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Attila

Felix Dahn: Attila - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleAttila
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
projectid4cedb93a
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Neuntes Kapitel.

Nun drängte sich aus dem dichten Troß der Diener und Häuslinge hervor ein Mann von etwa fünfzig Jahren, ein echter Hunne. Reich war sein Gewand, von Gold strotzte sein kurzer Flattermantel aus grellgrüner Seide; eine Kette von runden, handbreiten, flachen, goldnen Scheiben und viereckigen Platten zog sich ihm dreifach um Hals und Nacken; fast jede Scheibe trug in der Mitte in einer hierfür angebrachten Öffnung einen lichten Stein: das funkelte und glitzerte in dem bunten Scheine der Pechfackeln an den Pfeilern. Er trat in den leeren Mittelraum zwischen den beiden Reihen von Tischen: – bei jeder Bewegung klapperten und klirrten die Scheiben und Platten – jede hing für sich an einem kurzen Kettlein senkrecht nieder – laut, mißtönig aneinander: was ihm selbst und seinen hunnischen Freunden unsägliches Vergnügen zu bereiten schien: denn er legte es auf das Klappern an, und die Hunnen begrüßten ihn mit lautem Zuruf. Dzengisitz schickte ihm durch einen Knecht ein großes Stück triefenden Schweineschmalzes, mit den Fingern herausschöpfend aus einer vor ihm stehenden herrlichen korinthischen Vase, und Fürst Dzenzil stand auf von seinem Sitze neben Daghar, ging auf den Ankömmling zu, küßte ihn schmatzend auf beide Wangen und gab ihm zu trinken aus seinem eignen Schildpattbecher. Der so Geehrte kaute mit vollen Backen, trank in gierigen Zügen und neigte dabei vor Attila das Haupt fast bis auf den Boden.

»Ah, Drulxal,« nickte dieser sehr huldvoll, »mein wackrer Sänger! Willkommen! Aber wie ich sehe: noch nicht jede der Goldplatten an der Kette meiner Gnaden schmückt ein Stein.« – »Für jeden deiner Siege, o Großherr, den ich besang, schenktest du mir einen Edelstein.«

»Wohl! Bald, hoff' ich, machen wir beide die noch leeren Scheiben voll – wir beide: ich durch Siegen, du durch Singen. Wofür gab ich dir doch jenen schönen Smaragd?« – »Für meinen Sang auf den Tag von Viminacium.« – »Und jenen flammenden Rubin?« – »Ja, Flammen bedeutet er. Ich erbat ihn mir für das Lied auf Aquilejas Fall.« – »Hei, gut gewählt. Aquileja! Sie mögen dereinst lange suchen, die römischen Altertumsdurchschnüffler, bis sie die Stelle finden, wo diese stolze Kaiserburg geragt.« – »Nun aber, o Herr, vergönne, daß ich dir ein neues Lied vortrage, gedichtet auf deine nächste Siegesfahrt im künft'gen Lenz von Aufgang bis zum Niedergang, vom Pontus bis zu den Inseln der Britannen. Verstattest du's, Herr?« Attila nickte. Da trugen zwei Sklaven dem hunnischen Dichter und Sänger seine Spielwerkzeuge zu auf zwei kniehohen Schemeln: sie stellten sie vor ihm nieder, während er auf einem höheren Stuhle in der Mitte der Halle Platz nahm; das eine Tonwerkzeug war eine Art Pauke, aber mit zahlreichen kleinen Glöcklein, und an dem kreisförmigen überstehenden Holzrand auch mit Glaskügelchen und Erzkügelchen besteckt, die, wenn er mit der kurzen Holzkeule in seiner Linken darauf schlug, rasselnd und klirrend und scheppernd den dumpfen Trommelton begleiteten; das andere Gerät vor seiner Rechten war eine Art Hackbrett, dessen Schafdarmsaiten er mit einer zum Klopfen, aber auch zum Zupfen eingerichteten zweizackigen Erzgabel schrille, ganz hochgestimmte Töne entlockte.

Daghar hatte in seinem Leben noch nie ein so erstauntes Gesicht gemacht, als da sein hunnischer Sangesbruder sein fürchterliches Vorspiel begann. Das Staunen wollte allmählich einer nicht mehr zu bändigenden Lustigkeit weichen: – aber bald, sowie er in den Sinn des Liedes eindrang, vergingen dem jungen Königssohn Lustigkeit und Staunen und er griff grimmig an den Wehrgurt, der sein Kurzschwert trug. Der Hunne aber sang in seiner Sprache, nicht im Stabreim und nicht im Endreim, sondern mit Wiederholung nur der Selbstlaute der letzten beiden Silben ohne Rücksicht auf die Mitlauter am Schlusse der Zeile. In deutschen Endreimen würde das Lied etwa gelautet haben:

»Über den Tanais, über den Ister
Winket der Tod mit der Sense der Pest:
»Gürte dich, schürze dich, schwarzes Geschwister
Ferne nach Westen hin ruft uns ein Fest.

Höre mich, hagerer Bruder du, Hunger!
Rüttle dich, schlafender Geier du, Krieg,
Altunersättlicher, immer noch junger,
Schüttle die blutigen Schwingen und flieg!«

Sieh, da in Wolken, den Völkern ein Grauen,
Ballt sich ein schwarzer, ein schrecklicher Zug:
Riesen und Schlangen, entsetzlich zu schauen,
Rasende Rosse mit Flügeln am Bug!

Allen voran der verderbliche Geier,
Kreischend nach Fraß und die Fänge gespannt:
Sonneverfinsternd erstrecket der Schreier
Schattende Schwingen vom Meere zum Land.

Flammendes Züngelein schlägt er zuweilen
Rot aus des Schnabels, des klaffenden, Ritz: –
Hinter ihm Nacht –: doch in zischenden Keilen
Zuckt aus dem Schnabel dann zündender Blitz.

Aber noch grausiger als an dem Himmel,
Wälzt sich auf Erden ein flutender Streif;
Drachenvergleichlich, ein Völkergewimmel,
Feuer im Rachen und Gift in dem Schweif!

Bläst da ein Mann auf gewundenem Horne
An der Alutha vor hölzernem Zelt:
Schauernd in Lust und in Schreck und in Zorne
Bebt da das Abendland, zittert die Welt.

»Hunnen, die Erde, mir gab sie der Kriegsgott!
Hunnen, euch schenk' ich sie – mordet sie aus!«
»Attila,« – schallt es da, – »Väterlein, Siegsgott,
Danke dir, danke dir! Richten es aus.«

Horch! Von dem Kaukasus bebt bis nach Böhmen
Dröhnend Europa von Hufengestampf,
Hoch auf den Bergen und tief in den Strömen
Woget und wütet und würget der Kampf.

»Attila, Attila, Spender der Beute!
Väterlein, sage nur, machen wir's recht?
Pfählen die Jünglinge, schleifen die Bräute,
Bügelgebunden, am Lockengeflecht.

Attila, willst du so? Nieder die Römer!
Siebenfach nieder Germanengeschlecht!
Völkerzermalmender Länderdurchströmer,
Attila, sag' es uns, machen wir's recht?«

Aber die Geißel, neunsträngig, mit Blute,
Hebet der Herrscher empor im Gebet:
»Seht ihr in Wolken die flammende Rute?
Vorwärts! Nach Westen hin weist der Komet«

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