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Friedrich Theodor Vischer: Auch Einer - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleAuch Einer
authorFriedrich Theodor Vischer
year1904
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleAuch Einer
pages3-23
created20030821
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Beim Eintreten bemerkte ich, daß er einen ängstlich suchenden Blick nach den vier Ecken des Saales, und zwar auf den Fußboden, warf; der Blick kehrte beruhigt zurück, als er in der vierten ein kleines Gerät bemerkte, das hustenden Menschen erwünscht sein mag; mit höchst gemütlichem Tone sagte er: »Der Saal ist doch ganz ordentlich möbliert,« und von da schien eine erträglich gute Laune bei ihm einzutreten. Das Frühstück stand nach Art der Schweizer Gasthöfe in diesen Frühstunden stets bereit, und A. E. – nachdem er Honig und Butter heftig weggeschoben hatte – griff rüstig zu, ich desgleichen. Wir waren allein im Saale, doch bald trat ein dritter Reisender ein. Es war ein Mann von gesetzten Jahren, er trug ein Staubhemd von ungebleichter Leinwand mit einem kleinen, über die Schultern hängenden Kragen und auf dem Rücken einen nicht ungewichtigen Leinwandtornister, auf seiner Stirne lag ein bemerklicher Wanderschweiß, man sah, er hatte diesen Morgen schon einige Stunden zurückgelegt; er legte seine Last ab, stellte den soliden, bauschigen Regenschirm in eine Ecke, nicht ohne ihn mit einem Blick zu betrachten, der eine innere Zufriedenheit mit dem gediegenen und nützlichen Gerät ausdrückte, begab sich rasch an den Tisch, setzte sich an sein andres Ende, rückte sich den Stuhl recht nahe, zog eine Brille hervor, besah sich, was aufgesetzt war, schien mit der Vollständigkeit der Dinge, die zu einem englischen Frühstück gehören, sehr einverstanden und begann mit dem vollen Ausdruck einer Seele, die sich bewußt ist, daß ihr Leib sein Frühstück redlich verdient habe, die genußverheißende Arbeit des Schneidens und Butterstreichens. Es war leicht zu ersehen, daß der Mann dem Gelehrtenstande angehören mußte, und seine etwas bleiche Gesichtsfarbe legte den Schluß nahe, daß er zu jener Gattung der Gebirgsreisenden gehören möge, die durch starke Fußmärsche in Ferien einzubringen suchen, was sie durch sitzende Lebensart das Jahr hindurch ihrem Organismus Leides zufügen müssen.

A. E., der inzwischen die Eßlust gestillt, schien zum Abmarsch keine besondere Eile zu haben, steckte sich gemächlich eine Zigarre an und begann zu mir: »Sie geben also zu, daß die Physik eigentlich Metaphysik ist, Lehre vom Geisterreich. Das heißt, ich vermute, daß Sie es zugeben, wiewohl ich es Ihnen philosophisch eigentlich noch nicht begründet habe, denn was Sie sicherlich bereits erkannt haben, das ist die allgemeine Tendenziosität, ja Animosität des Objekts, des sogenannten Körpers, was die bisherige Physik geistlos mit Namen wie: Gesetz der Schwere, Statik und dergleichen bezeichnet hat, während es vielmehr aus Einwohnung böser Geister herzuleiten ist.«

Der Fremde hatte inzwischen einen länglichen Brotlaib höchst kunstgerecht, wie man es wohl im »Kurmärker und die Picarde« vom preußischen Landwehrmann verrichten sieht, der Länge nach entzweigeschnitten und war eben beschäftigt, die Butter schön und glatt wie mit einem Modellierholz aufzustreichen; er hielt bei diesen Worten einen Augenblick inne, warf unter den buschigen Brauen einen sonderbaren Blick nach uns herüber und fuhr dann nachdenklich in seinem plastischen Geschäfte fort, indem er öfters mit einem Ausdruck von Staunen und Ironie den Kopf hin und her wiegte. Es kam mir der Gedanke, ob A. E. auf ihn berechne. Es schien entschieden nicht. Er hatte auf den Eintretenden nur einen raschen Blick geworfen, freilich einen scharf erfassenden, denn sein Auge pflegte zu blicken, als wäre eine fest greifende Hand darin, doch nicht ein Zeichen ließ vermuten, daß er sich weiter um den Unbekannten kümmere.

