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Attila

Felix Dahn: Attila - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleAttila
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secondcorrectorThomas Stur
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Drittes Kapitel.

Er strich rasch zweimal über die Saiten und hob dann an mit schöner, wohllautreicher Stimme halb singend zu sprechen, die Worte zuweilen mit ein paar Griffen in die Saiten begleitend:

»Vieles fand ich, forschend mit Fragen,
Bei Menschen mich mühend,
Wandernd über die Wege der Welt,
Bei Kundigen Kundschaft erkundend
Von der Völker Versippung und uraltem Ursprung.
Göttergezeugt ist der gesamten Germanen Geschlecht!
Von Wodan, weiß ich, stammen die stolzen Gergoten, die guten;
Vom selben Siegvater, durch Saxnot, seinen Sohn, die steten Sachsen,
Aber von Donar die Dänen und im nahen Norge die Nordwehren.
Ziu zeugten und Zisa eberkühne Alamannen: Aber Eru
Die mutmächtigen Markomanen,
Irmin da oben unter den stillen Sternen
Die Thüringe, tapfer und treu,
Forsete erforscht' ich als der freien Friesen Vater,
Wodans wonniges Weib, Frau Frigga, gebar dem Gatten
Der freudigen Franken, der reisigen Rugen
Fürstliche Väter der Vorzeit.

Allein ein Andres, ein Ungeheures,
Hört' ich von der häßlichen Hunnen Herkunft!

War da waltend der guten Goten Ambl der Edle, der Amlungen Ahn.
Fing er fechtend feindlicher Finnen Frauen.
Finnen sind findig. Viel verstanden sie:
Gewebs und Gewirkes waren sie weise,
Aber auch wilder, wüster, widriger Werke:
Zornigen Zauber zauberten sie:
Vieh verderbten, Saaten sengten, Hagel hexten auf Feld und Flur,
Flammen und Feuer in hegende Häuser,
Seuchen sandten und Siechtum:
Fiel da viel Volkes!

Ärgeres übten sie:
Männer nicht vermochten mehr,
Maide zu minnen,
Froh sich der Frauen zu freuen:
An Müttern nicht mochten mehr Milch
Die Säuglinge saugen:
Blut brach aus den Brüsten!
Mißgestaltet, mißgeboren
Kamen die Kinder, widrige Wunder, zur Welt.

Grauen und Grimm ergriff da die guten Goten:
Beschlossen schleunig die schlimmen Scheusale,
Die übeln Alraunen, auszutreiben aus der Amlungen Erbe.
Nicht taugte, sie zu töten:
Auch nicht die Asche der Argen
Sollte besudeln der Goten Gaue,
Ihr Fleisch nicht faulen in gotischem Grund,
Daß Fluch nicht falle der großen Götter
Auf die entweihte, entadelte Erde.

Fern in die Fremde, nach Norden, nötigten sie die Neidinge,
Jagten sie jenseit der gotischen Grenzen, der göttergehegten,
Wo steinige Steppen starrten, unwirtlich, öde,
Sandig und salzig, mitleidlos dem Menschen, und mächtige Moore,
Sümpfe der Seuchen in dichtem Dunste sich dehnten.
Dorthin drängten sie dräuend, mit geschwungenen Schwertern,
Die häßlichen Hexen, die wüsten Weiber, wünschten, sie würden
Stracks dort sterben vor hartem Hunger und unendlichem Elend.

Aber ach! Zu der Völker Verderben, zum Wehe der Welt
ward Alles anders: unreine, unrechte, unerhörte
Grimmige Geister, gram allem Guten,
Welche der waltende Wodan fern von dem Frieden
Menschlicher Markungen hieher hatte gehetzt,
Stiegen nun stracks, die Weiber witternd,
Empor aus dem Abgrund, aus den Sümpfen der Seuchen,
Aus der sandigen, salzigen, steinigen Steppe,
Und, brünstig entbrennend, in greulicher Gier
Sich der Finninen freuend, der wüsten Weiber die gräßlichen Gatten,
Die Scheusale den Scheusalen scheußlich gesellt
Statt in bräutlichem Bett und am heiligen Hausherd auf Rosses Rücken
Zeugten sie mit den Zauberinnen, den argen Alraunen,
Ein greulich Geschlecht, gierig, gelb und gefräßig,
Krummbeinig, krummrückig, schmutzig, schlitzäugig und schlau: –
Doch rasche Reiter: auf Rossesrücken waren die Wilden ja geworden! –
In unermeßlicher Anzahl, der Erde zum Unheil, den Völkern zum Fluch:
Das ist der wölfisch wilden, der häßlichen Hunnen heillose Herkunft!«

Er hielt inne, erschöpft: denn er hatte in stets wachsender Leidenschaft vorgetragen, zuletzt nicht mehr gesprochen, sondern laut, zornig gesungen, immer wilder die Saiten rührend; er glühte.

