ersten Blick und freute sich dessen. Weshalb, hätte er selbst kaum zu sagen gewußt. Aber es würde ihn mehr geschmerzt haben, wäre Johannes einer glänzenden Kokette ins Netz gegangen. Diese da war blaß und schmächtig. Wie sie in ihren Stuhl gedrückt saß, der blonde Knabe sich an sie schmiegte, sah sie fast selbst noch wie ein Kind aus. Und wie ein solches hob sie die großen, braunen Augen frei zu den Männern.

»Guten Tag, Onkel Johannes; guten Tag, Herr Gordon. Nun lerne ich Sie doch endlich auch kennen. Weshalb sind Sie nie früher, als mein Vater noch gelebt hat, zu uns gekommen?«

»Es tut mir selbst leid, Komtesse. Schelten Sie doch Heilwig deshalb. Warum hat er mich nicht hergebracht!«

»O, der Onkel Johannes,« – wieder nickte sie ihm mit dem Ausdruck zu, wie ein Kind ihn einem wohlgelittenen, alten Verwandten gönnen mag; – »der hätte Sie wohl einmal gebracht, wenn Sie gewollt hätten. Er ist eine Ausnahme unter den Menschen, er tut nur gern, was andere freut.«

»Sie nennen ihn Onkel?« fragte Paul. – Er war auf einen Wink seines Freundes neben dem Mädchen sitzen geblieben, während die beiden anderen Herren, Heilwig und der junge Graf, sich in leisem Gespräch entfernten. Die Hausfrau hatte ihren müden Knaben von Willfriedens Schoß genommen und trug ihn fort. – »Weshalb tun Sie es? Er ist weder Ihr Oheim, noch dünkt er mich so greisenhaft, daß man ihn nicht anders bezeichnen könnte.«

Sie sah ihn erstaunt an: »Onkel Johannes? Ja, wie sollte ich ihn sonst nennen? Wissen Sie denn nicht, daß er bei aller Welt so heißt, seitdem er, noch ein halber Knabe, mit sechzehn Jahren, glaube ich, des Vaters damals kleines Gut, die Sorge für Mutter, Schwestern, Brüder, jüngere wie ältere, übernahm und so allmählich den Neffen wie Nichten, Verwandten, Nachbarn zum Ratgeber und zum Helfer wurde? Den Namen trägt er als einen Vertrauens- und Ehrentitel. Sie selbst, Herr Gordon, sind nicht Sie ihm auch verpflichtet und haben Grund, um ihm zu danken? Man sagte doch ...«

»Daß er mich von der Straße aufgelesen und zum Menschen gemacht hat.«

Sie nickte. »Ja, so ungefähr. Jedenfalls tat er nur, was gut war, und half Ihnen, etwas Rechtes zu werden. Aber – was sind Sie eigentlich jetzt?«

»Maler. Wußten Sie das nicht?«

»Ich hörte es wohl. Nur, – hieß es nicht, Sie hätten eine Oper gemacht?«

»Auch das.«

»Und mehrere Bände Gedichte geschrieben?«

»Finden Sie es tadelnswürdig?«

»Ich weiß nicht recht,« – das kleine Fräulein drückte sich tiefer in ihren weiten Sessel zurück und schaute ihn nachdenklich an; – »ich glaube, wenn ich ein Mann sein könnte, möchte ich nur eins tun, das aber ganz.«

»Dann wären Sie glücklich.«

»Sind Sie das nicht?«

»Komtesse, wir sprachen von Johannes. Der ist Landmann von ganzem Herzen, mit dem sind Sie doch zufrieden?«

Sie lächelte; ihrem schmalen Gesichtchen ließ der schelmische Ausdruck wundersam gut. »Mit dem bin ich zufrieden,« sagte sie, »der weicht nie aus, wenn ich ihn frage.«