»Animos,« fuhr er fort, – »haben Sie denn auch nur schon beobachtet, wie das fallende Papierblatt uns verhöhnt? Sind sie nicht wahrhaft graziös, die Spottbewegungen, womit es hin und her flattert? Sagt nicht jeder Zug mit blasiert eleganter Frivolität: doch noch gewonnen!? O, das Objekt kauert. Ich setze mich nach dem Frühstück frisch, wohlgemut an die Arbeit, ahne den Feind nicht. Ich tunke ein, zu schreiben, schreibe: ein Härchen in der Feder, damit beginnt es. Der Teufel will nicht heraus, ich beflecke die Finger mit Tinte, ein Flecken kommt aufs Papier, – dann muß ich ein Blatt suchen, dann ein Buch und so weiter, und so weiter, kurz, der schöne Morgen ist hin. Von Tagesanbruch bis in die späte Nacht, solang irgend ein Mensch um den Weg ist, denkt das Objekt auf Unarten, auf Tücke. Man muß mit ihm umgehen, wie der Tierbändiger mit der Bestie, wenn er sich in ihren Käfig gewagt hat; er läßt keinen Blick von ihrem Blick und die Bestie keinen von seinem; was man da von der moralischen Gewalt des Menschenblickes vorbringt, ist nichts, ist Märchen; nein, der starre Blick sagt dem Vieh nur, daß der Mensch wacht, auf seiner Hut ist, und Blick gegen Blick, gleich fix gespannt, lauert es denn, ob er sich einen Augenblick vergesse. So lauert alles Objekt, Bleistift, Feder, Tintenfaß, Papier, Zigarre, Glas, Lampe – alles, alles auf den Augenblick, wo man nicht acht gibt. Aber um Gottes willen, wer kann's durchführen? Wer hat Zeit? Und wie der Tiger im ersten Moment, wo er sich unbeobachtet sieht, mit Wutsprung auf den Unglücklichen stürzt, so das verfluchte Objekt; plumper oder feiner, wie es kommt, diabolisch fein zum Beispiel das Eisenfeilstäubchen, das mir ins Auge flog am Morgen, als ich eine Fußreise antreten wollte, auf die ich mich lange gefreut, und das mich ums Auge zu bringen drohte – o, überhaupt: glauben Sie, wenn ein ordentlicher Mensch reisen will, halten die Teufel ein ökumenisches Konzil, – Vorschläge – Anträge – Amendements – zum Exempel: Antrag: Hühnerauge, Amendement: unter dem Nagel; oder Antrag: Grimmen auf der Eisenbahn, Amendement: in Gesellschaft einer Dame; Antrag: schlecht Wetter, Amendement: zerrissene Schuhe und die neuen zu eng. Doch nicht immer waltet aggressive Form. Das Objekt liebt in seinem Teufelshumor namentlich das Verschlupfspiel. Wie die gute, sorgende, schützende Natur einige Tiere dem Boden gleich färbt, bildet, auf dem sie leben, sich nähren, damit sie der Feind schwerer entdecke – Raupe, Schmetterling der Baumrinde, dem Baumblatt, Hase der Erde gleich –, so verfahren auch gern die Dämonen: zum Beispiel rotbraunes Brillenfutteral versteckt sich auf rotbraunem Möbel; doch Haupttücke des Objekts ist, an den Rand kriechen und sich da von der Höhe fallen lassen, aus der Hand gleiten, – du vergissest dich kaum einen Augenblick und ratsch –«

Wir hörten in diesem Augenblick ein kleines Geräusch von der Seite des dritten Gastes her, sahen ihn hastig unter den Tisch fahren und mit einem Körper in der Hand wieder auftauchen, den er mit großem Schrecken und darauf folgender tiefer Wehmut betrachtete. Es war sein zuerst mit Butter, dann mit Honig ebenso korrekt gestrichenes, als korrekt geschnittenes Brot, und dasselbe war – »natürlich« würde A. E. sagen – auf die gestrichene Seite gefallen.

Ich unterdrückte nur notdürftig einen mächtigen Lachreiz, denn es war doch auch gerade, als ob das »Ratsch« und das Fallen des Brotes in einem geisterhaften Kausalitätsverhältnis gestanden wären. A. E. sah ganz ernst hinüber und nickte sanft mit dem Kopfe, ohne einen Zug des Spottes, ja eher mit einem Zug der Teilnahme, als wollte er sagen: das kennen wir armen Sterblichen. Der Fremde schoß jetzt nicht nur einen, sondern eine Batterie von Blicken, grimmigen, auf uns herüber und machte sich höchst verdrießlich an das Geschäft, dem unheilbaren Schnitten einen entsprechenden Nachfolger hervorzubringen.

A. E. fuhr ruhig fort: »Dann ist es überhaupt so eine Sache mit dem Ding da, den zwei Dingern, was Kant die reinen apriorischen Anschauungsformen nannte.«

»Raum und Zeit?«

»Eben. Was ist der Raum denn andres, als die unverschämte Einrichtung, vermöge deren ich, um den Körper a hierherzusetzen (– er zeigte es an Tassen, Kannen, Körbchen, Flaschen, Gläsern, die etwas dicht auf dem Tische standen –), vorher b dort weg, um Platz für a zu bekommen, wieder c da hinwegstellen muß und so mit Grazie in infinitum –? Und die Zeit? Das ist dasjenige, was man dazu doch nicht hat. Denn Donnerwetter und alle tausend Teufel, leben wir dazu, um zehn Griffe nötig zu haben zu dem, was kaum eines Griffs wert ist!«

Der Unbekannte bewegte jetzt stärker und ärgerlich lachend den Kopf hin und her und eine sichtbare Unruhe kam ihm in die Beine.

A. E. war nun gut im Zuge. »Ein andermal,« fuhr er fort, »sind die Nickel unverschämt in entgegengesetzter Richtung. Jetzt will zusammen, was nicht zusammengehört. Kennen Sie eine der verfluchtesten Formen: das Mitgehen? Wenn so ein liebenswürdiges Blatt, das zum Aktenstoß Y gehört, beim Ordnen, Aufbewahren zu unterst an Faszikel Z hinkriecht und mit hinein in das Schubfach schlüpft und sich über Tag, Woche oder Jahr nicht finden, sich suchen läßt unter Verzweiflung, Wut, Rennen bis zum Wahnsinn? Dagegen ist so was, wie das bekannte, ewige Unterschlüpfen der Damenkleider unter den Stuhlfuß des Nachbars nur ein kleiner, zierlich pikanter Spaß des teufelbesessenen Objekts, doch interessant als allein schon hinreichend, unsre dumme Physik zu stürzen, denn wer könnte so etwas mechanisch erklären?«

Jetzt fuhr der Fremde auf mit dem Ruf: »Es wird zu viel!« stieg mit straffen Schritten auf uns los, pflanzte sich vor A. E. auf und mit Zornblick rief er: »Mein Herr! Wissen Sie, ich bin Professor der Physik! Sie haben mir aber auch gleichsam mein Butterbrot hinuntergeworfen!«

