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Attila

Felix Dahn: Attila - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleAttila
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secondcorrectorThomas Stur
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Drittes Kapitel.

Bald darauf stand Ildicho in dem Schlafsaal.

Chelchal selbst hatte sie – die Hände auf den Rücken gebunden, – durch die Gasthalle hereingeführt; nachdem er sie über die Schwelle geleitet, nahm er ihr die breiten goldenen Fesseln ab und schritt hinaus; sie hörte – schaudernd – wie er von außen mit dem Schlüssel abschloß. Das Geräusch machte sie erzittern am ganzen Leibe: ihr war, sie hörte ihr furchtbares Geschick nun unabwendbar hinter sich abgeschlossen. Sie sah sich hastig um in dem halbdunkeln Gemach, einen Weg der Rettung, der Flucht, ein Mittel der Abwehr suchend: – vergebens!

Nur ein einziger Ausgang – der soeben verschlossene! – führte aus dem halbrunden Holzbau, der die Umrisse der vorliegenden Gasthalle – nur in viel kleinerem Maßstabe – wiederholte: diese Thüre von starkem Eichenholz, wie übrigens die Holzwände überall, war von innen dicht mit Teppichen verhängt, bestimmt, jeden Schall der Außenwelt abzuhalten. Sie hörte aber doch – denn sie drückte das Ohr an das Schlüsselloch – ein Waffenklirren ganz dicht draußen: die hunnischen Wächter hatten sich – wie große Hunde – auf die Schwelle niedergeworfen: sie hatten ihre Nachtwache bezogen. –

Sie rüttelte an der Thür: unbeweglich blieb sie: obwohl der lange schwere Eisenriegel, der sie, außer dem Schloß, noch sperren konnte, von innen nicht vorgeschoben war. Ein Fenster fehlte: Luft und Licht drangen, wie in der Gasthalle, lediglich von oben durch Öffnungen in der hochgetäfelten Decke, die durch verschiebbare Vorhänge geschlossen werden konnten; sie waren jetzt geschlossen. Die Mitte des Schlafhauses füllte ein mächtiges Pfühl, ohne Holzgestell, nur aus weichen Decken, Polstern und Kissen unmittelbar auf dem Boden errichtet: dieser aber war handhoch mit Fellen jeder Art bedeckt; da fehlte weder der Tiger aus Hircanien, noch das Elch der Ostsee, noch der Eisbär der Finnen, noch der nubische Löwe. Neben dem Lager prangte ein kunstvoll gearbeiteter Tisch: ein mächtiger, drei Fuß hoher Goldkrug und ein kleiner Silberbecher standen darauf; die Platte von edelstem griechischem Erzwerk stellte die Hochzeit Plutons und Persephones dar: sie ruhte auf einem Fuß von schwarzem Marmor. Eine Anzahl von hölzernen Truhen mit hochgewölbten Deckeln stand an den beiden Langseiten des Gemaches: einige niedrige Polster vervollständigten die Einrichtung.

Vergeblich spähte die Gefangene an den Wänden umher nach Trophäen, nach Waffen, nach irgend einem Gerät, das als Waffe hätte dienen mögen: nichts dergleichen war vorhanden. Vergeblich mühte sie sich, die Truhen zu öffnen, in welchen etwa Waffen, Werkzeuge geborgen sein konnten; die Finger schmerzten sie bald; die Deckel waren fest geschlossen.

Da fiel ihr Blick auf eine schlanke, halb manneshohe Säule von edlem Cedernholz, die ein zierliches Räucherbecken von durchbrochenem Silber trug: sie sprang hinzu, sie suchte sie zu heben, die Last, mit der man freilich einen Menschen zerschmettern mochte – ach! sie war unbeweglich: tief in den Erdboden war die Säule mit eisernen Bogenstangen verankert! Verzweifelnd ließ sie die erhobenen Arme kraftlos sinken: Thränen wollten ihr in die Augen treten, aber sie zwang sie zurück. Sie durfte nicht verzagen.

Sie dachte an Feuer!