Schön war sie nicht. Dazu erschien sie zu zart, zu farblos in den schweren, schwarzen Gewändern, die ihre kleine Gestalt fast erdrückten. Aber zu plaudern, das verstand sie. Ihre Stimme, ein rechtes, helles Kinderstimmchen, zwitschernd und klar, gab ihren klugen Reden und Fragen einen eigenen Reiz. Sie erzählte von ihrem Vater, der in seiner Jugend ein großer Reisender gewesen, dann, seit er seine Frau verloren, von der Welt zurückgezogen einsam hier auf dem Gut gelebt hatte, mit Studien über altitalienische Maler beschäftigt. Sie hatte ihm bei der Arbeit geholfen, für ihn gelesen und gelernt, war früh und spät um den Leidenden gewesen und hatte nur heimlich, im Herzen manchmal, sich hinaus in die Ferne gesehnt. Nun, da sie vielleicht die erträumte Fremde sehen sollte, nun war der Vater nicht mehr da, sie ihr zu zeigen. Sie blickte trübe vor sich hin, da sie erwähnte, sie wisse noch nicht, was nun mit ihr geschehen werde. – »Aber,« fügte sie halblaut hinzu, »das macht auch nichts. Schön wird's doch schwerlich.«

Drunten im Garten hörte man die Stimmen der Männer, die auf und ab wanderten. Die Gräfin kam ohne ihren Knaben zurück, setzte sich zu Paul und Willfriede und stand wieder auf, als der Graf sie rief. Die kleine Komtesse regte sich nicht in ihrem Lehnstuhl.

»Langweilt es Sie nicht, so geduldig bei mir zu bleiben?« fragte sie; »ich bin sicher, Sie gingen viel lieber mit in den Garten hinab.« – Und als Paul erklärte, er bleibe sehr gern, meinte sie: »Freilich, Onkel Johannes gab Ihnen vorhin ein kleines Zeichen, ihn nicht zu begleiten.«

»Das sahen Sie?«

»Ja. Ich sehe sehr viel. Ich verstehe nicht immer gleich alles. Aber das schadet nicht. Mit der Zeit begreift man's dann doch. Und ich bin geduldig und warte, bis die anderen mir sagen, was für mich zu wissen taugt. Wozu auch sich quälen? Davon wird's nicht besser. Onkel Johannes ist ja dabei; der sorgt schon, daß mir nichts Schlimmes geschieht.«

Sie hatte den Kopf in die Hand gestützt und blickte mit ihren großen, weitsichtigen Augen gerade vor sich hin in das sinkende Dunkel des Gartens. Paul beobachtete sie im stillen. Er wollte prüfen und erwägen, ob dies junge Geschöpf des Schicksals wert sei, was jene ihr bereiteten. Es war ein Glück, das er ihr nicht hatte gönnen mögen. Aber im Anblick der geduldigen kleinen Gestalt überkam ihn etwas wie Mitleid, wie man es für ein Fischchen empfindet, das noch ganz sorglos in der Flut spielt und das Netz nicht spürt, in dem es schon plätschert. Im nächsten Augenblick ziehen die Maschen sich zu, heben sich, und die arme Forelle zappelt im Trockenen, eingefangen. Er hätte es ihr gern verraten, was ihr bevorstand, sie gewarnt, ihren Lebensweg nicht zu bestimmen, eh' sie sich selbst kennen konnte.

Der Diener hatte das Abendessen im Zimmer hinter der Veranda aufgedeckt, er ging hinab in den Garten, zu melden, daß alles bereit sei. Die drei dort unten schienen ihre Konferenz beendet zu haben. Die Gräfin bat Paul, ihr den Arm zu geben, und hielt ihn einen Schritt zurück, um als Hausfrau das andere Paar, Johannes Heilwig und die Komtesse, vorangehen zu lassen. Das junge Mädchen hing dem großen, starken Mann schwer am Arm; er stützte sie, mit der andern Hand hielt sie ihre Krücke gefaßt. Paul hatte halb vergessen gehabt, was Heilwigs Schwager ihm gestern gesagt. Da er ihren schwankenden Gang sah, schrak er unwillkürlich zusammen.