A. E. verweilte auf dem Mann mit einem ganz gelassenen, ganz kontemplativen Blick und schwieg. Was werden sollte, wer konnte es wissen? Plötzlich stieg ihm eine flammende Röte ins Gesicht, seine Augen funkelten, er fuhr auf, und ich, da ich meinen Mann eben doch noch nicht so ganz kannte, wurde schon für den Frieden besorgt, als er mit Sturmschritten, ja mit Sätzen wie ein Panther quer über das Zimmer nach einer Ecke schoß, wo das oben zart erwähnte Gerät stand, und nun ging ein Husten, Niesen mit untermischtem Schlucken, seltsamen, wilden Gurgel- und Schnapptönen, ein so schreckliches Glucksen, Kollern, Fauchen, Raspeln, Schnarren, Stöhnen, schußartiges Bellen los, als hörte man die rasende Musik eines Chors von Höllengeistern. Es dauerte ziemlich lange, bis diese furchtbare Naturerscheinung vorüber war, dann richtete sich der leidende Mann matt in die Höhe, griff nach Hut, Tasche, Stab und sagte im Abgehen zu mir mit jammernswert fistulierender Stimme: »Bitte, haben Sie die Güte, den Herrn zu beruhigen! Guten Tag beiderseits.«

Der Herr war im Schrecken zur Seite getaumelt, als A. E. so jäh in die Höhe fuhr; dann sah und hörte er mit starrem Staunen den Evolutionen des erschrecklichen Gewitters zu und schickte dem Abgehenden einen langen, verwirrten Blick nach. Endlich wandte er sich gegen mich, zwinkerte mich mit den Augen an und deutete mit dem Finger auf seine Stirn. Ich zuckte die Achseln. Er schien dies für volle Bejahung zu nehmen, war nun wirklich beruhigt und schritt mit frischem Eifer an die Erneuerung seines Frühstückwerks.

Ich mochte dem Vorangegangenen nicht so schnell folgen; es hätte scheinen können, als wolle ich mich aufdrängen. Ich war doch etwas ungehalten, daß er so rücksichtslos davongelaufen; indem ich mich besann, was ich beginnen solle, um meinen Abmarsch ein halbes Stündchen noch hinzuziehen, fiel mir ein: Halt, gefunden! Grobian, deine Strafe soll nicht ausbleiben, du sollst beschrieben werden! Ich ging gleich an die Vorarbeit, machte mir eine Reihe von Notizen in mein Tagebuch und brach auf, als ich annehmen konnte, mein wunderlicher Held habe nun genügenden Vorsprung.

