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Attila

Felix Dahn: Attila - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleAttila
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
projectid4cedb93a
created20070315
modified20141008
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Viertes Kapitel.

Die Stunde des Mittagsmahles war gekommen.

Die hunnischen und die übrigen für heute geladenen Gäste – es waren etwa dreihundert, nahezu ausschließlich Männer – hatten die ihnen angewiesenen Sitze in der großen Empfangshalle, die zugleich als Speisehalle diente, eingenommen. Jetzt führte Chelchal Wisigast, Ildicho, Daghar und deren acht Gefolgen herein. Gerwalt der Alamanne fehlte: vergebens sahen sich die beiden Germanen nach ihm um: auf ihre Frage erwiderte man, Attila habe befohlen, den Suaben nicht heute, erst morgen zum Mahle zu laden.

Gleich sowie sie die Schwelle des Eingangs überschritten hatten, wurden sie von Mundschenken begrüßt – schönen Knaben, die von Gold glitzerten und von bunter Seide: sie reichten den Gästen silberne Schalen dar: diese mußten, so bedeutete sie Chelchal, nippen und einen Heilwunsch für Attila ausrufen. Den Herrscher sahen sie in weiter Ferne, durch den ganzen Raum der großen Halle von ihnen getrennt, gerade gegenüber dem Eingang in der Mitte des Halbrundes sitzen auf einer galerieähnlichen Erhöhung, die von reichgeschnitzter Brüstung umhegt war. Vor den hohen schmucklosen Holzschemel, auf dem der Herrscher kauerte, war ein länglicher Tisch gestellt, ganz aus gediegenem Gold mit vier kurzen Füßen in Drachengestalt: rot funkelten deren Augen: es waren Rubine. Hinter dem Schemel führten mehrere Stufen zu einer Thüre, der Thüre des Schlafsaals. Zwischen den Holzpfeilern an den Seitenwänden waren heute Tische, Bänke und Schemel aufgestellt in großer Zahl: verschwenderische, rohe, sinnlos überladene Pracht war hier entfaltet: die Tische, die Sitze waren von Silber oder von den kostbarsten Marmor- oder Holzarten; die Decken, Polster und Kissen von chinesischer Seide, die Schüsseln, Teller, Becher, Schalen, Humpen, die römischen Mischkrüge, die germanischen Trinkhörner blendeten durch den Glanz ihres Edelmetalls, durch die funkelnden Perlen und Steine, die sie schmückten: aus drei Erdteilen waren diese Schätze als Beute, als Loskaufspreis, als erpreßte Geschenke hierher zusammengeströmt seit Jahrzehnten. Die Tische und Sitze zogen sich auf den beiden Längsseiten des Halbrunds von dem Eingang gegen den Hochsitz des Hausherrn hin.

Als Ehrenplätze galten die Sitze, welche in der Reihe zur Rechten Attilas, den Stufen zu dessen Hochsitz zunächst, angebracht waren: zu diesen Sitzen geleitete nun Chelchal die drei Gäste: doch wurden sie nicht nebeneinander gesetzt: Wisigast und Daghar waren links und rechts von je zwei hunnischen Fürsten umgeben; weiter nach der Thüre zu saß Ildicho zwischen der gefangenen Gattin eines römischen Magister militum und der vergeiselten Tochter eines Häuptlings der Anten: beide waren sehr reich gekleidet und geschmückt; aber sie schienen keine Freude an ihrem Putz zu haben; die junge, hübsche, mädchenhafte Geisel blickte stier, wie dem Leben abgestorben, nur den Tod erhoffend, herab auf ihren Schos; die Römerin, eine prachtvolle Matrone von junonischer Fülle, warf einen Blick tiefen Mitleids auf Ildichos herrliche jungfräuliche Gestalt; sie seufzte und reichte ihr schweigend die Hand. Es waren die einzigen Frauen, die Ildichos suchendes Auge fand. Die Gefolgen des Rugen und des Skiren waren auf der andern, der linken, Seite der Halle verteilt, weit voneinander getrennt, untergebracht worden.

Als die drei Gäste vor ihren Ehrenplätzen standen, gebot ihnen Chelchal, sich vor Attila, dessen Augen scharf auf sie herunterblitzten, zu verneigen. Daghar beugte dabei das stolze Haupt nicht so tief, als es der Herrscher zu sehen gewohnt sein mochte: ein drohender Blick traf ihn: dem König nickte er nicht ungnädig zu: als sein Auge das Mädchen – scheinbar – zuerst erreichte, (– er hatte gleich bei ihrem Eintreten die Gestalt mit brennendem Blick in sich gesogen –) da schloß er es halb – wie wohl das Krokodil pflegt – und blinzelte nur unter den Wimpern hervor: – er schien ihrer gar nicht zu achten.

Ildicho sah den Schrecklichen zum erstenmal: aber sie erschrak nicht, entsetzte sich auch nicht ob seiner Häßlichkeit: hoch sich aufrichtend sah sie ihm fest, trotzig, drohend in das Gesicht: solch kalten, abgrundtiefen, tödlichen Haß erkannte er in diesem Blick, daß er unwillkürlich die Augen nun wirklich ganz schloß: ein leises Frösteln lief ihm über den Rücken; als er das Auge wieder öffnete, mied er das ihrige, das, – er fühlte es – noch immer auf ihn gerichtet war: er sah auf ihren reizvollen Mund, auf die herrlichen weißen Arme: aber nicht mehr in dies Auge! –

Nun erst, nach langer Musterung der drei Gäste, sprach er zu ihnen: »Gut, daß ihr endlich kamt. Erst den Gastwillkomm. Von Geschäften nachher. Ich denke, wir feiern dann heute noch die Verlobung. – Und die Hochzeit,« schloß er, langsam. Ganz erstaunt über so viel Gnade blickten die Hunnen und die andern Gäste auf die so huldvoll Begrüßten, die, nicht minder überrascht, nun sich niederließen.

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