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Asmodeus aller Orten

Edward Bulwer-Lytton: Asmodeus aller Orten - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAsmodeus aller Orten
authorEdward Bulwer-Lytton
translatorGeorg Nikolaus Bärmann
year1840
firstpub1840
publisherJ. B. Metzler'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleAsmodeus aller Orten
pages154
created20100124
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Neuheit! Mutter all' unserer Wonnen! Helläugige, frischathmende, seraphbeschwingte Neuheit! Wünsche sind die Vögel, die Dir, Du Frühroth der Seele, zwitschern – Hoffnungen sind die Thautropfen, die unter deinen Fußtritten funkeln. Wo Du wandelst, sind alle Dinge hochberedt von Freudigkeit, und des Lebens Luft wird wie ein Elixir eingeathmet. Was ist Liebe ohne Dich? was ist der Ehrgeiz, was geselliger Umgang, was selbst vereinsamtes Streben und Ringen ohne Dich? Das erste Erscheinen jeglichen Dinges – wie köstlich! Die Wiederholung eines jeglichen Dinges – wie langweilig, schaal und abgeschmackt. Dir, o Neuheit, jage ich eifrig durch ein Daseyn nach, dem, wie ich fühle, keine lange Dauer hienieden zuerkannt ist. Komme denn mein jüngster Tag wann er wolle – er soll mich bereit finden! kühnen Schrittes will ich über die Todesbrücke gehen, die mich mindestens in eine mir alsdann so wie jetzt noch unbekannte Welt führt! Wahrhaftig, man muß ein Verehrer der Neuheit werden, wenn man in Januarnächten spatzieren reitet, und dabei den Teufel zum Gesellschafter hat!

Während ich so sann und meinen Kaffee schlürfte, trat Asmodeus zu mir ein. Ich begrüßte ihn freudig. »Was giebt's Neues?« fragte ich, indem ich die 38 Zeitungen hinwarf, die ich so eben verzweiflungsvoll zur Hand genommen hatte.

»Was sollt's geben?« entgegnete der Teufel, der sich unterbrach, und bemerkte – »Aha! Du hast ja Cigaros hier, die sind jetzt überall, und nicht etwa blos oben in der »Regentenstraße,« sondern auch unten im Pandämonium Mode, seitdem König Jacob der Erste unserem Nationalstolze dadurch schmeichelte, daß er uns die Erfindung des Tabackrauchens zuschrieb. – Was es Neues giebt?« fuhr er fort, nachdem er einen Glimmstengel angezündet hatte – »Nichts, als daß Ihr Engländer verwettert fromm werdet; denn wenige Bücher kommen bei Euch heraus, die ein Teufel lesen mag. Wohl gedenk' ich der Zeit, in welcher jeder Roman nach dem Bordell roch, wo ein Bühnenstück das Laster verglorreichte, und wo jede doctrinelle Controverse bis an die Kehle voll Neid und Haß und Bosheit steckte. Jetzt ist alles mild und höflich und ölig. Eure Romanschreiber moralisiren, und Eure Komödien schmausen magern Doppeltsinn. Mit den Controversen hat's vollends ein Ende, ausgenommen in der Politik. Diese immer mehr zunehmende Decenz ist nicht blos dem Lande England eigen – sie verbreitet sich über ganz Europa. Bei alldem seyd Ihr nicht um ein Haar besser als ehedem – Ihr bevölkert die Hölle noch immer wie von jeher, obschon Eure Sitten im Unterröckchen einhergehen und jungfernhaft trippeln. Wie geht das zu? Ich fass' es nicht. Auch spiegelt Eure Conversation keineswegs die keusche Färbung Eurer Literatur zurück. 39 Männer reißen nach dem Mittagessen noch dieselben Zoten wie sonst – Pfaffen und Weiber schimpfen noch eben so lästerlich auf einander wie ehedem; die plumpsten Scherze sind Euch fortwährend die liebsten, und dennoch könnt Ihr's nicht leiden, wenn Ihr in einem Buche Euer Gewäsch und Gelächter und Gemunkel und Gekicher wiederfindet, und legt dem Autor solchen Buches die herabwürdigendsten Namen bei. Traun! alle Welt hat zwei Anzüge des Charakters – einen Alltags- und einen Sonntags-Anzug, und die Besten unter Euch sind ärgere Heuchler, als die Welt sich's vorstellen mag.«

Der Morgen ließ sich so heiter an, und so schlug ich eine Streiferei vor. Asmodeus, der mitunter arg von der Langenweile geplagt zu werden scheint, erklärte sich mit Freuden bereitwillig dazu. Wir hatten kaum die Straße betreten, so begegneten wir dem Bischofe von London. Ich bin obenhin mit Seiner Hochwürden bekannt, so gesellte sich der Bischof zu uns, und der Teufel bot ihm mit vieler Höflichkeit den Arm. Ich übergehe unser Gespräch, damit der gute Bischof nicht Anstoß an seiner Vertraulichkeit mit meinem Gefährten nehmen möge.