Ich schritt geruhig meines Wegs, beschaute mir See, Fels und hohe Bergeshäupter, nicht eben zu gehobener Naturempfindung gestimmt, der Himmel war bedeckt, die Spitzen des Nieder- und Oberbauen, des Uri-Rotstocks verhüllt, ein schweres Grau lag auf allen Höhen, Tiefen und Flächen. Dennoch war die Landschaft nicht tonlos. Eine eigentümliche Unruhe schien im See sich zu rühren, der doch kaum von einem Windhauch bewegt wurde; kleine Wellen hoben sich da und dort, als brennte ein Feuer unter dem großen Becken und das Wasser käme ins Kochen; das gedämpfte Rauschen mußte ich mit dem Knistern einer leis anwachsenden Feuersbrunst vergleichen. Seltsam blitzte da und dort ein scharfer Lichtstreifen auf dem Wasserspiegel auf, wie ein zorniger Blick aus einem Auge schießt. Es war etwas Geheimnisvolles, dumpf Verhülltes rings umher, wiewohl alle bestimmten Anzeichen nahen Unwetters fehlten. Das verschleiert Drohende, das sich dunkel zu fühlen gab, führte mir doch die Sturmbilder aus Schillers Tell vor die Phantasie. Versenkt in diese innere Anschauung ging ich meines Wegs und hatte einen Lärm, der in mäßiger Entfernung sich hören ließ, mit dem körperlichen Ohre wohl längst aufgenommen, ehe mir die Sinnesempfindung zum Bewußtsein kam. Es war heftiges, zorniges Geschrei von Männerstimmen, Hundegebell dazwischen. Jetzt erschollen die wilden Laute schon ganz nahe, und wie ich um eine Ecke bog, sah ich eine Szene höchst unerwarteter Art, eine Gruppe, die mich in leidiger Wirklichkeit an die zwei Ringer, die berühmte und doch unerfreuliche Antike in Florenz, erinnerte. Am Boden wälzte sich, ankämpfend gegen meinen Reisebekannten, ein Mensch, der offenbar zu dem Handwägelchen gehörte, welches daneben stand. Es war ein gedrungener, breitschultriger Kerl von offenbar nicht geringer Körperkraft, aber die Vorteile, die er vorübergehend im Raufen gewann, halfen ihm nichts; A. E. war ihm an Stärke gewachsen, an Gewandtheit überlegen, drückte ihn mit gewaltiger Faust zur Erde, kniete über ihm und schrie dem Ueberwundenen wütende Worte zu: »Willst du, Tierschinder, mir jetzt zugeben, daß es ebenso grausam als dumm ist, Hunde einzuspannen? Willst du begreifen, daß ein Pfotentier nicht zum Ziehen gebaut ist, weil ihm der Huf fehlt, in den Boden zu greifen? Daß es das Sechsfache der Kraft aufwenden muß, die ein Huftier braucht? Daß der gute arme Hund in seinem Diensteifer dies Sechsfache noch überbietet, während ihr Henkersknechte diesen Eifer dazu mißbraucht, noch aufzusitzen, ja, das keuchende Geschöpf mit der Peitsche in Trab hetzt? Weißt du nicht, daß nach einem Vierteljahr solchen Qualdienstes der beste Hund struppiert ist, lahm im Kreuz und Sprunggelenk?« Der Unterworfene remonstrierte in rauhen Gurgeltönen mit Fluchen und Schimpfwörtern, aus denen ich nur das sonst schon gelegentlich vernommene »Kaib« heraushörte. A. E. holte zu einer Ohrfeige aus, der eingespannte Hund in rührender Treue versuchte unter rasendem Gebell seinem Dränger und Quäler beizustehen, vergeblich, denn ihn hinderten die Riemen des Geschirrs; im tollen Durcheinander besann ich mich rasch, daß ich nicht in tadelnswerter Untätigkeit des Staunens verharren dürfe, riß mit vieler Mühe die Raufenden auseinander, half den wütenden Fuhrmann, der, befreit, alsbald die Fäuste brauchen wollte, festhalten, und nach langem, langem Reden gelang es mir, so viel Ruhe herzustellen, daß ein vernünftiges Wort gesprochen werden konnte. Es ergab sich, daß A. E. den Fuhrmann in der vorhin von ihm verurteilten Situation getroffen hatte: der Hund im Trab, der Mann mit geschwungener Geißel auf dem Wagen stehend, der eigentlich dazu eingerichtet war, daß er mit dem Hunde ziehen sollte. A. E. hatte ihn angehalten, vernünftig zu belehren versucht, der rohe Treiber hatte ihm alsbald mit Hieben gedroht, und so hatte sich die Szene entsponnen, zu deren Ablauf ich gekommen war. Ich mußte nun A. E. recht geben; der Bote erklärte, er wolle klagen; da er aber begreifen mußte, daß er seinem gewalttätigen Humanitätslehrer die Nennung seines Namens nicht abzwingen konnte, und da ich ihm auseinandersetzte, daß durch die Drohung mit Schlägen das erste strafwürdige Unrecht auf seine Seite gefallen sei, verlor sich sein Schimpfen allmählich in ein Brummen, dann in Schweigen. A. E. war ganz ruhig geworden und sagte mit einem Tone voll Gutmütigkeit: »Wollt Ihr mir versprechen, einen Esel statt des Hundes anzuschaffen, wenn ich ihn zahle?« Der Bote schwieg und sah ihn mit einem Blick an, der zu sagen schien: Dummer Mensch, wie wolltest du mich kontrollieren, wenn ich's verspräche und nicht täte? »Hört einmal,« sagte er, »Ihr seid kein reicher Mann, sonst würdet Ihr nicht Botenfahren –« Der Fuhrmann beteuerte, er komme schwer aus mit Frau und vier Kindern. »Nun,« fuhr A. E. fort, »so will ich Euch einen Vorschlag machen. Schafft einen Esel an, versprecht mir, wenn es mit dem Tier gut geht, daß Ihr in der Nachbarschaft bei den Boten herum –« – »O, die lachen mich aus!« fiel der abgeneigte Mann ein. »Ah bah! man muß das nur nicht fürchten, man wird immer ausgelacht, wenn man was gutes Neues einführt; nun also, lobt es den andern, helft, daß sie's nachmachen! Im Frühling komm' ich wieder des Wegs und sehe nach Euch; da steht am Wagen Euer Name und Ortschaft angeschrieben, ich werde Euch finden, und wenn Ihr dann einen Esel habt, bekommt Ihr das Doppelte, und wenn Ihr einen, auch nur einen Nachbar persuadiert habt, es nachzutun, das Dreifache von dem da.« Er zog einige Goldstücke heraus und zeigte sie dem Boten. »Wollt Ihr mir Euer Wort geben?« Der Mann schlug ein, und die Goldmünzen glitten in seine rauhe Hand. Gerührt dankte er mit einem zweiten, herzlichen Handschlag und nahm Abschied. Er fuhr langsam weiter, neben dem Hund ordentlich ziehend, und wir sahen noch, wie er das Gold wieder aus der Tasche zog, betrachtete und wieder einsteckte.

»In der Schweiz,« sagt nun mein Begleiter, »empört mich der Anblick dieser Roheit doppelt. Ich bin nicht zum erstenmal in diesem glücklichen Land. Manches hat mich da gefreut, am meisten die Schonung des Tiers; Pferd und Rind wird menschlicher behandelt als irgendwo, und gerade da muß nun dieser Unfug der Hundefuhren herrschen, eine der allerschnödesten Formen der Barbarei. – Ach, Herr, ich komm' halt noch ins Zuchthaus, Sie werden's sehen, denn ich lang' eben doch noch einmal einen Tierschinder mit dem Stutzen vom Bock herunter – schießen kann ich.« –

Ich ging neben ihm fort; eine Einladung zum Anschluß glaubte ich nach dem Vorgefallenen und dieser einläßlichen Gesprächseröffnung nicht erst erwarten zu müssen. Wir zogen eine gute Weile schweigend weiter.

»Es ist heute sehr schön Wetter,« fing A. E. endlich an.

Ich mochte nichts einwenden, wiewohl das Wetter war, wie ich es vorhin geschildert habe, also eben nicht schön zu nennen.

»Warmkaltlaukühl. Ganz schwacher Nordwest mit oberem Föhn, beide noch nicht im Kampf. Heut wird's noch halten; morgen steh' ich für nichts, ich denke, er wird herunterkommen.«

Ich kannte den Namen Föhn für Schirokko, wußte aber nichts von Ober oder Unter, und ließ mir gern auseinandersetzen, daß die elektrisch warme, zu uns von Süden kommende Luft häufig in der höheren Schicht erkennbar herrscht, während in der unteren sogar Ost- und Nordwind gehen kann.

