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Gutenberg > Jura Soyfer >

Astoria

Jura Soyfer: Astoria - Kapitel 1
Quellenangabe
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authorJura Soyfer
booktitleDie Ordnung schuf der liebe Gott
titleAstoria
publisherVerlag Philipp Reclam jun.
editorWerner Martin
year1979
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Jura Soyfer

Astoria

 

Personen

Hupka

Landstreicher

Pistoletti

Der Gendarm

Paul, ein junger Bursche »auf der Walz«

Hortensia, eine alte Prostituierte

Rosa, eine junge Prostituierte

Herr Jacob, Hortensias Verlobter

Gräfin Gwendolyn Buckelburg-Marasquino

Graf Luitpold Buckelburg-Marasquinoames, der Butler

Lord R.

Lady P.

G. B. Shaw

Ein Journalist

Eine Sekretärin

Der Lautsprecher

Der Lichtkassier

Der Mann mit der Sammelbüchse

Partei Nr. 23 687

Parteien im Paßamt, Volk, Festgäste

 

Erstes Bild

(Vor dem Vorhang. Hupka und Pistoletti auf der Wanderschaft, singen:)

Der Sommer ist verglommen,
Der Herbst hat ausgeweint,
Nun ist der Winter kommen,
Der bitterböse Feind.
Die Erde liegt im Leichenhemd
Und war einst jung und bunt.
Was suchst du noch, du bist hier fremd,
Mein Bruder Vagabund.

Wie springt dir an die Waden
Der scharfe Winterwind!
Du bist nicht eingeladen,
Wo sie besoffen sind.
Dich ruft kein Wirt zum heißen Punsch
Um Sankt Silvesters Stund:
Ein Rabe krächzt den Neujahrswunsch,
Mein Bruder Vagabund.

Und war der Himmel droben
Von Samt und von Brokat,
Und Sternlein eingewoben
Ein jedes ein Dukat –
War keiner, der die Leiter stellt,
Daß man sie holen kunnt.
So ist die Zeit, so ist die Welt,
Mein Bruder Vagabund.

(Vorhang auf. Eine Landstraße, ein Wegweiser: »St. Ulrich ob der Triesting 25,6 km.« Hupka und Pistoletti. Autos fahren vorbei. Sie versuchen vergebens, die Wagen anzuhalten.)

Hupka: Ja, man muß schon wo unterkriechen. In diesem Sinnt stellt sich unweigerlich die Frage des Winterquartiers. Weil das ist schon kein Klima mehr, sondern ein Scheißwetter.

Pistoletti: Alsdann kommst mit ins Spital? In Mariawördern ist eins, das ist mir warm empfohlen worden.

Hupka: Auf so etwas kann ich mich nicht einlassen. Ich bin ein kranker Mensch. Ich muß übern Winter ins Gefängnis. Honni soit qui mal y pense.

Pistoletti: Wieviel Monate kriegt man für so was?

Hupka: Gar nichts. Das ist kein Verbrechen, sondern Französisch.

Pistoletti: Nachher haust halt eine Fensterscheiben ein oder was.

Hupka: Über so was bin ich erhaben, lieber Pistoletti, indem ich ohne Dokumente bin und einem bekannten Raubmörder ähnlich schau wie ein Ei dem anderen. Bis sie mir nachweisen, daß ich nicht derjenige bin, wird's immer Frühling.

Pistoletti: No bitte, das ist natürlich Sache der Weltanschauung. Ich weiß nur, daß in dem Spital ein gewisser Doktor Eilinger ist, und wenn du dich als chronischer Trinker legitimieren kannst, kämerst du bei dem zur Entwöhnungskur. Und dieser Doktor kommt jeden Abend zu den Entwöhnungspatienten und tut Wettbewerbe veranstalten, und zwar um so viel Mäuse einer mehr sehen tut wie der Doktor, so viel Tropfen Sliwowitz kriegt derjenige als Prämie. Und zwar zahlt der Doktor immer drauf, trotzdem daß er ein Intellektueller ist. Aus Blödheit wahrscheinlich. Nur dem, der was mir das erzählt hat, bei dem ist er mißtrauisch geworden, weil der hat zwölf Millionen angegeben. Selbstredend ist er 'rausgeschmissen worden. Es muß aber nicht jeder gleich so wild hasardieren.

Hupka: Der Mensch muß sich eben begnügen können.

Pistoletti: So ist es.

Hupka: Ich will dich aber aufmerksam machen, daß das Polizeigefängnis in Sankt Ulrich ob der Triesting das luxuriöseste ist, was wir in diesem Genre aufzuweisen haben. Direkt ein Hotel Bristol. Ich glaub sogar, sie haben dort Wasserspülung. Sapienti sat.

Pistoletti: Das schon. Aber entweder Arrest oder Spital. Alles auf einmal kann der Mensch nicht haben.

Hupka: Sehr richtig, heutzutag kommt man nur als Diogenes durch. Also auf Wiedersehen, Spezi, bei dem Wegweiser da.

Pistoletti: Wann?

Hupka: Eh scho wissen. Im Frühjahr kribbelt's uns sowieso immer am gleichen Tag.

Pistoletti: Das macht die Seelensympathie. Servus, Hupka.

Hupka: Servus, Pistoletti.

(Pistoletti ab.)

Autos fahren vorbei und bleiben trotz Hupkas Winken nicht stehen.

Hupka: Fi donc. Noch minimal vier Stunden Marsch bis zum nächsten Gendarmen, der mich arretieren könnte. Wie immer, wenn man sie braucht, sind sie nicht da.

Gendarm (tritt auf): Ein herzliches »Grüß Gott«.

Hupka (erstaunt): Gehst nicht weiter. So was von einem lupus ex machina. Das ist aber sehr lieb von Ihnen, daß ich Ihnen in die Hände fall.

Gendarm: Würden Sie sich bitte legitimieren?

Hupka: Der hat eine Höflichkeit in sich, daß es einem kalt herunterläuft.

Gendarm: Oder haben Sie am Ende keine Dokumente?

Hupka: Erraten, Sherlock! Auf nach Scotland Yard!

Gendarm: Armer Mann, da haben Sie sicher die Papiere verloren?

Hupka verblüfft): Was? Wie? ...

Gendarm: Das ist doch logisch, mein ich.

Hupka: Allerdings ... natürlich ... ich kann ja gar nicht ohne Dokumente auf die Welt gekommen sein ... infolgedessen habe ich sie auf dem Weg verloren, aber da ... müssen Sie doch...

Gendarm: Ihnen die Papiere wieder verschaffen, natürlich. Wozu wären wir Behörden sonst da? Wir werden recherchieren.

Hupka: Sagen Sie, sind Sie vielleicht zufällig das Christkindl?

Gendarm lachend): Mitnichten. Bin ich doch nur ein schlichter Landgendarm. Jedoch mein treues Weib hat mich gestern nacht um Punkt 10.25 Uhr mit gesunden Drillingen beschenkt.

Hupka: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Aber hören Sie, bemerken Sie an mir nicht irgendeine Ähnlichkeit? Ich meine, erinnere ich Sie nicht an einen gewissen Steckbrief? Hab ich nicht irgend etwas von einem Raubmörder an mir?

Gendarm: Sie, mit Ihren ehrlichen Augen?

Hupka: Der Schein trügt, sag ich Ihnen. Glauben Sie mir. Es ist Ihnen gelungen, einem flüchtigen Verbrecher in die Hände zu laufen. Nehmen Sie mich fest.

Gendarm: Niemals. Ein treuer Blick aus treuem Aug' dir mehr als Dokumente taug'.

Hupka: Zum Kuckuck ... Sie müssen mich aber verhaften ... Wozu zahlt man denn auch die Steuern? Außerdem steht auf mich eine Prämie von zehntausend Franken.

Gendarm: Schnöden Geldes schnöde Macht stets veracht', stets veracht'.

Hupka: Bitte schön, nicht mich provozieren! Mir könnte am Ende nichts anderes übrigbleiben, und ich müßte Sie in der brutalsten Weise amtsehrenbeleidigen.

Gendarm: Sie sind betrunken, alter Freund, unzurechnungsfähig, und die Not hat Sie verbittert gemacht. Ich nehm's Ihnen nicht übel. Meiden Sie nur den Alkohol und die flatterhaften Weiber. Sie ... Sie... (Ab.)

Hupka: Sie, Sie! So etwas! Jetzt hab ich den einzigsten Gendarmen der Welt kennengelernt, der einem Vagabunden »Sie, Sie« sagt. Auf jeden Fall, das hat was zu bedeuten. Aber was? Das ist die Frage. – Wie war es, wenn es irgendwo in der Welt eine Grenzlinie geben tat, nämlich eine ganz spezielle Grenzlinie, zwischen dem Reich der Wirklichkeit und dem Reich der Märchen – und wenn ich jetzt zufällig und ahnungslos auf dieser Grenzlinie herumspazieren tat (zieht einen Grenzstrich in den Straßenstaub), also, und wenn man die Grenze approximativ und zirka hier annimmt – hm, und wenn ich links von dem Strich weiterwandern tu wie der Pistoletti, dann bleib ich ein ganz prosaischer Vagabund mit Frostbeulen und ohne Dokumente, hingegen wenn ich rechts weitergehe, auf Sankt Ulrich zu, da müßte jetzt zwanzig Schritte hinter mir ein Packard-Auto bremsen (Bremsgeräusch) – und eine Millionärin müßte aussteigen, mit Autobrille und Revolver (auf tritt Gwendolyn; sie hat einen Revolver gezückt), und müßte mir im reinsten Hollywoodisch zurufen –

Gwendolyn: Hello, wollen Sie mit mir nach London kommen?

Hupka: In so einem Falle würde ich mich als smarter Boy nicht im geringsten wundern, sondern mit trockenem Humor ausrufen: Hallo, Madam, geben Sie das Schießeisen weg!

Das kleine Ding könnte sich leicht verkühlen bei dem grippösen Wetter!

Gwendolyn: Ausgeschlossen! Die Form Ihrer Ohrläppchen zeugt von Not und Laster. Sie werden sich an mir vergreifen. Verzeihlich ... wir alle sind Sünder. Wer wirft den ersten Stein?

Hupka: Thank you für Ihr Mitgefühl – würde ich auf hochamerikanisch antworten –, aber you are in einem errare humanum est. Nix Gangster; Passagier! Mein Name ist Kilian Hupka.

Gwendolyn: Ich bin Gräfin Gwendolyn Buckelburg-Marasquino, geschiedene Cash. Warum kehren Sie mir den Rücken?

Hupka: Wie? (Wendet sich um.) Nein, so was von einer plastischen Vision! How do you do?

Gwendolyn: Ich war shopping.

Hupka: Im deutschen Text würde stehen: Ich habe Einkäufe gemacht.

Gwendolyn: Nicht ganz, ich wollte nur.

Hupka: Und haben Sie nichts Passendes gefunden? Man kennt das. Durch die Reklame wird einem alles mögliche versprochen, und wenn man sich's anschaun kommt, ist's lauter Powell!

Gwendolyn: Ganz richtig...

Hupka: ... würde sie formell antworten. Und ich ebenso formell: Was haben Sie denn kaufen wollen, Mylady?

Gwendolyn: Einen Staat.

Hupka: Ach – ah so, einen Sonntagsstaat.

Gwendolyn: Nein. Auch für Wochentage. Eine Monarchie zum Beispiel oder auch eine Republik. Ich habe, mit der Preisliste in der Hand, verschiedene osteuropäische Staaten ausprobiert.

