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Gutenberg > Heinrich Heine >

Atta Troll

Heinrich Heine: Atta Troll - Kapitel 19
Quellenangabe
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typepoem
authorHeinrich Heine
booktitleAtta Troll. Deutschland. Zeitgedichte.
titleAtta Troll
publisherHoffmann und Campe
seriesDichtungen von Heinrich Heine
volumeDritter Theil
year1868
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111011
projectid87cea60a
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Kaput XVII.

    Ist ein Thal gleich einer Gasse,
Geisterhohlweg ist der Name;
Schroffe Felsen ragen schwindlicht
Hoch empor zu jeder Seite.

    Dort, am schaurig steilsten Abhang
Lugt ins Thal, wie eine Warte,
Der Uraka keckes Häuslein;
Dorthin folgt' ich dem Laskaro.

    Mit der Mutter hielt er Rath
In geheimster Zeichensprache,
Wie der Atta Troll gelockt
Und getödtet werden könne.

    Denn wir hatten seine Fährte
Gut erspürt. Entrinnen konnt' er
Uns nicht mehr. Gezählt sind deine
Lebenstage, Atta Troll!

    Ob die Alte, die Uraka,
Wirklich eine ausgezeichnet
Große Hexe, wie die Leute
In den Pirenä'n behaupten,

     Will ich nimmermehr entscheiden.
So Viel weiß ich, dass ihr Äußres
Sehr verdächtig. Sehr verdächtig
Triefen ihre rothen Augen.

    Bös und schielend ist der Blick;
Und es heißt, den armen Kühen,
Die sie anblickt, trockne plötzlich
In der Euter alle Milch.

    Man versichert gar, sie habe,
Streichelnd mit den dürren Händen,
Manches fette Schwein getödtet
Und sogar die stärksten Ochsen.

    Solcherlei Verbrechens wurde
Sie zuweilen auch verklagt
Bei dem Friedensrichter. Aber
Dieser war ein Voltairianer,

    Ein modernes flaches Weltkind,
Ohne Tiefsinn, ohne Glauben,
Und die Kläger wurden skeptisch,
Fast verhöhnend, abgewiesen.

    Officiell treibt die Uraka
Ein Geschäft, das sehr honett;
Denn sie handelt mit Bergkräutern
Und mit ausgestopften Vögeln.

    Voll von solchen Naturalien
War die Hütte. Schrecklich rochen
Bilsenkraut und Kuckucksblumen,
Pissewurz und Todtenflieder.

     Eine Kollektion von Geiern
War vortrefflich aufgestellt,
Mit den ausgestreckten Flügeln
Und den ungeheuren Schnäbeln.

    War's der Duft der tollen Pflanzen,
Der betäubend mir zu Kopf stieg?
Wundersam ward mir zu Muthe
Bei dem Anblick dieser Vögel.

    Sind vielleicht verwünschte Menschen
Die durch Zauberkunst in diesem
Unglücksel'gen, ausgestopften
Vogelzustand sich befinden.

    Sehn mich an so starr und leidend,
Und zugleich so ungeduldig;
Manchmal scheinen sie auch scheu
Nach der Hexe hinzuschielen.

    Diese aber, die Uraka,
Kauert neben ihrem Sohne,
Dem Laskaro, am Kamine.
Kochen Blei und gießen Kugeln.

    Gießen jene Schicksalskugel,
Die den Atta Troll getödtet.
Wie die Flammen hastig zuckten
Über das Gesicht der Hexe!

    Sie bewegt die dünnen Lippen
Unaufhörlich, aber lautlos.
Murmelt sie den Drudensegen
Daß der Kugelguss gedeihe?

     Manchmal kichert sie und nickt sie
Ihrem Sohne. Aber Dieser
Fördert sein Geschäft so ernsthaft
Und so schweigsam wie der Tod. –

    Schwül bedrückt von Schauernissen,
Ging ich, freie Luft zu schöpfen,
An das Fenster, und ich schaute
Dort hinab ins weite Thal.

    Was ich sah zu jener Stunde –
Zwischen Mitternacht und Eins –
Werd' ich treu und hübsch berichten
In den folgenden Kapiteln.

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