Durch die Flamme das Gemach, den Feind, sich selbst verderben? Aber ach! das Räucherbecken enthielt keine Kohlen: es war leer; und für sie unerreichbar hoch hing von der Decke herab die durchsichtige Bernsteinschale, in der aus ehernem Einsatz das einzige Licht glühte, das mit mattem Dämmerschein das – einer Gruft vergleichbare – Brautgemach erleuchtete; unstet, ungleich brannte es: manchmal flackerte es heller auf: dann stieg ein unangenehm süßlicher Qualm in gelben Wölklein schwellend daraus auf: es war köstlichster arabischer Weihrauch, von welchem die am Docht allmählich tiefer herabbrennende Flamme immer neue Schichten ergriff; das hunnische Unmaß aber hatte statt einiger Körnlein die herrliche Ware handvoll in die Ampel geschüttet: nahezu betäubend zog der gelbbraune Dunst allmählich durch das Gelaß. Sie strich nun an ihrem Gewand herunter, erwägend, ob sie nicht irgend ein Mittel der Abwehr trage. Ach, Chelchal hatte der Gefesselten aus dem Haargeflecht des Hinterhauptes sogar die lange starke Nadel gezogen: selbst den metallnen Gürtel hatte er ihr abgestreift. »Wenn er selbst eine Waffe bei sich führte?« dachte sie nun. »Ich entreiße sie ihm und töte mich.« Es war ihre letzte Hoffnung.

Da rauschte etwas in dem Gemach, dem einzigen Ausgang gerade gegenüber; kunstvoll war hier ein Vorhang so angebracht, daß er die Holzwand unmittelbar zu verkleiden schien; allein dahinter lag noch eine geräumige Nische, der Abschluß des Halbrunds.

Erschrocken fuhr sie zusammen: ihre Augen hefteten sich starr auf den Vorhang: hoch schlug ihr das Herz: er war es. Er schritt aus der Nische hervor, langsam, den Blick an der Gestalt des jungen Weibes weidend. Er war es! Und ohne jede Waffe – sie sah es sofort! – nicht einmal einen Gürtel, ihn damit zu würgen! Als er die Mitte des Gemaches erreicht, schoß die Geängstete pfeilschnell an ihm vorüber, hinter den Vorhang, in die Nische: sie hoffte – ach! kein Ausgang, nur die dicke Wand von Eichenbalken.

Da versagten ihr Hoffen, Mut und Kraft: sie sank auf beide Kniee, drückte die verschlungenen Hände gegen die Wand und legte darauf das wunderschön gerundete Haupt.

Er wandte sich: wohlgefälliger Hohn spielte um die dicken Lippen: dies Verzagen, diese hilflose Ergebung freuten ihn unsagbar; jene Anwandlung von Grauen wich von ihm, er sah alles – wie so oft schon – leichten Spiels gewonnen. »Nein, Vögelein,« lachte er, »dieser Käfig hat keine Lücke. – Sei nicht thöricht. – Du ahnst nicht, junges Geschöpf, welch' großartig Geschick dir die Sterne beschieden haben. Vernimm – sie wird dich gewinnen – eine Verkündigung: herrlicher als sie jenem Judenmädchen ward: der sagte ein Engel an, sie werde einen Gott gebären. Sie gebar ihn. Aber er endete – am Kreuz. Du aber wirst mir einen Sohn gebären, der wird Attilas Erbe und der Herr der Welt.« Heißer ward sein musternder Blick, jedoch er erschrak.

Denn wie von unsichtbaren Mächten emporgeschnellt, fuhr die Jungfrau vom Boden auf und aus ihrer Verzagtheit. »Ich? – Dir? – Einen Sohn? – Ich zerträte dem Scheusal die Stirn, bevor es die Augen öffnen konnte.«

Er stutzte; aber er suchte sich zu fassen: »So wirst du denn in goldnen Fesseln gebären. – Jetzt aber gieb dich in Güte. Zwinge mich nicht zur Gewalt! Du bist mein. Kein Gott kann dich mehr vor mir retten.« »Aber eine Göttin!« rief die Jungfrau in frommgläubiger Inbrunst. Meine Göttin! Hilf, Patin Frigga!« Hoch aufgerichtet stand sie da, nicht mehr furchtsam, stolz, ja drohend.

Überrascht von dieser plötzlichen Wandlung trat er – zögernd – einen Schritt zurück; das kalte Grauen kam ihm leise wieder; doch ließ er sich nichts merken; er zuckte nur die hohen Schultern und höhnte: »Wie wird die es wohl anfangen, hier hereinzudringen?«

»Sie ist schon hier!« rief das Mädchen verzückt, »ich fühle ihre Nähe. Ich spüre, wie sie meine Arme stählt.« Und sie hob die beiden wunderschönen Arme gegen ihn, die Fäuste ballend.