Hupka: Ich, blasiert: Na, und waren sie Ihnen zu teuer oder was? – Sie, noch blasierter:

Gwendolyn: Unmodern. Veraltete Typen.

Hupka: Aha, no, und wozu brauchen Sie eigentlich einen Staat?

Gwendolyn: Für meinen Mann. Graf Buckelburg-Marasquino brachte mir in die Ehe einen Adelstitel, der auf die Zeiten des Kaisers Andreas des Kahlen zurückgeht. Als Gegenleistung wurde im Ehekontrakt vereinbart, daß ich ihm zum 88. Wiegenfeste einen Staat schenke. Vor 40 Jahren war er nämlich Staatssekretär für Äußeres im Dienste einer europäischen Großmacht. Auf diesem Posten feierte er eine Woche lang einen diplomatischen Erfolg nach dem anderen, bis er schließlich abgesägt wurde. Seitdem verzehrt er sich in Gram.

Hupka: Ich verstehe, ohne Staat kann der beste Außenpolitiker nicht zur Geltung kommen.

Gwendolyn: Der Graf hat große Pläne. Nur muß er noch etwas warten. Bis morgen finde ich keinen passenden Staat mehr.

Hupka: Ich habe eine Idee! Nur keine überstürzten Einkäufe! Lassen Sie sich Zeit mit dem Suchen. Es genügt vollkommen, wenn Sie mich als Staatsbürger Nummer eins und als vorläufige Kostprobe für den Herrn Gemahl mitbringen.

Gwendolyn: Okay. War auch meine Absicht, wie Sie sehen. (Deutet auf den Revolver.) Sind Sie von Natur heimatliebend?

Hupka: Schon immer gewesen, Gnädigste. Ob eigenes Vaterland oder fremdes, das spielt für mich gar keinen Unterschied. Ich werde Ihnen einen Staatsbürger abgeben, daß Sie staunen werden. Ich bin ehrlich, sparsam. Subversiv bin ich nicht so viel, wie Schwarzes untern Fingernagel geht. Ich habe nie etwas für oder gegen die zahlreichen Regierungen meiner Heimat unternommen, habe mich von allen politischen Extremen ferngehalten, sofern sie nicht an der Macht waren.

Gwendolyn: Okay.

Hupka: Okay! Okay! (Wehmütig:) Und dann hätte sie mich, husch, husch, husch, in ihren Packard gepackt, und wir wären nach London gefahren. In einem amerikanischen Film. Behüt mich Gott, es war zu schön gewesen ...

Gwendolyn: Nun, kommen Sie oder nicht?

Hupka: Was? Sie sind noch immer da?

Gwendolyn: Natürlich! Ich warte auf Sie!

Hupka: Wieso natürlich? Und wieso überhaupt? Sind Sie denn lebendig? Heiliger Nepomuk! Zwicken Sie mich! Zwicken sollen Sie mich schon endlich! Au! Aber das ist noch kein Beweis. Pumpen Sie mir einen Dollar. – No, wird's?

(Gwendolyn tut es.)

Hupka (beißt in das Geldstück): Echt!! Ich träume nicht! Na so etwas! Ich träume nicht!

Gwendolyn: Also? Mein Motor wird kalt!

Hupka (ruft in die Kulissen): Pisto! Pisto! Nimm mir's nicht übel: Ich hab mich als Untertan engagieren lassen!

(Dunkel.)

 

Zweites Bild

(Der Butler steht vor dem Vorhang. Von innen ruft die Stimme des Grafen.)

Graf: James!

Butler: Exzellenz?

(Vorhang auf, die Szene stellt das Gemach des Grafen dar.)

Graf: Lesen Sie mir die Glückwunschtelegramme vor!

James: Sehr wohl, Exzellenz! (Liest:) »Dem tollen Junker zur Erinnerung an unvergeßliche Sauhatz im Oderwald Anno 98 ein zackiges Weidmannsheil. Wilhelm.«

Graf: Schau, schau! Daß der Alte sich noch an mich erinnert! Obwohl er wieder regieren darf.

James: Exzellenz geruhen zu verwechseln: Der wieder regieren darf, ist ein anderer.

Graf: Schon möglich, schon möglich. Also weiter in diesem Sinne.

James: »Uns Jungen gehört die Welt, Lloyd George, Rockefeller.«

Graf: Exzellent, exzellent! Weiter in diesem Sinne!

James: Verzeihung, Exzellenz, ein Mann wünscht vorgelassen zu werden.

Graf: Was für ein Mann?

James: Wenn ich mir die Bemerkung gestatten darf, eine suspekte Erscheinung, Exzellenz. Nichts würde mich weniger wundern, als wenn es eine Art von Anarchist wäre, der Exzellenz nach dem Leben trachtet.

Graf: Vorzüglich. Ich lasse bitten.

(Hupka tritt ein.)

James anmeldend): Herr – Hupka. Gibt Hupka einen versteckten Stoß und geht ab.)

Hupka: Hupka mein Name. Kilian Hupka.

Graf: Exzellent, exzellent. Und was weiter in diesem Sinne?

Hupka: Ich bin nämlich verlegen, Exzellenz. Weil eigentlich sollte ich eine blaue Schleife um den Hals tragen und mit achtundachtzig Kerzln besteckt sein.

Graf: Vorzüglich.

Hupka: Hupka mein Name. Aber im gegebenen Fall bin ich sozusagen eine Geburtstagstorte.

Graf: Vorzüglich. Jetzt weiß ich nur nicht, bin ich verrückt oder was? In der Zeitung steht, ich überschreite die Achtundachtzig in voller körperlicher und geistiger Frische. Aber die Blätter lügen heutzutag so viel zusammen ...

Hupka: Nicht verzweifeln, Exzellenz! Sie werden's schon verstehen. Ich bin Ihnen als erster Untertan zum Geburtstag beschert worden.

Graf: Exzellent, exz... Gerechter! Bin ich am Ende zum Außenminister nominiert? Man schenkt mich dem Volk wieder?

Hupka: Contraire, Exzellenz! Man schenkt Ihnen ein Volk. Allerdings wird Ihnen dieses Volk erst später ausgeliefert. Ich bin vorläufig ein Vorgeschmack. L'état c'est moi!

Graf: Ein Volk! Ein Staat!

Hupka: Ein Herrscher! Weil, wanns a Freud damit ham, können wir Sie auch als greises Oberhaupt reaktivieren. Verschließen Sie sich nicht diesem Volksbegehren. Es heißt doch so treffend: Vox populi, his master's voice.

Graf (sich aufreckend): Ich folge dem Ruf!

Hupka: Hoch!

Graf (mit starrem Blick): Wissen Sie, wer Bismarck vergiftet hat?

Hupka: Ja, niemand.

Graf: Falsch. Ein Rohköstler. Wissen Sie, warum?

Hupka: Weil's wahr ist.

Graf: Falsch. Weil Bismarck Protestant war! Wie ich dokumentarisch nachgewiesen habe, ringen die Rohköstler und die Protestanten seit dem Frieden von Tilsit um die Weltherrschaft. Wer ist schuld, daß die Mittelmächte den Weltkrieg verloren haben?

Hupka eingeschüchtert): Ich. Weil ich damals Plattfüße gehabt hab.

Graf: Falsch. Die Fagottisten. Lloyd George ist ein Amateurfagottist. Oberst Redl war ein Fagottist. Der deutsche Generalstab war von Fagottisten durchsetzt. Und wissen Sie, warum Präsident Wilson nie im Leben Fagott geblasen hat?

Hupka: Nein.

Graf: Um sich nicht zu verraten.

Hupka: So eine Heimtücke. Aber jetzt kommt der Tag der Rache. Dies irae diem perditi.

Graf: Ich sehe, daß Ihnen weder Bildung, klare Logik noch Fingerspitzengefühl fehlt. Hören Sie zu! Mein Plan zur Befriedung der Welt ist folgender: Zuerst trete ich aus dem Völkerbund aus. Damit wird der Weg frei für eine klarblickende Realpolitik. Dann wird die Danziger Frage als die vordringlichste gelöst. Nichts einfacher als das. Polen erhält einen Zugang zum Mittelmeer, und zwar mittels eines Korridors quer durch Osteuropa.

Hupka: Na, und was werden die Völker sagen?

Graf: Was in der Zeitung steht. Die italienische Regierung wird natürlich verschnupft sein, hab schon vorgesehen. Sie erhält zur Entschädigung die Inseln Rhodos und Malta.

Hupka: Genial! Hic Rhodos, hic Malta! Was aber werden die Bewohner sagen?

Graf: Was man ihnen erlauben wird. Hingegen wird die englische Regierung toben. Man muß für so was ein Fingerspitzengefühl haben. Zur Entschädigung erhält das Britische Empire das alleinige Durchfahrtsrecht durch den Suezkanal.

Hupka: Ich verstehe schon. Die Ägypter kriegen zur Entschädigung dafür die Mandschurei und die Franzosen Niederländisch-Indien. Dafür kriegen die Holländer Schleswig-Holstein, die Dänen die Insel Kuba. Die Amerikaner einen Freihafen in Luxemburg, die Luxemburger einen Flugzeugstützpunkt auf dem Potsdamer Platz, und die Potsdamer kriegen die Ukraine, und die Russen kriegen eine am Schädel!

Graf: Und zwar von der ganzen gesitteten Welt!

Hupka: Sie haben die Weltlage erfaßt. Das ist das Heureka des Kolumbus.

Graf: Und der einzige Weg zur Rettung des Weltfriedens.

Hupka: Nur weiß ich nicht, was die Völker ...

Graf: Was Sie immer mit den Völkern wollen! Das gehört doch zum Ressort des Innenministeriums. Wo hat man je gehört, daß man für Außenpolitik ein Volk braucht?

Gwendolyn (tritt auf. Sie ist aufgelöst): Luitpold! Es ist aus!

Graf (küßt ihr die Hand): Gwendolyn, ich danke dir. Mein Schatten steht seit zehn Jahren schicksalsschwer hinter den Kulissen der europäischen Politik, aber ab heute werde ich ...

Gwendolyn: Es ist aus, Sweetheart! Alles aus!

Graf: ... Gelegenheit haben, mein diplomatisches Fingerspitzengefühl ...

Gwendolyn: Ich bin die unglücklichste Frau der Welt! Ich kann nicht mehr! (Schluchzt.)

Graf: ... zur Geltung zu bringen. Aber du scheinst mir weniger fröhlich zu sein als sonst. Oder täuscht sich mein Feingefühl?

Gwendolyn: ... Das Telegramm! (Streckt schluchzend das Telegramm vor.)

Hupka: Sie gestatten mir doch, als gänzlich Unbeteiligtem ... Nimmt das Telegramm, liest:) »Schwarzer Freitag. Ihre Aktien gestern 22,26, heute null Komma null. Aktionär Gwendolyn – Building in Brand gesteckt. Stop. Protestmarsch zu Roosevelt. Keinerlei Hoffnung. Was tun?«

Gwendolyn (weinend): Das liegt seit Tagen auf meinem Schreibtisch. Luitpold, warum hast du's nicht geöffnet?

Graf: Aus Prinzip, Teuerste. Ein Akt muß mindestens zwei Wochen liegenbleiben, damit die Lage ausreifen kann.

Hupka: Sie ist, bittschön, glaub ich, diesmal ausgereift.

Gwendolyn: Ich bin ruiniert, Luitpold! Ich habe kaum mehr zehntausend Dollar. Ich bin eine Bettlerin!

Graf: Ich verstehe gar nichts.

Gwendolyn: Du mußt auf dein Außenministerium verzichten.

Graf: Ich kenne mich absolut nicht aus.