Als Asmodeus und ich uns bei Seiner Hochwürden beurlaubt und den grünen Park betreten hatten, sagte Ersterer zu mir: »Ich weiß nichts, das mir auffallender an Euch Engländern wäre als Eure Halbheit; Ihr seyd keck und feig, seyd verschwenderisch und knickerig zu gleicher Zeit. Ihr baut einen prächtigen Palast blos, um 40 ihn in Ruinen zerfallen zu lassen. Inzwischen habt Ihr in Bezug auf dies prächtige Gebäude hier durchaus keinen Grund zu solcher Knauserei,« fügte Asmodeus hinzu, indem er seine Brille aufsetzte und den sich majestätisch vor uns erhebenden Buckinghampalast beäugelte. »Wie großartig! welch edle Einfachheit! Nichts von Ueberladung – Alles so schlicht und doch so überraschend. Ja, ja! Eure Architekten studiren das Erhabene! Und was für eine schöne Idee dem Dinge das runde Ding – gleichsam als die Krone oder die Nachtmütze aufzusetzen; es sieht just so aus, als hättet Ihr das Gebäude nur aufgerichtet, um es wie ein brennendes Licht mit einem Dämpfer wieder auszulöschen. Sicherlich steckt eine geistreiche moralische Lehre dahinter, etwa die, daß die Zeit auch die edelsten Gebäude zerstört. – Eine hübsche Idee bleibt's doch, Ephemeren aus Ziegeln und Mörtel hervorzurufen – eine poetische Idee!«

»Hoho!« versetzte ich patriotisch, denn der Leser wird wissen, daß der Buckinghampalast eine unserer schwachen Seiten ist – »Hoho! dieser Palast ist ein schöner Palast, und Mr. Nash sagt, er wird sich noch viel schöner machen, wenn er erst seine goldenen – mosaikgoldenen Gitterpforten bekommt. Doch mit diesen wird's wohl hapern, denn die Nation kann kein Geld mehr für Schaugepräng aufbringen.«

»Da liegt's!« entgegnete der Teufel mit feiner Sentenzenkrämerei – »Eure Halbheit ist's, die der Thorheit Monumente errichtet.«

41 Während wir so plauderten, sahen wir den Herzog von Wellington vorüberfahren.

»Mögt' ich doch wissen,« sagte der Teufel, »was jener Mann von der menschlichen Natur denkt. Unter uns, ich glaube, daß er sie von Herzen verachtet. Eines muß er verachten, und das ist die Volksmeinung. Heut angebetet, morgen ausgezischt – heut vergöttert, morgen mit Rübenkraut geworfen – heut von der Volksgunst mit einem prächtigem Hause beschenkt, dessen Fenster ihm morgen vom Volksunwillen eingeworfen werden; kann ein solcher Mann die wohl achten, die in der einen Stunde eitel Götzendiener, in der andern eitel Verflucher sind? Unmöglich! denn er muß wissen, wie er selber stets derselbe war, derselbe wenn er ausgezischt, derselbe wenn er angejubelt ward. So bleibt ihm nur die Wahl, ob er seiner Landsleute Mangel an Beständigkeit oder an Erkennungsvermögen verachten soll.«

»Señor Don Asmodeo,« versetzt' ich, »Ihr sprecht als ein spanischer Teufel sehr gelehrt, habt jedoch für einen Engländer nicht Tiefe genug. Das Volk hat allweg Recht. Sobald der Mann der Sache des Volks diente, oder sobald das Volk sich einbildete er habe es gethan, so gab es sich dankbar. – Hemmte oder störte er die Sache des Volkes, so ward es unwillig. Voilà die einfache Ansicht des Falles.«

»Es heißt eben nicht der Menschheit das Wort reden, wenn sich für sie keine bessere Entschuldigung als ihre Eigensucht beibringen läßt,« entgegnete mir der Teufel. 42 Ich wußte nicht recht, was ich zu dieser seiner philosophischen Floskel sagen sollte, und erinnerte ihn an sein Versprechen, mich mit den Hexen bekannt zu machen.

»Topp!« versetzte Asmodeus, »ich kenne einige überaus angenehme Hexen. Morgen Abend ist Gala bei ihnen, und ich will Dich hinführen.«

»Gewiß? Giebt's also noch solche Creaturen?«

»In Fülle!«

»Hand darauf!« sagt' ich. »Du bist ein Demant unter den Teufeln, denn Du gibst mich dem Leben zurück. Ists möglich, daß mir noch eine Neuheit bevorsteht, die noch dazu weiblicher Natur ist? O Asmodeus! ein Liebeshandel mit einer Hexe muß der köstlichen Genüsse köstlichster seyn.«

»Sind nicht gewöhnliche Erdenweiber Hexen genug?« fragte Asmodeus.

Ich legte den Finger an den Mund.

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