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Audienz beim König

Paul Scheerbart: Audienz beim König - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer alte Orient
authorPaul Scheerbart
year1999
publisheredition text + kritik
addressMünchen
isbn3-88377-589-4
titleAudienz beim König
pages7-11
created20010720
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Paul Scheerbart

Audienz beim König

Assyrisches »Morgenidyll«

Die Sterne strahlten noch ganz hell über der neuen Stadt Kalchu, die der König Assurnasirabal aufbauen ließ als ein Zeichen seiner Größe. Nicht weitab von Ninive lag die neue Stadt, und in dieser hatte der König die großen Herren der von ihm besiegten Länder angesiedelt. Da wurden viele Sprachen gesprochen, so daß die meisten Bewohner der neuen Stadt gar nicht oder nur selten mit einander sprachen, weil sie sich so schwer verständigen konnten.

Dort, wo der große Zab in den Tigris fließt, – dort hatte der König seinen Palast erbaut – mit vielen hohen Terrassen und mächtigen Steinmauern ringsum; die Steine für die Mauern waren aus den nördlichen Gebirgen auf Flößen herbeigeschafft.

Die Höfe im Innern des Palastes waren sehr groß und alle glatt gepflastert; an vielen Stellen bedeckten glasierte Ziegel den Fußboden. Bäume und Gebüsch gab's da nicht, nur dunkelrote Rosen, die der König sehr gern hatte, blühten in großen, viereckigen Holzkübeln, die mit blauen und gelben Querstreifen verziert waren.

Dreißig große Herren aus dem besiegten Chattilande hatten den König um eine Audienz gebeten; und er erwartete sie bei Sonnenaufgang. Nun ließen sich die Herren schon mitten in der Nacht die Haare kräuseln und die Gewänder mit wohlriechenden Stoffen durchräuchern. Und sie wuschen sich die Hände und die Augen mit wohlriechenden Wassern und putzten ihre Schmucksachen und ihre Ringe, damit alles an ihnen dem König wohlgefiele.

Und dann gingen sie im langen Zuge mit ihrem großen Gefolge zum Palaste des Königs Assurnasirabal; sie hatten den Palast noch niemals gesehen und staunten nun an seine Pracht, betasteten die Mauern und den Fußboden und die großen Reliefs an den Wänden, während die Fackelträger ihnen den Weg wiesen, denn von der Sonne war noch nichts zu sehen.

Viele Eunuchen gingen mit langen Schritten über die Höfe, daß ihnen die langen Gewänder knatternd am Körper herumschlugen. Und Krieger kamen in stattlichen Reihen mit blinkendem Harnisch und Helm – mit Schwertern und Lanzen, Pfeil und Bogen, Armschildern und Beinschienen.

Und das alles beim qualmenden Rauch der Fackeln – unter dem strahlenden Sternenhimmel.

Jetzt aber wurden die Sterne blasser. Die Sonne kam näher. Die Fackeln wurden ausgelöscht, und die Herren aus dem Chattilande führte man in den großen Empfangssaal des Königs.

Gleich am Eingange neben den Saaltüren wurden die großen buntbemalten Sphinxe bewundert.

Und dann im Saale selbst die Wände!

Schalen mit Räucherwerk brannten in den Ecken des Saales. Die Fenster waren hoch – weit über Manneshöhe – und engmaschiger Silberdraht davor.

Zwanzig Sklaven standen vor jeder Saalwand mit kleinen Öllampen auf drei Meter hohen Stöcken.

Geheimnisvoll nahmen sich hinter den Sklaven die großen Flachreliefs aus, auf denen dargestellt war, wie der König seine Feinde besiegte. Mit vielen bunten Sternen waren die zumeist schwarzen Reliefs verziert.

Die Herren aus dem Chattilande bewunderten schweigend die Wände und auch die Reliefs auf dem Fußboden, auf dem rote frische Rosen verstreut umherlagen.

Viele Eunuchen gingen und kamen – aber alles ging lautlos zu, selbst die Krieger, die hereintraten durch die hinteren Türen aus Zedern-, Tapran- und Miskanholz, klirrten nicht mit den Waffen.

Und dann ging die Sonne auf.

Und gleich trat herein der König Assurnasirabal mit raschem Schritt, und er bestieg seinen Thron – dicht unter dem Hauptfenster. Und seine Augen leuchteten wie heller Bernstein.

Der König setzte sich. Und dann eilten die dreißig Herren ans dem Chattilande in die Mitte des Saales, warfen sich auf den Fußboden und berührten dreimal mit der Stirn die bunten Mittelfliesen.

Der König gab ein Zeichen, daß sie sich erheben könnten.

