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Asmodeus aller Orten

Edward Bulwer-Lytton: Asmodeus aller Orten - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAsmodeus aller Orten
authorEdward Bulwer-Lytton
translatorGeorg Nikolaus Bärmann
year1840
firstpub1840
publisherJ. B. Metzler'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleAsmodeus aller Orten
pages154
created20100124
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

Es ist keineswegs Tendenz dieser meiner Blätter, sich anders als skizzenhaft zu geben. So mag der Leser immerhin Lücken in meiner Erzählung zu gewahren glauben; denn nicht Alles, was ich sah und hörte und erfuhr und besprach und beplauderte, kann für ihn Interesse haben, so übergehe ich natürlich Manches dergleichen – Manches? Ich sollte sagen Vieles, denn welche mir köstliche Scenen erlebte und verlebte ich mit den Hexen! welche herrliche Stunden verstrichen mir bei meiner Jesdah! – Ja, ja, lieber Leser, ich befinde mich noch 80 immer in jener alten versunkenen Stadt mit ihren prächtig hohen Arkaden, ihren Tempeln aus Porphyr, ihren schweigsamen Springbrunnen, ihren echolosen Ebenen. Jeder Abend vergeht mir bei dem angenehmsten Geschnatter mit den Hexen über den Roman, das Anekdotenhafte und Lästervolle der Vergangenheit; Geschichten werden aufgewärmt, die von der Zeit so weit weggestauet worden sind, als sollten sie nimmermehr wieder an das Tageslicht des Gesprächsstoffs gezogen werden. Die Liebschaften aller Höfe von den ägyptischen Ptolemäern bis herunter zur engländischen Königin Anna (denn seit dieser letzteren Periode ist keine Hexe mehr in die Freiliste zu Kyprolis – so heißt die Stadt, in der ich mich aufhalte – eingetragen worden) – werden mir mit der aufregendsten Munterkeit erzählt! Ich höre zu, zucke die Achseln, schwöre, daß die Welt bereits in jenen Tagen im Argen lag, und bitte Jesdah um Erlaubniß, sie von der neuesten Mode im Küssen praktisch in Kenntniß zu setzen.

Glückliche Stunden! Ein Mann unter so vielen Frauenzimmern, wenn diese auch Hexen sind, braucht eben kein Zauberer zu seyn, um ein wenig nachgesucht zu werden. Glückliche Stunden – wie auf einen Traum werde ich später auf Euch zurückblicken! Dennoch seyd Ihr Wirklichkeiten, und ich werde Eurer völlig so gedenken, wie jemals ein Mensch der Vergangenheit gedachte, in der er ehemals lebte. Ich gedenke Eurer, so wie ein Rector des Griechischen, ein Politiker des Publikums, so wie die Welt der Tugend, und die Tugend der Welt 81 gedenkt. Allein wie viel Hohlköpfe wird es geben, die da sprechen, ich belüge sie; die da behaupten, ich sah nimmer meine Jesdah, sprach nimmer mit Kosem Kesamim; die da schwören mögten, Asmodeus existire nicht, und meine Lebensgeschichte, mein eignes, gedankenvolles, buntes, abenteuerreiches Leben sey nichts als ein Halbquent Dinte, die aus einem Gänsekiel in gewisser Regelmäßigkeit über etliche Bogen Papier hinlief. Ach! was ist denn Wirkliches, wenn es der Geist nicht ist? Ist das, was in den dunkelhellen oder helldunkeln Kammern unseres verfallenden Gedächtnisses modernd und unbeachtet liegt, denn wirklicher, erfaßbarer, lebendiger, als die lichten Geschöpfe unserer Phantasie es sind? Nein! Phantasie ist ein Leben an sich selbst, und die Welt, die wir durch sie uns verschaffen, enthält mehr Wahres als diejenige Welt, die für uns erschaffen worden ist; und der Allerbarmer verlieh uns die Segnung unserer Imagination als ein Gegengewicht zu den Trübsalen der Erfahrung.

Und tagtäglich wanderte ich zwischen jenen Ruinen umher, und entzifferte mit Hülfe der Hexengelehrsamkeit die viertausend Jahre alte Sprache der Schriften an manchem Gemäuer und auf manchem Archivpergament. Hier erkannte ich, wie das Wissen von Menschenalter zu Menschenalter gleich einem Strome drang, der durch unsere Sterblichkeit – sichtbar in seinem Laufe, aber unerforscht in seinen Quellen – rinnt; denn in jenen Schriftrollen gewahrte ich die Lehrsätze, deren die Griechen sich rühmten, gewahrte darin deren schöne Gedanken, 82 deren hohe und fesselnde Träume in aller üppigen Bildnerei des Morgenlandes.