Hupka: Es war sicher ein Fagottist.

Graf (sinkt nieder): Ich verstehe alles. Europa ist verloren.

Gwendolyn: Und ich hätte dir sogar einen Staat geschenkt. Mein armer Luitpold!

Graf (düster): Drei unsichtbare geheime Mächte vergiften mein Mark. Ich bin die Weltesche, und sie nagen an meinen Wurzeln.

Hupka: Moment, Exzellenz! Vielleicht ist's gar nicht nötig, daß Sie vollständig narrisch werden.

Gwendolyn: Hupka, machen Sie Ihre vierzehn Tage, ich muß Sie ausbürgern!

Hupka: Halt! Halt! Exzellenz, haben Sie nicht selber gesagt, für Außenpolitik braucht man kein Volk? Braucht man kein Volk, so braucht man kein Land. Ergo möchte man sich einen Staat ohne Land vorstellen können. Oder nicht?

Gwendolyn: Ich verstehe gar nichts.

Graf: Gewiß, gewiß!

Hupka (ekstatisch): Macht nichts! Nur einen guten Namen müßte man für den Staat finden. Jeder Staat, der etwas auf sich hält, heißt nach einem Hotel-Restaurant! Also – na – Ihr werdet doch ein Kaffeehaus wissen! Café de France: France gibt es schon. Café de l'Europe: Europa gibt es auch schon. Die schönsten Namen haben sie uns schon weggeschnappt. Republik Herrenhof? Zuwenig völkisch. Fürstentum Hadele? Zu exotisch. Freies föderiertes O. K.? Könnte kein solider Staat heißen ... Astoria ... Ich hab's: Königreich Astoria!

(Dunkel.)

 

Drittes Bild

(Salon der Astorischen Botschaft. Gwendolyn, Lady P., Lord R., G. B. Shaw, Butler.)

Gwendolyn:

Wie entzückend, daß vom Feste
Die entzückendsten der Gäste
Sich zurückgezogen schon
Im chinesischen Salon.
Ich bin entzückt in Ihrer Mitte,
Sie verleihn dem Fest den Reiz.

Gäste:

Aber bitte, bitte, bitte, bitte,
Das Entzücken liegt ganz unsrerseits.

Butler: Nicht zu Unrecht hat dieser Rout versprochen, sich zu einem der glänzendsten Ereignisse der Londoner Season auszuwachsen.

Gwendolyn:

Reges Treiben hier entfalten
Prominenteste Gestalten
Aus der Welt des Geists sowie
Auch der Kunst und Industrie.
Wie interessant auf Schritt und Tritte!
Sie verleihn dem Feste Reiz.

Gäste:

Aber bitte, bitte, bitte, bitte,
Das Interesse liegt ganz unsrerseits.

Butler: Unter anderem bemerken wir die reizende Gattin des Trägers eines der ältesten Namen unseres Landes – Lady P.

Lady P.: Ich trage Toiletten nur von Paulette Grünzweig.

Butler: Lord R.! Chef des R.-Pressekonzerns. Ein hervorragender Förderer des Revisionsgedankens.

Lord R.: Achtung, geschändete Staaten! Nicht verzweifeln! Wendet euch vertrauensvoll an Lord R.! Erfolg verbürgt! Zahlreiche Dankschreiben.

Butler: G. B. Shaw. Einer unserer beliebtesten Zyniker.

Shaw: Europa hat noch vierundzwanzig Stunden zu leben. Unsere Nachfolger werden die Hottentotten sein. Morgenstunde hat Gold im Munde.

Gäste:

Ach wie beißend und wie gleißend!
Ach wie plastisch und sarkastisch!

Gwendolyn:

Ach wie sind Sie schonungslos,
Und wie stellen Sie uns bloß.
So frei von Konvention und Sitte,
Verleihen Sie dem Fest den Reiz.

Shaw:

Aber bitte, bitte, bitte, bitte,
Das Vergnügen ist ganz meinerseits.

Alle: Meinerseits, deinerseits, seinerseits, unsrerseits.

Hupka (tritt auf. Er ist sehr elegant, im Frack, mit Orden): Ladies and gentlemen, girls and boys! Willkommen in unserer finsteren Köhlerhütte.

Alle (außer Gwendolyn): Ah, Herr Legationsrat! (Umringen ihn.)

Lady P.: Ist Exzellenz noch nicht aus dem Foreign Office zurück? Warum bleibt er so lange aus?

Hupka: Schauen Sie, ich muß mich selbstredend in offiziöses Schweigen hüllen. Aber weil Sie mir sympathisch sind, lasse ich meinetwegen aus autoritativer Quelle etwas durchsickern. Es handelt sich approximativ um die Quadratur des Round-Table.

Lord R. (zu Shaw): Ein vollkommener Blödsinn. Dieser Hupka scheint ein gefinkelter Diplomat zu sein.

Shaw: Der erste Diplomat der Geschichte war Adam.

Lady P.: Wie tiefsinnig!

Lord R.: Und Eva?

Shaw (schlagfertig): War seine Frau!

Lord R. (zu Gwendolyn): Apropos, Frau Gräfin, wo liegt eigentlich Ihre schöne Heimat?

Gwendolyn: Ach? Bitte?

Lady P.: Wie, Mylord, das wissen Sie nicht? Astoria liegt doch in Tirol. Und die Hauptstadt heißt Reinhardt.

Lord R.: Mylady meinen Austria. Dessen Hauptstadt aber heißt ...

Shaw: Lord R. ist der einzige Engländer, der sich in Geographie auskennt. Geographie ist seine Weltanschauung. Ich bin für Abschaffung der Geographie. Das wäre das einzige Mittel, um den Krieg zu verhindern.

Gwendolyn: Nein, wie sardonisch! Dürfte ich die Herrschaften bitten, sich in den malaiischen Salon zu begeben? Die astorische Jazzband spielt Wiener Lieder.

Lady P.: Oh, lovely!

Alle verlassen den Salon, außer Hupka, der an der Bar sitzt und trinkt.)

Gwendolyn (tritt nach einigen Sekunden wieder auf, sehr nervös): Trinken Sie nicht so viel. Jedes unvorsichtige Wort gefährdet die Existenz unseres Staates.«

Hupka: Wenn es nur das wäre. In dieser Beziehung wäre Astoria noch keine Ausnahme unter den Kulturstaaten. Aber da gibt es tausend Sachen, die mich von der Charybdis in die Traufe stürzen. Das schwerste Verdachtsmoment gegen unser Vaterland ist, daß wir absolut keinen Fremdenverkehr brauchen können.

Gwendolyn: Ah, Sie meinen diesen gräßlichen Forscher, der unbedingt Astoria durchqueren will.

Hupka (düster): Mit Blitzlicht und Kamera.

Gwendolyn: Den hab ich schon abgewimmelt. Ich habe ihm erklärt, Astoria sei ein unwegsames Gebirgsland, wo sich die geübtesten Hochtouristen den Hals brächen.

Hupka: Das trifft sich gut. Ich habe ihm nämlich erläutert, Astoria ist ein sumpfiges Tiefland, wo die Malaria haust. Nur, leider, je mehr Giftschlangen und Tsetsefliegen ich ihm aufgetischt habe, desto mehr ist er in Stimmung gekommen. Schließlich hat sich herausgestellt, er will irgendwo den sichern Tod suchen, weil seine Frau ihn betrogen hat.

Gwendolyn: Hupka, haben Sie sich schon auf einen Kontinent festgelegt?

Hupka: Noch nicht. Leider ist das unvermeidlich.

Gwendolyn: Ich sehe die Zukunft sehr düster.

Hupka: Ah! Über das Licht wissen Sie also auch schon Bescheid?

Gwendolyn: Was, über das Licht?

Hupka: Daß es in fünfzehn Minuten im ganzen Botschaftsgebäude auslöschen wird, weil wir die Stromrechnung nicht bezahlt haben.

Gwendolyn: Welch ein Skandal!

Hupka: Ihre Schuld! Hätten Sie sich die letzten zehntausend Dollar besser eingeteilt. Übrigens ist eh alles Wurscht, jetzt, wo wir uns mit dem Britischen Empire zerstritten haben.

Gwendolyn: Wieso?

Hupka: No, was soll ich machen, wenn der Lord R. mir ankündigt, daß der König von England unsere Hauptstadt besuchen will!?

Gwendolyn: Was haben Sie gesagt?

Hupka: Danke schön. Und leider geht's nicht.

Gwendolyn: Warum?

Hupka (achselzuckend): Weil bei uns wird gründlich gemacht.

Gwendolyn: Das ist eine tödliche Beleidigung des Empires.

Graf (tritt auf, feierlich): Herr Legationsrat, ich danke Ihnen.

Hupka: Nichts zu danken.

Gwendolyn: Luitpold! Hat man dich arretiert?

Graf: Akkreditiert, Liebste. Die Geschicklichkeit unseres Hupka hat die träge Maschine des Foreign Office in schnellste Gangart gebracht.

Hupka: Gehst net weiter, du Schlankerl. Wieso Geschicklichkeit?

Graf: Er hat das Empire auf das schwerste insultiert. Die erste Folge war, daß unserem Vaterland von Frankreich die Anerkennung versagt wurde. Demzufolge wurden wir a tempo von Deutschland anerkannt. Eo ipso von der Kleinen Entente nicht anerkannt. Daraufhin von Italien sofort anerkannt. Und damit de facto von Österreich und Ungarn. Gleichzeitig nicht anerkannt von Amerika und als Protest anerkannt von Japan. Und nach Abwägung des Für und Wider anerkannt vom Foreign Office.

Hupka: Es müßte mindestens zehn Jahre dauern, bis wir uns aus dem Palawatsch wieder herauswurschteln.

Graf (stolz): Mindestens! Das nennt man Diplomatie. Astorias Lage als Bollwerk zwischen Ost und West bürdet meinen Schultern eine europäische Sendung auf. Und jetzt geh ich Orden verteilen. (Stolz ab.)

Hupka: Woraus, bitte schön, folgert der ahnungslose Greis, daß Astoria zwischen Ost und West liegt?

Gwendolyn: Das hat er mir heute beim Frühstück erklärt. Nur dekadente Staaten liegen nicht zwischen Ost und West.

(Die vorigen Gäste treten lachend wieder auf. Sie tragen einen Globus.)

Gwendolyn: Ach, wie entzückend! Und was für ein entzückender Globus! So schön rund ...

Lady P.: Wissen Sie, Gräfin, was unser G. B. S. eben behauptet hat?

Shaw: Ich habe behauptet, daß Astoria nicht existiert.

(Stille.)

Gwendolyn: Entzückend!

Hupka: Heiliger Nepomuk, bitt für uns!

Shaw: Ich habe im selben Atem behauptet, daß auch England und Amerika nicht existieren.

Lady P.: Ja, stellen Sie sich vor! Das war der tiefschürfendste Aphorismus seines Lebens.

Lord R.: Nun haben wir dem Meister an Hand des Globus bewiesen, daß England und Amerika existieren.

Shaw: Geographie ist ein politisches Argument, aber kein Beweis.

Lady P.: Ach, wie skurril!

Lord R.: Nur Königreich Astoria haben wir nicht finden können. Wie komisch, nicht wahr?

Hupka: Hahaha! (Alle blicken erwartungsvoll auf ihn und Gwendolyn. Hupka erhebt sich, betrunken.) Aber das ist doch ganz einfach! Da gehen Sie gradeaus über den Pazifik und noch drei Republiken rechts. Bei der vierten Ölgrube biegen Sie ein, überqueren linkerhand den Rio Superoxid ...

Lord R.: Ja, wo liegt der?

