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Asmodeus aller Orten

Edward Bulwer-Lytton: Asmodeus aller Orten - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAsmodeus aller Orten
authorEdward Bulwer-Lytton
translatorGeorg Nikolaus Bärmann
year1840
firstpub1840
publisherJ. B. Metzler'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleAsmodeus aller Orten
pages154
created20100124
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eilftes Kapitel.

»O Asmodeus!« rief ich, als ich mit dem Teufel den Conditorladen verließ – »Asmodeus, welch ein köstlicher Abend! Wer sagt, daß eine große Stadt nicht eben so viel Poetisches in sich hat, als ein einsames Gefild, oder ein stilles Stromufer, oder ein schattiger Hain, oder eine schauerliche Waldschlucht? Die Stille aus diesen gewaltigen Märkten der Industrie und des Vergnügens – das Geheimniß, das sich über all die verschlossenen Häuser breitet – die verhüllten Gestalten, die dann und wann durch die Gassen schweben! Und wandern wir nun aus diesen vornehmen Stadtvierteln in das Düster der Nebengänge und der Vorstädte – welche Mischung von Armuth, Laster, Verbrechen und Verzweiflung erblicken wir! Dann und wann sieht man ein Licht in einer Dachkammer schimmern – ein einsames, mattbrennendes Licht! Wie oft bin ich stehen geblieben, und habe solches Licht betrachtet, und die seltsamsten Muthmaßungen darüber in mir aufsteigen lassen! Leuchtet es dem tiefen Studium irgend eines armen Gelehrten, der durch seine Schriften die Welt entzückt, und seinen Verlegern die Louisd'ore zuwirft, damit sie und ihre Geschäftsgenossen eine prunkende Buchhändlerbörse aufbauen, während die entzückte Welt und der geldreiche Verleger ihn darben lassen? Leuchtet das stille Flämmchen einer bangwachenden Mutter am Bettchen ihres sterbenden Säuglings? oder einer liebebethörten 104 und verrathenen Gattin, die der späten Heimkunft ihres Mannes harrt, der allnächtlich trunken aus der Spielhölle zurückkehrt? Ist in dergleichen nicht mehr Poesie, als in Waldlaub, Berggrotten und fließendem Gewässer? Was haben Wald und Flur und Berg und Wasserfall mit der Poesie des Menschenherzens zu schaffen? Und dann, o Asmodeus! welchen Tummelplatz für den Unternehmungsgeist bietet dies Menschengewühl, dieses Leben des Lebens dar. Welche Manchfaltigkeit, welche Fülle der Ereignisse! Wahrhaftig. die irrenden Ritter der Vorzeit erlebten nicht die Hälfte von den Abenteuern, in denen in einer großen Stadt ein junger, kecker und galanter Mann sich herumtummeln kann. Ist dem nicht so, Asmodeus? Ich frage Dich, Asmodeus! Antworte mir, Du, der Du der Dämon der Intrigue bist!«

»Nun, nun,« versetzte der Teufel, »ich muß gestehen, daß Du wahr sprichst. Indessen, wenn Du so große Vorliebe für Abenteuer hast, warum suchst Du sie nicht auf? Bemerkst Du jene halb offen stehende Thür? dort, in der Straße, zur Rechten von uns! Siehst Du nicht auch in der Oeffnung etwas Weißes, wie ein Weibergewand? Dort giebt's ein Abenteuer für Dich!«

»Ich danke Dir, und werde Deinen Wink benutzen. Warte hier, bis ich wieder komme.«

Aufgeregt durch meine Gedanken, durch den warmen Hauch der milden Nachtluft, und durch einige Gläser Portweines, die ich dem Becher mit Ananas-Eis nachgeschickt hatte, war ich allerdings zu jeglichem Abenteuer 105 tüchtig. Ich schlüpfte daher in die mir vom Teufel angedeutete Gasse, und langte vor der halbgeöffneten Thür an. Das Haus, in welches sie führte, war eines von jenen Mittelhäusern, durch die die minder angesehenen Straßen einer Hauptstadt sich zu charakterisiren pflegen. Demselben gegenüber, brannte hell eine Gassenlaterne – die Erscheinung des weißen Gewandes war verschwunden. Indem ich mich meinem guten Gestirn empfahl, schlich ich leise treppan, und betrat den Corridor. Oben war Alles schattig und dunkel.

»Sind Sie's?« flüsterte ein Stimmchen durch die Finsterniß.

»Ich bin's selbst,« sagte ich fast ohne Athem.

»So folgen Sie mir!« entgegnete die Stimme, und schloß die Thür, die den Corridor von der Treppe sonderte.

