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Asmodeus aller Orten

Edward Bulwer-Lytton: Asmodeus aller Orten - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAsmodeus aller Orten
authorEdward Bulwer-Lytton
translatorGeorg Nikolaus Bärmann
year1840
firstpub1840
publisherJ. B. Metzler'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleAsmodeus aller Orten
pages154
created20100124
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes und letztes Kapitel.

Ungeachtet der mir vorgesetzten Reise verweilte ich noch immer in London, und begab mich einige Tage nach dem Empfange des Briefes der Wittwe zum Mittagsessen bei einem meiner Bekannten, der einer der lustigsten Gesellen von der Welt war. Während meines Umganges mit Julien hatte ich das Gesellschaftsleben mehr oder weniger aufgegeben; um so neuer und anziehender war dies jetzt für mich. Die Stunden entflohen mir wie Minuten – ich ward immer heiterer Laune, und genoß der Gegenwart mit einer Hingebung, zu der ich mich seit langer Zeit nicht hatte stimmen können.

Ich ging nach eingenommener Mahlzeit wohlgemuth fort; die klarkalte, sternenhelle Nacht verlockte mich, noch ein wenig umherzuschlendern, und so geschah es, daß ich mechanisch einem Lieblingsorte, der besonders zur Abendzeit von jeher großen Reiz für mich gehabt hat, nämlich 149 der Brücke zuschlenderte, durch welche die Vorstadt von dem Brennpunkte Londons mit seiner stolzen Abtei gesondert wird. Ich wanderte hin und her auf der Brücke, und blickte dann und wann auf die dunklen Wasser, welche die Sterne des Himmels und die Lichter zurückspiegelten, die in den halbwahrzunehmenden Häusern schimmerten. Allgemach aber füllte meine Seele sich mit schattigen und schwankenden Ahnungen – ich fühlte, ohne mir eine Ursache davon angeben zu können, daß ich immer wehmüthiger gestimmt ward; meiner Aufregung von vorhin folgte eine unerklärbare Schwermuth. Ich sann über die verschiedenen Täuschungen nach, die ich während meines Lebens erfahren hatte. Meine Geschichte mit Julien machte den Hauptinhalt dieser Betrachtungen aus – unwiderstehlich und mit erneuerten Reizen geschmückt, drängte ihr Bild sich wieder vor die Augen meines Geistes. Vergebens suchte ich zu der Selbstlossprechung und Selbstbeglückwünschung Zuflucht zu nehmen, denen ich noch vor wenigen Stunden mich überlassen hatte; mein Herz war ungewöhnlich gesänftigt, und mein Erinnerungsvermögen weigerte sich, irgend harsche Rückblicke zu thun. Nur Juliens Liebe und Schuldlosigkeit drängten sich vor meine Seele, und ich seufzte, als ich daran dachte, wie die Geliebte vielleicht um diese Zeit einem Anderen angehörte. Mittlerweile hatte ich die Brücke nicht verlassen, und befand mich jetzt am Ende derselben, wo ich, nahe der Treppe, mehrere Menschen und ein unklares Getös wahrnahm. Ein geheimer Drang trieb mich näher hin. Ich 150 hörte einen Polizeiwächter mit jenem Eifer sprechen, durch den die Aufregung einer Erzählung sich zu charakterisiren pflegt.

»Mein Argwohn ward geweckt,« sagte er, »als ich vorüber ging, und das Frauenzimmerchen am Geländer des Steges stehen sah. So schlenderte ich denn ein Weilchen hin und her, und als sie nicht fortging, trat ich zu ihr, und da hörte ich sie stöhnen. Sie aber wendete sich zu mir her, denn ich mußte sie erschreckt haben; und nimmer werd' ich ihr Gesicht vergessen, so wehbeladen sah's aus, und doch war das Frauenzimmer noch so jung und so hübsch. Nu, ich red' sie an, und sag', ›lieb' Kind, was will Sie hier um diese Stund' am Stege?‹ Antwortet sie: ›Ich wart' auf 'nen Kahn, mit dem meine Mutter von Richmond kommen soll.‹ Na, albern genug war ich, daß ich dem unglücklichen Kinde glaubte, aber sie sah so ruhig und so reputirlich aus. So ging ich denn weg, und nach einer Minute oder so, denn weit hatt' ich mich mit Fleiß nicht entfernt, hör' ich einen schweren Plump in's Wasser. Da wußt' ich freilich, was an der Sache war. Ich lief zurück, und sah die Unglückliche noch Einmal wieder kommen. Da ich nicht schwimmen kann, rief ich nach Hülfe. Nun, wir halfen auch, aber es war zu spät.«

»Armes Mädchen!« ließ sich ein altes Höckerweib vernehmen. »Mag wohl 'ne unglückliche Liebschaft gehabt haben!«

151 »Was giebt's hier?« fragt' ich, und drängte mich in das Gewühl.

»Ein junges Mädchen hat sich ertränkt, Sir.«

»Wo? wo? Ich sehe ja nicht – –«

»Wir trugen sie in's Wachthaus,« fiel mir der Polizeiwächter ein – »und Aerzte sind um sie herum, ob sie sie wieder zum Leben bringen können.«

Mir schoß ein fürchterlicher Gedanke durch den Kopf, und so ungegründet, so unwahrscheinlich er mich auch bedünkte, fühlte ich dennoch, daß ich ihn entweder bestätigt wissen, oder ihn für immer aufgeben müßte. Ich ließ mich von dem Polizeiwächter in das Wachthaus führen – ich drängte mich mit ihm durch die Menge der Gaffer – ich stand vor dem Leichnam. O Herr des Lebens! dies Leichengesicht – das schwere, tröpfelnde Haar – die aufgedunsene Gestalt – und all die keusche, jungfräuliche Schönheit nackt mit einer groben Decke halb verdeckt – und um sie her die theilnahmlosen Aerzte und deren Gehülfen – und die gaffenden Weiber – O welch eine Scene! welch ein Todtenbett! Julie! Julie! Dir ist Rache worden!