Hupka: No, wenn Sie nicht einmal wissen, wo der liegt, kann ich's Ihnen nicht erklären.

Lady P.: Also dann zeigen Sie's.

Hupka: Dann erkläre ich es doch lieber. Astoria divisa est in tres partes. Quarum unam appellant cis secundam trans tertiam etcetera cum grazia ad infinitum. Corriere della sera. Caveant consules. Astoria ipsa lucus a non lucendo. Après nous cum grano salis. Jezde Polska ne signela. Astoria quasi una fantasia quousque tandem ceterum censeo Carthaginem esse delendam. Vive l'Empereur!

Lady P.: Er redet astorisch.

Shaw: Astorisch und Usbekisch sind die Sprachen der Zukunft.

Hupka (versucht den Globus wegzuhantieren): Oh, die astorischen Nächte! – Wenn das Murmeln der Balaleika sich mit dem dumpfen Brüllen der Haifische mischt – wenn die Bergriesen sich melancholisch im Asphalt spiegeln und die zahmen Gnus zur Tränke eilen – wenn die Schollen dampfen und die Wellen des Pazifiks von Kolumbus und den Wikingern träumen! O girls und boys! Reden wir lieber von den Wikingern. Die Wikinger teilt man ein –

Lady P.: Sie haben uns auf Ihr herrliches Land ganz begierig gemacht. Wo liegt es denn?

Hupka (den Globus drehend): Ja, wie soll ich Ihnen das zeigen, wenn die Erde sich so schnell dreht?

Shaw: Die Erde dreht sich nicht! Das ist ein galileisches Vorurteil!

Alle: Sehr richtig.

(Auf tritt Graf, mit Orden in der Hand.)

Hupka (in höchster Verzweiflung): Exzellenz! Hup –

Gwendolyn (wütend): Beherrschen Sie sich!

Hupka: Exzellenz! Hup –

Lady P. (leise): Hören Sie, der astorische Gruß...

(Einer sagt es dem andern.)

Alle: Exzellenz! Hup –

Graf (erstaunt): Hup?

Lord R.: Aber die Sache ist sehr verdächtig. Wo liegt Astoria?

Graf (tritt auf ihn zu): Lord R., Sie sind immer warm für die Revision der astorischen Grenzen eingetreten. Setzen Sie Ihr edles Werk fort als Großkophta des Astorischen Vlieses.

Lord R.: Mein letzter Besuch in Astoria hat mich überzeugt, daß die Integrität Ihrer Grenzen schleunigst wiederhergestellt werden muß!

Shaw: Ja, aber im Namen der freien Kritik des europäischen Geistes, wo liegt das As...

Graf: Ihnen, lieber Meister, verleihe ich für Verbreitung astorischer Denkungsart und -weise in aller Welt den Astorischen Biberorden dritter Klasse, tax- und gebührenfrei!

Shaw: Mein letzter Besuch in Astoria hat mich überzeugt, daß Sie das fortschrittlichste Land der Welt sind.

Lady P.: Aber Liebster, wo liegt –

Graf: Ihnen, Lady P., vertraue mit dem Ordenskreuz zweiter Klasse das Patronat über die Astorische Veteranen- und Waisenhilfe an. Sie waren unseren Waisen immer eine gute Mutter.

Lady P.: Die soziale Fürsorge Astorias, Ihres schönen Landes, ist ja so vorbildlich.

Hupka (hat nach jeder Verteilung ein Vivat ausgesprochen und ein Glas getrunken. Er ist vollends betrunken. Er dreht den Globus): Girls and boys! Ich finde dieses verflixte Astoria nicht.

Alle: Ja wieso denn nicht?!! (Alle zeigen vom andern Ende des Zimmers auf den Globus.) Dort liegt's ja!!!

Hupka: Ach so –

(Auf tritt Lichtkassier, Gwendolyn prallt mit ihm zusammen.)

Kassier: Also bitte, wenn die Dame nicht zahlt, muß ich sofort den Strom abschalten.

Gwendolyn: Sie, wir stehen in einem Geheimbündnis mit Japan!

Kassier: Dann soll halt Japan für Sie die Lichtrechnung bezahlen.

Gwendolyn (reißt Hupka den Orden von der Brust): Ich verleihe Ihnen hiermit feierlich den Sockenhalterorden erster Klasse.

Kassier: Küß di Hand! Und jetzt stell i halt den Strom ab.

Hupka (stürzt herbei): Moment noch! (Stürzt zu Lord R.) Verzeihen, Mylord, könnten Sie als Freund unseres Landes mir nicht eine Kleinigkeit pumpen?

Lord R.: Wieviel denn, Herr Legationsrat?

Hupka (schaut auf die Rechnung): Gradaus fünfunddreißig.

Lord R.: Darf ich fragen, wofür?

Hupka: Für – eh – elektrische Anlagen.

Lord R.: Ach so! Für militärische Befestigungen? Ich wundere mich nur, daß D. Ihnen da nicht behilflich werden konnte.

Hupka: D. hat zufällig nichts bei sich gehabt. Knapp vor Ultimo ist das ein Gfrett.

Lord R. (hat nachgedacht): Wär nicht übel. Ich könnte in Form einer Investition, schon um Rockefeller einen Streich zu spielen, die –

Hupka (drängend): Bravo! Spielen wir ihm einen Streich!

Lord R. (schlägt ein): Topp!

Hupka (streckt die andere Hand aus): Danke.

Lord R.: Bitte.

Hupka: Ach, Exzellenz ...

LordR.: Bitte?

Hupka: Hallo, und das Geld?

Lord R. (lachend): Legationsrat, Sie sind ein Witzbold! Nein, hahahaha, fünfunddreißig – hahaha – Millionen Dollar habe ich nicht bei mir.

Hupka: Hahaha – Verkutzt sich an der Heuchelei und beginnt zu husten.)

Lord R.: Oder haben Sie astorische Währung gemeint?

Hupka: Ja, in – Kuzkuz.

Lord R.: Wie steht Ihr Kuzkuz?

Hupka (fast brüllend): Ein abgewerteter Kuzkuz gleich 15 Kuz, gleich 73 Uz, gleich 30 Kukrutz – (Stürzt zum Kassier.) Ich zahle Ihnen in Kuzkuz.

Kassier: Und ich drehe Ihnen das Licht ab.

Hupka: Na, dann drehn Sie's halt ab.

Gwendolyn: Hupka, was reden Sie da?

Hupka: Hören Sie, jetzt haben wir schon eine Staatsreform, Staatsorden, geheime Militärbündnisse, einen nationalen Gruß, Staatsschulden und eine Inflation. Natürlich fehlt uns jetzt noch einiges. Aber immerhin, es geht aufwärts.

Kassier: Ohne Licht.

Gwendolyn (zu Hupka): Ich verstehe. Viel kann uns ja nicht mehr geschehen. (Zum Kassier:) Drehen Sie das Licht ab, wir sagen, es war ein Kurzschluß. Halt! Etwas fehlt noch! Das heiligste Gut unserer Tradition! Die Nationalhymne. Hupka, dichten Sie die Volkshymne, aber schnell, bevor es finster wird.

(Hupka grölt, alle fallen ein. A tempo dunkel.)

 

Viertes Bild

(Vor den Toren der Astorischen Botschaft. Paul und Pistoletti schlafen. Paul erwacht von der Kälte.)

Paul: Kalt!

Pistoletti (seinerseits aufwachend): Dich kann man mit nichts zufriedenstellen. Frostbeulen oder Sonnenbrand – alles auf einmal kann doch der Mensch nicht haben.

Paul: Wenn sie uns nicht hinausgestampert hätten aus dem Gasthaus ...

Pistoletti: Hast du am Ende geglaubt, die Gastwirte in London tun einen Walzbruder nicht hinausstampern?

Paul: Ja, das habe ich geglaubt.

Pistoletti: Und wegen was hast du das geglaubt?

Paul: Wegen dem sportlichen Geist von der britischen Nation.

Pistoletti: Dann gschieht dir recht, (Legt sich wieder hin.)

Paul (nach einer Pause): Kalt.

Pistoletti: Dafür bist du wieder nüchtern. In der Trunkenheit ist der Mensch ein Vieh. Gfreust dich denn gar nicht an deiner Menschenwürde?

Paul (zitternd): Das schon. Aber wenn ich jetzt wo in einer menschlichen Wirtsstube sitzen könnte und hätt was zu essen und zu trinken ...

Pistoletti (richtet sich auf, gütig): Die heutige Jugend hat keine Logik in sich. In einem solchen Fall wärst du wieder besoffen, ergo hättest du schon wieder keine menschliche Würde nicht.

Paul: Aber glücklich tät ich sein.

Pistoletti: No eben. Glücklich sein oder ein Mensch sein – alles auf einmal kann der Mensch nicht haben.

Paul: Das glaub i net!

Pistoletti: Wirst schon dran glauben müssen. Schau dir nur erst einmal die Welt an.

Paul: Das werd ich auch. Und irgendwo in der Welt ...

Pistoletti: »Irgendwo in der Welt!« Das Liedel hab ich auch gezwitschert. Wie ich das erstemal auf die Walz gegangen bin; jung und teppert oder alt und gescheit. Alles auf einmal kann ...

Paul: Du immer mit deinem Entweder – Oder. Justament sag ich das: Irgendwo in der Welt ...!

Pistoletti: Na wo denn, Bürscherl?

Paul (kleinlaut): Wo? (Ein Mondstrahl fällt auf das Schild der Astorischen Botschaft.) In Astoria zum Beispiel.

Pistoletti interessiert): Astoria? Was ist denn das?

Paul: Irgendein Staat. Irgendwo in der Welt.

Pistoletti: Nie gehört.

Paul: Ich auch nicht. Eben drum.

Pistoletti: Ah so. Spinnen tust. Spinnert oder hoffnungslos – alles auf einmal kann der Mensch nicht sein.

Paul (leise): Halt's zsamm, Pistoletti. In Astoria sind im Winter die Straßen geheizt, daß die Obdachlosen nicht frieren. In einem jeden Schanigarten wachsen schippelweise Bananen, reife, westindische. In Astoria saufen die Menschen nicht aus Unglück, sondern aus Glück. Weil in Astoria ist alles gratis. Sogar das Geld. Und die Mädeln tragen Sommerkleider ... (Der Mondstrahl verläßt das Schild der Botschaft.) Aber du hast ja kein Interesse. Du schlafst ja.

Pistoletti (aufspringend): Wer schlaft, du Rotzbub? Glaubst du, bei so was kann einer schlafen? Du willst mir einreden, daß es so was gibt? So viel Glück auf einem Fleck?

Paul (fest): Muß geben. Je größer anderswo das Elend ist, um so viel größer muß in Astoria die Seligkeit sein. Automatisch. Weil sonst gleichert sich's nie aus in der Welt.

Pistoletti (leise): Warum ich dich mitgenommen hab, Bua, spinnerter! (Aufbrausend:) Es muß sich ja gar nichts ausgleichen in der Welt.

Paul: Muß! Weil, warum möcht man sonst leben?

Pistoletti: Warum? So schau. Jetzten geh ich zum Beispiel ums Eck in die Markthalle hinüber und werde fragen, ob wer eine Arbeit hat für uns, beim Lebensmittelabladen. Die Chance für uns ist eins zu hunderttausend. Hingegen wenn wir tot sind, ist die Chance null. Verstehst du jetzt den Unterschied zwischen lebendig sein und tot sein?

Paul: Der ist mir zu klein, der Unterschied. (Legt sich in den Schatten des Hauses zurück.)

(Pistoletti ab. – Pause.)

