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Attila

Felix Dahn: Attila - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleAttila
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
projectid4cedb93a
created20070315
modified20141008
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Viertes Kapitel.

Nun sprang Attila vom Pferd – ohne Sattel ritt er, wie alle Hunnen – mit flinker Gewandtheit und erstaunender Jugendlichkeit der Bewegung: aber nicht auf die Erde sprang er, sondern auf den Nacken eines vor ihm knieenden Slavenfürsten, den diesmal die Reihe solchen Ehrenvorzugs traf.

Aus allen Gassen der Lagerstadt strömte jetzt zusammen ein großer Haufe Volkes, Weiber wie Männer. Germanen, Slaven, Finnen wie Hunnen – auch Römer und Griechen – alle diese Sprachen schwirrten durcheinander –: gar viele begehrten mit lautem Zuruf, die Arme flehend vorgestreckt, Gehör, Hilfe, Rechtsschutz bei dem Herrscher. Dieser blieb stehen, mit ernster Miene; alle Augen waren nur auf ihn gerichtet: seinen Winken folgend ließen die hunnischen Wachen zu Fuß, welche ihn von allen Seiten dicht umgaben, durch das enge Gegitter ihrer Lanzen einzelne der Bittsteller herantreten, nachdem sie ihnen zuvor die offen getragenen Waffen abgenommen und ihre Kleider nach etwa verborgenen durchsucht hatten.

Die Zugelassenen warfen sich vor Attila zur Erde, küßten seine nackten Füße – denn auch er ging und ritt barfuß – und trugen ihm ihre Bitten oder Klagen vor: den meisten gab er auf der Stelle Bescheid – nur in hunnischer Sprache – und gar mancher rief ihm jauchzend Dank zu, wie er aufsprang und davon ging.

Da trat ein reich gekleideter Häuptling der Hunnen, den die Wachen mit Ehrerbietigkeit begrüßten, an den Herrscher heran, neigte sich tief und sprach: »Herr, verzeihe, daß dein Knecht eine Bitte an dich richte.« – »Ah, mein getreuer Czendrul! Du hast mir das ganze Amilzurenvolk zertreten unter den Hufen deiner Rosse. Ist es nicht ein Stern am Himmel, – sollst du haben, was immer du begehrst.« – »Auf der Jagd erzählte mir dein Jägermeister, nachdem wir jenem ungeheuren Auerstier, der sich in der Fallgrube gefangen, mit acht starken Tauen die Füße gebunden und ihm die Augen verhüllt hatten, du könnest ... –« – »Gerne will ich dir zu Liebe das Stücklein den Meinigen wieder einmal vormachen. Bringt ihn herbei, den Riesen des Ursumpfs. Und, Waffenträger, meine Streitaxt aus dem Waffenhause! Die schwerste!«

Das umdrängende Volk wich scheu zur Seite: denn nun ward von den Jagdwagen her von einer Schar von dreißig Jägern ein furchtbar Untier herangeschleppt, ein ungeheurer Büffel, dessen Füße mit Seilen so in der Quere und im Zickzack verschnürt waren, daß er stets nur einen kleinen Schritt vorwärts machen konnte, wenn ihn die Treiber mit Schlägen ihrer Hunnengeißeln vorwärts drängten. Das gewaltige Haupt stak in einem Ledersack, Öffnungen waren darin nur für die beiden mächtigen Hörner gelassen, welche zu beiden Seiten weit herausragten: an jedem dieser Hörner hingen, wie zu Klumpen geballt, ein paar Hunnen und zogen und schoben auch an diesen den gefangenen König der Wälder vorwärts. Aber auf einmal senkte das gequälte Tier den gewaltigen Nacken mit der starken zottigen, wollähnlichen Mähne, stieß ein dröhnendes Gebrüll aus und schleuderte mit einem plötzlichen Emporschnellen des Kopfes seine Peiniger so stark von den Hörnern ab, daß sie sausend durch die Luft flogen und weit von dem Tiere rechts und links niederstürzten. Allein es half ihm nichts: im Augenblick hingen schon wieder so viele andere Hunnen an seinen Hörnern, als Fäuste daran Raum fanden: noch einmal brüllte das Tier, aber diesmal dumpf, wie klagend.

»Halt!« gebot Attila. »Laßt ihn. los! Auch ihr mit den Seilen, alle! Tretet zurück!«

Und er schritt nun an die linke Seite des Stieres, der regungslos, wie erstaunt über die plötzliche Erlösung, einen Augenblick stehen blieb, den Kopf gerade vor sich hinreckend.

Hoch blitzte sie empor, die haarscharf geschliffene Axt, in Attilas Hand und auf die Erde stürzte, knapp hinter dem Ledersack im Genickwirbel durchhauen, das gewaltige Tierhaupt: ein breiter Blutstrom schoß hervor, weithin die Umstehenden bespritzend: und zugleich knickte der hauptlose Rumpf, die ungeheure schwarze Masse, nach rechts hin zusammen mit weithin hörbarem, dumpfschütterndem Krachen.

Da brachen alle Hunnen in ein Geheul der Wonne aus, das minutenlang die Ohren betäubte. Entsetzt fuhren die fremden Gäste zusammen. Es waren anfangs nicht Worte, nicht gegliederte Laute, nur abgestoßene Schreirufe. Erst später vernahm man die Worte: »Attila! Väterchen, großes Väterchen, Allherr! Herr der Welt. Attila ist herrlich!« »Ja, herrlich bist du, Attila,« rief der Fürst und warf sich vor ihm auf beide Kniee, »und auf Erden ist nicht deinesgleichen.«

»Ich glaube: nein,« erwiderte dieser sehr ruhig, die Axt dem Waffenträger wieder reichend. »Ich schenke dir dies Stierhaupt zum Andenken, Czendrulchen, treues. Und die Hörner lasse ich dir fingerdick vergolden.«

Jetzt endlich, nachdem der wilde Lärm sich gelegt hatte, sahen die kaiserlichen Gesandten den Augenblick gekommen, der geeignet schien, sich nun auch melden zu lassen und um Gehör zu bitten. Ediko willfahrte ihrem Wunsch, schritt durch den Lanzenrechen der gehorsam ausweichenden Wachen auf den Herrn zu und, mit dem ausgestreckten rechten Arm auf die in der Ferne wartenden Römer deutend, flüsterte er in sein Ohr.

Nicht einen Blick warf Attila auf die Gesandten. Leichte Röte – des Zornes oder der Freude? – flammte, rasch wieder schwindend, über sein gelbfahles Antlitz. Dann rief er laut mit weithin vernehmbarer Stimme auf lateinisch: »Nur von den Kaisern? – Das eilt nicht! Es sind Gesandte der Finnen von dem Lebermeer gemeldet. Und der Aisthen. Und der Uturguren. Und der Itimaren. Und der Akaziren. Und noch von drei andern Völkern: – ich vergaß deren Namen. Die gehen alle vor.« Nun wiederholte er diese Antwort zu seinen Fürsten gewendet in hunnischer Sprache und, den Römern den Rücken wendend, schritt er langsam die vielen Stufen hinan, die zu seinem Holzpalast führten, mit einer stolzen Ruhe, welche der Majestät nicht entbehrte.

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