»Sie sind ja ordentlich. Draußen – und der Föhn ist ja doch überall, in Deutschland, in ganz Europa, wie hier – draußen glaubt mir's niemand, so muß ich immer davon reden und gelte als Narr. Dem Spott nur etwas vorzukommen, habe ich selbst mir den Namen Föhn-Phänomenoman aufgetrieben. – Sind Sie auch so ein Freund vom anspruchslosen grauen Wetter?«

Ich konnte es glücklicherweise ziemlich bejahen. »Nicht wahr? Doch besser, als bei Prachtwetter sitzen wie ein armer Teufel an reicher Wirtstafel, dem das Herz bebt, wenn er an die Zeche denkt? Vollends, wenn es föhnhell ist! O, das ist ein bildschönes, welsches Weib, die Föhnklarheit, wenn sie da ist, ein Weib, das mit der rechten Hand schmeichelt und die linke auf dem Rücken hält mit einem Dolch; – da meinen die Menschen, wenn so ein unheimlich schöner Sonntagmittag herunterstrahlt, es sei gut Wetter, und laufen und strömen hinaus dem Vergnügen nach, und ich, Kassandra, steh' am Fenster und weiß, daß sie wie gebadete Mäuse abends heimkriechen.«

»Ach, lassen Sie ihnen die Täuschung,« erwiderte ich, »sie bringt den guten Tröpfen doch ein paar vergnügte Stunden.«

»Ja, ja! das ist auch wahr! Machen wir's nur auch so, genießen wir dies philosophische Wetter, obwohl wissend, daß morgen der dumme Lebtag in der Luft angehen wird, – haben Sie schon im Schopenhauer gelesen?«

Der Philosoph des Nihilismus und Pessimismus war damals noch sehr wenig bekannt. Ich wußte ungefähr von ihm, nichts aus ihm, hatte seine Werke nie zur Hand gehabt.

»Müssen doch hineinsehen und genau. – Geistreich, aber doch eigentlich nur geistreich. Eben doch nichtig. Sonderbar: Freude, meint er, sei nur im Anschauen der Ideen, in der Kunst. Aber er muß doch sein Buch selbst gemacht haben und das war Arbeit. Hat er denn da nicht spüren müssen, daß auch Arbeit froh macht? Der alte Knabe Salomo war doch nicht dumm, der sagt: Nichts besser, denn daß der Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit, denn das ist sein Teil. Dienst, mein Herr, Dienst! Dort liegt's! Das Moralprinzip müßte lauten: du sollst dienen! Aber wer kann das begreifen, der bloß Gattungen der Einzelwesen sieht und hinter ihnen gleich das Nichts? Der nicht merkt, daß das Tun und Treiben der Vielen etwas herausgearbeitet hat, das über ihnen steht, ein oberes Stockwerk, bleibende Ordnungen, ewige Gesetze, denen zu dienen reine Lust ist, weil dies Dienen den Diener ins Zeitlose hinaufhebt? Möchte sonst immerzu schimpfen, was das Zeug hält, über die Qual im unteren Stockwerk! Schwätzt immer von jenen Uebeln, gegen die es doch der Mühe wert ist, den Willen aufzubieten, weiß nichts von reiner Lust in reinem Kampf – das Moralische versteht sich doch immer von selbst –, kennt dagegen die Uebel erst recht nicht, die ihm gerade Wasser auf seine Mühle wären. Meint, ein dummer Teufel (sogenannter Wille) habe die Welt gemacht, und er möchte das immerhin, wenn er nur begriffe, wie dann ein Lichtgott darüber gekommen ist, der nur mit der Vasallenschar des Teufels, mit den Dämonen, nicht mehr ganz hat fertig werden können; weiß nicht, wo die Dämonen eigentlich sitzen, die den Menschen auf den Tod hassen dafür, daß er die Liebe und die vernünftige Arbeit in die Welt gebracht hat und ihnen damit das Spiel verderbt, kennt nicht, weiß nicht anfzuzählen all ihren Schabernack, ihre nickelhaften Teufeleien.« –

Wir waren inzwischen an der Stelle angekommen, wo man zur Tellsplatte hinabsteigt, ich machte ihn aufmerksam und führte ihn die Stufen hinunter. Wir standen bei der Kapelle und sahen uns das Felsriff an.

»So? Ist das da das, wo der Schiller die dumme Komödie drüber geschrieben hat?«

»Aber, bitte, Sie haben doch vorgestern den frivolen Spötter im Omnibus –«

»Nun ja, natürlich! Der Wicht hatte ja den inneren Wert der Sage mitverhöhnt, – das Moralische versteht sich doch immer von selbst, da soll mir keiner den Schiller antasten, aber wenn man's als Geschichte vorstellt – als ob's geschehen wäre – geschehen könnte – und weiß es nun nicht zum wahrhaft, zum allein Tragischen zu wenden, weiß nicht, was die bösen Geister treiben, in Wirklichkeit hindern, was sie gegen das Kühne, Große und Gute vermögen und wie darauf, darauf allein die echte Tragödie zu bauen wäre, darauf, auf den Grund der Wahrheit!«

