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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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V.

Auf dem Trone Constantins saß damals Theodosius II., der junge Sohn des Arcadius und der Enkel jenes Theodosius des Großen, welcher bei seinem Tode im Jahre 395 das Römerreich in eine westliche und östliche Hälfte unter seine zwei Söhne geteilt hatte.

Der jüngere Theodosius war am 10. April 401 in Constantinopel geboren, und dann von dem berühmten Patriarchen dieser Stadt Johannes Chrysostomus getauft worden. Seine Mutter Eudoxia hatte er verloren, als er wenig mehr denn drei Jahre zählte. Sie war die Tochter Bauto's gewesen, eines tapfern fränkischen Heerführers, der im kaiserlichen Dienst hohes Ansehen erlangt, und im Jahre 385 die Consulwürde bekleidet hatte.

Unter romantischen Umständen hatte Eudoxia das Diadem der Kaiserin erlangt. Der allmächtige Minister Rufinus sah mit Zuversicht der Erfüllung seiner ehrgeizigen Wünsche entgegen, nämlich der Vermälung seiner eigenen Tochter mit dem jungen Kaiser Arcadius; aber sein listiger Gegner Eutropius hatte die Phantasie des Fürsten durch die Schilderung der ungewöhnlichen Reize Eudoxia's und durch ihr Porträt so sehr entflammt, daß er in den seltsamsten aller Staatsstreiche einwilligte. Eine feierliche Procession von Höflingen zog mit den kostbaren Brautgeschenken aus dem Kaiserpalast durch die Straßen der Hauptstadt, um die Braut, wie das erwartet wurde, aus dem Hause des Rufinus abzuholen. Aber statt dorthin sich zu begeben, wandte sich der Zug nach einem andern Hause, wo die Tochter Bauto's bei ihren Freunden erzogen wurde, und dieses fränkische Mädchen wurde unter dem Staunen des Volks nach dem kaiserlichen Palast geführt, und hier am 27. April 395 dem jungen Arcadius vermält.Zosimus, ed. Bonn., V, c. 3.

Die Folge dieses Ereignisses war der Sturz des Rufinus, und die unumschränkte Herrschaft der schönen habgierigen Eudoxia. Sie hat das erste Beispiel des byzantinischen Weiberregiments gegeben, welches sich auf die Ränke und unersättlichen Begierden der Hofgünstlinge, der Eunuchen und der Priester stützte. Sie war herrschsüchtig und gewaltsam.Cedrenus (I, 585) nennt sie wegwerfend βάρβαρος γυνὴ καὶ θρασυκάρδιος. Den Bischof Johannes Chrysostomus trieb sie aus gekränkter Eitelkeit in die Verbannung und den Tod. Als ihr eine silberne Statue vor dem Palast des Reichssenats in der Nähe der Sophienkirche aufgestellt wurde, beging das Volk diese Festlichkeit mit so ausgelassenen heidnischen Orgien, daß der erzürnte Chrysostomus in einer Predigt öffentlich die Kaiserin tadelte, ja als eine neue Herodias zu bezeichnen wagte. Dies hatte seinen Sturz zur Folge. Der Patriarch wurde abgesetzt und nach Cilicien verbannt; er wanderte von Exil zu Exil und starb im Elend am 14. September 407.Neander, Johannes Chrysostomus, I, 219.

Wenige Monate nach seinem Sturze starb die Kaiserin Eudoxia, am 6. October 404. Ihrem ganz unfähigen Gemale Arcadius hatte sie einen Sohn und vier Töchter geboren: Flaccilla, Pulcheria, Arcadia und Marina.Flaccilla, geb. 18. Mai 397; Aelia Pulcheria, 19. Jan. 399; Arcadia, 3. April 400; Theodosius, 10. April 401; Marina, 10. Febr. 403. Clinton, Fasti Romani, II, und Ducange, Famil. Aug. Byzantinae.

