Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Attila

Felix Dahn: Attila - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleAttila
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
projectid4cedb93a
created20070315
modified20141008
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Kapitel.

Als Daghar mit der unter seinen Küssen wieder zum Bewußtsein Erwachten die Hausthür überschritt, stieß er auf König Wisigast und die Gefolgen, welche die letzten Hunnen hier vor sich hertrieben.

Vereinigt eilten die Geretteten auf die Südseite des großen Platzes zu König Ardarich: sie trafen ihn in Verhandlung mit Chelchal.

Beide Führer waren vor die erste Reihe ihrer Krieger herausgetreten.

Ardarich lehnte den linken Arm auf seinen brusthohen Schild, die vorgesträubten Adlerflügel seines Helmes beschatteten sein mächtig Antlitz: den rechten Arm hatte er um den Speer geschlungen: so stand er, stolz aufgerichtet, eine hohe Heldengestalt, echt königlich: er winkte Wisigast und Daghar, an seine Seite neben Gerwalt zu treten.

Vor ihm stand Chelchal in seiner schmucklosen, ja ärmlichen alt-hunnischen Tracht von Pferdehaut, barköpfig, die langen, aber dünnen Strähne des grauen Haares hingen ihm wirr und schlaff auf die Schultern; er lehnte auf seinem mannshohen hunnischen Bogen, dessen Sehne zerrissen im Winde flog; Blut sickerte aus seinem Halse, ein Geschoß hatte ihn leicht gestreift: er sah aus tief gebeugt, ja geknickt im tiefsten Mark des Lebens, das greise Haupt vornüber gebeugt, auf die Brust herabhängend, wie todmüde; Thränen, die bitteren, die heiß brennenden Thränen, welche nur des gereiften Mannes Auge kennt, rannen ihm in zwei großen Tropfen langsam über die bartlosen, hagern Wangen und mischten sich in dem spärlichen Barte mit dem Blut aus seiner Wunde.

Er hielt die Augen starr auf den Boden geheftet: er mied es, dem steten, dem siegessichern Blicke des Germanenkönigs zu begegnen. Mit starker, aber ruhig beherrschter Stimme sprach dieser, in hunnischer Rede, so laut, daß auch Chelchals Krieger es hören und verstehen mußten:

»Du siehst also ein, vieltreuer Mann: der Vorwurf der Untreue trifft mich nicht: nur dem Toten habe ich geschworen und niemals hob' ich seither gegen ihn das Schwert: nichts bindet mich an seine Söhne. Ja, ihr müßt auch einsehen, hunnische Männer: nachdem ein Schrecken, den unsere Götter unter euch gesendet – sie redeten aus dem Munde jener herrlichen Jungfrau dort –«

»Der Mörderin!« warf Chelchal mit einem grimmen Blick auf Ildicho dazwischen.

»Nein, der Notwehrerin, in echter Not, in reinstem Recht! Nachdem unsere Götter durch Ildichos wahrhaftigen Mund euere vielen Tausende in wilder Flucht auseinander geblasen haben – du, tapfrer Chelchal, und die Wenigen, welche noch hinter dir stehen, ihr wäret nicht im stande, uns zu wehren, wollten wir über euch hereinbrechen – bald trifft mein Fußvolk ein, acht volle Tausendschaften! – und eures Herrschers stolzes Grabmal niederstürzen.«

»Wag es, versuch es!« drohte Chelchal, düster, verzweiflungsvoll. »Wir decken jeden Zoll davon mit unsern Leibern.«

»Fern sei uns das! Ich ehre eure Treue: ich ehre auch den Toten. Nicht Rache: Freiheit suchen wir.«

Er wiederholte diese Worte in gotischer Sprache.

»Freiheit! Freiheit!« jauchzten hinter ihm die Seinen.

»Deshalb vernimm meinen Vorschlag. Thöricht war dein Verlangen, das du im Anfang dieser Verhandlung stelltest: – ich solle dir König Wisigast, Ildicho und Daghar ausliefern und dafür unverfolgt abziehen. Sie ausliefern, für deren Errettung ich mein und meiner Reiter Leben eingesetzt! So stehen die Dinge nicht mehr zwischen uns. Hole dir die Befreiten mit den Waffen, willst du sie wieder haben.«

Chelchal stöhnte: er warf einen scheuen Blick auf seine zagenden Hunnen.

