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Asmodeus aller Orten

Edward Bulwer-Lytton: Asmodeus aller Orten - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAsmodeus aller Orten
authorEdward Bulwer-Lytton
translatorGeorg Nikolaus Bärmann
year1840
firstpub1840
publisherJ. B. Metzler'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleAsmodeus aller Orten
pages154
created20100124
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Bei alldem gibt es wenige angenehmere Arten seine Zeit zu vertreiben als die, mit einem unterhaltenden Teufel eine Flasche guten Chambertin auszuschlürfen. Sobald wir die ersten fünfundzwanzig Jahre hinter uns haben, fangen wir an, Behagen an Wein und Geplauder 31 zu finden. Mädchen und Mondschein haben allerdings noch Reize für uns, aber sie sind aus dem Drama des Lebens in das Vorspiel desselben hineingewandert.

»Und was,« fragte ich meinen Geleitsmann – »was denkst Du während des übrigen Theils der Nacht anzufangen? Wollen wir Bérenger besuchen, und uns eines seiner Lieder von ihm vorsingen lassen? oder wollen wir eine Guitarre miethen, und auf unsere eigene Hand eine Nachtmusik in Gesellschaft der Kater auf den Hofplanken erschallen lassen? Vielleicht entdeckt Dein derzeitiger Don Cleofas eine neue Seraphine.«

»Was das betrifft,« versetzte Asmodeus, indem er das erste Glas aus einer zweiten Flasche schlürfte, – denn diese ›Messieurs les Diables‹ sind treffliche Weinkenner, und ihr constitutioneller Durst gereicht ihnen an einem Orte wie der ›Rocher‹ zu großem Vortheile – »was das betrifft, so steh' ich Dir zu Diensten, wann und wo Du eine Liebelei auf dem Rohre hast. Dergleichen ist mein Beruf. Ich bin der Dämon der ›billets doux‹, und eine Intrigue ist der Odem meiner Nüstern. Doch warn' ich Dich. In meiner Natur steckt ein wenig von der des Mephistopheles. Treibst Du's bis zu ernster Liebesbewerbung, so dürfte mein Beistand Dir nicht so glücklich ausgehen, als Du es vielleicht wähnst. Sieh da! wie offenherzig Einen der Wein macht.«

Der Teufel sagte dies mit absonderlicher Ernsthaftigkeit; ich aber, der ich darauf versessen war, mich bei erster günstiger Gelegenheit bis über beide Ohren zu 32 verlieben, und der ich, je mehr ich vom Leben sehe, mich um so fester überzeuge, daß Verliebtsein besser, weit besser denn Geschäftstreiben, Ehrgeiz, Prozessiren und Duelliren ist, indem es unendlich weniger Langeweile als alles Andere verursacht – füllte fröhlich mein Glas, trank auf das Andenken Le Sage's, und schrie dem Teufel zu: »Was schiert mich Deine Warnung, Asmodeus! Ich entsage aller Freundschaft unter den Menschen, denn die weiß nichts als Rathschläge zu ertheilen und Unheil zu prophezeien. Versenke mich in Verlegenheiten – ich will Dich d'rob nicht schelten, will Dich sogar d'rum loben. Eine Klemme behagt mir ganz absonderlich, denn es erweckt gar zu großes Vergnügen, aus derselben wieder herauszukommen. Ich habe bisher weder Verzweiflung noch Reue gekannt, und will den Teufel selbst herausfordern, ob er mir mein festes Vertrauen auf meine Selbsthülfe unterdrücken kann. Aber trink, Asmodeus! trink auf das Andenken des unvergleichlichen Witzkopfes, der uns in dem Baccalaureus von Santillana das Epos des Alltagslebens hinterlassen hat. Wie beneide ich Dich, daß Du die Ehre hattest, seine Bekanntschaft zu machen. Beiläufig – hem! – was wird aus den Romanschreibern nach dem Tode ihres Leibes? Bei Euch sieht man sie doch nicht, will ich hoffen?«

»Sie werden im Verhältniß zu ihrem literarischen Unverdienst gestraft,« antwortete der Teufel; »denn ein schlechter Roman ist eine schmähliche Schandschrift auf die Menschheit. Von guten Novellisten wissen wir nichts; denn es ist für ausgemacht angenommen, daß ein Mensch 33 durch ein Buch mehr Gutes, als durch sein Leben Böses stiften kann; und in jener Welt wird nicht einmal danach gefragt, ob Shakspeare überhaupt ›le beau sexe et le nom vin‹ liebte, geschweige ob er sich im Uebermaße mit ihnen zu schaffen machte.«Jammerschade, daß Asmodeus zur Zeit nicht hat gefragt werden können, ob die lieben Schriften des lieben jungen Deutschlands nicht mindestens als gleichen Ranges mit den Werken Shakespeares erachtet würden. Daß das junge Deutschland die »Gedankenübungen eines Goethe« längst unter seinen Füßen zu haben glaubt, ist ja wohl ausgemacht. – Comment?

Anm. d. Uebers.

»Monsieur le Diable, à votre snaté!« versetzt' ich. »Diese Deine Aeußerungen machen Deinem Kopfe und Deinem Herzen die größte Ehre, und fortan will ich die Grundsätze der Kritik statt der Moralgesetze studiren.«

»Die sind beide Eins und Dasselbe, gehörig verstanden,« sagte der Teufel kaltblütig, und stürzte sein letztes Glas voll hinunter; denn sobald er angefangen hatte zu moralisiren, hatte er auch geeilt, den Boden der Flasche zu erreichen. Er stand auf und schlug einen Ausflug à la Harun-al-Raschid vor.