»Sie wußten es gar nicht?« fragte ihn die Gräfin leise.

»O doch, aber ...«

»Aber Sie dachten nicht, daß es so arg sei. Das ist es leider. Und doppelt edel, doppelt schön ist's, wie Ihr Freund sich unserer armen, kleinen Verwandten annehmen will. Wir selbst, wir würden sie ja gern, sehr gern behalten. Aber wir sind auch nicht reich. Und die Kinder, und das große Gut, das der alte, gelehrte Herr so verkommen ließ und ...«

Sie waren am Eßtisch, die Gräfin konnte nicht weitersprechen. Paul saß dem Freunde gegenüber. Der schaute ruhig und sicher drein, mit dem wohlzufriedenen Ausdruck, den Paul das Hundertfuderweizengesicht nannte. Der junge Graf füllte die Gläser. – »Auf fröhliches Beisammenleben!« sprach er und trank Johannes zu.

Heilwig erhob sich. Er trat hinter den Stuhl des Mädchens. – »Friede,« sagte er, »dein Vetter wünscht, daß wir alle hier als gute Landnachbarn beisammen bleiben. Und daß wir dich hier behalten können, das wünsche auch ich. Deshalb, liebe Friede, es gibt ein Mittel: du bist noch jung zwar, aber – aber – willst du trotzdem meine Frau sein?«

Es war ihm mitten in seiner wohlüberlegten Rede vor ihrem ruhig wartenden Blick plötzlich der Faden abgerissen, daß er die Frage sagen mußte, ehe er es gewollt. Aber dies ganz ungewohnte Zweifelsgefühl, das ihn einen Moment überkommen, verschwand, so schnell es entstanden war.

Denn das Mädchen, das ihn erst, ohne mit den Wimpern zu zucken, prüfend angeschaut hatte, erhob sich vom Stuhl – die Krücke fiel ihr unter den Eßtisch – sie griff nach ihm mit beiden Händen: »Onkel Johannes!« – und schlang sich seinen Arm um den Hals und lehnte sich an ihn: »Onkel Johannes, wie bist du gut!« – –

»Nun,« fragte Heilwig, als die beiden wieder auf dem Wagen saßen und heimwärts fuhren, »nun, fürchtest du jetzt noch, daß dies Kind dir etwas von mir wegnehmen werde? Und denkst du noch, der Bürgerliche dürfe nicht solch ein Adelsfräulein in sein Haus führen, noch der alternde Mann sich lächerlich machen durch eine zu schöne junge Frau? Und wenn du über dies alles beruhigt bist, beruhigt sein mußt, da du sie gesehen – bist du jetzt einverstanden, Paul?«

»Ich wünsche dir Glück,« sagte Gordon beklommen, »ich traue es dir zu, daß du wissen wirst, es dir zu erbauen ...«

»Aber du bleibst eben doch der alte, schwarzblickende Zweifler, der an keinem Menschen Gefallen findet, nicht am Mann, noch am Weibe. Sieh hin,« – er deutete mit der Peitsche durch das Dunkel auf eine der geraden Pappeln am Wege; – »kennst du den Baum? Nein? Sie sehen dir alle so ziemlich gleich aus? Mir nicht, ich kenne den da genau. Demnächst will ich ihn durch eine Tafel mit einer Inschrift vor seinen Genossen auszeichnen. Denn unter dieser Pappel dort lehntest du wegmüde, hungrig, zerrissen, als ich vorüberfahrend dich sah. Daß ich den unbekannten jungen Gesellen mir mit ins Haus nahm, das ward mir von allen bedachtsamen Menschen, Brüdern und Schwägern sehr bitter verübelt. Ich hab's nicht bereut. So denke ich denn, auch dies, was ich heute, wider Freundesrat unternehme, soll zum besten ausschlagen.«

»Wir wollen es hoffen,« murmelte Paul.

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