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Attila

Felix Dahn: Attila - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleAttila
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
projectid4cedb93a
created20070315
modified20141008
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Zweites Buch.

Erstes Kapitel.

Zu derselben Zeit bewegte sich etwa eine Tagereise von der letzten byzantinischen Grenzstadt, Viminacium (heute Widdin), aus ein stattlicher Zug von Reitern, Wagen und Fußgehern gen Norden in das Hunnenreich hinein in der Richtung auf die Theiß. Als Wegführer jagte ein Reitergeschwader von Hunnen voraus auf ihren kleinen zottigen magern, aber unermüdlich ausdauernden Gäulen. Hunnische Reiter umschwärmten auch auf beiden Seiten die alte, immer noch auf langen Strecken brauchbare Römerstraße, die der Zug einzuhalten trachtete. Aber nur sehr langsam rückte er vorwärts.

Denn zwar die reich gekleideten Fremden, die von den Hunnen geleitet und begleitet wurden, erfreuten sich vortrefflicher Pferde; aber eine lange Reihe von schwerfälligen Wagen kam nur mühselig von der Stelle, obwohl jedes Gefährt von sechs, acht, zehn Maultieren oder Rossen gezogen ward.

Hochbeladen waren die breiten karrenähnlichen Wagen, manche von ihnen glichen gewaltigen Truhen: die vier Wände aus starkem Eichenholz waren mit gewölbten eisernen Deckeln versehen und diese mit mächtigen eisernen Riegeln und Schlössern versichert. Andere waren wenigstens durch wasserdichte ungegerbte Häute und durch starke Lederdecken sorgfältig gegen Regen oder Sonnenbrand geschützt. Breite Siegel waren über den Schlüssellöchern der Schlösser und an den Verschnürungen der Lederdecken angebracht. Neben den hochräderigen Wagen her aber schritten vollgewaffnete Krieger, hochgewachsen, blondhaarig, blauäugig und treuäugig, den starken Eschenspeer über der Schulter; ernsthaft, bedachtsam, wachsam spähten sie in die Runde: verlässig blickten sie, aber nicht heiter und in tiefem Schweigen gingen sie, während die byzantinischen Sklaven und Freigelassenen, die auf dem vordersten und dem letzten der Zugtiere jedes Gespannes ritten, unablässig in schlechtem Griechisch und Latein schwatzten, nicht nur untereinander, auch – scheltend, zankend – mit den grausam behandelten Tieren, ja mit den Rädern, mit dem schlechten Weg, mit den Löchern oder mit den Steinen in demselben.

Auch zu Pferd und zu Fuß machten ein paar Dutzend solcher Freigelassenen und Sklaven die Reise mit: sowie aber einer von diesen sich irgend in die Nähe eines der versiegelten Wagen drängte, fiel der Speerschaft eines der schweigsamen Wächter nachdrücklich auf den Rücken des Römers; auch einige reich vergoldete Sänften wurden von Römern und Byzantinern getragen. In einer dieser Sänften zeigte sich – nur auf der Windseite war der verschiebbare Holzladen geschlossen – ein scharf geschnittener Kopf, der lauernd ausblickte; und wann ein kostbar gekleideter und gewaffneter Reiter vorübersprengte, suchte der in der Sänfte ihn heranzurufen, heranzuwinken.

Dieser Reiter, ein stattlicher Krieger germanischer Gestalt und Gesichtsbildung, schien die Oberleitung des ganzen Reisezuges zu führen: oft hielt er den Renner an, nahm Meldungen entgegen von der Vorhut – auch von Boten, die zuweilen von Norden her entgegengeflogen kamen – und erteilte kurze Befehle und Antworten. »So halte doch, Ediko! Ein Wort! Nur auf ein Wort!« rief der in der Sänfte auf Latein. Aber der Reiter trabte stumm vorbei. –

Langsam und schwer wälzten sich die Wagen eine ziemlich steile Anhöhe hinan. Geraume Zeit vor dem vordersten Gespann hatten auf der Krone derselben zwei Reiter Halt gemacht in glanzvoller byzantinischer Tracht; die beiden trennten sich beinahe nie auf der langen Fahrt. Sie waren da oben, wo ein weiter Ausblick sich bot, das Nachkommen des Trosses erwartend, von den Pferden gestiegen und gingen nun plaudernd auf und nieder.