Und der Älteste von ihnen sprach mit zitternder, zaghafter Greisenstimme:

»Großmächtigster Herr und König! Augapfel der Götter Bel und Ninip, Verehrer der Götter Anu und Dagan, mächtiger Herr der Heerscharen, Statthalter des Gottes Assur! Mein großer König Assurnasirabal, wir sind gekommen, um dich anzuflehen, uns eine Gnade zu gewähren.«

Jetzt wurde es heller. Aber die vierzig Öllampen in den Händen der Sklaven brannten immer noch, sahen aber wie kleine, winzige Flämmchen aus. Der König mit seinem schwarzen, gekräuselten Bart und seinen hellen, leuchtenden Augen, in denen das Weiße fast gespensterhaft wirkte, saß immer noch ganz ruhig da. Seine braune Hautfarbe glänzte im Lichte der kleinen Öllämpchen.

Plötzlich war in einem Nebensaal ein großes Geschrei zu hören. Unwillig wandte sich der König um und flüsterte einem Eunuchen zischend zu:

»Bringe die Schreier vor meinen Thron – sofort.«

Und es geschah.

Man schleppte einen sehr starken Krieger herein, dem man immerzu die Arme verdrehen wollte, wogegen er sich wehrte, daß ihm die gekräuselten Kopfhaare nur so ums Gesicht flogen.

»Was hat der Mann getan?« fragte der König.

»Er hat«, rief nun erhitzter Eunuch, »den Feldherrn Nisirpal mit dem Dolch verwundet.«

»Wie!« schrie der König, heftig aufspringend, »hier in meinem Palaste? Wo ist der Feldherr?«

Er kam, während er sich den Arm verband mit einem weißen Tuche.

»Es hat«, sagte er mit gerunzelter Stirn, »nichts zu bedeuten. Ich fing den Stich mit dem Arm auf. Aber es hätte mir in die Brust gehen können. Laß den Kerl laufen, denn ich fürchte meine Feinde nicht – und verstehe es, mich zu wehren.«

Da brüllte der König:

»Behalte deine Meinung für dich. Ich dulde es nicht, daß man in meinem Palaste den Dolch zieht. Henker! Tue deine Pflicht. Der freche Hund hat's verdient, daß du ihm den Kopf vom Rumpfe schlägst.«

»Dieser Nisirpal«, schrie nun der Attentäter, »hat mir meine Sklavin mit List geraubt. Ich will ihm zeigen, wer der Mächtigere ist.«

»Du Schuft!« schrie da der König, »weißt du nicht, wo du dich befindest? Du bist im Palaste des Königs Assurnasirabal. Und ich werde dir den Kopf abschlagen lassen, weil du das vergessen hast.«

»Du Prahlhans!« schrie nun der Attentäter, »du bist nicht mächtiger als ich. Wären meine Hände frei, so würde ich dir den Beweis bringen, was ein assyrischer Krieger vermag. Ich würde dir ins Gesicht schlagen, du Hund!«

Der König erbleichte.

Aber da hatten die, die den Attentäter bändigten, ihm einen Arm verdreht. Der Mann sank brüllend vor Schmerz auf beide Knie. Mit einem Satz sprang der Henker hinzu und schlug ihm mit einem Hieb den Kopf ab.

Das Blut spritzte wie eine Fontäne aus dem Rumpf.

Aber mit Blitzeseile kamen zwanzig Sklaven mit einem großen Sack, steckten Rumpf und Kopf hinein – und verschwanden damit durch eine kleine Tür aus Pistazien- und Tamariskenholz. Andere Sklaven säuberten in ein paar Sekunden den Fußboden.

Der Nisirpal zog sich mit den Seinen wieder zurück in die Seitengemächer.

Es wurde wieder ganz still im Saale. Jetzt schien hell die Sonne durch das Drahtgitter der Fenster. Die Sklaven an den Wänden löschten die Öllämpchen. Der König setzte sich wieder.

Dann sagte er mit harter Stimme:

»Ich habe gehört, daß ihr in eurer Heimat bleiben wollt. Daraus wird nichts. Ihr bleibt hier. Spart die Worte.«

Die dreißig Herren aus dem Chattilande warfen sich wieder auf den Fußboden hin und berührten dreimal wieder die bunten Fliesen der Saalmitte.

Dann gingen sie langsam rückwärtstretend, bei den Türsphinxen vorbei, aus dem Saale hinaus.

Der König flüsterte einem Eunuchen zu.

»Die Sänfte.«

Und gleich darauf wurde er in der Sänfte davongetragen – von zehn Sklaven – zur Frühstücksterrasse, von wo man auf den breiten Zab und auf den noch breiteren Tigris blicken konnte. Die Eunuchen, Krieger und Sklaven verließen auch den Empfangssaal – langsam – schweigend.

Ein Blutstropfen leuchtete auf einer dunkelroten Rose, die halb zertreten auf den buntglasierten Fliesen lag.








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