Theodosius der Zweite folgte seinem Vater auf dem Trone am 1. Mai 408, nachdem er sechs Jahre früher, noch in Windeln, zum Augustus ernannt und im Hebdomon gekrönt worden war. In einer drangvollen Zeit sollte er, ein verwaistes Kind, die Hälfte des Römerreichs regieren. Er blieb völlig schutzlos. Sein Oheim, der schwache, geistlose Kaiser Honorius in Rom, hatte zwar beschlossen, in Person nach Constantinopel zu kommen, oder doch treue Männer als Vormünder seines Neffen dort einzusetzen; jedoch die Unruhen im Abendlande hielten ihn davon zurück.Sozomenus, IX, 4.

Byzantinische Geschichtschreiber haben die verzweifelte Lage des oströmischen Reichs und die wunderbare Erhaltung des Knaben Theodosius auf dem väterlichen Trone durch eine Thatsache bezeichnet und erklärt, welche ganz rätselhaft ist. Arcadius soll nämlich die Vormundschaft seines Sohnes dem ritterlichsten aller Feinde der Römer, dem Perserkönige Izdegerd, testamentarisch übertragen haben. Dieser, ein erklärter Freund der Christen, sandte hierauf von seinem eigenen Hof einen klugen Mann, Antiochus, als Vormund der kaiserlichen Waise nach Constantinopel, wo derselbe vier Jahre lang mit großer Besonnenheit seine Mission erfüllte, und dann nach Ktesiphon zurückkehrte.Theophanes, Chronogr. ed. Bonn., I, 126; Cedrenus, I, 586; Zonaras, Annal., III, 122; Nicephorus, II, c. 1. Dazu Sievers, Studien zur Gesch. der röm. Kaiser, S. 423.

Nichts würde den tiefen Verfall des Staats in beiden Hälften des Römerreiches so deutlich machen, als diese Thatsache, wenn sie wirklich geschichtlich gewesen ist. Die Byzantiner haben sie als solche ohne jede weitere Bemerkung erzählt und auch an sie geglaubt. Wenn sich im Abendlande germanische Abenteurer, Sueven und Vandalen, der römischen Regierung bemächtigen konnten, so würde es auch erlaubt sein, in dem halbasiatischen Byzanz die Regentschaft eines persischen Höflings für möglich zu halten, vorausgesetzt, daß er das Christentum bekannte, und dies, wie die nicht persische Nationalität des Mannes zeigt der Name Antiochus an. Es ist aber auch möglich, daß unter jenem persischen Vormunde der mächtige Oberkammerherr des Kaisers Arcadius mit gleichem Namen zu verstehen ist, welcher dessen Sohn als Pädagoge erzogen und lange Zeit die Herrschaft im Palast behauptet hat.Als Erzieher bezeichnet ihn ausdrücklich Malalas, XIV, 361. Siehe auch Sokrates, VII, 1; Theophanes, I, 148; Nicephorus, II, c. 1.

Welchen Personen sonst Arcadius die Obhut seiner unmündigen Kinder übertragen hatte, ist uns unbekannt.Aus dem 22. Briefe des Synesius zieht Lapatz (Lettres de Syn., S. 372) den übereilten Schluß, daß ein dort genannter Anastasius von Arcadius zum Erzieher seiner Kinder ernannt gewesen sei. Es handelt sich aber nur um die Legitimirung der eigenen Kinder dieses Mannes. Es gab keine namhaften Verwandte des kaiserlichen Hauses in Constantinopel, die er damit hätte betrauen können. Unter fremden Menschen, Staats- und Hofbeamten, Palastdamen und Eunuchen sind diese Waisen aufgewachsen, und ihre ascetischen Gewohnheiten bewiesen, daß sie eine freudelose Kindheit unter dem Druck des Hofceremoniels und unter dem Einfluß der Hofgeistlichen hingebracht hatten.

Vor allen andern wird der Patriarch der Kaiserstadt ihre erste Erziehung überwacht haben. Dies war seit dem Jahre 406 Attikus, ein gelehrter und frommer Mann, welcher die Nächte über dem Studium heiliger Bücher zubrachte, und als einer der größesten Redner seiner Zeit bewundert wurde.Sein Loh beim Sokrates, VII, c. 2. Die christlichen Priester behaupteten, daß Gott selbst für eine weise und fromme Erziehung des jungen Theodosius Sorge getragen, und deshalb auch das Reich vor Aufruhr und Usurpatoren beschützt habe.Theodoretus, Hist. Eccl., V, c. 36.