»Aber ich bitte, was wäre denn hier die Wahrheit?«

»Nun, das sollte doch klar sein! Was anders als: daß, wenn man mit der Sage annimmt, Wilhelm Tell sei aus dem Schiff auf die Platte gesprungen, man notwendig auch annehmen muß, daß er ausrutschte und ins Wasser plumpte. Und nachher vollends mit einem Fußtritt das Schiff vom Ufer zurückstoßen? Im Sturm? Ich bitte! Das ist keine Kunst, sogenannte Tragödien, Dramen des hohen Stils zu dichten, wenn man den Zuschauern Sand in die Augen streut! Das ist leichter Idealismus, so hoch daherfahren. Sehen Sie, was ich doch aber auch nicht ausstehen kann, das ist, wenn man die Dinge ungenau nimmt. Die Sage ist naiv, sie weiß nicht, wie sie das höhere Gesetz umgeht, der Dichter soll bewußt handeln, nicht blind, leichtsinnig über den Punkt weghuschen, wo das wahrhaft Tragische ruht. Das aber ist der Krieg des Menschen mit den Geistern, dort werden die wahrhaft erhabenen Schlachten und Wunden geschlagen, dort erfolgen die furchtbaren Niederlagen, aus deren Schauern das tragische Grundgefühl, das heißt das ganze Gefühl unsrer Endlichkeit emporsteigt.«

»Ja, wie würden Sie denn nun aber die Tellsage behandeln, wenn Sie glauben, daß sie überhaupt behandelt werden könne?«

A. E. schien nur auf diese Einladung gewartet zu haben, es schien ihm sehr zu gefallen, daß ich mich so läßlich und eingehend zu ihm verhielt. »Was vorgeht bis zur Einschiffung Tells mit Geßler und Gefolge,« so begann er, »das mag im Wesentlichen stehen bleiben, wiewohl zum Stil, zur ganzen Behandlung viel und Wesentliches zu bemerken wäre. Jener Realismus, welcher überhaupt allein der echte Idealismus ist, müßte ja natürlich im ganzen walten; diese Hirten sind zu allgemein, zu griechisch gehalten, sind lauter gebildete Redner, und das Gute, das Mutige gelingt ihnen nur so, als ob es keine Kobolde gäbe. Doch das sei, ich muß zugeben, daß der Dichter die Ueberfahrt des Baumgarten und den Pfeilschuß gelingen lassen muß, um da anzukommen, wo er das erhaben tragische Mißlingen soll eintreten lassen. Die Szene des Tellsprungs dürfte nun keineswegs nur erzählt, müßte dargestellt werden, und mit unsern theatralischen Mitteln wäre das möglich. Also: Tell springt, gleitet aus, fällt ins Wasser. Wird herausgefischt, trotz allem Sträuben in den Kahn gezogen. Geßler ruft mit teuflischem Tone: ›So, jetzt verklabastert ihm den Sitzteil recht tüchtig!‹ Es geschieht, und zwar um so wirksamer, da Tells Hosen bereits durch die Nässe gespannt sind. Erlauben Sie hier eine kleine Abschweifung. Ich trage mich mit der Idee, den antiken Chor in die Tragödie hohen Stils wieder einzuführen, so auch hier. Der Chor spricht bekanntlich allgemeine Betrachtungen aus und könnte zur Verbreitung nützlicher Kenntnisse verschiedener Art benutzt werden. Hier nun, an dieser Stelle, hätte ein am Lande befindlicher Chor von Kunstfreunden aus Geßlers Umgebung – ein Anachronismus, ich gebe es zu, doch ein poetisch erlaubter – einige Sätze über die Bedeutung der sogenannten nassen Gewänder in der Skulptur vorzutragen.«

Ein ganz leichtes Zucken lief hier über seine Züge, so schwach und so blitzschnell, daß ich schlechtweg keine Zeit fand, einen deutlichen Schluß darauf zu gründen.

Er fuhr fort: »Nun aber macht die Exekution den armen Heros so wütend, daß er mit der Kraft der Verzweiflung sich losreißt und trotz dem Sturm ins Wasser springt. In höchster Spannung erwartet der Zuschauer, ob es ihm gelingen wird, sich zu retten. Der Dichter darf es annehmen; Tell kann gut schwimmen und eine flache Uferstelle erreichen. Danach ist nun in der ersten Szene des vierten Akts die Erzählung abzuändern, worin Tell dem Fischer seine Rettung berichtet. Folgen die Auftritte wie bei Schiller, auch der Monolog in der hohlen Gasse und das Weitere bis zu den Worten: ›Ein neu Gesetz will ich dem Lande geben, ich will –‹; hier unterbricht sich Geßler, aber nicht mit den Worten: ›Gott sei mir gnädig,‹ denn ihn hat kein Pfeil getroffen; vielmehr hört man nur eine Bogensehne schwirren, gleichzeitig ein ungemein starkes Niesen in einem Busch und die Worte: ›Versuchter Zufall, List und Trug der Hölle!‹ Dies kann nicht mißverstanden werden. Tell hat sich ja natürlich verkältet und verniest seinen Schuß; Geßler ruft: ›Das ist das Niesen Tells, verfolget ihn.‹ Allein Tell hat noch Zeit, sich aus dem Staube zu machen. Nun muß ich Ihnen eine Notiz mitteilen. Ich habe vor ein paar Jahren in Wien auf dem Schild eines Tischlers den Namen Tell mit eignen Augen gelesen. Das gibt uns den richtigen, den wahrhaft tragischen Schluß an die Hand; echte, höhere Ironie des Schicksals: Tell gelangt auf seiner Flucht nach Wien, nimmt einen falschen Namen an, erinnert sich an seine Geschicklichkeit in Holzarbeiten, wird Schreiner, zieht seine Familie nach und überläßt es den Enkeln, im Verlauf der Zeit den richtigen Namen wieder zu schreiben. Die Schlußszene gäbe ein herrliches, herzlich rührendes Tableau: der gerettete, wehmütig zufriedene Tell mit Weib und Kind in seiner Werkstätten.‹

»Und Geßler? Und die Schweiz?«

»Nun, Donnerwetter, die Schweizer in Masse schlagen das Luder tot, das ist doch gewiß besser als ein Mord, und ich finde es dumm genug, daß sich die guten Leute so um ihren Tell wehren, um den einzigen, da sie Tausende von Tellen gehabt haben. Doch weiß ich nicht, ob ich das darstellen würde, das Moralische versteht sich immer von selbst.«

