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Attila

Felix Dahn: Attila - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleAttila
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
projectid4cedb93a
created20070315
modified20141008
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Viertes Buch.

Erstes Kapitel.

Viele Tage hatten die Gesandten in Attilas Lager geduldig – oder ungeduldig – zu harren. In mehreren der ansehnlichsten Holzhäuser untergebracht, wurden sie reichlich verpflegt und höflich behandelt. Vigilius mied die vier Freunde, wie er von ihnen gemieden ward.

Ediko war verschwunden; auf die Frage, ob er etwa dem Herrscher nachgeeilt, hatten die Hunnen mit Achselzucken erwidert: »Niemand kennt des Herrn, niemand seiner Vertrauten Geheimnisse.«

Den Byzantinern und Römern machte das ganze Treiben und Leben in dieser hölzernen Königsstadt einen seltsamen Eindruck: neben barbarischer Roheit wüste Pracht, und dann wieder eine Einfachheit, die bei solchen Schätzen, solcher Macht nicht auf Unvermögen beruhen konnte, Absicht sein mußte. –

Eines Abends schlenderten die vier Gefährten wieder einmal durch die weiten Lagergassen der Zelthütten und sprachen – staunend und schaudernd zugleich – von diesem Reich und seinem Herrscher.

»Ist's doch kein Wunder,« meinte Priscus, »daß ein Barbar – ein Hunne! – jedes Maß verloren hat bei solchen Erfolgen und sich, berauscht vom eignen Glück, schrankenloser Überhebung – ›Hybris‹ sagen wir Griechen – ergiebt.« »Ja, kein Sterblicher,« stimmte Maximinus bei, »von dem wir wissen, von dem die Geschichte erzählt, nicht Alexander der Makedone, nicht der große Julius haben in so kurzer Zeit so Ungeheures erreicht.« »Hat er doch wirklich,« seufzte Primutus, »die Herrschaft über ganz Skythien gewonnen.« »Dies Wort bedeutet an sich schon das Unermeßliche, Unabsehbare,« sprach Priscus. »Von Byzanz bis Thule, von Persien bis an den Rhein,« sprach Romulus. »Ja,« fuhr Priscus fort, »bis zu den Medern, Persern, Parthern sind seine unaufhaltsamen, unermüdlichen Reiter getrabt und haben diese Völker teils durch Vertrag, teils durch Drohung und Gewalt zum Bündnis mit ihm gegen Byzanz gebracht.«

»Und leider darf man sich nicht damit trösten, daß diese ungeheure Macht lediglich durch blindes Kriegsglück rasch empor gebaut, aber ohne innern Halt sei. Mag er ein Scheusal sein, dieser Hunne, – klein ist er wahrlich nicht.«

»So ist er denn ein großes Scheusal!« grollte der Präfekt von Noricum. »Aber nicht ohne Züge von Größe auch im Frieden,« erwiderte Priscus. »Bah, doch nur Hunnen, Sarmaten und zur Not noch Germanen ertragen seine Herrschaft.« »Und die Germanen nicht gern,« bemerkte Romulus; »sie knirschen in die Zügel.« »Griechen aber und Römer,« hob Primutus wieder an, »sie müssen verzweifeln unter seinem Joch!«

»Doch nicht, mein Freund,« entgegnete der Rhetor. »Vernimm den Gegenbeweis, welchen ich gestern erlebte: Griechen, die in unser Reich zurückkehren dürfen, bleiben freiwillig unter Attilas Scepter.« »Unglaublich!« zweifelte der Patricius.

»Aber wahr! Höret nur. Ich wandelte gestern allein durch das Lager. Ruft mich da jemand mit unsrem griechischen Gruß: ›Chaire!‹ an. Ich wende mich erstaunt, da begrüßt mich ein Grieche aus Athen in griechischer Tracht, und er erzählt mir, wie er auf einer Handelsreise nach Viminacium gekommen, dort von dem plötzlich ausbrechenden Hunnenkrieg überrascht, in der Stadt mit belagert, nach der Erstürmung mit gefangen und mit seinen Waren und seinem Geld auf Attilas eignen Anteil an der Beute zugeschlagen worden sei. Aber Sklaven können sich nach Hunnenrecht freikaufen, wenn sie dem Herrn die von diesem selbst festzustellende Schätzung ihres Wertes bezahlen aus den Feinden abgenommener Beute. Heleios – so hieß mein neuer Gastfreund, denn er nötigte mich in sein stattliches, im Innern ganz nach Griechenart eingerichtetes Haus und reichte mir echten Samoswein – hatte sich nun unter Ellak, Attilas tapfrem Sohn, im Kriege gegen Anten und Akaziren ausgezeichnet und kaufte sich nach seiner Rückkehr aus siegreichem Feldzug von Attila los mit dem Golde, das er erbeutet hatte. Er hätte nun frei nach Byzanz oder Athen zurückkehren können. Aber er blieb und bleibt bis an sein Ende. Er darf des Herrschers Tafel teilen und erklärte mir auf mein unwilliges Staunen: ›ich lebe viel glücklicher hier bei den Hunnen als früher im Lande des Kaisers. Gefahr und Last des Kriegsdienstes sind in beiden Reichen gleich: nur daß die Byzantiner wegen der Feigheit, Bestechlichkeit, Ungeschicklichkeit ihrer Feldherrn regelmäßig geschlagen werden, während die Hunnen unter Attila immer – mit nur einer Ausnahme! – siegten. Im Frieden jedoch ist das Leben unter den Kaisern zu Byzanz oder zu Ravenna ein Fluch, das Leben unter Attila ein Segen. Nichts ist dort sicher vor der Gier und der Aussaugungskunst der Steuerbeamten, Recht aber findet der kleine Mann vor den Gerichten nie: denn er kann die Richter weder bestechen noch einschüchtern. Und nie erlangt ein Kläger in Byzanz ein obsiegend Urteil, wenn er nicht alle Leute in dem Gerichtsgebäude, von dem Thürsteher angefangen bis zu dem obersten Richter, besticht, ihnen viele Hundertteile seiner einzuklagenden Forderung im voraus verspricht und verpfändet?‹ Und das mußte ich mir sagen lassen von einem Freigelassenen Attilas! ›Hier,‹ fuhr der hunnische Athener fort, ›schafft der Herrscher mir und jedem ärmsten seiner Unterthanen, der nichts hat als Gaul, Sporn und Speer, rasch volles Recht wider den mächtigsten seiner Großen. Neulich raubte ein Sarmatenfürst einem armen Hunnen ein Fohlen: eine Stunde darauf war er schon gekreuzigt. Nur ein Einziger kann mir nach Willkür der Laune alles nehmen, auch mein Weib: allein denen, die ihm Treue halten, krümmt er kein Haar und läßt ihnen keines krümmen. Ich habe aber lieber einen Herrn als zehntausend Peiniger.‹ – ›Das ist der Grund, o Gastreund,‹ schloß er, ›weshalb ich lieber Attilas Unterthan bin als Kaufmann zu Athen oder Rhetor zu Byzanz.‹«

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