Und an jedem Morgen bei'm Frühstücke, ehe ich mich an meine Streifereien begab, kam mein aufmerksamer Teufel, und brachte mir Kunde in Fülle von der Oberwelt, so daß ich mit ihm über das Getreibe derselben schwatzte, als wäre ich noch immer ihr Mitbewohner.

Halb kritisirend, halb achtlos, durchblätterte ich dann mit Asmodeus die neuen Bücher und Zeitschriften, die er mir aus den circulirenden Bibliotheken der Oberwelt mitbrachte; bisweilen auch belustigte ich mich mit meinem gesprächigen Genossen, diejenigen Weltzirkel zu beschwatzen, die zu meinem größten Erstaunen in ihrem blühenden Zustande blieben, ohne daß ich mich noch in ihnen befand. Ich lachte über den Aerger, womit Asmodeus auf die abscheuliche Carricatur blickte, die man aus seinem Bruder Teufel im Opernhause macht, wo, wie Asmodeus mir versicherte, eine Vorstellung unter dem Titel »Robert der Teufel« eine halbe Nacht hindurch eine Musik ohne Tiefbedeutung, und eine Begebenheit ohne alles Interesse hinschleppt. Wahrlich! die Bühnenprinzipale unserer Zeit müssen ganze Helden seyn, denn sie verstehen es, die Zuschauer durch den Teufel ärger zu langweilen, als sie durch den Teufel gequält werden können, und wissen's noch obendrein so einzurichten, daß eben diese Zuschauer es gar nicht wissen wollen, daß sie sich langweilen. – Robert le Diable ist einmal Mode, und die grande société kann und will platterdings an und in 83 der Mode nichts Langweiliges finden – glückliche grande société – geistvolle Theaterprinzipale!

Eines Morgens brachte Asmodeus, nebst anderen Novitäten, mir auch eine ganze Ladung sogenannter »Pfennigmagazine« zur Durchsicht mit. – Welche Fülle der Unterhaltung kann man jetzt für einen Groschen kaufen – ein Laubthaler reicht hin, eine ganze Bibliothek voll Weisheit einzutauschen, und noch sieben Groschen baar wieder herauszubekommen. Ein Spint- oder Zehn-Pfund-Brod kostet sechs bis acht Groschen, und hält drei Tage vor – die Nummer eines Magazins kostet einen Pfennig, und versorgt mit Gedankenspeise für ein Halbjahr. – O Segen der Pfennigsmagazine und der – Conversations-Lexica!

Selten vergeht in Kyprolis ein Tag, an welchem Kosem Kesamim nicht zum Besuche käme. Bisweilen, wenn ich meinen Blick erhebe, und es am wenigsten erwarte, sehe ich seine dunkle, unklare, ehrfurchterregende Gestalt im entlegensten Winkel meines unterirdischen Gemaches. Dann und wann spricht er zu mir über hohe und mystische Gegenstände, so daß ich nur stoßweise und in krampfhafter Geistesanstrengung seinen schattenartigen Worten folgen kann, bis er allmälig, und manchmal, ohne ein einziges Wort geredet zu haben, vor meinem Blicke zurückweicht, und wie ein Dunst meinen Augen entschwindet. Die Hexen alle sprechen von ihm mit Bewunderung und Ehrfurcht; sie legen einstimmig ihm menschliche und lebende Gestalt bei, betrachten ihn jedoch 84 als mit übermenschlichen Kräften begabt, durch die er der Gewalt des Todes Herr ward. Dazu kommt, daß dieser gefürchtete und seltsame Magier die Macht besaß und besitzt, in jedem Lande und in jeglichem Jahrhundert ein menschliches Wesen, so männlichen wie weiblichen Geschlechts, auszuwählen, um es, falls der oder die Gewählte es will, als Zauberer oder als Hexe – obwohl für immer dem gewöhnlichen Treiben der Erdbewohner entzogen – in dies übernatürliche Leben und an diesen von keinem sterblichen Auge zu erblickenden Aufenthaltsort zu versetzen. So umringt Kosem Kesamim von Säculum zu Säculum sich mit einem grotesken, buntscheckigen Hofstaat, der zum Beweise von der Dauer seines vereinsamten und wunderbaren Lebens dient. Diese seine Höflinge oder Unterthanen walten und weben vertheilt in verschiedenen Höhlen und Schluchten der Erde, und treffen nur Einmal im Jahre bei feierlicher Gelegenheit stattlich zusammen. Hierin besteht das große Ereigniß des Hexenlebens, obwohl dieses mancherlei geringere Galatage zählt, und sonach ganz angenehm hingebracht wird, sobald man dabei in Erwägung zieht, daß die Damen und Herren eben so von einander gesondert leben, als Mrs. Trollope's Amerikaner. Ich, für meine Person, halte mich hier zum Theil nur noch auf, um, wenn möglich, noch hinter andere Mysterien zu kommen, indem die, hinter welche ich bereits kam, mir allgemach zu ganz einfachen Thatsachen zusammenschrumpfen, und meinen Mitbewohnern in Kyprolis alltägliche Dinge sind. – 85 Mysterium. Hochklingendes Wort – Apologie unserer Unwissenheit; nichts weiter. Unser unvollkommenes Sehvermögen läßt uns Ungeheuer erblicken und spiegelt uns Gespenster vor. Ist in der dunkeln Existenz des Magiers Kosem Kesamim, in der Lebensweise an seinem Hofe, in diesen stillen Räumen zwischen vergessenen Marmorwänden, von denen ich mich umgeben sehe, denn mehr Mysterium als in dem lebendigen Gewühl, das ein Wassertropfen enthält? mehr als in dem Wachsthum eines Baumes vor unserem Fenster? mehr als in der ewigen Wiederkehr der Jahreszeiten, unter der hinweg wir unmerklich vom Leben zum Tode gleiten? Was ist denn nun Mysterium? Alltägliches! – »Alltägliches!« welche Magie liegt in diesem einzigen Worte.

