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Attila

Felix Dahn: Attila - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleAttila
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
projectid4cedb93a
created20070315
modified20141008
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Sechstes Kapitel.

So war der erste Tag des Götterfestes verronnen. Nun aber rüsteten die Hunnen ihrem großen Herrscher die Leichenfeier. Vorerst schoren sich Männer und Weiber Bart und Haupthaar auf der ganzen rechten Seite des Gesichtes und des Kopfes völlig kahl ab. Dann schnitten sich die Männer mit ihren Dolchen Wunden in beide Wangen, so tief, daß man einen Finger darein legen mochte: denn nicht in weibischen Klagen und Thränen, in Männerblut sollte der gewaltige Fürst betrauert werden. Alsdann ward auf dem großen freien Platz mitten in dem Lager, in dem sogenannten »Ring«, der zur Versammlung und Musterung der Krieger, dann aber auch als Tummelplatz und Rennbahn für Reiter und Rosse diente – deshalb war er von sehr weiter Ausdehnung – eine der größten Kostbarkeiten aufgestellt des ganzen hunnischen Königshortes.

Das war ein gewaltig hohes und geräumiges Zelt von eitel Seide, feinster dunkel-purpurroter Seide: aus China war es als Geschenk des Kaisers nach Tibet, von da nach Persien gelangt; dort hatte – in besseren Tagen von Byzanz – ein römischer Feldherr das Kleinod erbeutet und nach der Hauptstadt gebracht; Attila aber erfuhr durch seine Gesandten von dieser purpurnen Herrlichkeit und machte bei einem seiner Erpressungsverträge die Auslieferung des Prunkstücks zur Bedingung, welche der jämmerliche Imperator nicht abschlagen konnte. Dies Zelt, in welchem Attila nur selten, bei Entfaltung höchster Pracht, fremde Könige empfangen hatte, ward jetzt auf seinen gediegen goldnen Stangen aufgerichtet: ein goldner Drache mit beweglichen Flügeln, der im Winde auf- und niederzuschlagen schien, mit züngelnder Zunge und ringelndem Schweif, prangte oben auf dem Knauf der Hauptstange.

In dieses Zelt, das von unten bis oben mit erbeuteten kostbaren Waffen und mit Pferdegeschirr, funkelnd von Perlen und Edelsteinen, angefüllt ward, trugen sie den Toten in einem goldnen Sarge: dieser ward in einen silbernen, der silberne in einen eisernen gestellt. Nachdem diese Füllung und Ausschmückung des Zeltes vollendet war, versammelten Dzengisitz, Chelchal und die andern Vornehmen alle Hunnen im Lager, welche über ein Roß verfügten, – es waren aber viele, viele Tausende, – ordneten sie in Geschwader, und nun ritten sie dreimal im Schritt, dreimal im Trabe, dreimal im Dreisprung, dreimal in vollstem Jagen um das von dem Fußvolk dicht umdrängte Zelt, indem sie in eintöniger Weise das von Attilas hunnischem Lieblingssänger, dem reich beschenkten, gedichtete Totenlied dazu sangen oder heulten, gar oft von Schluchzen unterbrochen:

»Attila, du Sohn des Mundzuck,
Größter Herrscher du der Hunnen,
Du der Hunnen größter Herrscher,
Heldenhaftster Völker-Herrscher
Aller Hunnen und Sarmaten,
Aller Wenden und Germanen,
Reiche hast du, Herr, besessen
Und dazu hast hundert Städte
Du den beiden Kaiserreichen,
Von Byzanz und Rom den Kaisern,
Abgenommen und die Stolzen
So erschreckt auf ihren Thronen,
Daß sie, um den Rest zu retten,
Jährlich Schatzung dir gesendet.
Unerhörtes, Unerhörtes
Scholl von dir durch alle Völker:
Puru selbst, der Gott des Krieges,
Gab sein Schwert dir, seinem Liebling.
Und die traute Ledergeißel,
Die da unsre Pferdchen geißelt,
Daß sie springen, daß sie hüpfen, –
Diese Geißel schwangst du über Alle Völker,
daß sie mußten Hüpfen nach des Hunnen Wink.

Du, nachdem du all' das glücklich
Hast vollendet, starbst auch glücklich:
Den nicht fällte Schwert des Feindes,
Fällte nicht Verrat der Seinen,
Fällte Seuche nicht noch Alter,
Sondern – ohne Schmerz und Klage,
Während unversehrt dein Volk blieb, –
Unter Wonnen starbst du wonnig!
In der Vollkraft deines Leibes,
In den Armen schönen Weibes
Freudig, ohne Schmerzempfindung!
Kann man Tod denn nennen diesen
Ausgang ohne Weh und Schmerzen,
Einen Tod, der nicht zu rächen?
Und wir bargen dich in Golde,
Weil dir Rom geschatzt in Golde,
Und wir bargen dich in Silber,
Weil Byzanz dir schatzte Silber,
Und wir bargen dich in Eisen,
Weil dein Schwert schlug jeden Feind.

Schon ist deine große Seele
Eingefahren in die Seele
Eines eben großen Helden,
Der an deiner Statt die Hunnen
Führen wird, o Sohn des Mundzuck,
Führen wird von Sieg zu Siege,
Wie du, Attila, sie siegtest,
Und die Herrschaft auf dem Erdball
Wird uns bleiben ewig und – –«

Der Gesang kam nicht zu Ende.

Hier ward er schrill unterbrochen. Denn plötzlich sprengten von dem Südthor her auf den Bestattungsplatz hunnische Reiter, darunter die vornehmsten Diener und Häuslinge des Knaben Ernak, mit allen Anzeichen der Flucht und des Schreckens! »Zu Hilfe!« schrieen sie. »Zu Hilfe! Zur Rache! Die Gepiden! König Ardarich brach in das Lager!«

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