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Attila

Felix Dahn: Attila - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleAttila
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
projectid4cedb93a
created20070315
modified20141008
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Dreizehntes Kapitel.

»Sprich nur offen,« gebot der Chan, »ganz offen vor diesen Byzantinern. Sage alles. Auch das Verborgenste. Sind ja unsre Freunde. Vor Freunden hat der Hunne kein Geheimnis.« Ediko trat vor, neigte sich tief und begann sehr ruhig und gelassen: »In Byzantion, dem unvergleichlichen, sah, hörte, erlebte ich Unglaubliches. Die Wahrheit sprach jener Gotenkönig, der, nachdem er ein paar Tage dort geweilt, ausrief: ›in dieser Stadt giebt es eine Menge aller möglichen und aller – unmöglichen Dinge.‹«

Nicht ohne Befriedigung tauschten die Gesandten Blicke. »Eindruck hat sie ihm doch gemacht, diesem Barbaren, die römische Herrlichkeit,« sagte Priscus leise; und Maximinus nickte.

Attila aber fragte gedehnt: »Auch der unmöglichen?« »Urteile selbst, o Herr, ob, was ich erlebte, möglich oder unmöglich ist, nach allem, was Gesandte je erlebt haben. Unmöglich wirst du's nennen. – Dann werd' ich dir die Beweise auf deine Kniee legen.« Mit lebhaftester Spannung lauschten nun alle Anwesenden dem Germanen, der – in lateinischer Sprache – fortfuhr: »Ich ward von Vigilius abgeholt von dem Hause, das nah am Hafen gelegen, mir zur Bewohnung angewiesen worden. Er führte mich zu Chrysaphios, dem mächtigsten Mann im Reiche der Byzantiner. Der Weg ging entlang der stolzen Reihe von Palästen, die – sie bilden eine kleine Stadt für sich – des Kaisers Hofhalt und seiner ersten Würdenträger Amtsräume und Wohnungen enthalten. Laut bewunderte ich die Pracht dieser kaiserlichen Gebäude, nichts Arges wahrlich dachte ich dabei. Der seltsam lauernde Blick meines Begleiters – seht hin, ungefähr, wie er jetzt blickt, nur daß er nun zugleich Schrecken ausdrückt – fiel mir auf: ich wußte mir ihn nicht zu deuten. Aber kaum stand ich vor dem allgebietenden Verschnittenen, als Vigilius unterbrach und – sehr unschicklich, wie mir deuchte – jenem meine Bewunderung der Kaiserpracht schilderte, mit arger Übertreibung.« Vigilius folgte jedem Wort Edikos mit atemloser Erwartung. »Der Unsinnige,« knirschte er. »Was wandelt ihn an? Aber vielleicht ist es das Schlaueste, als mein Feind, mein Widersacher hier aufzutreten.« »Er fügte bei« – fuhr der Germane fort – »und das war frei gelogen! – ich hätte die Bewohner von Byzanz glücklich gepriesen um ihres reichen, üppigen Lebens Willen.« »Wo will das hinaus?« zweifelte Vigilius, immer banger erregt. »Da sprach Chrysaphios: ›Du kannst, o Ediko, ein solches Haus wie dieses, mit goldnen Ziegeln bedacht, gewinnen und in Golde plätschern, sobald du nur willst.‹« »Wann wird er nun aufhören, was wirklich geschehen zu erzählen? Wann fängt er an, zu verhüllen? Welch tolldreistes Wagnis!« klagte Vigilius still für sich hin. »Ich staunte. ›Du brauchst nur,‹ fuhr Chrysaphios fort, ›Hunnenland aufzugeben und zu uns zu ziehen.‹ »Ich atme auf: – die erste Verschweigung!« dachte Vigilius. »Ich fand keine Worte vor Verwunderung. Da« – und nun wandte sich Ediko plötzlich gegen Vigilius, und mit ausgestrecktem Zeigefinger der Rechten auf ihn weisend, rief er zornig – »da mischte sich dieser Vigilius da in das Gespräch.« »Er hat den Verstand verloren!« stieß Vigilius in höchstem Entsetzen hervor; schon die vorletzten Sätze hatte er mit weitaufgerissenen Augen, offenen Mundes, angehört: jetzt trat ihm der Angstschweiß auf die Stirn: er drehte sich zweimal im Kreise, dann wandte er Ediko den Rücken, verhüllte das Haupt mit dem Mantel und wollte in höchster Eile zur Thüre der Halle hinaus. Aber eisern legten sich die Fäuste von vier Hunnen, die sich unvermerkt ganz dicht an ihn, von den übrigen Gesandten ihn trennend, herangeschoben hatten, auf seine Schultern, um seine Arme: sie drehten ihn um mit unwiderstehlicher Gewalt. Und sie allein hielten ihn auch ab vom Fallen: denn die Kniee brachen ihm: schlotternd vor Todesangst mußte er bleiben! Mußte Wort für Wort – im Angesicht den fürchterlichen Attila – anhören, wie Ediko seinen Bericht zu Ende brachte, jetzt wieder ganz verhalten, kühl, erst gegen den Schluß hin abermals in Zorn ausbrechend. »›Hast du leicht Zutritt,‹ fragte mich Vigilius, ›zu Attila selbst, in sein Zelt, auf Jagden und Reisen, in sein Schlafhaus in dem Standlager?‹ Ich erwiderte, wann mich nicht meine Statthalterschaft in Päonien an der Save festhalte oder besonderer Auftrag meines Herrn in Krieg oder Frieden als Feldherrn oder Gesandten verschicke, weile ich stets bei dem Herrscher und teile abwechselnd mit andern seiner Vornehmen die Ehre, in seinem Zelt oder in seinem Schlafhaus vor seinem Pfühl die Waffenwache zu halten, seinen Schlummer zu behüten, ihm den Abend- und den Morgentrunk klaren Wassers zu reichen. Da zischelte der Eunuch in seiner hellen, widerlich hohen Stimme: ›O du glücklicher Mann! Welches Heil kann dir werden, wenn du nur schweigen kannst und ein ganz klein wenig Mut hast. Ich – ich selbst will dir zu höchstem Reichtum und Glanz verhelfen! Allein das bedarf der Verhandlung in breiterer Muße. Ich eile jetzt in den Kaiserpalast. Heut' Abend komm zum Nachtmahl hierher zu mir – du allein – ohne deine Gefolgen und Begleiter.‹

Noch immer ahnte, erriet ich nicht des Elenden Gedanken. Ich wähnte, er wolle mich gewinnen, solch vertrauten, unbelauschten Verkehr mit meinem Herrn dazu zu verwerten, ihn für den Frieden, für Byzanz günstig zu stimmen. Ich versprach, zu kommen. Er winkte mit der Hand: Vigilius ergriff mich am Arm und schob mich hinaus. Vigilius blieb bei ihm. Abends stellte ich mich ein zur Stunde des Nachtmahls: – ich fand bei dem Verschnittenen nur noch einen Gast: – Vigilius.«

Der brach bei diesem Wort zusammen trotz der haltenden Hände der Hunnen: sie rissen ihn unsanft vom Boden auf und schoben ihm einen Schemel unter: denn er konnte nicht mehr stehen, er lehnte nun den Rücken an einen der Pfeiler: aber die acht Fäuste ließen nicht von ihm ab.

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