Ich war nur halb aufgelegt, über diesen erhabenen Entwurf zu lachen; es grub und bohrte doch etwas in mir wie ein feiner Dorn, oder eigentlich stachen zwei Dorne in entgegengesetzter Richtung. Es war dort bei der Stelle vom Chor und den nassen Gewändern und bei dem flüchtigen Zucken um A. E.'s Mundwinkel doch etwas in mir vorgegangen, was zum Bewußtsein heraufdringen wollte. Sollte das nicht am Ende ein Kapitalschelm sein, der dich zum Narren hat, wie er ja wohl auch den guten Professor der Physik zum Narren gehabt hat? Dem widersprach nun freilich so vieles, daß der Verdacht, kaum geboren, wieder erstickt wurde; stellte ich mich aber auf diese andre Seite, so meldete sich in mir ein Aerger, ein Verdruß über solches Pflegen und Hegen des Peinlichen, das am Ende doch krankhaft, weichlich, wohl auch selbstgefällig zu nennen war. Da nun mein Begleiter durch seinen Idealentwurf für eine bessere Tragödie Wilhelm Tell wieder auf das leidige Katarrhthema kam und daran fortnörgelte, so steigerte sich dieses zweite Gefühl allgemach zur Entrüstung. In der Tat wurde er nun entsetzlich langweilig, unleidlich ermüdend. Er klagte die Geschichtsschreibung an, daß sie die erste ihrer Pflichten versäume: sie müßte doch wissen, daß sie nichts Großes und nichts Kleines im Gang der Weltgeschichte zu verstehen, zu würdigen vermöge, ohne die Katarrhe, die dabei mitgespielt haben, in ihrem Wesen, Verlauf und ihrer Individualität gründlich zu kennen und zu schildern, er fragte mit Pathos: »Ist auch je einer in seiner Genesis, Verwicklung, Ablauf exakt – was doch allein historisch – zur Darstellung gelangt? Mein vorletzter zum Beispiel domizilierte zuerst acht Tage lang im linken Nasenloch, ich hoffte bereits –«

Ich bat ihn um Gottes willen, abzustehen, ich wolle ja gern alles glauben, aber er verzichtete nur, um nun aufs minutiöse auszumalen, wie sich just, wenn man keine Hand frei habe, zum Beispiel einen Kupferstich mit beiden halte, ein heißes Tröpfchen an der Nase sammle und dann natürlich mitten auf das Kunstwerk falle; er verbreitete sich des Näheren und Nächsten speziell über den krampfartigen Hustenreiz, der gerade nach Lösung eines Katarrhs zurückbleibe; eine Reihe von Bildern: Kitzeln mit einer feinen Nadel, einem Roßhaar, Zusammenschnüren mit einem Pechfaden und dergleichen, wurden verwendet, – und so schien es sich ins Unendliche ziehen zu wollen. Wir waren jetzt in einen der Tunnels eingetreten, die so kühn durch die Felswände des Axenberges gesprengt sind; A. E. verstummte im Dunkel, während in mir der angesammelte Verdruß zum Zorn aufschwoll. Als wir heraustraten und mein Begleiter alsbald seinen Pechfaden wieder aufnahm, als ich hinabsah nach dem See, wie er am Fuß des senkrechten Felsabsturzes anschlug, so war mir, als sei mein Grimm mit diesem Gestein und dieser grollenden Flut ein Ding und müsse ich auch so trutzig starren wie der jähe Fels und so brandig wie der Gischt der anprallenden Woge aufschäumen, ich stand plötzlich still und sagte in hartem Ton: »Herr, jetzt ist Heu genug hunten!« Ich wollte rasch fortfahren, A. E. hätte mich fast aus dem Konzepte gebracht, er legte mir bei diesen Worten die Hand auf den Arm und fiel schnell und munter ein: »Hunten, Gegensatz von drunten, das ist gut, gutes Wort, kannte es noch nicht, versteh' es aber –« Jedoch einmal im Zuge, fuhr ich fort: »Sie glauben interessant zu reden, und reden nur langweilig; Sie gefallen sich darin, die Wahrheit des Lebens auf den Kopf zu stellen; Sie haben einen Palast vor sich und nehmen zum Standpunkt für Ihr Urteil die Hinterseite mit dem, was sie verbirgt; was man vergessen soll, bei dem halten Sie sich auf, was des Denkens nicht wert ist. darüber studieren Sie, daraus machen Sie ein System! Was keiner Zeit wert ist, dem widmen Sie Ihre beste Zeit, was winzig ist, treiben Sie auf und vergrößern Sie, um recht närrisch zürnen zu können. Nicht aufgespart, sondern aufgezehrt wird auf diesem Wege die Kraft des Widerstandes gegen die großen und ernsten Uebel des Lebens!«

A. E. besah während dieser Worte nachlässig seine Zigarre, die dem Ende zuneigte; dies reizte mich, noch hinzuzusetzen: »Uebrigens rauchen Sie auch zu viel! Lassen Sie das, und es wird mit den Katarrhen besser werden!«

Er hatte eben den Zigarrenstumpf aus der Meerschaumspitze geblasen, dieser blieb an dem anklebenden Ende des aufgerollten Deckblattes hängen; er ließ den Klunker hin und her baumeln und sah diesen Pendelschwingungen ein paar Sekunden zu, schickte dann einen geruhigen Blick auf mich herüber und sagte: »So? Tetem? Adjes!«

Er zog den Hut, eilte hinweg und überließ mich der vergeblichen Anstrengung, in dem freilich sehr schwachen Vorrat meiner Sprachkenntnisse eine Erklärung des nie gehörten Wortes zu suchen. Es schien mir orientalisch, und ich mußte den Versuch aufgeben, da mein Wissen an dem Gebiete der Sprachen des Morgenlandes rein aufhört. Ein Spott mußte jedenfalls dahinter stecken. Dazu kam das »Adjes«. Ich verlangte nicht, daß er Adieu hätte sagen sollen, aber wenigstens: Adje; das s war grob. – Ich suchte mir den schroffen Abbruch aus dem Sinn zu schlagen, um mir die Reiselaune nicht zu verderben.