»Welch traurige Öde,« seufzte der ältere und offenbar der vornehmere der beiden Gefährten, ein Mann von etwa sechzig Jahren: ein schmaler Kranz von silberweißen Haaren ward unterhalb des runden Reisehutes von Filz sichtbar und verlieh dem edeln Antlitz noch würdevollere Wirkung. »So weit das Auge reicht« – er reckte den Arm hervor unter dem reich mit Gold gestickten Mantel – »keine menschliche Siedelung! Nirgends, auch in der fernsten Ferne nicht, Türme oder Mauern einer Stadt. Aber auch nicht einmal das Dach oder der Rauch eines Gehöftes. Kein Dorf! Kein Bauernhaus! Keine Hirtenhütte! Ja, kein Baum und beinahe auch kein Strauch! Nichts als Steppe, Heide, Ödland, Sumpf! Welche Wüstenei, dies Reich der Hunnen.« »Jawohl, Patricius,« erwiderte der andere, mit dem klugen Haupte in verhaltenem Grimme schmerzlich nickend, »weil sie es zur Wüstenei gemacht haben! Das Land hier war reich und blühend genug noch vor wenigen Jahrzehnten. Schöne Städte, freundliche Villen, darum her wohlgepflegte Gärten, reich an Früchten jeder Art, Rebengelände, strotzend, von köstlichen, blauschwarzen Trauben – denn der Boden hier erzeugt ein feurig Gewächs, und seit den Tagen des Probus schon hatten hier römische Winzer gekeltert, – breite Felder von goldig wogendem Weizen. All' das war römisch Land, von Stämmen des großen gotischen Gesamtvolkes, von Ostgoten, Gepiden, Rugen, Skiren bewohnt, trefflich gehütet gegen andere Barbaren, trefflich bebaut von ihren fleißigen Händen. Denn bessere Ackerbauer als die Germanen – wenn sie wollen oder doch wenn sie müssen! – hab' ich nirgend angetroffen auf all' meinen Reisen. In die Städte freilich setzen sie sich nicht: ausgemauerte Fanggruben nannte sie mir einmal ein Alamanne, darin man Luft und Freiheit und Bewegung einbüße. Aber das Ackerfeld gedeiht, wo immer der Freibauer, der weiß, daß er für sich selbst, für das treue Weib und die ungezählten blondköpfigen Rangen die Scholle bricht, unsere faulen Sklaven und Colonen verdrängt, die nur unter der geschwungenen Geißel arbeiten – für den Herrn, den verhaßten: das heißt, so wenig wie möglich, so schlecht wie möglich. Vor zwanzig Jahren reiste ich als Gesandter der Kaiserin Pulcheria desselben Weges zu dem König der Ostgoten. Da sah es anders aus, dies Land! – Aber seither kamen die Hunnen!«

»Wohl, jedoch – diese Hunnen – warum zerstören sie, was doch nun ihr Eigen geworden ist? Wer weiß,« – seufzte der Patricius – »ob nicht für immerdar! Warum verderben sie alles?« – »Weil sie müssen, o Maximinus! Weil sie nicht anders können! Hast du einmal die Wanderheuschrecken einfallen gesehen auf blühendes, lachendes Land und das Land geschaut – dann?« – Ein greulich Volk!« – »Und diese Ungetüme sind seit Jahrzehnten von unsern Kaisern zu Byzanz und zu Ravenna herangezogen, gehätschelt, umschmeichelt, zu Nachbarn gemacht worden! Immer mehr Reichsland hat man ihnen – früher sogar ganz freiwillig! – eingeräumt. Warum? Lediglich um durch sie die Germanen zu verdrängen. – Das heißt doch, ein Rudel Wölfe zu den Schafen rufen, um durch sie den Adler fernzuhalten.«

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