»Drinnen wär' ich!« dachte ich – »um so besser.« Meine Hand ward von so weichen, zarten Fingern gefaßt, daß ein seltsamer Kitzel mir bis in den Schulterknochen zuckte, wo er vielleicht noch nicht einmal innehielt, sondern seinen Weg weiter suchte. Ich folgte meiner Führerin, die leichten Schrittes dahinglitt. Bald ging es eine zweite Treppe hinan, so daß wir den ersten Landungsplatz hinter uns ließen.

»Ich will nicht hoffen, daß die Schöne, die mich fand, eine Zofe ist. Entsetzlichen Abscheu hege ich gegen die Servilen. Doch ihre Hand – nein, nein! die ist nicht für den Kehrbesen geschaffen.«

106 Auf der zweiten Vorflur standen wir still. Meine Führerin öffnete eine Thür, und – – und – Soll ich hier abbrechen? Ich habe große Lust dazu, hier mein Buch als zu Ende gebracht anzusehen; allein die Leser – die Recensenten? Nein, nein! ich muß und will weiter erzählen.

Wohlan denn, lieber Leser. Ich befand mich in einem Zimmer – nicht allein, ach! nicht allein mit meiner Führerin, sondern mit noch drei anderen Frauenzimmern, die Alle um einen Tisch herumsaßen, und von denen keine über zwanzig Jahre zählte. Ein Paar Wachslichter erleuchteten das Gemach, das mit reichem, aber nicht prunkendem Geräth ausgeschmückt war. Ich blickte umher, und verbeugte mich mit höfischer Ernsthaftigkeit.

Die Frauenzimmer ließen einen kleinen Schrei hören.

»Anna, Anna!« erscholl es, »wen hast Du uns da gebracht?«

Anna stand, wie vom Donner gerührt, und starrte mich an, als ob ich der rothe Mann aus dem Kind-Weberschen »Freischütz« gewesen wäre. Ich meinerseits starrte Annchen an. Annchen zählte offenbar Fünfundzwanzig, war schlicht, aber sauber gekleidet, von kleinem, feinem Wuchse, und hatte im Gesicht einige Blatternarben, allein ein Paar Augen – hu! wie Leuchtkugeln! und wie ließ sie sie gegen mich spielen!

»Wer sind Sie, Sir?« fragte die Eine der drei Schönen, und im selben Moment riefen die beiden Anderen.

»Wie wagen Sie's. –«

107 »Wie unterstehen Sie sich. –«

»Nicht so, nicht so. Keine Vorwürfe. Ist's meine Schuld, schönes Annchen, daß ich mich hier befinde? Sie sehen, meine Schönen, daß ich Ihnen kein Leid zufügen kann. Ihrer sind Vier – was kann ein einziger Rupfvogel gegen so Viele. –«

»Sir!«

»Pfui!«

»Abscheulich!«

»Ich rufe das Haus zusammen!« schloß Annchen den Chorus, blieb aber stehen, wo sie stand.

»Hinaus, Sir!«

»Weg mit Ihnen!«

»Packen Sie sich fort, Sir!«

»Wofür halten Sie uns?« verdeutlichte Annchen die Exclamationen der drei Grazien.

»Verzeihe mir, schönes Annchen,« sagte ich, »eben diese Frage mögte ich hier thun. Wofür halten Sie mich?«

»Sagte Ihnen denn Herr Gabriel –« begann meine Führerin in sehr herabgestimmtem Tone, denn sie hatte mich nochmals darauf angeschaut, und mochte nun wahrgenommen haben, daß ich noch nicht Dreißig zählte, und für einen Hauseinbrecher und Schwindler nicht geckenhaft genug gekleidet war.

»Gabriel? Gabriel? Ha! mein Schutzengel!« dacht' ich, denn wie durch höhere Eingebung errieth ich plötzlich die Ursache des ganzen Herganges. –»Ja, ja,« versetzt' 108 ich laut, »Herr Gabriel sagte mir allerdings, daß sie sich wollten wahrsagen lassen, und da er nicht selber kommen kann, schickte er mich, als den erfahrensten seiner Zöglinge, um seine Stelle zu vertreten. Oho! Herr Gabriel ist ein großer, ein vielbejahrter Mann. Ich bitte Sie, bleiben Sie sitzen, meine Damen. Reichen Sie mir Papier und Feder und Dinte. Um welche Stunde wurden Sie geboren, meine Schöne,« fragte ich die, welche mir die Aeltere von den Dreien zu seyn schien – »Erlauben Sie, daß ich mich ebenfalls setze.«

Vermuthlich weiß der Leser bereits, daß Herr Gabriel ein berühmter Wahrsager ist, der im westlichen Ende der Stadt weitläufige Geschäfte macht und zu allen Zeiten und von allerlei Leuten in Anspruch genommen wird. Ich selber habe mir von ihm prophezeien lassen, und er weissagte mir sieben Kinder, für die ich ihm, wie es sich von selbst versteht, siebenmal dankte. Wirklich ist er einer meiner Freunde, wie er denn auch der Deinige ist, lieber Leser, sobald Du ihm seine Weissagereien gehörig bezahlst.