Ich lebe noch immer der Hoffnung, Kosem Kesamims Lebensgeschichte von dessen eigenen Lippen erzählen zu hören – – –

Während ich diese Worte in mein Tagebuch schrieb, blickte ich zufällig auf, und sah den Magier vor mir stehen.

»Willst Du wirklich lernen?« fragte er mich mit jener wehklagenden Stimme, die die Nichtigkeit alles Wissens auszuhauchen schien – »willst Du wirklich das Geheimniß des Lebens dessen erkunden, der die gewöhnlichen Gesetze bewältigte, durch die das Menschengeschlecht in seine Schranken zurückgehalten wird? Willst Du wirklich lernen den Tod besiegen, so – –«

Der Magier war bis zu diesem »so« in seiner Rede 86 gekommen, als eine seltsame Erscheinung, vor der er zu erschrecken schien, vor ihm und mir aufschwebte – es war eine wirkliche Gestalt oder doch eine einem Weibe ähnliche Gestalt, aber von riesenhafter Größe. Ihr Antlitz wies sich schön, jedoch ernst und schauerlich, denn eine tiefe, leichenähnliche Ruhe schien auf demselben zu lagern. Sie trug auf ihrem Haupt ein mattleuchtendes Diadem, unter welchem ihre dunkeln, sorgfältig gescheitelten und geringelten Locken majestätisch herabwallten. Das Diadem schien aus Licht gewoben oder geflochten zu seyn, denn es war unerfaßbar und zitternd, und als das dem Stein ähnliche, regunglose und ruhevolle Gesicht uns anblickte, erinnerte es mich an die Bilder jener gigantischen Sphynxe, deren Abbildungen die göttliche Verehrung überlebten, die ihnen dargebracht worden ist; mehr aber noch ward ich dadurch an schwankende und unzuerklärende Träume erinnert, die mir vor vielen Jahren, jedoch nicht in meiner gegenwärtigen Existenz gekommen waren – ein schwaches, unklares, verworrenes Rückerinnern, das die Seele aus den Trümmern eines vormaligen Daseins sich gewann. Die Gestalt dieser weiblichen Erscheinung aber war nicht von Fleisch und Bein, sondern durchsichtig und ätherisch, so daß durch ihr nebelartiges Gewand das Mondlicht wie durch einen Schatten drang. Und eine Stimme entwallte des Weibes Lippen, wiewohl diese sich nicht regten, und die Stimme sprach:

»Mächtigster der Magier der Erde, willst Du Dich erkühnen, ohne meine ausdrückliche Zustimmung meine 87 Geheimnisse zu enthüllen? Bin ich nicht aller Mysterien Hütherin? Ist nicht mein Busen das Vorrathhaus alles Dunkeln? Warum willst Du die Trümmer, die Jahrhunderte lang im Oceane der Zeit modern, an's Licht des Tages ziehen, ohne mir, der sie angehören, zu huldigen?«