»Vielmehr nimm an, was ich – aus treuem Danke gegen den Toten! – dir biete. Wir greifen euch nicht an, wir ziehen ab in Frieden: aber alle Germanen im Lager, Weiber wie Männer, welche uns begleiten wollen, dürfen uns folgen in ihre Heimat. Ihr Hunnen bleibt – von uns unangefochten – und klagt um eures Herrn, ja eures Reiches Fall. Den vielen hundert Söhnen Attilas aber entbietet diesen Gruß:

Valamer, der Amalung, und Ardarich, der Enkel Wodans, und Wisigast der Ruge und Dagomuth der Skire und Fara der Heruler König und Hildiwalt der Turkiling und Helmichis der Langobarde und Hariogais der Markomannen- und Sido der Quadenkönig und Gerwalt und Hortari die Alamannen und Irnfried der Thüring und Arpo der Chatte und Markomer und Sunno die Uferfranken – all' dieser Völker Könige oder Grafen, wir sind gewillt, gebündet und geeidet, der Hunnen Joch nicht mehr zu tragen.«

»Wir werden euch,« antwortete Chelchal drohend, »wie entlaufene Knechte zum Gehorsam zurückzwingen oder fallen!«

»So wirst du denn fallen, Alter, du und alle Söhne Attilas. Die Götter sollen richten über euch und uns im blutigen Urteil der männermordenden Völkerschlacht. Sie sollen entscheiden, wem die Welt gehören soll: den Söhnen Attilas oder den Söhnen von Asgardh! Und laß uns nun – nach alter Heldensitte unsres Volks! – Zeit und Ort des großen Kampfs bestimmen! in vier Monden könnet ihr, können wir all' unsre Völker scharen: in Pannonien rinnt ein schöner Fluß, – den Netad nennt man ihn – durch breite Felder hin: ein herrlich Kampfgefild. Dorthin lad ich dich und alle Söhne Attilas und aller Hunnen Hordenmacht zum Streit. Soll's gelten?«

»Es gilt!« erwiderte Chelchal fest, sich aufrichtend.

Er winkte seinen Hunnen: diese entsandten Boten durch alle Gassen des Lagers, den Germanen zu verkünden, daß sie die Wahl haben sollten, zu bleiben oder mit Ardarich abzuziehen. Zu diesem gewendet begann er wieder: »Zieht ab von dieser heiligen Stätte, von diesem großen Toten, den eure Gegenwart entweiht!«

»Wir gehen!« rief Daghar. »Aber auf Wiedersehen in vier Monden! Dann wird der Netad blutige Wellen wälzen. Dann zurück mit euch in die Steppen des Aufgangs, von wannen ihr gekommen. Dann stürzt der Hunnen Joch, die Welt wird frei!«

»Freiheit! Freiheit!« scholl es fernher aus den Lagergassen, wo immer Chelchals Botschaft verkündet ward.

Da trat Ildicho dicht an den Vater und an den Geliebten heran, sie hob das schöne Haupt – mit leisem Erröten – zu ihnen empor und flüsterte mit ihnen.

Beide nickten eifrig und König Wisigast begann: »Chelchal, außer den Germanen, welche uns im Leben folgen wollen, verlangen wir von dir noch einen Toten: Ellak! Er fiel für mein Kind, fiel von hunnischem Messer. Seine Leiche soll nicht von eurer Rache geschändet werden. Wir führen ihn mit uns ...«

»Und wir häufen,« fiel Daghar ein, »ihm, dem Amalungensproß, den Grabhügel nach alter Gotensitte.«

Chelchal nickte Gewährung: »Er gehörte nicht zu uns im Leben,« sprach er grollend, »er soll auch im Tode nicht zu uns gehören. Nehmt ihn, den Hälbling.«

Daghar selbst holte nun mit einigen Gefolgen die Leiche Ellaks von dem Dache herab: sie ward auf eine Tragbahre gelegt.

Die Hunnen zogen sich schweigend, finstere, aber mutlose Blicke auf die Gepiden werfend, ganz auf das Zelt zurück und umgaben es dicht gedrängt: das letzte, was Ardarich, der nun den Befehl zum Aufbruch gab, von den Hunnen sah, war die hagere Gestalt Chelchals: sie brach auf der obersten Stufe des Gezimmers vor dem Zelte zusammen.

 << Kapitel 55 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.