(Auftritt Hortensia und Rosa.)

Hortensia: Aber Rosa, das war wieder ein Herr, und du hast ihn glatt vorbeigelassen.

Rosa: Das war kein Herr, Frau Hortensia, sondern ein Mann.

Hortensia: Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Guldens nicht wert. Hochmut kommt vor dem Fall.

Rosa: Wissen Sie, Frau Hortensia, es ist ja sehr lieb von Ihnen, daß Sie mich ins Geschäft einführen und daß Sie mich in Ihrem Rayon arbeiten lassen wollen. Und so. Aber ich glaub, ich habe kein Talent.

Hortensia: Talent hast du schon, aber Prinzipien hast du keine.

Rosa: Schon möglich. Ich bin auch nicht sparsam genug.

Hortensia: Jugend kennt keine Tugend.

Rosa: Ja, das wird's sein. Ich bin zu unanständig für ein Strichmädel. Nämlich weil ich so unanständig bin, denk ich mir immer, was ich mir dabei denken würde, und dann graust es mich so viel. Und dann denk ich geschwind auf etwas anderes, damit ich nicht mehr an das denken muß.

Hortensia (mütterlich): Na, an was denn, Kinderl?

(Mondstrahl.)

Rosa: An dieses Land da. An Astoria.

Hortensia: Wegen 'm Gschäft?

Rosa: In Astoria macht niemand Geschäfte. In Astoria wird alles aus Liebe gemacht. Oder gar nicht. Sogar die anständigsten und reichsten Frauen heiraten dort aus Liebe. In Astoria kriegen die Frauen die Kinder nicht aus Unglück, sondern aus Glück. Alle Menschen wohnen in kleinen Häusern am Land. Jeder hat einen Garten mit Glaskugeln und Hängematten und Veilchenbeeten und Rehen und Hirschen. Und es gibt dort ein Ehegesetz, daß ein Mann nur dann eine Frau haben kann, wenn er ein Kosewort für sie erfindet, das noch keiner vorher gebraucht hat.

Hortensia (ergriffen): So einen Zustand gibt's doch nicht. Nirgends!

Rosa: Muß. Weil, wieso könnt es mir sonst einfallen? Von irgendwo müssen wir doch das haben, was wir uns so denken. Vielleicht haben wir alle schon einmal von Astoria gehört, und dann haben wir es wieder vergessen. Aber immer haben wir ein Gefühl gehabt, daß wir uns wieder erinnern werden. Darum haben wir trotzdem immer weitergelebt. Oder wofür sonst, meinen Sie?

(Mondstrahl verschwindet.)

Paul (aus dem Schatten): Damit der Unterschied größer wird!

Hortensia: Siehst du, mein Kind, da meldet sich schon ein Interessent. Handle kulant und zeige dem Käufer Entgegenkommen, aber gib nichts auf Kredit. Vergeude auch keine Zeit mit Formalitäten. Zeit ist Geld, mein Kind. (Ab.)

Rosa: Ja, Frau Hortensia. (Nähert sich zögernd Paul.) Kommst mit?

Paul (lächelnd): So mir nichts, dir nichts? Und gegrüßt wird gar nicht?

Rosa (schüchtern): Grüß Gott.

Paul: Servus! (Lacht.) Siehst du, so gehört sich's. Hast aber, mir scheint, wenig Lebenserfahrung.

Rosa: Die Frau Hortensia sagt, sie kennt das Leben. Aber das Leben will ich gar nicht leben.

Paul: Sollst auch nicht. Ist dir kalt? Bist du schläfrig? Setz dich zu mir.

Rosa (gehorcht): Also, du willst doch mitkommen.

Paul: Freilich! Allein tätest du dich ja zuviel fürchten auf der großen Reise.

Rosa: Auf der großen Reise?

(Mondstrahl fällt auf das Schild.)

Paul: Liegt ja auf den Antipoden, das Land. Aber um so schöner ist es dann. Denk dir: Die Überfahrt war stürmisch ...

Rosa: Die Überfahrt war stürmisch ...

Paul: Aber jetzt sind wir endlich in der Heimat gelandet.

 

(Verwandlung: Phantastische Tropenlandschaft mit Palmen und Fabrikschloten. Heller Mittag. Paul und Rosa unter einer Palme.)

 

Rosa: Schau, wie groß hier die Sonne ist. Wie ein Mühlrad.

Paul: Ja, das sind die Antipoden. Gib acht, wie schnell du abgebrannt sein wirst (Eine Banane fällt herunter.) Willst du eine Banane? Wenn die Bananen reif sind, fallen sie von selber von den Bäumen herunter.

Rosa: Ja? Schau, dort kommt dein Freund.

(Auftritt Pistoletti. Er trägt einen riesigen Strohhut und ist mit grelleuchtenden Früchten beladen.)

Paul: Servus, Pisto.

Pistoletti: Pfui Teufel, so eine Hitze. Was die mir alles angehängt haben in der Markthalle! (Stellt den Korb nieder.) Also wenn die Siesta vorüber ist, Rotzbub, dalli, dalli an die Arbeit.

Rosa: Was? Ihr habt Arbeit?

Paul: Freilich. In der Markthalle.

Pistoletti (lacht): Hahaha! In der Markthalle? Hahaha – spinnerter Bub, was hast denn du in der Markthalle zu suchen? Ich hab gemeint, du bist Metalldreher?

Paul (lächelt): Freilich. Ich hab dich nur pflanzen wollen, Pisto. In einem Metallbetrieb bin ich angestellt. In Pisto-Stroi.

Pistoletti (bescheiden abwehrend): Bitte, bitte! Nicht der Rede wert.

(Glockenläuten.)

Rosa: Da feiert wer Hochzeit.

(Auftritt Hortensia und Jakob als Hochzeitspaar.)

Rosa: O Gott, die Frau Hortensia und ihr Bräutigam, der Herr Jakob!

Jakob: Ein Bräutigam, Fräulein Rosa, das bin ich die längste Zeit gewesen.

Hortensia: Dreißig Jahre lang, aber jetzt hat er das Kartenspielen aufgegeben und das Rauchen – und das Trinken – und das Messerstechen – und seine zweite Braut – und seine dritte Braut – und sogar das Kassenschränken, was ihm doch das Allerliebste war, hat er aufgegeben.

Jakob: Ach ja. Das machen die geänderten Verhältnisse. Für Sie, Fräulein Rosa, wär's auch die höchste Zeit, daß Sie einen Mann finden.

Rosa: Einen Herrn, meinen Sie?

Jakob: Nein, mein Kind, einen Mann.

(Hortensia und Jakob haben würdig die Bühne umkreist, jetzt ab.)

Pistoletti: Jawohl, aber net zu spät zur Arbeit kommen, Herr Werkmeister! (Nimmt den Korb und geht ab.)

Paul: Werkmeister bin ich – jetzt können wir also eine Existenz gründen.

Rosa: Schau, wie blau der Himmel ist. Das ist das einzig richtige Blau.

Paul: Weil die Erde uns gehört, verstehst du? Die Felder, die Palmen, die Häuser, die Fabriken.

Rosa: Und die Sonne. Groß wie ein Mühlrad! Das ist ja – ein Happy-End ist das! (Kuß.) Du – gib mir so eine Grapefruit her.

(Paul blickt auf; sieht, daß die Sonne sich inzwischen rückverwandelt hat und daß alles wieder beim alten ist. Rosa, die die Augen geschlossen hat, sieht es nicht.)

Rosa (schlaftrunken): So gib doch her. Was ist denn los?

Paul: Nichts. Wart noch ein bissl. – Schlaf noch ein bissl. Du darfst noch ein bisserl träumen.

(Der Himmel hat sich grau gefärbt.)

Rosa: Ich habe Angst, ob der Himmel nicht wieder grau ist.

Paul: Der Himmel ist nicht grau. (Rosa schläft an seiner Schulter weiter. Paul singt das Lied »Wenn der Himmel grau wird ...«:)

In weiter Ferne sind verblaßt
Die Sterne, unsre Brüder.
Als eine bleiern graue Last
Senkt sich der Himmel nieder.
Der Mensch erwacht in seinem Leid
Zum Mord und zum Gebete.
Der Atem einer kranken Zeit
Geht keuchend durch die Städte.

Steh auf im Schein des kargen Lichts,
Du Lump auf fremder Schwelle!
Steh auf und geh und hoffe nichts,
Der Himmel wird nicht helle.
Das wird ein Armeleutetag
Voll Schweiß und Blut und Tränen.
Das wird ein Tag vom alten Schlag,
Nicht der, den wir ersehnen.

Nicht der, der uns im Traum erschien,
Gekrönt von hundert Sonnen,
Da blühend stand im ew'gen Grün
Die Welt, die wir gewonnen.
Den Ranzen pack und troll dich sacht,
Schon nahen die Gendarmen!
Verbirg, verbirg den Traum der Nacht,
Den lichten Traum der Armen.

Pistoletti (von draußen): Paul! Paul!

(Paul und Rosa sind aufgesprungen. Pistoletti kommt hereingestürzt und schwenkt ein Zeitungsblatt.)

Pistoletti: Da, lies!

Paul (liest stockend): »Bei der internationalen Wirtschaftskonferenz in London ereignete sich ein aufsehenerregender Zwischenfall. Als die Diskussion über die Arbeitslosenfrage eröffnet wurde –«

Pistoletti (reißt ihm das Blatt aus der Hand): »– erhob sich der astorische Legationsrat Hupka und erklärte feierlich: –« (Unterbricht.) Hupka? Hupka? Den kenn ich doch!

Paul: So lies doch weiter!

Pistoletti: »– feierlich: ›Unter sämtlichen Staatsbürgern von Astoria befindet sich derzeit nicht ein einziger Arbeitsloser.‹« – (Große Pause. Alle starren auf das Gesandtschaftstor. Dann reißt Pistoletti sich zusammen und liest weiter:) »›Nicht ein einziger Astorier ist krank, nicht ein einziger hungert. Die Säuglingssterblichkeit in Astoria beträgt null Komma null.‹«

(Inzwischen ist Hortensia hereingekommen und hat den Jakob hinter sich hergezogen. Sie hören alle zu. Lange Stille, alle starren auf das Tor. Dann, wie unter einem Zwang:)

Alle: Aufmachen! Aufmachen!! Aufmachen!!!

(Die Tür geht auf. Heraus kommt Hupka, sehr elegant gekleidet, stutzt einen Augenblick und will dann durch die Leute durch. Pistoletti erkennt ihn.)

Pistoletti: Hupka, Spezi!

Hupka (fremd): Ich kenne Sie nicht.

Pistoletti: Also ein Herr Hupka bist du geworden? Ein Herr Hupka!

Hupka (peinlich berührt): Was wollen Sie?

Alle (stürmen auf Hupka ein): Eine Einreiseerlaubnis nach Astoria!

(Hupka verdrückt sich betreten in die Kulissen.)

(Pistoletti singt das »Chanson von der Ehre«:)

Willst du Platz am warmen Herde?
Und für andre Platz daneben?
Schweig von leiblicher Beschwerde,
Weihe dich dem höhern Streben.
Heb dich in die Geistessphäre,
Wo sich scheiden Mensch und Vieh,
Denk, oh, denk an deine Ehre,
Denke Tag und Nacht an sie.

Ehrentage dich beschweren,
All die köstlich kostenlosen.
Du bekleidest tausend Ehren,
Statt dich selbst mit Rock und Hosen.
Oh, verachte die Misere,
Laß den Tisch mit Staub bedeckt,
Aber halte rein die Ehre!
Halt sie rein und unbefleckt.