Sie also war es, die ich erblickte – sie, das Opfer, die Selbstzerstörerin. Ich eile hinweg über die schauerliche Mittheilung. – Ich schreibe meine eigene Verdammniß nieder – ich belege mich selber mit dem Fluche!

In den Kleidern der Leiche hatte sich ein Brief gefunden; durchnäßt wie er war, konnte ich dessen 152 Schriftzüge doch noch entziffern. Er war an mich gerichtet – er lautete folgendermaßen:

»Ich glaube jetzt, bei ruhiger Betrachtung und bei dem festen Entschlusse nicht mehr zu leben, daß ich sehr strafbar bin und war, denn ich sehe ein, wie arg ich die Liebe verwarf, die Du einst mir schenktest. Dennoch habe ich Dich immer geliebt, und wie ich Dich liebte, hab' ich Dir nimmer gesagt und nimmer sagen können. Als Du aber schienst, auf Deine – wie soll ich's nennen? – Deine Herablassung, mich zu heirathen, oder wohl gar Herablassung, mich zu lieben, so übergroßen Werth zu legen, da brannt' es mir im Gehirn, und hätt' ich auch eine Welt darum gegeben, Dir zu gefallen, konnt' ich's doch nicht ertragen, Dein verändertes Wesen zu sehen, seitdem Du täglich zu mir kamst, und hattest lernen müssen, von mir zu denken, wie man von einem rechtschaffenen Mädchen denken soll; und diese Deine Hoffart ward Ursache, daß ich verdrüßlich und ärgerlich und unliebenswerth erschien, – aber ich konnt's nicht helfen – und so hörtest Du auf, mich zu lieben. Ich fühlte dies, und rang in verblendetem Sinne danach, Dich von einem Bande zu erlösen, das Dich zu drücken schien. Der Augenblick dazu trat ein, und – wir schieden. Nun schriebst Du an mich und an meine Schwester, und diese ließ mich, was Du vielleicht nicht beabsichtigt hattest, Deinen Brief an sie lesen. Ich aber hatte nur Raum für den Gedanken, Dich für 153 immer verloren zu haben, und mich von Dir verhöhnt zu sehen. Da ward meine Eitelkeit gestachelt – und ich wußte, daß Du noch immer mich liebtest – und ich bildete mir ein, ich könnte mich an Dir rächen, wenn ich einen Anderen ehelichte; als ich nun aber diesen Anderen sehen und anblicken und anlächeln mußte – als ich den Tag der Verehelichung nun heranrücken sah – und als ich dabei erwog, wie Du mir Alles in Allem gewesen warest – und nun fühlte, daß ich nimmer und nimmer mit einem Anderen würde vereint leben können, nachdem ich Dich so innig und treu geliebt hatte – da fühlte ich auch, daß ich allzusehr auf meine Stärke gerechnet hatte, und daß ich meinen Muth zu leben nicht länger aufrecht halten konnte. Das Leben hat nichts mehr für mich übrig gelassen; die Angst, die ich ausstehe, ist unerträglich, – so hab' ich endlich den Entschluß gefaßt, zu sterben. Doch denke ja nicht, daß ich blos ein liebesieches Mädchen bin. O nein! ich bin mehr – ich bin ein Rache heischendes Mädchen. Du hast mich verlassen, und ich kenne den Fehler, den ich beging, recht wohl; aber ich kann's nicht ertragen, daß Du mich verachten und vergessen solltest, wie Du es thun würdest, wenn ich einen Anderen ehelichte. So will ich denn Dich zwingen, meiner ewig zu gedenken – um mich Dich zu betrüben – mir zu vergeben – und mich besser zu lieben, als Du es thatest, selbst dann thatest, als Du mich am meisten liebtest. Diese Rache soll und wird mir werden!«

154 – – Und in diesem Schreckenskampfe widerstreitender Gefühle – im Kampfe jungfräulichen Stolzes mit Mädchenzartsinn, im Kampfe des Verzeihens mit der Rache, im Kampfe hochherziger Regungen mit irrwahntollen Grundsätzen – in dieser Angst, durch die Eine Schauerhoffnung, bewehklagt, und in folternder Erinnerung behalten zu werden – in diesem Schreckenskampf, o unglückselige Julie, stürztest Du Dich in Dein Fluthengrab! Was muß während der wenigen Momente, die Du auf dem Brückenstege zubrachtest, Fürchterliches in Deiner Seele vorgegangen seyn – als Du hinunterblicktest auf die dunkeln Wasser – als Du zaudertest – zagtest – bebtest– fürchtetest – und dennoch entschlossen warst!

Und ich war Dir nahe in jenen Momenten, und wußte nicht, daß ich es war. Ich hätte Dich retten können, und rettete Dich nicht. Ich hätte Dich vor der Schauerthat bewahren können, und bewahrte Dich nicht! O Julie, Julie! fürchterlich ist die Rache, die Du an mir nahmst – schauerlich ist die Erinnerung, in die Du mich bis über Tod und Grab hinaus versenktest. Fortan frag' ich nicht mehr nach Welt und Menschen und menschlicher Theilnahme und Liebesregung. – Allein stehe ich hienieden, und der Teufel selbst scheut sich, mich hier auf Erden zum Genossen zu haben.

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