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Attila

Felix Dahn: Attila - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleAttila
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
projectid4cedb93a
created20070315
modified20141008
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Fünftes Kapitel.

Als jetzt auch diese zuletzt eingeführten Gäste Platz genommen hatten, bot ein reich gekleideter Mundschenk knieend Attila eine schwere, durch Kunst der Arbeit und durch Gewicht kostbare Schale Weines; dieser führte sie an die Lippen, trank aber keinen Tropfen, sondern reichte sie dem Mundschenken zurück, mit dem Blicke nach Chelchal deutend. Diesem brachte nun der Schenk die Schale. Chelchal stand auf, verbeugte sich tief vor dem Herrscher, trank und gab die Schale zurück. Der Schenk schritt nun, in gleicher Weise kredenzend, zuerst die rechte, dann die linke Seite der Sitze ab. Aber ein besonderer Schenk stand hinter jedem Gast, der unablässig dessen Becher füllte. Für drei oder vier Gäste war je ein langer schmaler Tisch zurechtgestellt, so daß jeder von seinem Platz aus bequem zu jeder der vielen Schüsseln gelangen konnte, welche die mannigfaltigen Gerichte – hunnischer, römischer, germanischer, slavischer Küche – trugen. Andere erlesene Speisen aber wurden besonders aufgetragen. Zuerst erschien ein Diener mit einer Marmorschüssel, gefüllt mit allerlei gebratenem Wildgeflügel, dem Schopf, Schwungfedern und Schweif belassen waren. Er reichte sie zuerst Attila. Dieser aß – aus hölzerner Schüssel – nur Fleisch, mächtige Stücke, blutige, halb rohe; weder Brot noch irgend welche Zukost genoß er. Und während das Tafelgeschirr der Gäste von eitel Gold und Silber leuchtete und die edelsten Weine sie labten, trank Attila Quellwasser aus hölzernem Becher. Als diese erste Sendung von Schüsseln wieder abgetragen war, erhoben sich auf einen Wink Chelchals alle Gäste, leerten die aufs neue gefüllten Becher mit abermaligem Heilwunsch für Attila und setzten sich wieder, die zweite Reihe von Schüsseln, andern Inhalts, in Empfang zu nehmen und nach deren Erledigung Heiltrunk und Heilwunsch zu wiederholen.

Obwohl es noch nicht dunkelte, wurden doch, um das Tageslicht, das nur von oben durch die offnen Dachluken fiel, auszuschließen, quer an der Decke Vorhänge vorgezogen und die an den Pfeilern der Halle – in feuersicherem Abstand – in eisernen Haken angebrachten Pechfackeln angezündet. Da staunten die Gäste: denn wechselnd brannten die Fackeln in andrem, dunkelrotem, blauem, grünem, gelbem, hellrotem, weißem Licht, das gar seltsam auf den Helmen und Brünnen der Krieger glitzerte.

Plötzlich aber belebten sich Attilas todesstarre Züge: ein fürstlich gekleideter schöner Knabe von etwa fünfzehn Jahren hüpfte über die Schwelle der Eingangsthüre, und durch alle Pfeiler, Bänke, Tische und Reihen der Diener rasch und geschickt sich windend, flog er zuletzt die Stufen des erhöhten Sitzes hinan, kniete neben Attila nieder und schmiegte das Köpflein, von langgeringeltem, reichem, blauschwarzem Gelock umflattert, an dessen Kniee, die schönen, großen, dunkelbraunen Rehaugen – sie schwammen in bläulich angehauchtem Weiß – zu ihm aufschlagend. Da zog es fast wie ein Lächeln um des Fürchterlichen starre Züge hin; mit Rührung, mit Wohlgefallen ruhten seine Augen auf dem Knaben. Er strich ihm über die pfirsichflaumige Wange und hob ihn auf ein Knie.

Dann wählte er einen leckeren Bissen Fleisches aus der vor ihm stehenden Goldschüssel und schob ihn zwischen die kirschroten, vollen Lippen, in die glänzend weißen, gleichgereihten Zähne, die herzhaft zubissen.

»Wer ist der Knabe, der solchen Zauber übt?« fragte Daghar Chelchal. »Ernak, sein Lieblingssohn! Von einer Königstochter, die unsres Herrn Liebe aufgesucht hat.« »Die Arme war also blind?« erwiderte Daghar sofort. »Nicht so blind wie du;« finster, drohend war der Ton der Antwort.

