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Ferdinand Gregorovius: Athenaïs - Kapitel 26
Quellenangabe
typetractate
booktitleAthenaïs
authorFerdinand Gregorovius
year1882
publisherF. A. Brockhaus Verlag
addressLeipzig
titleAthenaïs
created20021029
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1882
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XXV.

Das Glück wich überall von Theodosius. Denn auch die politischen Verhältnisse des Reichs hatten eine schreckende Wendung genommen. Sokrates und Sozomenus würden, wenn sie ihre Geschichte hätten fortsetzen können, zu dem Urteil genötigt worden sein, daß sich Gott zweier schrecklicher Geißeln bedient habe, des Vandalenkönigs Genserich und des Hunnenkönigs Attila, um die Sünden des römischen Reichs und seiner Regierer zu strafen.

Der Fall Karthagos in die Gewalt der Vandalen, welcher sich am 23. October desselben Jahres ereignete, in welchem Eudokia von Jerusalem zurückkehrte, bezeichnete die politische Katastrophe des Römerreichs. Beide Kaiser des Ostens und Westens rafften sich jetzt zu einer gemeinschaftlichen Anstrengung auf, um jene große Hauptstadt Afrikas den Barbaren zu entreißen. Theodosius schickte eine Flotte von zwölfhundert Schiffen unter der Führung der Generale Areobindus, Anaxilas und Germanus nach Sicilien, aber sie blieb unthätig in jenen Meeren, und mußte nach einem Jahre zurückgerufen werden, sowol weil der Kaiser Valentinian mit Genserich einen Frieden geschlossen hatte, der diesem Eroberer den Besitz Karthagos überließ, als weil das Ostreich selbst von Feinden bedrängt war.

Denn Genserich hatte die unruhigen Barbarenvölker in Asien wie in Europa mit diplomatischem Geschick in Bewegung gebracht. Die Generale des Kaisers mußten zu gleicher Zeit die Isaurier und Perser, die Saracenen und Lybier bekämpfen, und die Donaugrenzen gegen die Horden Attilas verteidigen. Und schon seit 422 waren die Hunnen in das Donauland eingebrochen. Nachdem ihr König Rugila im Jahre 433 gestorben und die Herrschaft an seine Neffen, die Brüder Attila und Bleda gekommen war, konnte Theodosius nur durch Tribute den Frieden erkaufen.

Im Jahre 441 überschwemmten die Hunnen die Provinzen Illyriens; sie drangen in den folgenden Jahren südwärts über die Donau und ergossen sich mit schrecklichem Verheeren über den thracischen Chersonesos.

Sie streiften schon nahe vor den Toren des Bosporus. Die Heere des Theodosius wurden wiederholt in großen Schlachten besiegt. Der unmännliche Kaiser, welcher nirgends in Person im Felde erschien, erkaufte endlich die Rettung seiner Hauptstadt und seines Trones im Jahre 447 durch einen schimpflichen Frieden, welcher dem Hunnenkönige Länderstrecken an der südlichen Donau in einer Ausdehnung von fünf Tagereisen, die augenblickliche Zahlung großer Summen, einen jährlichen Tribut und die Auslieferung vieler römischer Gefangenen zusicherte, welche sich aus den hunnischen Lagern in die Städte des Kaisers geflüchtet hatten.Ueber diesen Frieden Gibbon, Kap. 34. Das Jahr (446) ist richtiger 447, nach Marcellinus.

Die Ausführung dieser Bedingungen durch die kaiserlichen Minister bewies die Ohnmacht des Reiches, welches sein Fortbestehen fast nur der Festigkeit der Mauern Constantinopels verdankte. Theodosius hatte dieselben im Jahre 439 durch Cyrus erweitern und verdoppeln lassen. Ein Teil davon stürzte mit 57 Türmen durch das furchtbare Erdbeben des Jahres 447 ein; aber der Präfect des Prätoriums Constantinus stellte sie eilig wieder her. Die starken Mauern des Theodosius schützten seither Constantinopel, wie die Mauern Aurelians Rom, aber sie würden die große Kaiserstadt kaum vor Attila gerettet haben, wenn nicht dieser Hunnenkönig bald seine Richtung nach dem Westen genommen hätte, um die von Valentinian dem Dritten regierte schwächere Hälfte des Römerreichs seinem Schwerte zu unterwerfen. Er bediente sich dabei eines seltsamen Anspruchs, den ihm Honoria, die Tochter Placidias, gegeben hatte.

Das Verhältniß, welches diese kaiserliche Prinzessin mit Attila anknüpfte, vermehrt die Geschichte der Schicksale der Frauen aus dem untergehenden Hause Theodosius des Großen um ein Abenteuer ganz im Stile des Mittelalters.

Die verstoßene Honoria schmachtete schon Jahre lang in dem klösterlichen Gewahrsam, welches ihr Pulcheria angewiesen hatte. Aber in dieses drangen die Gerüchte von den Kriegsthaten Attilas, vor dessen aufsteigender Macht Constantinopel zitterte. In den Träumen ihrer Sehnsucht nach Leben und Freiheit erkor sich Honoria den gräßlichen Hunnenkönig zu ihrem Befreier und Rächer. Sie nahm die Gelegenheit einer der Gesandtschaften wahr, welche seit einiger Zeit zwischen Attila und dem Kaiser gewechselt wurden; sie schickte jenem heimlich einen Ring und einen Brief, worin sie ihm ihre Hand und ihre Erbrechte als Prinzessin des Kaiserhauses antrug, und ihn aufforderte davon Besitz zu nehmen.

Der Hunnenkönig ergriff das Anerbieten der Enkelin des großen Theodosius mit Begierde, denn es konnte ihm vielleicht den Weg zum Trone der Cäsaren bahnen in einer Zeit, wo dieser Tron im Osten wie im Westen keine andern Erben hatte als Frauen.

Die Kunde der verbrecherischen Handlung Honorias wurde ruchbar, und wahrscheinlich forderte Attila bereits die Auslieferung seiner Verlobten vom kaiserlichen Hof in Constantinopel. Denn Pulcheria beeilte sich, den Gegenstand der Ansprüche des Hunnenkönigs aus dessen Bereiche zu entfernen. Honoria wurde in der Stille auf ein Schiff gesetzt und nach Ravenna zu ihrer Mutter zurückgebracht.

Als nun später, im Jahre 451, Attila, im Begriffe in Gallien einzubrechen, seine kaiserliche Braut und als deren Mitgift ein römisches Land von Valentinian dem Dritten verlangte, suchte Placidia diesen Forderungen dadurch auszuweichen, daß sie ihre Tochter zum Schein einem Hofbeamten vermälte. Die Unselige verschwand darauf für immer in einem Gefängniß Ravennas. Wann ihre Entfernung aus Constantinopel stattgefunden hat, ist unbekannt. Sie geschah wol erst nach der Verbannung Eudokias.Die byzantinischen Geschichtschreiber schweigen von Honoria. Ihre Geschichte erzählen Prosper, Marcellinus und Jordanis.

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