Sieh, auch ohne Barbeträge
Spielen große Hasardeure,
Wählen die bequemren Wege,
Setzen nur mehr ihre Ehre;
Von der großen Ehrentorte
Schneide dir ein Stückchen ab,
Nähre dich vom Ehrenworte –
Bis ans kühle Ehrengrab.

 

Fünftes Bild

(Hinter dem Vorhang hört man mehrmals eine Stimme: »Der nächste, bitte!« Wenn der Vorhang sich öffnet, sieht man das Zimmer des Schalterraumes des astorischen Paßamtes. Drei Schalter, von denen aber nur der Schalter 1 geöffnet ist, an welchem Hupka amtiert. An der Wand Plakate: »Zeichnet astorische Erdölanleihe!« – »Astorier, zahlt nur astorische Steuern!« – »Besuchet nicht das schöne Astoria!« – Hupka ist völlig erschöpft.)

Hupka: Ehrenbürger Nr. 23 687 bitte! Nicht drängen.

(In der Schalteröffnung wird sichtbar: Partei Nr. 23 687, mit Nummer auf der Brust.)

Partei: Herr Rat, ich bin Ihnen zutiefst verbunden. Ich war, wie Sie aus den Blättern wahrscheinlich wissen, bis gestern staatenlos. Mein Vaterland hat mich ausgebürgert, obwohl ich ihm als Wissenschaftler doch nach Kräften gedient habe. Es wird mich freuen, mich in meiner neuen Heimat in den Dienst der astorischen Wissenschaft zu stellen ... Warum lachen Sie?

Hupka: Warum ich lache? Aus 23 687 Gründen, Herr Professor. Hauptsächlich aber aus völliger Verblödung.

Partei (lächelt gezwungen): Ach so! Müde? Wie? Na, dann wollen wir die etwas lächerliche Formalität mit dem Visum möglichst schnell ... (Reicht ihm seinen Paß.)

Hupka: Ja, das wollen wir, Herr Professor. Leider fehlt mir hier Ihr Meldezettel vom Jahre 1934.

Partei (lacht): Aber wo ich 1934 gelebt habe, weiß doch die ganze Welt; das ist doch in allen Zeitungen gestanden, Herr Rat.

Hupka: Ein Beamter liest keine Zeitungen. Die einzige Lektüre des Beamten sind Meldezettel. Der nächste Ehrenbürger, bitte!

Partei: Aber Herr Rat, ich ...

Hupka: Der nächste, bitte!

Hortensia (schiebt sich vor, zu 23 687): Also weiter, weiter, wie lange wollen Sie da noch herumreden, wo ich schon seit fünf Uhr früh ...

(23 687 wird protestierend abgedrängt.)

Hupka: Mit den Intellektuellen hat man's noch am leichtesten.

Hortensia: Also Herr Rat, diesmal hab ich schon alles mitgebracht. Alles hab ich mitgebracht, alles. Hier ist der Impfschein.

Hupka: Bei Ihnen hat drei Jahre lang ein Harzroller unangemeldet gelebt?

Hortensia: Aber woher denn! Hier bitte der Meldeschein, hier der Leichenbefund vom Harzroller.

Hupka: Aber wenn ein jeder Harzroller, dem es gerade in den Kopf kommt, so ohne weiteres harzrollen dürfte ...

Hortensia: Aber keine Spur, Herr Rat! Hier bitte den Zulassungsschein vom Tierschutzverein und die Harzrollererlaubnis von der Innung der ...

Hupka: Schon gut. Ein Pfund Sterling Vorschuß auf Steuern und ein Pfund Erdölanleihe.

Hortensia: Was? Ich habe geglaubt, die Anleihe ist freiwillig?

Hupka: Falsch! Sie ist spontan obligatorisch.

Stimmen: Weiter, weiter! Was ist denn?

Hortensia: (klammert sich an den Schalter): Bitte, Herr Rat! Mein letztes Erspartes, Herr Rat!

Hupka: Gut. Können Sie Astorisch?

Hortensia (fassungslos): Ja, woher soll ich denn ...

Hupka: Der nächste Ehrenbürger, bitte.

(Hortensia wird protestierend abgedrängt.)

Hupka: Natürlich! (Für sich:) Astorisch. Geniale Idee von mir.

Rosa: Bitte, Herr Rat – seit drei Wochen komme ich schon jeden Tag, Herr Rat, wegen dem Visum, Herr Rat.

Hupka: No was denn, mein Kind. Können Sie Astorisch?

Rosa (strahlend): Ja, freilich.

Hupka: Waaas?

Rosa: Perfekt! Studio applikado pane consulario. Tres semenas studio lingua astorica! Tante voluntes imigratione en Astoria. Soy pur piccolo girl. Sed enough pinke-pinke foer piccolo Toussaint-Langenscheidt, Astorisch für Anfänger. (Weist das Buch vor.)

Hupka: Bravo! Ja, mein Kind. Jetzt weiß ich nur mehr einen Numerus, der clausus genug ist, daß keiner von euch hereinkommt.

Rosa: Ich verstehe nicht, Herr Rat.

Hupka: Wirst gleich verstehen. (Fällt in den Amtston zurück.) Bitte zweihundertfünfzig Pfund Einreisetaxe.

Rosa: Zwei-hundert-fünfzig ...?

Stimmen: Weiter, weiter, ich will auch drankommen!

Hupka: Der nächste Ehrenbürger –

Rosa: Aber woher soll ich denn ... (Beginnt zu weinen.)

Hupka: Nicht weinen! (Brüllt:) Nicht weinen!! (Schlägt den Schalter zu, sinkt völlig erschöpft nieder und hält sich die Ohren zu.)

Stimmen (alle zusammen, leise, aber sehr eindringlich): Herr Rat! Herr Rat!

Erste Stimme: Was ist mit mir?

Zweite Stimme: Ich bin Ehrenbürger 23 690.

Dritte Stimme: 23 692.

Vierte Stimme: 23 700.

Erste Stimme: Wir haben alles mitgebracht, Herr Rat!

Zweite Stimme: Alles mitgebracht, Herr Rat.

Dritte Stimme: Alles mitgebracht, Herr Rat!

Vierte Stimme (fordernd): Recht ist Recht, Herr Rat!

Hupka (erhebt sich): Stimmt. Recht ist Recht! Abgewimmelt müßt ihr werden, Kollegen! Aber wenigstens ordnungsgemäß. (Nimmt eine Tafel.) »Näheres beim Schalter 2« (hängt die Tafel über Schalter 1), so. – Und wenn ihr jetzt zu Schalter 2 kommt, (nimmt Tafel:) »Näheres bei Schalter 3.« Und bei Schalter 3 erfahrt ihr (nimmt eine Tafel:) »Näheres bei Schalter 1.« (Hat die drei Tadeln über die drei Schalter gehängt.) So, liebe Freunde. Und weil ihr einander so drängt und nur in einer Richtung vorwärts könnt, dauert es Tage und Tage, bis ihr wieder zu Schalter 1 kommt. Und dann habt ihr schon vergessen, daß ihr schon einmal bei Schalter 1 gewesen seid, und wendet euch zu Schalter 2 und dann zu Schalter 3 und dann cum gratia ad infinitum. Mit diesem Ringelspiel, liebe Kollegen, habe ich eine ganz große Erfindung gemacht. Ich weiß nur im Moment nicht, wie ich sie nennen soll, diese geniale Erfindung.

(In diesem Moment reißt eine Hand die Tafel bei Schalter 1 weg. Paul taucht auf.)

Paul: Schweinerei!

Hupka: Was sagten Sie eben, junger Mann?

Paul: Gemeinheit sondergleichen!

Hupka: Ich danke Ihnen, Sie haben das Wort des Tages gesprochen.

Paul: Und Sie sind ein elender Tintenkuli, ein ganz gemeiner. Eine Kreatur, die was uns pflanzen tut.

Hupka: Ich danke Ihnen nochmals. Höchste Zeit, daß mir das jemand ins Gesicht sagt.

Paul: Jahrelang zieht man durch die Welt, verdreckt – verlaust – verhungert – ohne Heimat.

Hupka: Und jetzt rufen Sie sogar meine teuersten Erinnerungen wach – Ihnen müßte man helfen.

Paul: Ich brauche keine Hilfe von Ihnen. Ich will mein Recht, ich will nach Astoria.

Hupka: No sagen Sie einmal, wie wär's, wenn ich Sie als Lakai hier in der Botschaft anstellen würde? Und Ihre Freundin, oder was Sie dergleichen haben, als Stubenmädchen?

Paul (fasziniert): Herrschaftlicher Lakai?

Hupka: Mit einer prachtvollen Livree – und – warten Sie – wie wäre es, wenn Sie dreißig stramme, sympathische junge Burschen auswählen würden, die auch Lust auf eine feste Anstellung haben? Mit fünfzehn Pfund monatlich. Und mit Gratisbekleidung.

Paul: Ja, kann denn die Herrschaft hier so viele Lakaien brauchen?

Hupka: Seitdem ihr so brav Steuern und Anleihen zahlt, hat die Herrschaft sich in Erdöl gestürzt und ihren Haushalt ziemlich vergrößert. Sonst einen Wunsch?

Paul: Ja, wo müssen wir uns denn anmelden?

Hupka: Dienerstiege, beim Oberlakai James. – Sonst noch einen Wunsch?

Paul: Ja – ist auch Gold auf der Livree drauf?

Hupka: Nur. – Sonst was?

Paul: Nein. Danke ergebenst, Herr Rat.

Hupka: Keinen Wunsch mehr? Denken Sie scharf nach.

Paul (tut es; plötzlich aufstrahlend, in strammer Haltung): Fröhliche Ostern, Herr Rat! (Ab.)

Hupka: Fröhliche Ostern. Wunschlos glücklich. Und die große Reise nach Astoria? Vergessen. Daß die Menschen zu kaufen sind, habe ich schon gewußt. Aber daß man sie so billig kriegt!

(Er singt das Lied »Von der Käuflichkeit der Menschen«:)

Ins Himmelblau die Rohstoffpreise steigen,
Als holde Boten junger Konjunktur.
Der Markt belebt sich schon, und schamhaft zeigen
Sich zarte Triebe börslicher Natur.
Und nur ein Kurs hält mit der Hausse nicht Schritt,
Nur eine Ware geht im Preis nicht mit
Und bleibt die billigste in jedem Land:
Die ist die Ausschußware, »Mensch« genannt.

Der Mensch kommt heutzutag im Durchschnittspreise
Auf zehn Pfund Sterling nur pro Exemplar,
Die Liefrungskosten spart er klugerweise,
Er liefert selbst sich aus mit Haut und Haar.
Ja, er verkauft sich fertig appretiert,
Mit seiner Menschenwürde ausstaffiert,
Und bist du, Käufer, mit den Mitteln knapp,
So kauf sie auf Kredit – und stottre ab.

Und kannst du weder heut noch morgen zahlen,
Kauf ruhig weiter, kauf sie massenweis.
Zahl statt mit Geld mit faulen Idealen,
Der Mensch verschleudert sich um jeden Preis.
Denn seinesgleichen gibt es viel zu viele,
Er weiß es selbst und handelt auch danach
Und kennt den Kurs im großen Börsenspiele;
Der Geist ist billig, und das Fleisch ist schwach.

Die Wartenden:

Die Rechnung stimmt nicht ganz, du Mann vom Fach,
Du überschätzt des Gläubigers Geduld.
Hast du kein Brot für uns, hast du kein Dach,
Stehn fordernd wir vor deinem Rechenpult.
Der Schuldner löst den Wechsel niemals ein.
Die Ware Mensch will nicht mehr Ware sein.

