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Attila

Felix Dahn: Attila - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleAttila
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
projectid4cedb93a
created20070315
modified20141008
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Sechzehntes Kapitel.

Ediko führte den gefesselten Vigilius in einen der zahlreichen als Gefängnisse dienenden Holztürme, die, mit starken Thüren und fest verschließbaren Läden versehen, an den Ecken der Lagergassen hochragend sich erhoben; ihre flachen Dächer standen von den nächsten Wohnhäusern so weit ab, daß ein Sprung von Dach zu Dach unmöglich schien. Er folgte hierauf den übrigen Gesandten, die, tief gebeugt, langsam schleichenden Schrittes, ihre Wohnung aufsuchten. Bald hatte er sie – auf der Straße noch – eingeholt. Maximinus blieb stehen, wie er ihn erkannte, und sprach zu ihm vorwurfsvollen Blickes: »Du, Germane, hast heute das Römerreich in den Staub der Schande getreten!«

»Das that nicht ich, nicht Attila, das that euer Kaiser selbst,« erwiderte der Gescholtene, hoch sich aufrichtend. »Ich hab's nur aufgedeckt.« »Ja,« rief Priscus, unwillig einfallend, »aber – ich sah es scharf! – mit innigstem Behagen.« »Weshalb?« fragte Primutus. »Bist du doch kein Hunne!« grollte Romulus. »Warum dieser Eifer, des Hunnen wahnwitzige Überhebung noch zu steigern?« fragte Maximinus. »Sie stößt ja schon mit dem Scheitel an die Sterne.« »Und woher,« forschte Priscus, »dieser kaltwütige Haß gegen uns? Ich sollte meinen, einem Manne, wie du, – einem Germanen – sollte Rom doch lieber sein – ...« – »Als die Hunnen, meinst du, kluger Rhetor? So dachte einst auch ich, so dachte auch mein Vater. Aber ihr Römer selbst habt mich geheilt von diesem Wahn: schon lange und für immerdar! Sie sind rauh, wild, roh: ihr seid gelehrt, gebildet, fein: aber ihr seid falsch bis in das tiefste Mark der Seele! – Jawohl! Ich hab's erfahren.«

»Rede, daß wir dich widerlegen!« rief Priscus.

»Vor zwanzig Jahren war's. Das schmale Land der Skiren, östlich von Rugiland, reichte nicht mehr aus, die stets wachsende, die unerschöpflich quillende Volkszahl zu ernähren. Denn seit wir, fest seßhaft geworden, die braune Ackerscholle brachen guten Donaulandes, – da mehrten Wodan und Frigg und Frô und Donar unablässig unsere Zahl. König Dagomuth berief das Ding, und das Volk beschloß: ein heil'ger Lenz, der dritte Teil der Männer, Jünglinge und Knaben, durch das Los bestimmt, solle auswandern, in neuem Land ein neues Schicksal suchend. Unsere Sippe, die edelste nach der königlichen, traf auch das Los: auf die Wanderung wies uns Wodan: mein Vater hatte fünf waffenfähige Söhne: ich, der jüngste, hatte eben von König Dagomuth die Schwertleite empfangen. Unsere ganze Sippe, unsere Gefolgen und Freigelassene, wir zogen die Donau hinunter. Mundzuck, Attilas Vater, forderte uns auf, gegen reichsten Sold in seinen Dienst zu treten: denn der Skiren feurige Kraft und Edigers, meines Vaters, Heldentum war weithin wohl bekannt. Aber mein Vater antwortete: ›der Kaiser von Byzanz hat um unsere Schwerter geworben, zwar um geringern Sold: aber lieber dien' ich den Römern nur um die Ehre, als den Hunnen um reiches Gold.‹ Der Kaiser siedelte uns an in Thrakien. Wir kämpften hier viele Jahre für Byzanz – gegen die Hunnen, gegen Mundzuck.«

»Ich weiß,« nickte Maximin bestätigend, »mit steter Treue und mit lautem Ruhm.«

»Weißt du auch, Patricius, mit welchem Dank? – – Nach Jahren kamen außer den Hunnen noch andere feindliche Barbaren aus Osten herangezogen: Roxalanen waren's. Wir kämpften unverzagt und dienstgetreu weiter gegen beide Feinde. Der Kaiser aber? Der Kluge erwog, der Roxalanen wären sehr viel mehr als wir: er verriet und verkaufte uns an sie. Plötzlich, zur Nachtzeit, fielen kaiserliche Feldherren, Römer und Roxalanen befehligend, über uns her, mordeten die Wehrlosen im Schlaf, verkauften die Gefangenen auf dem Markte zu Byzanz als Sklaven, schenkten das von uns gepflügte Land und unsere Fahrhabe den Roxalanen. In jener Mordnacht fielen zwei meiner Brüder, zwei andere wurden gefangen fortgeschleppt. Verwundet entkam der Vater mit mir und wenigen Gefolgen in den Grenzwald, in das Gebirge Rhodope. Dort wurden wir aufgegriffen von – Hunnen, Hunnen derselben Horde, die wir jahrelang auf das blutigste bekämpft hatten im Dienste von Byzanz. Man führte uns vor Mundzuck. Wir sahen unsere letzte Stunde gekommen. Der Hunne aber sprach: »Tapfrer Männer Unglück ist uns heilig. Des Römers Treue habt ihr nun erfahren – jetzt erfahrt des Hunnen Wildheit.« Und er löste unsere Bande, er labte uns mit Wein und Speise, und mit eigener Hand pflegte er die Wunde meines Vaters, der ihm gar manchen seiner besten Reiter vom Gaul gestochen hatte. Seitdem dienten wir und diene ich den Hunnen. Wir haben's nie bereut. Mein Vater aber, als er zu sterben kam – von einem Römerpfeil! – hieß mich schwören auf das Schwert bei Eru dem Kriegsgott – laut schwören, was ich mir selbst schon lang im stillen gelobt! – so lang' ich atme, Byzanz und Rom zu hassen und nach besten Kräften zu verderben und solchen Schwur zu vererben von Geschlecht zu Geschlecht, meine Söhne in gleichem Schwure zu vereidigen und die Söhne zu verpflichten, den Enkeln denselben Racheschwur abzunehmen. Ich hab's versprochen und ich hab's gehalten.«

Nach großem Schweigen sprach Maximinus, das würdige Haupt ernst schüttelnd: »Wirklich? Auch die Vererbung! Hast du einen Sohn?« – »Ja!« – »Und den erziehst du im Hasse und zur Rache gegen Rom! Und hast ihn schwören lassen?« »Jawohl, Römer,« rief da eine helle Stimme, »und ich werd's treulich halten.« Ein schlanker schöner Knabe von etwa fünfzehn Jahren, der bis dahin, leise schreitend, unvermerkt dicht hinter Ediko gegangen war und jedes Wort vernommen hatte, sprang nun herzu, umarmte Ediko und huschte wieder fort. »Das war ...?« – »Mein Sohn. Sobald er eidmündig geworden, ließ ich ihn schwören. Und er wird's wahr machen, – mein Odovakar!«

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