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Attila

Felix Dahn: Attila - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleAttila
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
projectid4cedb93a
created20070315
modified20141008
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Sechstes Buch.

Erstes Kapitel.

Kaum hatten sich die weiten Räume der Gasthalle geleert – nur Chelchal war von dem Herrscher zurückbehalten worden –, als die Thüre hastig aufgerissen ward: ein Mann stürmte ungestüm herein.

»Ellak!« rief ihm der Vater zornig entgegen. »Wie kannst du es wagen? Hab' ich dich nicht fortgewiesen aus meinen Augen? Hab' ich dich etwa zurückgerufen?« – »Nein, Herr. Aber ...« – »Was suchst du hier? Oder – wen suchst du?« – »Den Vater.« – »Du meinst: den Herrn.« – »Ja denn! Den großen Herrscher, den gerechten Richter!« – »Ei jawohl! Ich wußte es ja, was dich hertrieb! – Den gerechten Richter? Gut. Diesem Namen – ich verdien' ihn – will ich Ehre machen, fürchterliche Ehre. Spare dir also die Fürbitte für die Verräter.« – »Sind sie überführt? Ich vernahm nur unklares, zorniges Gerede der Hunnen. Ist ihre Schuld erwiesen?« Attila schwieg: er verstummte vor Zorn: unheimlich flammte Röte in sein gelbfahles Gesicht. Chelchal aber rief unwillig: »Ich sollt' es meinen! Der Bube warf das Schwert auf deinen Vater! Nur Hunnentreue dankt die Welt, daß er noch lebt. – Und der Alte? – Beide haben sich mit einer Rotte anderer verschworen zur Empörung, zu deines Vaters Tod. Wir aber – dein Vater selbst und ich – wir hörten alles, in hohlem Baum verborgen auf öder Donauinsel.«

Ellak drückte die Augen zu. »Ist dem so, – wohlan! Richte beide.« »Sie sind gerichtet,« sprach Attila. »Töte sie, – ich wage nicht, um Gnade für sie zu bitten. Aber – ist es wahr, was man in allen Gassen ausschreit – auch Ildicho? Sie ist schuldlos!«

»Nein. Sie wußte um die Verschwörung – ohne Zweifel! – ich sah es ihren Augen an, gleich wie sie hier eintrat und mich erblickte. Sie wußte um den Anschlag und verschwieg ihn ihrem Herrn.«

»Sollte sie Vater und Bräutigam verderben?«

»Ja, sie sollte! – Aber ich verzeihe ihr, – weil ich nicht nur ein gerechter Richter, weil ich ein milder Herrscher bin, der gern begnadigt. Sie wird nicht bestraft.« – »Aber – Vater – es ist nicht wahr, was man versichert?« »Was denn?« Die Frage kam sehr drohend, sehr ungeduldig. »Du willst ihren Vater, ihren Geliebten töten und doch ...! Nein! Es ist ja unmöglich.« – »Was ist Attila unmöglich?« Der verhaltene Zorn stieg an. »Das Scheußliche,« rief der Jüngling, seiner nicht länger mächtig. »Das Teuflische! Du wirst nicht, mit dem Blute der beiden befleckt, jenes herrliche Geschöpf, jene blonde Göttin in deine Arme zwingen, jene weiße ... –« »Bei meinen schwarzen Göttern, ja!« brach der Grimme nun los, »das werd' ich. Die höchste Ehre, die es für ein Weib! – auch für deine blonde weiße Göttin – giebt, soll ihr zufallen: sie wird Attilas.« – »Niemals! Ich sage dir: sie liebt den Skiren.« – »Ich bin nicht eifersüchtig auf – Tote.« – »Aber ich sage dir mehr: sie haßt dich, sie verabscheut dich!« – »Sie wird lernen, mich zu bewundern.« »Nein! Sie stirbt, wenn du sie zwingst. O mein Herr und Vater« – er warf sich in wildem Weh vor ihm zur Erde – »sieh mich hier zu deinen Füßen. Laß mich deine Kniee umklammern. Ich flehe dich an! Erbarmen! Nie, nie, seit ich Unseliger geboren, nie hab' ich eine Bitte an dein Ohr gewagt. Nach meinem Sieg über die Jazygen gabst du mir gnädig einen Wunsch, eine Bitte frei, vor vielen Jahren! Ich that keinen Wunsch. Jetzt, jetzt thu' ich die Bitte. Ich flehe nicht um Gnade für die Männer, nur für die Jungfrau.« – »Sie ist gewährt!« »Vater, ich danke dir!« Entzückt sprang er auf: aber er erschrak, wie er in das finster höhnende Gesicht schaute. »Die höchste Gnade: sie soll mir einen Sohn gebären.« Da schrie Ellak laut wie ein gepeinigt Tier: »Nein, Vater! Das ... das nicht. Du darfst dies Weib nicht entweihen. Ich verzweifle! Ich überleb' es nicht! So wisse denn: ich liebe sie ja bis zum Wahnsinn.« – »Das weiß ich längst.« – »Vater, muß Daghar wirklich sterben?« – »Er muß.« – »So gieb sie mir

Grell lachte der Vater: »Ha, ha, ja, du bist wirklich verrückt. Also wenn sie den toten Harfner liebt und du sie umarmst, das ist nicht: Entweihung.«

»Nie werd' ich sie berühren! Ich schwöre es dir und – ihr. Nur ehren als meine Gattin will ich sie und – schützen.« »Vor mir, du Hund!« schrie Attila schäumend vor Wut und fuhr an das krumme Schlitzmesser in seinem breiten Gürtel. Mit beiden Händen fiel ihm Chelchal in den Arm und hielt ihn fest. »Stoß zu, Vater! Und ich will dir danken, nimmst du mir das Leben! O hättest du mir's nicht gegeben!« Und er breitete weit die beiden Arme aus.

»Nein,« sprach Attila finster. »Ich danke dir, Alter. Der Bube ist nicht wert, von meiner Hand zu fallen. Er lebe: und er wisse seine blonde weiße Göttin in diesen Armen« – er hob sie, alle Muskeln spannend, empor. – »Das sei seine Strafe.«

Mit einer Bewegung der Verzweiflung wandte sich Ellak und rannte gegen die Thüre. »Ildicho!« rief er, in dies eine Wort zusammendrückend eine Flut von Schmerzen, von Entschlüssen: sie befreien? – Das war wohl unmöglich! – Sie töten, – dann sich selbst! All' das zuckte ihm zugleich durch das Hirn, wie er das lange Schwert aus der Scheide riß und auf die Thüre zusprang. Aber er kam nicht weit. Durch das Zorngeschrei Attilas herbeigerufen waren Dzengisitz und zahlreiche Krieger in die Thüre getreten, wo sie in stummer Scheu stehen blieben, während des Streites zwischen Vater und Sohn.

»Haltet ihn!« rief Attila donnernd dem Enteilenden nach. »Entwaffnet ihn! Gut so, Dzengisitz, mein rascher Sohn. Du, Chelchal, sperrst ihn sofort in den Eschenturm, vier Wachen vor die Thüre. Ich werde über ihn richten: – aber erst nach der Brautnacht.«

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