Die Frauenzimmer sahen einander an; auf Annchens Mienen schwebte ein Lächeln, das sich wie eine ansteckende Krankheit verbreitete, ja, daß es in ein förmliches Gekicher ausbrach, und nach wenigen Minuten waren wir mit einander die besten Freunde von der Welt. Zum Glücke verstehe ich mich ein wenig auf die Mysterien und Gaukeleien der Wahrsagerkunst; die Chiromantie ist keine meiner schwächsten Seiten, und was das Nativitätstellen 109 anbetrifft, so muß mir in diesem Punkte der Leser schon Etwas zutrauen, sobald er bedenkt, daß Herr Gabriel mir sieben – sage sieben Kinder prophezeiete.

Wir wurden also die besten Freunde; die Mädchen waren jung, fröhlich, unschuldig und – da sie sich ihrer Vier stark wußten, furchtlos. Ich zählte die Linien in ihren Händen, malte allerlei wunderliche Figuren aus dem Euklid auf das Papier, und prophezeiete mit Hülfe der Eselsbrücke dem gluthäugigen Annchen den ältesten Sohn eines Lords.

Es ward Canariensekt mit Mandelkuchen aufgetragen, und, o! wie glücklich, wie geschwätzig waren wir! Ich segnete mein Gestirn und meinen Freund Asmodeus und blieb bis eine Stunde nach Mitternacht.

Ich fand, daß drei von den jungen Damen die Töchter des Oikodespotes oder des Hausherrn waren, dessen Namen ich im Verlaufe des Gespräches erfuhr. Ich erkannte – denn man kann in London nicht leben ohne ein wenig Näheres von Diesem und Dem und Jedem zu wissen – ich erkannte, daß der Mann von guter Herkunft gewesen war, in seinen Jünglingsjahren sich mit einer Opernsängerin verheirathet hatte und in Geldverlegenheiten gerathen war. Arbeiten konnte er nicht, und zu betteln schämte er sich, doch wußte er mit dem ihm verliehenen Pfunde zu wuchern; er spielte nämlich, gewann und trat als stiller Compagnon in ein Spielhaus, so daß er ohne öffentliche Schande davonzutragen ein anständiges Vermögen hinterließ. Seine Frau, die viel 110 früher starb als er, hatte ihm drei Töchter hinterlassen, von denen Annchen die älteste war. Oft hatte ich von den Körperreizen dieser Töchter gehört, die jedoch vom Vater ziemlich eingezogen und so jeder Versuchung fern gehalten worden waren. Jetzt sah ich sie, und fand sie, wie schon gesagt, aufgeweckten Gemüthes, aber dennoch schuldlos. Die unvollkommene Erziehung, die sie erhalten hatten, dabei der Mangel mütterlicher Fürsorge, und das Unhäusliche in der Lebensweise ihres Vaters hatte ihnen Hang zu Frohsinn, Belustigung und Abenteuerlichkeit eingeflößt. Sie waren so ganz eigentlich Mädchen danach, um einen alten Gabriel zu sich kommen zu lassen; und den Irrthum zu verzeihen, der an dessen Statt ihnen einen jungen Astrologen unterschob.

Aber das vierte Mädchen? Nun, nun, ich beginne schon von ihr.

Denke Dir also, lieber Leser, ein holdes siebenzehnjähriges Kind mit einem Gesichte das jünger, und einer Gestalt die reifer als ihre Jahre war! Welch ein schönes Köpfchen mit schwarzem weichem, seidenem Haar! und wie lieblich geordnet war dies Haar! nicht in jenen unzurechtfertigenden Baumellocken, die zottig über Schläfen und Wangen herabhangen, sondern zu beiden Seiten gescheitelt und geringelt, daß die weiße, durchsichtige Stirn frei hervortrat und in die hellen, klarblauen, langbewimperten Augen schauen ließ! und welch ein Mund, so frisch und jugendlich wie der einer Elfe im Zaubermärchen, dem Blumen in der zartesten Blüthe entsprießen. und Zähne, 111 so klein, und so fein, und so weiß, und so scharf von einander gesondert – eine Eigenthümlichkeit, die ganz und gar nicht gegen meinen Geschmack ist, obschon Physiognomiker sie trügerisch nennen! und Händchen, so klein und zierlich! und eine atlaßweiche Haut! und Grübchen in den Wangen! und ein silberntönendes Lachen. Da, lieber Leser, hast Du ein schwach gezeichnetes Bild der reizenden Julie L***s***; und ich bin bis über beide Ohren verliebt in sie.