(Während der letzten Strophe ist es hinter der Bühne unruhig geworden. Die Ausrufe der draußen Wartenden werden immer ungeduldiger, es wird an die Wand gehämmert, die einzustürzen droht. Da erscheint der Butler.)

Butler (an der Spitze einiger genau wie er gekleideter Lakaien, darunter Paul und Pistoletti. Blitzschnell): Keine Angst, Herr Legationsrat! (Stößt grellen Signalpfiff aus. Ah im Laufschritt an der Spitze der übrigen Lakaien.)

Paul: Wer hat noch Wünsche? (Ab.)

(Man hört ununterbrochen Signalpfiffe, während das Chorlied immer schwächer wird.)

Hupka: Halt! Das will ich auch nicht! Hört ihr?! Zurück! Dafür kann ich nichts! Zurück! (Sinkt machtlos nieder.) Das ist ja ein Chaos!

(A tempo verstummt der ganze Lärm, der nur wenige Sekunden gedauert hat. Der Butler tritt wieder auf.)

Butler: Ein Chaos? Wenn Herr Legationsrat mir die Bemerkung erlauben: im Gegenteil.

Hupka: Im Gegenteil?

Butler: Das ist Ruhe und Ordnung. In diesem historischen Moment wird Astoria, wenn auch nach einer etwas ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte, erst das, was es so lange fälschlich zu sein vorgab.

Hupka: Ja, was denn, um Gottes willen?

Butler: Ein Staat, Herr Legationsrat. (Ab.)

(Pistoletti tritt mit drohender Gebärde durch die Hintertür auf.)

Hupka: Jessasmaria! Jetzt wär's schön, wenn ich in einem Mauseloch Platz hätte! (Will verschwinden.)

Pistoletti: Hat Mylord sonst keine Wünsche?

Hupka: Ich – ich kenn Sie ja gar nicht!

Pistoletti: Die allerhöchste Erinnerungsgabe ist eben zu stark belastet. (Entfernt die Orden von Hupkas Brust.) Herr Legationsrat gestatten doch?

Hupka: Schaun Sie, Sie wissen ja selbst nicht, was Sie wollen. Es ist doch alles in bester Ordnung ... in bester Ordnung mit unserem Staat. Für den Grafen ist gesorgt – für mich ist gesorgt – für das Erdöl ist gesorgt –.

Pistoletti: Das werte Gedächtnis ist eben noch immer zu beengt.

(Entfernt die Krawatte von Hupkas Kragen.) Herr Hupka haben doch nichts dagegen?

Hupka: Für die braven Lakaien wird auch gesorgt –.

Pistoletti: Das werte Haupt des Oberhauptes noch nicht frei genug? (Nimmt ihm den Zylinder ab.)

Hupka: Und was die übrigen betrifft –.

Pistoletti: Aha – die übrigen! Jetzt wären wir endlich soweit.

Hupka: Schau, Pisto!

Pistoletti: Da schau her! Jetzt erkennen Sie mich auch schon! Wir machen Fortschritte.

Hupka: Pisto! Warum tust du mich nicht duzen? Wieso bist du aus dem Spital heraus?

Pistoletti: Weil ein armer Teufel einen schweren Stand hat gegen den Hasardteufel.

Hupka: Das verstehe ich nicht.

Pistoletti: Eben. – Deswegen duze ich Sie nicht.

Hupka: Pisto, hast du kein gutes Wort für mich?

Pistoletti: Doch! Und was für ein gutes! Warum laßt ihr uns nicht nach Astoria?

Hupka: Warum? (Brütet verzweifelt. – Plötzlich erleuchtet:) Ja, warum eigentlich nicht!!

(Gwendolyn tritt unbemerkt auf. Nur Pistoletti sieht sie.)

Hupka (begeistert): Jetzt, wo wir doch Geld haben wie Mist, infolge von unserem Erdöl, von unserem ätherischen, jetzt könnten wir doch wirklich ein Land kaufen – ein Stückerl Wald – und – und euch alle ansiedeln und euch Fabriken bauen und Pflüge schenken und Land – Land! (Versucht Pistoletti zu umarmen, der stößt ihn aber hart zurück. Hupka erblickt Cwendolyn, versucht ihr stürmisch die Hand zu küssen.) Sie verstehen doch, was ich meine, Frau Gräfin?

Gwendolyn (stößt ihn zurück): Oh, ich verstehe sehr gut. – Sie rufen öffentliche Skandale hervor! – Sie konspirieren ohne Krawatte mit aufrührerischen Elementen. Ihr Platz ist nicht hier, sondern beim Mob!

Pistoletti: Dagegen möchte ich mich im Namen des Mobs schärfstens verwahren!

Hupka: Aber versteht ihr denn nicht, was ich meine? Astoria hat bis heute kein Land gehabt!

Pistoletti: Kein Land – phantastisch!

Gwendolyn: Und Sie wollen, daß ich eines kaufe – wie? Damit mir jeder dahergelaufene Ingenieur nachweisen kann, daß es in Astoria kein Erdöl gibt.

Pistoletti: Kein Erdöl – noch phantastischer!

Hupka: Schauen Sie, Frau Gräfin, jetzt ... Sie haben mir doch damals auf der Landstraße gesagt, Sie wollen ein Land kaufen ... Jetzt, wo Sie eine Börsenmagnatin sind, müssen Sie doch ein Einsehen haben ...!

(Gwendolyn lacht.)

Pistoletti: Eine Börsenmagnatin soll ein Einsehen haben? Das ist am allerphantastischsten!

(Gwendolyn lacht.)

Hupka (hilflos zwischen den beiden): Ich ... ich versteh die Welt nicht mehr ... Pisto, warum versteh ich nichts mehr?

Pistoletti: Das kommt vom Stehkragen ... Sie gestatten doch?

(Reißt ihm den Kragen herunter.)

Gwendolyn (lachend): Nein, mein lieber Hupka ...!

Hupka: Nein? Dann pfeifen wir auf euer Astoria! Und daß Sie's wissen, noch heute lasse ich die ganze Seifenblase platzen!

Pistoletti: Hupka! Spezi!

Hupka: Pisto! Kollega!

(Auftritt Butler.)

Gwendolyn: James, nehmen Sie die Leute fest! Hupka (mit Pistoletti ab durchs Fenster): Astoria existiert nicht, die ganze Welt soll's erfahren!

Gwendolyn: James ... James, Sie waren doch immer mein bester Lakai ... jetzt müssen Sie mir helfen!

Butler: Zu Diensten, Frau Gräfin, aber ...

Gwendolyn: Aber ...?

Butler: Zu Diensten, aber ich verlange die ganze Nacht!

(Langsam kommen wieder Parteien in das Zimmer. Sie sehen die Tafel auf Schalter 1, gehen zu Schalter 2 und 3, dann wieder zu 1 zurück, immer stumm im Kreise. Der Vorhang fällt.)

 

Sechstes Bild

(Kaffeehaus, Journalist, Sekretärin.)

Journalist: Schreiben Sie, Fräulein: Originalbericht Ihres nach Astoria entsandten Sonderkorrespondenten!

Sekretärin: Was nun? Es wäre vielleicht nicht schlecht gewesen, wenn Sie wenigstens auf ein paar Tage nach Astoria gefahren wären.

Journalist: Sind Sie verrückt? Ein sechster Kontinent soll ihnen aus dem Pazifik auftauchen – und mich lockt doch keiner aus dem Café Seniorenhof!

Sekretärin: No, was aber doch?

Journalist: Es wird sich schon was zusammenläppern. Schreiben Sie: Eben bahnen wir uns mit Hacke und Buschmesser einen Pfad durch die unwegsamen Dschungel von Krawonisch-Astoria ...

Sekretärin: Eine Luft ist hier ...

Journalist: Danke für die Information. Schreiben Sie: Schwüle Tropenluft legt sich bleischwer auf unsere Lunge.

Sekretärin: Herr Ober, einen kleinen Braunen!

Journalist: Danke. Ein Farbiger von pygmäenartigem Wuchs tritt uns entgegen ...

Sekretärin: Ohne Haut!

Journalist: Pfui! Wie grausam. – Die Feinde hatten ihn in tierischer Weise skalpiert.

Sekretärin: Wasser!

Journalist: Da quälender Wassermangel herrscht, können wir dem Unglücklichen nicht helfen. – Sagen Sie, Fräulein, auf was hinauf ist der Doktor Gerstinger so arrogant geworden?

Sekretärin: Was? Sie wissen nicht? Er ist doch jetzt der Leiter der amtlichen Korrespondenz von Astoria und Chefredakteur der Europa-Ausgabe der astonschen Nationalzeitung.

Journalist: Was? Das gibt's?

Sekretärin: Seit gestern.

Journalist: No bravo! Wo eine amtliche Korrespondenz ist, braucht man nichts mehr zu schreiben! Sie können gehen.

Hupka (tritt auf): Herr Redakteur ...

Journalist: Wer ist das?

Sekretärin: Legationsrat Hupka. Seit gestern abgesägt. (Ab.)

Hupka: Herr Redakteur, ich möchte Sie um die Publikation einer sehr wichtigen Nachricht bitten.

Journalist: Sehr wichtig? Schon gefährlich. Aber bitte, wenn Sie in der Montagnummer ganzseitig inserieren ...

Hupka: Es handelt sich, bittschön, nicht um ein Inserat, sondern darum, daß Astoria nicht existiert!

Journalist: Für so eine fette Lüge müssen Sie schon drei Inserate aufgeben.

Hupka: Aber – das ist wahr.

Journalist: Wahr? Na, das kostet noch viel mehr! Das werden Sie gar nicht bezahlen können, Herr.

Hupka: Aber es handelt sich nicht um Inserate in diesem Fall!

Journalist: Was heißt in diesem Fall? Es handelt sich immer um Inserate. (Ab.)

Hupka: Aber Herr Redakteur, Astoria existiert nicht!

Der Lautsprecher (schnattert los): Die astorische Macht und der astorische Geist ergreifen in diesen Tagen Besitz von der ganzen Welt. Bei der diesjährigen Weltausstellung erregte besonderes Interesse der Pavillon der Astorischen Erdöl-A. G. (Hupka hört mit steigendem Befremden zu.) Aus den Abfallprodukten des astorischen Erdöls werden nämlich künstliche Nährstoffe erzeugt, welche infolge ihrer Billigkeit die Bevölkerungsmasse der Auslandsastorier für die nächste Zeit aller Nahrungssorgen entheben.

Hupka: Aber Astoria existiert doch nicht!

(Ein Mann mit einer Sammelbüchse erscheint.)

Mann: Die Zahl der Auslandsastorier hat die zweite Million überschritten. Spendet! Helft uns über die bittere Zeit hinweg, bis wir die ersehnte Heimat der Erfüllung betreten dürfen.

Hupka: Kollega! Weißt du denn überhaupt, wo es liegt, dieses Land?

Mann: Nein!

Hupka: Und wann man dich hinführen wird?

Mann (drohend): Nein!

Hupka: Und warum hast du dann noch immer den Glauben an Astoria?

Mann: Weil ich sonst nichts habe auf der Welt.

Hupka: Aber ihr werdet ja nie hinkommen! Nie!!

Mann: Schweinehund! (Führt einen Schlag gegen Hupka. Die Erscheinung verschwindet.)

Lautsprecher: Mit Hilfe hochherziger Spenden ist es dem Königreich Astoria gelungen, seine Rüstungen auf den Stand zu bringen, der ...