»Erhabener Geist der Vergangenheit, den ich verkörpert vor mir sehe,« sagte Kosem Kesamim, »vergib mir, wenn ich irrte. Du aber, unirdisch und leidenschaftlos wie Du bist, kennst nicht die Segnung, die sich in eine Menschenbrust senkt, wenn sie einer anderen ihre Rückerinnerungen mittheilt.«

»Armselig und unwürdig ist solche Mittheilung,« versetzte Dame Vergangenheit – »und zeugt von einer Empfindsamkeit, die dem Menschentrosse, der seine Alltagssorgen und schwindenden Freudengenüsse mit einander theilt, nicht aber dem vereinsamten und genossenlosen Herrn der Natur, dem Magier der Magier geziemt. Du aber, junger Sterblicher,« fuhr die Gespenstische zu mir gewendet fort – »weißt Du, daß Enthüllung solcher Mysterien den Tod des Leibes für Dich mit sich führt? Keiner, außer ihm, der neben Dir steht und den Tod überwunden hat, kann solche Mysterien vernehmen und leben. Sieh Dich also vor, ehe Du aufhorchst und mit Deinen Ohren das Gift Deines Erdendaseyns einschlürfest?«

Ich blickte starr auf den Zauberer, und sah wie des Geistes Wort ihn betroffen machte. Nach kurzer Pause, während ich wie erstarrt dastand, sagte Kosem Kesamim – 88 »Die Vergangenheit spricht Wahrheit. O Sterblicher! willst Du weise seyn und sterben, oder willst Du gleich Deiner Brüderschaft blind bleiben und leben?«

Ich kann Dir versichern, mein gefälliger Leser, daß diese Worte mir höchst mißfällig waren; denn für wundersam ungerecht hielt ich es, daß Geschichten aus der Vorzeit, durch die andre Leute nur in Schlaf gelullt werden, mich in die Arme des minder angenehmen Bruders des Schlafes überantworten sollten. – War ich und bin ich denn schlechter als der Verfasser des Buches **** oder als der Redacteur des ***sblatts oder gar als der Herausgeber der Neuen Zeitung in ***? Dergleichen Gedanken wurmten mich nicht wenig, so daß ich rund heraus sprach –

»Kosem Kesamim,« sagt' ich, »es freut mich außerordentlich, daß Du mir die Wahl ließest, ehe es zu spät zum Wählen ward; und höchlich bin ich dieser schönen ›Lady‹ verbunden, daß sie mir noch zeitig genug die Folgen des Forschens nach Weisheit kundmachte. Mit Dero beiderseitiger Erlaubniß will ich demnach vor der Hand mich für Unwissenheit und ein vernünftiglanges Leben bestimmen. Wenn meine Jugend dahin seyn wird und der goldene Kelch des Genusses mir nur noch seine Hefe beut, wird es mich glücklich machen das Entgegengesetzte oder die Kehrseite dieser Schaumünze zu wählen, und des hohen Alters sonnenlose Tage für das Wissen hinzugeben, welches Du, o Kosem Kesamim, mir verleihen kannst. 89 Für jetzt genügen Liebe, Abenteuer und Belustigungen Deinem durchaus unehrgeizigen Knechte.«

»Du hast geurtheilt und beschlossen, wie Alltagsmenschen urtheilen und beschließen,« antwortete Kesamim mit Kälte, während jedoch durch seine schattigen und unzuunterscheidenden Mienen ein Strahl lebendigen Feuers zuckte. »Du selber bist es auch, der sich die Pforten meines Reiches verschleußt;« und indem er seine Arme aufhob, fuhr er in leisem und überaus mildem Tone fort – »Mystischer, einlullender Aether Du, der Du die Welt der Nacht durchdringest, der Du mit geheimer und holder Macht die Erde umkreiset hältst, dessen Einfluß sich von der Kelchestiefe der Blüthe bis zu dem ruhelosen Herzen des Menschen erstreckt, und der Du das Leben nur stocken lässest, um es zu erneuen – feierlicher, heiliger Schlaf komm heran, und schließe in Deine thauigen und zarten Arme die Seele dieses Deines Vasallen! Für mich, weißest Du, bist Du nicht da. – Gleichwie der Strom Tag und Nacht dahin wogt, gleich dem Feuer, das im Busen des Vulkans der Mond mit seinem feuchtkalten Scheine nicht zu löschen vermag – vermagst auch über mich Du nichts; Dein Geist hat keine Herrschaft über den meinigen.« Als Kosem dies sprach, und während seine letzten Worte wie ferner Sang in meinen Ohren schrillten, bemächtigte sich meiner der Schlummer. Magier und Dame entschwanden meinem Blick – ich war allein mit dem Schlafe. 90

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