Flüelen war erreicht, A. E. aus meinen Augen verschwunden. Ich schlenderte erst an der Schifflände, es unterhielt mich, dem Treiben des Wasserverkehrs zuzusehen. Ein abgehendes Dampfboot nahm Reisende auf, die mit der Post über den Gotthard gekommen waren, darunter drei Jesuiten, die, kaum eingestiegen, ihr Brevier hervorzogen und, auf dem Verdeck wandelnd, ihre Gebete halblaut ablasen; die Ankunft eines großen Nachens, der eine als englisch oder schottisch leicht erkennbare Familie auf Land setzte, zog mich ab und befreite mich von dem widerlichen Anblick. Ein würdiger, älterer Herr, eine anmutvolle Frau, aus deren Schalten mit zwei schönen Knaben zu entnehmen war, daß sie ihre Mutter sein mußte, während ihre ganze Erscheinung zu jenen gehörte, die sich in die reiferen Jahre das Gepräge der Jugendlichkeit, der Jungfräulichkeit bewahren; eine ältere Dame mit langem, welkem Gesicht und gestrengen, essigsauren, puritanischen Zügen, offenbar Gouvernante. Alle waren in Schwarz gekleidet; eigentümlich wohl stand jener edlen Gestalt die ernste Farbe, ihr Wuchs war von der reinsten Schlankheit, es war, als biege sich eine junge Weide, wenn sie sich zu den Knaben niederneigte. Ihre Gesichtsbildung war nicht eben regelmäßig schön, aber durchdrungen und belebt von einem Ausdruck der rührendsten Güte und Offenheit. Die Gesichtshaut war blaß, ohne Anschein von Kränklichkeit, überhaucht von jenem Dufte, der an den weichsten Pfirsichflaum erinnert, und vollkommen gestimmt zu dem glanzlosen Aschblond der anspruchslos glatt gescheitelten Haare. Man hätte zu dieser Farbe blaue oder graue Augen erwartet, sie waren aber braun, dunkel, südlich, doch ohne einen Funken der Leidenschaftlichkeit, die oft aus solchen Augen blitzt, vielmehr lag darüber jenes Etwas, das durch den Ausdruck: beflort, beschleiert nur mangelhaft bezeichnet wird. Es war das nicht bloß ein Zug von Trauer, wozu man die Erklärung in ihrem schwarzen Anzug finden konnte, es waren die langen Wimpern und ihre beschattende Wirkung, die großen Augenlider, es war der mandelförmige Schnitt des ganzen Auges, was jene Art träumerischer Verhüllung bewirkte, wie man sie wohl bei umbrisch-italienischen Frauenaugen trifft, aber bei angelsächsischem Blute nicht zu finden gewohnt ist. Die Lippen waren nicht zurückgekniffen, wie man es bei Mann und Weib im englischen Volke so häufig bemerkt und auf der Gewöhnung dieses Organs bei der Aussprache des W sich leicht erklärt, sondern gesund, voll, blühend, atmend, umspielt von einem Zuge, der mir vor die Seele führte, was der Edelmann im König Lear zu Herzog Kent von Cordelia sagt und ihren »reifen« Lippen. Schwer riß ich mich von dem Anblick los, der mich mehr und mehr gefangen nahm. Aber mein Reiseplan stand fest, ich mußte vorwärts, denn ich wollte heute noch Amsteg erreichen, dort übernachten, morgen den Gotthardpaß in seinen wilden Hauptstellen mit Muße beschauen, etwa bis Andermatt gelangen und von da die Rückreise antreten, denn meine Zeit war kurz bemessen; alles zu Fuß, um ganz unabhängig der Betrachtung mich hingeben zu können. Mittag wollte ich in Bürglen machen, im Schächental; ich hatte mir den kleinen Abstecher vorgenommen, um doch auch einmal die Stätte zu sehen, wohin die Sage Tells Heimat verlegt und die durch Uhlands Gedicht über seinen Tod gefeiert ist. Ich ging rasch durch Flüelen, nachdem ich noch gesehen hatte, wie die englische Familie sich im ausgeworfenen Netz eines Heeres von Kutschern verstrickte, wobei die steife ältere Dame die Rolle der Dolmetscherin in den Unterhandlungen um den Fahrpreis zu spielen schien. In Altdorf wollte ich erst kurzen Halt machen und einen Imbiß nehmen. Wie ich da einem Wirtshause zugehe, führt mich der Weg an einem Trödlerkram vorüber, mein Blick fällt durchs niedrige Fenster in die Stube, und wen erkenne ich da drin? Meinen A. E., eben eine Brille prüfend, gegen das Fenster haltend; der Trödler, sichtbar zum Kaufe zuredend, stand neben ihm. Ich blickte schnell wieder weg, hatte aber doch Zeit gehabt, zu bemerken, daß es eine Brille von gediegen altmodischer Gestalt war, und mich an die Zwiebel zu erinnern, die mir in Brunnen als redlichere Nachfolgerin einer zertrümmerten Uhr gezeigt worden war. Zugleich meinte ich, so flüchtig mein Blick auch gewesen, doch beobachtet zu haben, daß A. E. mich erkannte und sich umdrehte.

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