Hupka (vor dem Lautsprecher, der unbeirrt weiterspricht): Aber – ihr habt doch keine Heimat. Ihr wißt nicht, was eine Heimat ist! Was ihr da anbetet, ist – (Entmutigt:) Sie hören mich nicht, es ist alles umsonst.

(Lautsprecher verstummt.)

Paul (ist aufgetreten): Schweinerei!

Hupka: Sie nehmen mir jetzt zum zweitenmal dieses Wort aus dem Mund, Jüngling. Wieso sagen Sie das?

Paul (erregt): Weil ich genug hab von dieser Bedientenhaftigkeit, die mir wie ein heißer Schürhaken im Herzen umeinanderstierlt. – Hören Sie, Hupka. In einer halben Stunde wird im Garten der Astorischen Botschaft ein Kolossaldenkmal des Staates Astoria enthüllt. Die Rede wird über alle Sender der Erde übertragen. – Hören Sie?

Hupka: Weiter! Weiter!

Paul: Ich lasse Sie durch den Absperrkordon schlüpfen. Sie springen auf die Rednertribüne, stoßen den James beiseite und – und –

Hupka (jubelnd): Und halte die wirkliche Enthüllungsrede! Sei umarmt, Kollege! Mit dieser befreienden Idee machst du alle deine Sünden gut!

(Geschrei hinter der Bühne.)

Hupka: Hören Sie das Geschrei?

Paul: Ja – die Denkmalweihe beginnt.

(Beide ab.)

 

Siebentes Bild

(Vor dem noch verhüllten Denkmal. In der Ehrenloge Gwendolyn, Graf, Butler.)

Graf: Leute! Bevor ich in diesem historischen Moment meine Rede beginne, will ich sie mit den Worten schließen: Der Ruhm ist das Füllhorn der Treue! (Beifall, Graf ab.)

Gwendolyn: Liebe, liebe Freunde! Mitsünder im irdischen Jammertal! Wie ihr wißt, befasse ich mich nicht mit Politik. Ich bin nur eine schlichte Rechnerin und Geschäftsfrau. Meine einzige Sorge war und ist euer materielles Wohl. Nicht an mir ist's, in dieser weihevollen Stunde zu euch zu sprechen! Der einzige Berufene ist unser großer Stammler James. Ich bitte den erlauchten Stotterer, diesen schlichten Mann aus dem Volke, das Wort zu ergreifen. Hup, James!

(Huprufe und Beifall.)

James: Astoren und -törinnen. Heu... heu... heu... heu...

Volk: Heu... heu... heu...

James (abwinkend): ... heute ist ein großer Tag. Ich bin auch in der La... la... la... la...

Volk (nach der Melodie der Hymne): La... la... la... la...

James (abwinkend): ... Lage, euch zu erklären, warum. Nun ... Heute starb nämlich der letzte Astorier, welcher noch nicht dem freiwilligen Verein der Lakaien und solcher, die es werden wollen, angehörte. Ein Zi... zi... zi... zi...

Volk: Zi... zi... zi... zi...

James: ... Ziegelstein erschlug ihn unversehens. Friede seiner Asche. Von nun an besteht die Auslandsbevölkerung aus lauter freiwilligen Lakaien und solchen, die es werden wollen. Ich ... ich ... ich ... (krampfhaft:) ich ... ich ...

Volk: Hooooooch!

James: ... ich habe daher die Möglichkeit, euch als Vereinsmitgliedern eine vertrauliche Enthüllung zu machen, die mir schon lange auf dem Herzen liegt. Astoren! Monatelang haben die geheimen Weltmächte, Fagottismus, Wandalismus und Rohköstlertum, die Meldung zu verbreiten gesucht, Astoria besitze keinerlei Landfläche. Diese schamlose Lügenmeldung ist ... ist ... ist...

Volk: Pfui!

James: ... ist wahr. (Donnernder Beifall.) Astoria besitzt kein Land. Was besitzt Astoria? Astoria besitzt den besten Beamtenapparat, die beste Armee der Welt. Was braucht Astoria noch? Einen noch besseren Beamtenapparat und eine noch bessere Armee. Und was weiter? Etwa Weizenfelder? Lachhaft! Jeder moderne Mensch weiß, daß Flugzeuge wichtiger sind als Getreide. Wohnhäuser? Der Großteil unserer Männer wohnt in den Kasernen verbündeter Staaten, der Großteil der Frauen in den Kantinen. Das sind insgesamt 30 Prozent der Bevölkerung. Weitere 30 Prozent wohnen in diversen, uns liebenswürdigerweise zur Verfügung gestellten Gefängnissen. (Beifall.) Die restlichen 40 Prozent wohnen in der Welt verstreut auf fremder Erde. Wohl uns! Diese merkwürdigen Wohnverhältnisse bewahren uns vor dem größten Übel dieses Jahrhunderts, vor der Zufriedenheit! Erhobenen Hauptes fiebern wir in ewiger innerer Dynamik und Unrast der Zukunft entgegen, ob sie nun düster sein wird ... oder ... oder...

Volk: Hooooooch!

James: ... oder düster. Wer wagt also zu behaupten, daß der Staat Astoria nicht existiert? Ich frage: Was ist eher ein Staat zu nennen, die Negerrepublik Liberia, die zwar ein ausgedehntes Territorium, aber nicht einen einzigen Exekutionsbeamten besitzt, oder Astoria, das umgekehrt kein Territorium aufzuweisen hat, wohl aber einen modernst ausgebildeten Staatsapparat? Astoria, der modernste Staatstypus, ist uns strahlend erstanden als die konsequenteste, restloseste, kompromißloseste Vollendung des modernen Staatsgedankens. Der Staat an und für sich. Der Staat, befreit von allen Nebenerscheinungen, die anderswo diesen Begriff verunreinigen. Der Staat, reduziert auf den Staatsapparat! Astoren, diese epochemachende Enthüllung sei euch veranschaulicht durch die Enthüllung unseres Triumphdenkmals. Genug geschwiegen, umschrieben und beschönigt. Die Hülle falle! Astoren, ich ... ich ... ich ...

(Donnernder Beifall.)

(Auftritt Hupka. Er springt auf die Rednertribüne.)

Hupka: Leuteln! Kollegen!

(James will ihn packen.)

Gwendolyn (lächelnd): Lassen Sie doch, lieber James. Es lohnt sich nicht der Mühe!

Hupka: Glaubt mir! Astoria existiert nicht. (Schweigen, Hupka ist verwirrt.) Ihr versteht mich nicht. Aber es ist doch so einfach ... Was ihr gewollt habt, was ihr erträumt habt, wie euch der Magen geknurrt hat – das ist eine Heimat, die uns gehört, verstehts ihr? Unser Feld, unser Haus, unsere Berge ... unser Stückel Welt ... Ja, unsere Heimat, die wollen wir lieben, die wollen wir auch schützen, verstehts ihr? So redets doch was! Warum habts ihr denn geklatscht, wie der geredet hat... dieser Upursator ... Uparsutor ... Usarpeter ... oder wie sagt man gschwind?

(Hier beginnen die Gäste der Ehrentribüne plötzlich zu lachen, das Lachen hallt im Volk wider und schwillt dröhnend an. Lachend packt James Hupka beim Kragen und befördert ihn mit einem Fußtritt hinaus.)

Graf (lachend): James, wer war dieser fagottistische Hanswurst?

James: Ein Vagabund.

Gwendolyn: Kennen Sie ihn vielleicht?

James: Ein gewisser Hupka.

Gwendolyn: Hupka? Kenn ich nicht. (Ernst werdend:) Aber wir sind alle Sünder, wer wirft den ersten Stein?

(Einen Moment Stille, dann großes Gelächter und Triumphmusik. Dunkel.)

Achtes Bild

(Landstraße wie im ersten Bild. Hupka, Paul und Pistoletti wandern.)

Zu dritt (singend):

Wär keiner, der die Leiter stellt,
Daß man sie holen kunnt.
So ist die Zeit, so ist die Welt,
Mein Bruder Vagabund.

Hupka: Damit scheint unser astorisches Abenteuer beendet. Finita divina commedia. Und was ist der Humor davon? Daß wir statt zwei nunmehr drei Kollegen ohne Nachtmahl beisammen sind.

Paul: Immerhin etwas. Je mehr, desto besser.

Hupka: Sehr wahr. Sich selbst überlassen, sinkt der Mensch entweder zum Legationsrat hinab, oder er versteigt sich zu irgendeinem Delirium tremens.

Pistoletti: No also! Daß ihr es eingesehen habts. Schauts, ich werde euch jetzt die Moral von der ganzen Geschichte ganz genau explizieren. Wenn wir nur eine Sitzgelegenheit hätten ...

(Gendarm tritt auf.)

Paul: Uje, die Sitzgelegenheit!

Hupka: Ah, ein alter Freund von mir. Ein herzliches »Grüß Gott!«.

Gendarm: Legitimieren!

Hupka: Wenn die Bemerkung gestattet ist, Herr Gendarm sind doch derselbe Herr Gendarm, der voriges Jahr so viel Engelsgüte an den Tag gelegt hat, weil die Frau Gemahlin Drillinge gekriegt hat. Warum, bittschön, sind Sie heuer so grantig?

Gendarm: Wenn Sie's in Dreiteufelsnamen wissen wollen: Weil sie wieder Drillinge gekriegt hat!

Hupka: Maß für Maß, oder wie man sagt: L'art pour l'art.

Gendarm: Pässe falsch. Kommens mit!

Hupka: Bittschön, au contraire! Echte astorische Pässe.

Gendarm (höhnisch): Ja freilich! Von Ihnen selbst ausgestellt, frecherweise mit eigener, quasi amtlicher Unterschrift und Stampiglie, um die Behörden zu frozzeln.

Hupka: Keine Idee von Frozzelabsicht. Ich war selbst damals Legationsrat.

Gendarm: Freili, was denn. Der Herr Legationsrat ist doch, wie die ganze Welt weiß, ein ehemaliger prämiierter Raubmörder. Also, alle mitkommen.

Pistoletti: Siehst du, das hast du davon.

Gendarm: Ruhe. Nicht reden.

Hupka: No, wenn wir schon nichts reden dürfen, so dürfen wir vielleicht was singen?

Gendarm: No, damits ihr mir halt den Weg erleichterts, singts halt.

Hupka: San mir's?

Pistoletti und Paul: Wir sind's!

Alle drei (singen):

Willst du, zerlumpter Geselle,
Ewig auf Wanderschaft sein?
Ist zwischen Himmel und Hölle
Nicht ein Stück Erde dein?
Kein Dach, darunter zu wohnen,
Kein Baum, der für dich blüht?
Hörst du, der Wind in den Pappelkronen
Singt dir ein neues Lied:

Such dir das Land, das dir gehört
Auf diesem Erdenrund.
Such nicht Astoria,
Mein Bruder Vagabund.
Und ist das Herz vom Hoffen müd
Und sind die Füße wund –
Marschiere weiter, sing dein Lied,
Mein Bruder Vagabund.

Bettelnd von Schwelle zu Schwelle
Hast du den Hut geschwenkt.
Die Heimat, mein Wandergeselle,
Wird einem nie geschenkt.
Drum nimm dir Pflug und Spaten
Und halte dich bereit
Und hol herbei deine Kameraden,
Und wo ihr grade seid:

Dort ist das Land, das dir gehört
Auf diesem Erdenrund.
Such nicht Astoria,
Mein Bruder Vagabund.
Die Zeit, die ihre Straße zieht,
Sie ist mit dir im Bund –
Marschier mit ihr und sing dein Lied,
Mein Bruder Vagabund!

(Vorhang.)

Ende.








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