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Attila

Felix Dahn: Attila - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleAttila
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorThomas Stur
senderwww.gaga.net
projectid4cedb93a
created20070315
modified20141008
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Drittes Buch.

Erstes Kapitel.

Während dieser Vorgänge in dem Hunnenlager bewegte sich gegen dasselbe hin ein kleiner Zug von Westen, von dem Lande der Rugier her durch die weiten Wälder, die diese Donaugebiete zum Teil seit unvordenklicher Zeit, niemals gelichtet, bedeckt, zum Teil seit dem Verfall der Römermacht in den letzten drei bis vier Menschenaltern auf bereits urbar gemachtem Boden wieder überkleidet hatten mit aller Üppigkeit der Wildnis.

Die Reisenden, zehn Männer und zwei Frauen, waren sämtlich beritten: Wagen, deren sich Weiber wohl bedienten, wenn sie etwa zu den großen Opferfesten reisten, hätten die dichten Wälder nicht durchdringen können, so schmal waren die Wege, welche auf lange Strecken durch diese Wirrnisse von Gestrüpp, Gebüsch und Bäumen führten.

Behutsam mußte geritten werden: gar leicht stolperten die Pferde über die Knorrwurzeln, die, wie braune Schlangen, oft die Pfade quer überzogen, zumal die hohen, häufig oben ineinander greifenden Wipfel der Eichen, Buchen und Tannen auch in den Tagesstunden ein dunkelgrünes Dämmern tief schattend über die Pfade breiteten. Die Nächte verbrachten die beiden Frauen in einem auf einem Troßpferd mitgeführten Zelt aus starkem Segeltuch auf weichen Decken; die Männer schliefen im Freien unter ihren Mänteln, aber einige von ihnen hielten abwechselnd Wache; die Pferde waren an den Fesseln der Vorderfüße mittels langer Lederriemen an die Fußenden von Bäumen gebunden: so konnten sie nicht entlaufen und doch ungehindert das duftende, hohe Waldgras weiden.

Das Frühmahl eines der Reisetage war soeben gehalten: vor dem aufgeschlagenen Zelte verglimmten die letzten Brände des Feuers, an dem aus mitgeführten Vorräten und aus der gestrigen Jagdbeute der Morgenimbiß war bereitet worden; in dem halb geöffneten Zelt packte eine Magd die Decken zusammen, während die beiden Führer des Zuges und eine wunderherrliche Jungfrau neben dem Feuer ruhten; der ältere der beiden Männer blickte gar ernst in die allmählich erlöschende Glut. –

Das schöne Mädchen bemerkte den trüben Ausdruck seiner Züge: es strich zärtlich mit der weißen, vollen, aber schmal zulaufenden Hand über die Stirne des Alten. »Mein Vater,« sprach sie, »was so Schweres, Trauriges sinnest du? Könnt' ich doch, wie die Falten auf deiner Stirne, die Sorgen hinwegstreichen von deiner Seele.« »Ja, König Wisigast,« rief der Jüngling an ihrer Seite, »was sorgest du? Um was? Oder, um wen?« – »Um das Kommende! – Und nicht am wenigsten wahrlich: um euch beide!«

Daghar hob das lockige Haupt: »Ich fürchte nichts und niemand: auch nicht – ihn!« Mit stolzer Freude ließ Ildicho die leuchtenden Augen ruhen auf seinem schönen Antlitz; »Vater, er hat recht,« sprach sie dann ruhig; »keine Hand, auch die des Hunnen nicht, reißt uns aus der Brust unser Lieben und unsres Wesens Eigenart: ohnmächtig ist er gegen Liebe und Treue.«

Aber der König schüttelte das graue Haupt. »Es ist doch befremdend, unheimlich ist es! Woher weiß er ..., woher hat er so rasch von eurem Verlöbnis erfahren? Kaum war sie in meiner eignen Halle bekannt geworden, gleich darauf sprengte schon sein Bote in den Hof, der in Erinnerung brachte ein altes Gebot, – schon Mundzuck hatte es ausgehen lassen, es war aber durchaus nicht immer eingehalten worden! – wonach keiner der den Hunnen unterworfenen Könige Sohn oder Tochter verloben dürfe, bis er nicht das Paar vor den Herrscher gestellt und dessen Genehmigung erlangt habe. Da blieb nichts übrig als Gehorsam oder – für euch beide! schnelle Flucht.«

»Oder offner Trotz!« rief Daghar. »Ich fliehe nicht, auch nicht vor Attila! O wärest du meinem Rate, meinem Zorne gefolgt! Losschlagen! Sofort!« – »Zu früh, mein Sohn, zu früh! Noch sind die andern nicht bereit. – So machte ich mich denn auf den Weg mit euch nach seinem Hoflager – schweren Herzens! Was der Schreckliche sinnt, wie er entscheiden wird, – wer kann es wissen? Woher kann er es so früh erfahren haben?«

Ildicho wandte das schöne Haupt ab, sie errötete; der Vater bemerkte es. »Ellak!« rief er. »Er hat sein Auge auf dich geworfen! Er will sich wohl von seinem Vater deine Hand ...« »Er soll es versuchen,« sprach Daghar grimmig, kaum die Lippen öffnend; er ballte die Faust um den Schwertgriff. Jedoch die Jungfrau entgegnete: »Nein. Das glaub' ich nicht von diesem – seltsamen – Hunnensproß. Auch kennt er meines Wesens feste Kraft. Er weiß, daß ich Daghar liebe, und er weiß, daß Ildicho niemals ihn ...«

Der König zuckte die Achseln: »Ich und Daghar und viel Mächtigere als wir beide können dich nicht schützen gegen Attilas Gewalt. Wenn er nun gebeut – du bist, wir sind in seinem Lager wehrlos in seine Hand gegeben! – wenn er dir nun gebeut, Ellaks Weib zu werden, – was kannst du andres thun als ...« »Sterben kann ich!« rief die Jungfrau und griff nach des Geliebten Hand, der finster vor sich hin gestarrt hatte. »Nein, Daghar, sorge nicht! Dein werde ich oder des Todes! Und wehe dem, der nach mir greift.«

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