Es ist nicht wenig anziehend, sich das Leben dieser kaiserlichen Kinder in dem unermeßlichen Palast Constantins vorzustellen, wo Jahre hindurch ein Knabe, von seinen jungen Schwestern umgeben, den Staatshandlungen und den Gesetzen eines großen Reiches seinen Namen und seine Autorität gab, und die Huldigungen seiner Völker empfing; denn diese achteten in ihm die Majestät des römischen Kaisertums. Keine Provinz erhob sich in Empörung, und die kunstvolle Maschine der byzantinischen Verwaltung versagte nicht den Dienst.

Zum Glück führte die Reichsgeschäfte als oberster Minister Anthemius, der seit dem Jahre 405 Präfect des Prätoriums war, und so ausgezeichnete Eigenschaften als Staatsmann besaß, daß ihn einer seiner Zeitgenossen den einsichtsvollsten aller damals lebenden Menschen genannt hat.Φρονιμώτατος τω̃ν τότε ανθρώπων: Sokrates, VII, c. 1.

Während Italien von barbarischen Völkern durchzogen und Rom im Jahre 410 die Beute der Westgothen wurde, während die Provinzen des Abendlandes bis zu den Säulen des Herkules hin in die Gewalt germanischer Eroberer fielen, vermochte der edle Anthemius die hunnischen Horden über die Donau zurückzuwerfen und dem byzantinischen Reich den Frieden zu erhalten. Er sicherte die Hauptstadt am Bosporus vor feindlichen Anfällen, indem er sie im Jahre 413 mit festen Mauern auf der Landseite umgab. Sie waren vierzehn Millien lang. Man nannte sie die neuen Mauern, oder des Theodosius.Ducange, Constantinopolis christiana, S. 38.

Anthemius, dessen Enkel einst den Tron der Cäsaren in Rom selbst besteigen sollte, verschwindet aus der Geschichte seit dem Anfange des Jahres 415.Im Cod. Theodos. ist das letzte ihn als praefectus praetor. nennende Edict vom 17. Febr. 415. Sein Nachfolger in der Präfectur wurde Aurelianus, ein Mann aus der Zeit Theodosius des Großen, der berühmte Gegner des Gothen Gainas.Im Cod. Theodos. ist das erste Rescript an ihn als Praef. Praet. vom 5. März 415; später findet sich keines an ihn vor. Die Staatsregierung aber kam in die Hände der Prinzessin Pulcheria.

Am 4. Juli 414 ernannte Theodosius diese seine fünfzehnjährige Schwester zur Augusta. Er verlieh ihr mit dieser höchsten Würde des Kaiserhauses die Rechte der Mitregentin, während ihre Schwestern nur den Titel Nobilissima oder Basilissa führten.

Die unerhörte Thatsache, daß die Angelegenheiten des byzantinischen Reichs durch ein junges Mädchen geleitet wurden, spricht zum mindesten für die seltenen Eigenschaften Pulcheria's. Weit über die Jugendjahre ihres Bruders hinaus hat sie im Palast und Staat die Herrschaft geführt. Ihr Zeitgenosse, der Kirchengeschichtschreiber Sozomenus, hat in seiner Bewunderung ihrer Tugenden gesagt, daß Gott dieses Mädchen zur Mitregentin und zum Vormund ihres Bruders bestellt habe, um durch sie diesen zum religiösesten aller Kaiser zu machen, und andere Byzantiner haben der frommen Prinzessin einen göttlichen Geist und Inspirationen des Himmels zugeschrieben.Sokrates, IX, 1. καὶ θει̃ον έλαβε νου̃ν. Theophan., I, 126.

Die tugendhafte und weise Hypatia hat ihr grausamer Opfertod durch den Christenpöbel Alexandrias zu einer Heiligen des untergehenden Heidentums gemacht, dessen letztes Abendrot ihre schöne Gestalt verklärt; Athenaïs ist eine Uebergangsgestalt, eine Renegatin des Heidentums; aber Pulcheria wurzelt mit allen Fasern ihres Wesens im orthodoxen Christentum. Sie war in der Kirche ihrer Zeit eine persönliche Macht.

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