Noch einen Schritt that er zurück gegen das Pfühl hin; er blinzelte: »Du wirst nur deine Pein vermehren,« erwiderte er, sehr unwirsch; »Alle fügten sich – zuletzt.« »Ich aber sterbe eher!« rief sie und folgte ihm drohend einen Schritt nach: ihre feingeschnittenen Nüstern zuckten, ihr goldleuchtend Auge schoß Blitze tödlichen Hasses: ihm war, auf ihrem Haupte hebe knisternd sich ihr Haar. »Rühre mich an und ich erdroßle dich!«

Da fuhr er zusammen, kalter Schauer durchrieselte ihn, er wandte das Auge von ihr ab – nun fiel sein Blick auf den Tisch mit dem Goldkrug. »Ah, zu rechter Zeit! Willkommen! flüsterte er zu sich selbst, ließ sich, wie müde, auf das Pfühl gleiten, schob den kleinen Trinkbecher zur Seite, faßte mit beiden Händen den schweren, breiten und hohen, randvoll gefüllten Krug, führte ihn an die Lippen und – trank.

Und trank und trank und trank, ohne abzusetzen, in langen, tiefen, durstigen, gierigen Zügen den gewaltigen Krug fast leer: – der Duft des schweren, mehr schwarzen als roten Weines stieg Ildicho entgegen – nur eine Neige konnte er nicht mehr zwingen. Er wollte, tief Atem schöpfend, den Krug auf den Tisch zurückstellen,: aber er sah dabei mit stieren, rotunterlaufenen Augen vor sich hin: er stellte ihn daneben, in die Luft: so fiel der auf das Eisbärenfell, die dunkelrote Neige färbte tief das glänzende Weiß.

Der Trinker aber schnalzte mit der Zunge und leckte die Lippen. »Ah! O! Ah! Das war köstlich! Fast so süß wie küssen. Wie dumm – das so lang' – vierzig Jahre – mehr! – entbehrt zu haben! – Ich hol' es nach! – O! Wirklich wie flüssig Feuer. Aber – schwer! Jetzt – Ildicho! Komm! Komm bald! Sonst werd' ich – müde! Setze dich zu mir! Nicht? Noch immer nicht?«

Mit großen Augen sah die Jungfrau auf den Lallenden herab.

»O, nicht doch! Nicht so tödlich blicken! Ich mag's – nicht – sehen! Kann's nicht sehen! Ich will die Augen – schließen. – Sie schließen sich selbst. Schlaf? Ja, ein kurzer Schlaf! Voll süßer Träume! Und – wenn ich erwache – erst noch mehr Wein – und dann ...« Da sank er, schwer atmend, auf den Rücken, der dicke wuchtige Kopf war dabei über das Kopfende des Pfühls hinabgeglitten: er lag mit dem Genick auf dem äußersten Rande des Endpolsters: gleich schnarchte er: aber es war mehr ein Röcheln als ein Schnarchen: dunkel-purpurrot ward sein Gesicht: der Mund war weit geöffnet – dunkle Tropfen glitten daraus: war es Wein, war es Blut? –

Ildicho trat ganz dicht an das Pfühl heran: »O! Frigga! Dank! O, nur eine Waffe!« flüsterte sie in leidenschaftlicher Bewegung, mit beiden Händen in ihr Haar greifend. Siehe, da lösten sich plötzlich die prachtvollen Flechten und Zöpfe und fielen ihr von selbst in die offenen Hände.

Draußen auf der Schwelle des Brautgemaches lagen wachsam die fünf Hunnen und ihr Anführer.

Alles still: von außen: denn vor dem Thore der Gasthalle standen ebenfalls Wächter, die jede Annäherung verwehrten. Und auch von innen – von dem Schlafsaal her – alles still. Nur einmal sprang einer – der Anführer – auf und legte das Ohr an das Schloß, sah auch durch das Schlüsselloch: »Hörtet ihr nichts?« fragte er. »Einen halberstickten Schrei – meine ich? Einen Notschrei: ›Hilfe!‹« »Nichts,« sagte der zweite.

»Nichts,« lachte der dritte und zog den Fragenden am Mantel wieder herunter auf die Schwelle. »Willst du wohl das Gucken lassen?« »Man sieht nichts,« sagte der erste, sich niederlegend. »Es ist stockfinster drin. Die Ampel ist ausgebrannt.« »Und übrigens,« grinste der zweite, »leidet da drinnen jemand Not und schreit um Hilfe ...« »So ist es nicht unser Herr,« schloß der dritte.

Und nun hörte man nichts mehr, gar nichts mehr. –

Die kurze Sommernacht verrann: die Sterne verblichen: dann stieg aus flammendem Morgenrot die Sonne prachtvoll, sieghaft auf: es ward heller Tag, es ward Mittag. In dem Brautgemache rührte sich nichts; die Thüre blieb unberührt, blieb geschlossen.

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