Besänftigend legte Ildicho die weiße Hand auf seine Schulter: sie sah dabei teilnahmsvoll auf Ellak, der regungslos zugehört hatte, die dunkeln Augen auf den Boden gerichtet. Nun schlug er sie auf und blickte, tief traurig, zuerst auf das Mädchen, dann auf den Sänger. »Ich danke dir,« sagte er ruhig. »Es war lehrreich. Du trugst das Häßliche schön vor. Offenbar glaubst du daran. Das ist das ärgste.« – »Wie meinst du das?« – »So mächtig also ist der Hunnenhaß, daß auch ein Mann wie du solch Ammenmärlein glauben kann! –«

»Ich glaub' es,« erwiderte Daghar trotzig, »weil ich es gern glaube. Die Sage lügt nicht! – Nicht dir sang ich es gern – ich wollte meiden, dich zu kränken! – aber einem andern möcht' ich es gern einmal in seiner Halle vor all' den Seinen und vor allen Gästen zu hören geben. Gern säng' ich einmal vor ihm! Auch der Haß begeistert und läßt der Harfe Saiten heller tönen.«

»Ich höre lieber daraus klingen – die Liebe! Singe mir jetzt, ich bitte, ein Lied der Liebe. An ihrer Kenntnis, – auch an der Kenntnis, wie es thut, geliebt zu werden! – fehlt es dir ja nicht,« »Du hast Recht,« rief der Königssohn, strahlenden Auges. »Und nicht der Vorbereitung bedarf's: nur ihres Anblicks!« Und sofort begann er, kräftig in die Saiten greifend:

»Aller Erdenfrauen, auch aller Idisen Herrlichste, holdeste, hehrste,
Edelste acht' ich Ildicho! Es weichen alle Weiber der Wonnigen:
Glänzenden Göttinnen, glücklichen,
Gleichet die Glänzende, Glückliche.
Aber nur Einer auch unter den Asinnen
Acht' ich sie ähnlich: Nicht Freia, der allzufreien,
Wandelbar, wechselnd in Wahl Geliebter Günstlinge,
Auch nicht Nanna: nein, nicht
Der allzu zarten und zagenden:
Nahte Nanna die Not, –
Bewältigen würde, wähn' ich, das Weh die Weiche,
Aber Ildicho, an Art wie die Eiche,
Würde, ich weiß es, widerstreiten dem Weh,
In tapferem Trachten treu, und sich selber vertrausam,
Trotzen dem Tode;
Frigga, der freudigen Frau, acht' ich Ildicho ähnlich,
Stolz und stark und mächtig an Mut,
Würdig, Wodans des Waltenden, Weib zu werden,
Des großen Göttergebieters,
Teilend in Treue sein Sinnen und Sorgen,
Teilend tapfer sogar die sausenden Speere.
Oh wer wüßte würdig der Wonnigen, Ildichos, Art und Adel
Zu singen und sagen? Nicht ich selber,
Daghar, dem doch das göttliche Glück gedieh,
Daß ihn die Liebliche liebt.«

Er schwieg, einen entzückten heißen Blick werfend auf das schöne Antlitz, das sich abwandte, errötend in holder, bräutlicher Scham; ungestüm ließ er die Harfe auf den Rasen fallen, er wollte nach ihrem Arme greifen: – aber herb wies sie ihn ab mit strenger Bewegung der linken Hand. Nur diese gelang es ihm zu fassen: und als er sie drückte, meinte er, ganz sanft einen Gegendruck zu fühlen; schon das beglückte ihn. –

Einstweilen hatte Ellak die weggeworfene Harfe unvermerkt aufgenommen: mit einem langen Blicke maß er sinnend die beiden Glücklichen, die für ihn kein Auge hatten: dann rührte er leise die Saiten und sang in hunnischer Sprache still vor sich hin:

»Mag die schöne Sonnengöttin
Dem Geliebten nur gehören, – –
Wie sie leuchtend an dem Himmel
In dem goldnen Wagen hinzieht,
Von dem blonden Haar umflattert, –
Denn das sind die Sonnenstrahlen! –
In dem Antlitz so viel Schöne,
Daß geblendet wir
die blöden Augen vor ihr schließen müssen, –
All' wir Sterblichen doch dürfen
Uns der Himmlischen erfreuen,
Unsre Kniee vor ihr beugen,
Dankend, daß auch uns sie leuchte,
Daß auch uns ein selig Feuer
Von ihr in die Adern strahle,
Daß wir allen Glanz und alles,
Was das Leben lebenswert macht,
Was das Dasein, trüb und schmerzhaft,
Uns doch lieben macht so sehr, – ja
Daß wir alles ihr verdanken,
Was an Glück je ward uns Armen! –

Mag die schöne Sonnengöttin
Dem Geliebten nur gehören, –
Huldreich läßt sie sich gefallen,
Daß Unsel'ge auch ihr danken.«

Er schwieg und hing die Harfe wieder an den Strauch. Daghar ergriff seine Hand: – Ellak reichte statt der verstümmelten Rechten die Linke dar. »Ein traurig Lied,« sprach der Skire, »aber schön, obgleich in Hunnen-Weise.«

Ildicho wandte ihm ruhig das herrliche Antlitz zu: »Ellak,« sprach sie langsam, »was gut ist an dir, ja edel –«, da traf sie ein tief dankbarer Blick der traurig verträumten dunkeln Augen – »was dich heute hierher geführt hat, uns zu warnen, zu helfen, das ist nicht der Hunne, das ist der Gote in dir. Niemals mehr will ich dich Hunne nennen. Du bist uns nicht fremd. Amalahildens Sohn, nicht Attilas Sohn bist du mir.« – »Und doch irrst du, Königskind. Und doch thust du dem Gewaltigen Unrecht. Schrecklich zwar, doch auch groß ist er, ja sogar gut und edel kann er sein, der mich so bitter haßt, mein Vater Attila, der Herr. – Kommt, säumet nun nicht länger. Steigt zu Pferde! Dort läßt sie euer Vater schon vorführen. Ich selbst will euch geleiten und den nächsten Weg führen.«

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