Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Attila

Felix Dahn: Attila - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleAttila
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
projectid4cedb93a
created20070315
modified20141008
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel.

Mit zerfetzten Kleidern, mit zertretenem Speer, mit zerbrochener Geißel hatte sich Dzengisitz unter Aufbietung aller Kraft aufgerafft vom Boden und war zwischen den Beinen von Rossen und Menschen wieder auf die Füße zu stehen gekommen. Viele Quetschwunden von Hufschlägen und Fußtritten, die über ihn hingegangen, schmerzten ihn; Blut troff ihm in Strömen über das Gesicht: ein scharfer Dornsporn hatte ihm die rechte Wange von oben nach unten völlig aufgeschlitzt: immer ein Ausbund hunnischer Häßlichkeit, sah er nun, im Schmutz gewälzt, zerzaust und zerrissen, vom Blute besudelt, tödliche, aber ohnmächtige Wut auf den verzerrten Zügen aus wie ein Dämon der Hölle.

Er stand nun zwar: aber einen Augenblick taumelte er noch, seine Kräfte waren von dem verzweifelten Emporringen, von der Todesangst, von den Schmerzen seiner Wunden erschöpft: er hielt sich aufrecht an der Mähne eines neben ihm haltenden reiterlosen Gaules, er lehnte sich an dessen Bug: er schloß die Augen, er schnappte nach Luft. Schon drohte ihm Gefahr, von einer neuen Woge heranflutender Hunnen abermals umgerannt oder fortgerissen zu werden. Aber die Vordersten erkannten ihn und hielten die Nachdrängenden mit aller Kraft eine kurze Weile zurück: »Es ist der Königssohn. Dzengisitz! Verwundet! Haltet! Erdrückt ihn nicht!«

So vom Rücken her für den Augenblick gedeckt, raffte er all' seine Kräfte zusammen, warf einen Blick auf das Dach, wo Ildicho erschienen war, wandte sich gen Norden und trachtete nach jenem Hause.

Ein breiter Schwarm flüchtender Hunnen – sie wurden von hinten, von Süden her, von Daghar gedrängt – trennte ihn, der von Westen her nach Norden hin eilte, von seinem Ziele.

»Laßt mich durch,« keuchte er mit heiserer Stimme. »Laßt mich durch, ihr Männer! Ich bitte euch. Hört ihr? Dzengisitz bittet!« So furchtbare Leidenschaft loderte aus diesen Worten, daß die nächsten, die sie vernahmen, betroffen auswichen und auch ihre Nebenmänner zur Seite schoben. »Dzengisitz bittet! Das war noch nie!« – »Platz, Platz für den Sohn des Herrn!« – »Was willst du, Herr?« – »Auch fliehen?« »Nein: rächen!« knirschte der, zwängte die letzte dünne Reihe von Flüchtigen auseinander, die ihn von dem Eckhause trennte, riß das krumme Dolchmesser aus dem Gürtel und warf sich auf die Thüre. Allein diese war verschlossen und sehr fest; das hatte Ildicho bisher gerettet.

Denn schon gar manchem der Hunnen, der auf der Flucht an ihrem Gefängnis vorübereilte, war, bei allem Streben, zu entrinnen, doch der Gedanke gekommen, die Mörderin des Herrn, die sich der That tolldreist offen berühmte, zu strafen, den Herrscher zu rächen. Die Wachen, die vor der Thür hielten, waren gleich im Anfang der Entscharung der Hunnen selbst entflohen oder von den Fliehenden fortgerissen worden. Aber die ungehütete Thür war von außen wie mit einem Eisenriegel, so mit dem Schlüssel gesperrt, und der Wächter, der den Schlüssel verwahrte, wie die andern verschwunden. So hatte gar mancher Hunne sich vergeblich bemüht, rasch einzudringen, und zu längerem Verweilen nahm sich keiner die Zeit.

Dzengisitz fand den Eisenriegel bereits von solchen Versuchen zurückgeschoben: aber mit einem wilden Fluche nahm er wahr, das Eichengefüge der Thür war viel zu stark und dick, mit dem Fuß eingestoßen werden zu können; auch an dem Schlosse mühte er sich vergeblich mit den Fäusten, dem Dolche, dem Knie. »Ein Beil! Eine Axt! Ein Haus voll Gold für ein Beil!« »Hier, Dzengisitz, ist eine Axt,« rief ein vorüberfliehender Hunne, riß das Kampfbeil aus dem Wehrgurt und warf es dem Prinzen zu; der fing es behend. »Hei, ich will dich fliehen lehren, Hund!« knirschte er, sprang dem Manne nach und spaltete ihm mit einem Axtstreich den Hinterkopf.

Schon stand er wieder vor der Thüre und schmetterte gewaltige Schläge gegen das Schloß. So furchtbar hieb er, daß das Krachen den Lärm der heulenden Weiber, das Schreien der Männer überdröhnte: vernehmlich drang es auch in die nächsten Häuser.

In dem gegenüberstehenden Eckhause – es war ebenfalls von außen fest verschlossen und die Wächter vor demselben waren verschwunden – lauschte und lugte ein Mann, das Gesicht an eine lockere Fuge zwischen zwei Querbalken des Erdgeschosses gedrückt, gespannt auf die hallenden Streiche, auf den grimmen Anpocher: plötzlich verschwanden diese spähenden Augen.

 << Kapitel 52  Kapitel 54 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.