»Väterlein,« schmeichelte der Verhätschelte und strich dem Schrecklichen den borstengleichen Bart. »Das Fleisch – Elchfleisch – ist gut. Aber Menschenfleisch schmeckt besser.« Betroffen sah ihn der Vater an: »Was redest du da?« – »Die Wahrheit, Väterchen. Meine alte Amme, Zdanza, – weißt du? – sie darf mich immer noch besuchen, und sie bringt mir immer etwas mit! – brachte mir gestern, in ein Tüchlein geschlagen, ein großes Stück Fleisch, das war gar knusprig gebraten. Ich aß es auf, ganz auf und schrie dann nach mehr. ›Ja, mein Augapfel,‹ erwiderte die Alte, ›mehr? Ein andermal denn! Ein Mann hat nur ein Herz – und damit wurden deine lieben scharfen Zähnlein rasch fertig.‹ ›Was?‹ fragte ich, ›war das ein Menschenherz?‹ Und fast wollte mir ein wenig grausen: – aber ich gedachte, wie lecker es geschmeckt, und leckte mir die Lippe noch nach. ›Ja, mein trautestes Herzblümchen! Ich erbat mir die Leiche des jungen Goten, den sie heute gerädert haben, weil er dein großes Väterchen einen Werwolf gescholten hatte, schnitt ihm das noch zuckende Herz heraus und briet es meinem schönen Goldpüppchen. Nun bist du gegen Gift gefeit und wirst nie mehr mit Menschenherzen thöricht Mitleid hegen.‹ Wie dumm, Väterchen! Als ob ich schon bisher jemals Erbarmen verspürt hätte! Meine größte Freude ist es ja, den Hinrichtungen zuzuschauen. Hab' ich meine Reitübung gut gemacht, nach meines Lehrers Ausspruch, erbitte ich mir stets zur Belohnung einen Kuchen aus Byzanz oder – mit schießen zu dürfen, werden Gefangene erschossen. Gieb mir zu trinken, Väterlein! Wein, nicht dein dünnes Wasser – Wein! Gleich giebst du mir Wein! Nein, nicht gelben; roten, Pannonier will ich, oder ich weine. Und das verdirbt meine schönen Augen, sagt die Amme. So! Das war ein Schluck, – und rot wie Blut ist der Wein. – Aber, Väterlein, wann ich erst auf deinem Throne sitze ... –« »Eilt es?« fragte Attila; er warf einen Blick auf Ildicho. »Dann trink' ich nur Wein, nicht Wasser! Und nun ich weiß, wie lecker ihre Herzen schmecken, lass' ich mir alle Tage einen jungen Goten schlachten.« – »Wenn aber gerade keiner zum Tode verurteilt ist, mein Söhnchen?« – »Dann verurteil' ich eben einen.« – »Und warum? Was ist sein Verbrechen?« »Daß er nichts dazu gethan hat, seinem Herrn einen guten Braten zu liefern,« lachte der Junge aus vollem Halse, die weißen Zähne zeigend und vor Vergnügen über seinen Witz die schwarzen Locken schüttelnd. Und Attila küßte ihn zärtlich auf die Stirn und auf beide Augen.

Daghar blickte stumm zu Wisigast hinüber. Ein Hunne – es war Fürst Czendrul – hatte den Blick aufgefangen: »Das gefällt dir nicht, Skire?« höhnte er. »Ja, ja! Der Junge ist prächtig. Ist noch schärfer fast als Fürst Dzengisitz. Freut euch, falls ihr auf seinen Erbteil kommt.« Und er stieg wieder einmal zu dem Knaben hinauf. Denn manche Fürsten der Hunnen zwar kamen nun im Laufe des Gelages zu dem verhätschelten Liebling des Vaters, streichelten ihn, küßten ihn, brachten ihm leckere Bissen in ihren schmutzigen Fingern, ließen ihn, was er gierig annahm, aus ihren Bechern trinken. Keiner aber trieb es darin so auffallend wie Czendrul, der den Knaben gar nicht mehr aus seinen Armen ließ. Unwillig sah es Attila mit an; als Chelchal einmal mit einer geheimen Meldung zu ihm herantrat, flüsterte er ihm, auf des Fürsten Schmeicheldienste deutend, zu: »wenn der wüßte, wer meines Reiches Erbe wird, – wie würde er jetzt schon Schön Ildicho schmeicheln.«

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