»Recht gern,« sagte ich, und griff nach meinem Hute. Wir zahlten unsere Zeche, und schlenderten in die Straße. Der Teufel fing an zu pfeifen. Als er die erste Arie Kaspars aus Webers »Freischütz« hatte zwischen seine Lippen durchgehen lassen, sagte er: »Ich habe ein Paar Exemplare Reisenotizen aus der Seele eines deutschen Fürsten herbeigepfiffen. – Hier sind sie, und sie 34 sollen uns als Gäule auf unserem Ritte durch die Stadt dienen. Seine Durchlaucht besuchte Euch jüngst, betrat unter fingirtem Namen der Leute Häuser, und lebte als Spion da, wo er als Prinz aufgenommen und bewirthet ward. Seine Reisenotizen werden uns auf unserer Streiferei ganz besonderen Nutzen gewähren, denn sie sind über alle Maßen hurtig, und sind es um so mehr, da sie aller Genauigkeit ein Schnippchen schlagen. Doch das kümmert uns nicht, denn wir wollen ja keine Reisenotizen herausgeben.«

Wir sprangen auf unsere Gäule, und kaum saß ich im Sattel, so fühlte ich mich von einer entsetzlichen Sucht zu beschreiben ergriffen, und je mehr Häuser ich sah, desto grimmer ward mein Verlangen, die Bewohner derselben zu beschmitzen.

Unser Weg führte uns durch die Gärten der Tuilerieen – theuerwerthe Gärten der Erinnerung an Assignaten und Hoffnungen – an Zusammenkünfte, an Zwistigkeiten und an Versöhnungen! Nimmer werd' ich Eurer vergessen!

Seufzend wendete ich mich ab, um das Innere der Tuilerieen zu betrachten. Ich sah das schöne Zimmer, in welchem Marie Antoinette, Josephine, Marie Louise, und die Herzogin von Angouleme gewohnt hatten, und dessen jetzige Besitzerin die Königin von Frankreich ist. In dem Wohnsaale, der auf die Gärten hinaussieht, befand sich die Königin mit ihren Töchtern und ihren beiden jüngeren Söhnen. Sie las ein gottseliges italienisches 35 Buch »La Manna dell' anima – Seelen-Manna;« Prinzessin Marie, die ausersehen ist, die Gemahlin aller neugebackenen Könige zu werden, schrieb einen Brief, von welchem Asmodeus mir sagte, daß er an General Beilliard gerichtet wäre, und die projectirte Vermählung mit König Leopold zum Thema hätte; Prinzessin Clementine arbeitete an einer Stickerei, und Prinzessin Louise stickte Wäsche für die Armen aus. Die Herzöge De Montpensier und D'Aumale spielten im Damenbrett, und trugen Beide die Uniform der Nationalgarde.

Hierauf zeigte Asmodeus mir die ehemalige Wohnung der Madame de Barry, jetzt die Residenz der Schwester Louis Philippe's. Diese Dame war ämsig beschäftigt, Rechnungen durchzusehen und Randglossen zu machen, durch welche die Emolumente der Hofdiener herabgesetzt würden. Mon Dieu! könnte ich die Dame doch zu meiner Haushälterin machen!

»Jetzt,« sagte Asmodeus, »wirst Du Louis Philippe sehen.« Ich blickte hin und sah einen Mann mit einer respectabeln Familienvatermiene, der mit einem kahlköpfigen Herrn an einem Tische saß, und sich viel mit einer architektonischen Zeichnung zu schaffen machte.

»Der Kahlköpfige,« erklärte Asmodeus, »ist Mr. Fontaine, der Architekt. Sie besprechen den Riß zu einem königlichen Bazar. Seine Majestät lebt und webt in dergleichen Projecten, und – entre nous – man mißversteht seinen Charakter. Er betrachtet die Krone nur als einen Gegenstand großer Handelsspeculation. Er besitzt 36 zu gleicher Zeit die Seele und die Höflichkeit eines Steuereinnehmers, und verliert er den Thron, so gebe man ihm ein Patent, Kramläden nach einem neuen Plane zu bauen, doch so, daß er etwas dabei verdienen kann, und er wird im Hui der glücklichste und zu gleicher Zeit der populärste Mann im ganzen Königreiche seyn.«

Leicht ließ sich aus diesen Bemerkungen abnehmen, daß Asmodeus nicht eben große Stücke auf den Bürgerkönig hielt; allein wer weiß, ob des Teufels Satire nicht das beste Compliment war, das dem Monarchen zu machen ist! Ich urtheile nicht über dergleichen; ich hüte mich wohl, es mit einer Regierung zu verderben, die die Macht hat, mich aus dem »Rocher de Cancale« zu verbannen.

Der Teufel fuhr fort, ein Langes und Breites über den königlichen Haushalt zu schwatzen, bis er endlich bemerkte, daß ich ganz unzweideutig gähnte. Er hatte zu lange mit der Aristokratie gelebt, als daß feine Manieren ihm hätten fremd seyn können. Er bot mir sogleich einen Wechsel der Scene an; mich aber hatte der Wein schläfrig gemacht, und ich schlug vor, nach London zurückzukehren, um den Zeitungen zu stecken, was eigentlich in der Hauptstadt Europa's vorginge. Der Teufel willigte ein, wir spornten unsere Gäule, daß es »in sausendem Galopp« ging. – – – Am andern Morgen erwachte ich zu London in der ***straße in meinem Bette. 37

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