Julie sprach wenig, und wenn sie sprach blickte sie scheu hinweg, lachte aber dabei allerliebst und erröthete auf eine liebenswürdige Weise. Dies Alles war allzu herzbethörend – ich segnete den Teufel für das Herrliche, das er mir nachgewiesen hatte, und als Annchen mich wieder treppab geleitete, und man mir gute Aufnahme zugesichert hatte, wenn ich morgen wieder vorsprechen würde, wähnte ich, meine erste Jugend wäre mir wiedergekehrt und ich zählte von neuem achtzehn Jahre! O glückseliges Alter! Welche Hoffnungen waren damals mein? Welche Gluth des Herzens fühlte ich in mir. Und werde ich jemals ein anderes Mädchen als Julie lieben können? Gewiß nicht, o, gewiß nicht!

Am folgenden Tage war Asmodeus wie gewöhnlich um die Frühstückszeit bei mir. Ich schüttelte ihm herzlich die Hand – ich hätte ihn umarmen mögen, wenn ich nicht gewußt hätte, daß er der Teufel war. Ach! wie Mancher hat übrigens schon Manchen umarmt, in welchem er späterhin Aergeren als den Teufel kennen lernen 112 mußte! Bei alldem sind die Muthigsten unter uns oft die feigsten Creaturen; sie beben vor einer Scheußlichkeit, die sich ihnen nicht verleugnete, zurück, aber das geschminkte, das vermummte, das verlarvte Laster finden sie schön, sie tändeln, sie buhlen mit ihm und fahren um so sicherer zu – allen Teufeln.

Asmodeus grinsete bei meinem Entzücken, daß mir hätte die Seele aus dem Leibe fahren mögen.

»Mäßige Dich, theurer Freund,« sagte der Dämon. »Was denkst Du eigentlich zu thun? Bist Du gesonnen Dich in diese Liebschaft zu versenken oder nicht?«

»Versenken? Liebschaft?« entgegnete ich – »Pah! ich will Julie besuchen.«

»Was die Folgen davon betrifft, so wasche ich meine Hände,« sagte Asmodeus.

»Siehst Du denn diese Folgen vorher?« fragte ich.

»Es verlautet in unserem Vertrage nichts davon, daß ich verpflichtet bin, solche Frage zu beantworten,« antwortete der Teufel; »allein sieht nicht jede Creatur, die nicht Grütze statt Gehirns im Schädel hat, solcher Thorheiten unabwendbares Ende vorher? Denke doch an die alte Fabel vom thönernen und goldenen Kruge, die stromabwärts trieben. Der thönerne Krug war so stolz auf seinen Reisegefährten, allein die erste Welle, durch die er mit diesem in wirkliche Berührung gebracht ward, zersplitterte ihn in tausend Scherben!«

»Was für Rhodomontaden, Asmodeus! Was haben thönerne und goldene Krüge mit mir und Julien zu thun?«

»113 Alle Weiber gleichen in der Liebe thönernen Krügen – voilà tout,« entgegnete der Dämon; dessen Warnung zwar einen Eindruck, doch nur einen bald vorübergehenden auf mich machte. Ich begab mich wieder in das Haus in der ***straße, und sah Julie, die bei Tage mir noch liebenswürdiger als zur Abendzeit erschien. Ihre Hautfarbe war so frisch und so rein! Jugendreiz umwallte das Mädchen wie ein Lichtgewand, das noch von den Thautropfen der Kindheit funkelt. – – –

Ich wollte Julie wäre gesprächiger; ihre Schweigsamkeit macht mir die Last meiner eigenen Empfindungen um so drückender. Ihre Augen sind indeß minder behutsam, als ihre Lippen, und mittelst jener unterhalten wir uns ganz angenehm. – –

So bin ich also verliebt, allen Ernstes verliebt! Schon seit längerer Zeit hatte ich mich mit der Ahnung herumgetragen, daß dieses glückliche Ereigniß stattfinden würde; ja, ich sagte dies sogar dem Teufel, allein dieser wollte mir nicht glauben. – –

Mich dünkt, daß im Ganzen ich dies Ergebniß mit geziemender Standhaftigkeit ertrage, denn am Ende führt es doch sein Uebles mit sich, indem jeder andere Genuß mir dadurch als schal und abgestanden vorkommt. Das Spiel berauscht mich nicht mehr, der Wein hat seinen Reiz für mich verloren, Genossenschaft langweilt mich mehr denn jemals, Clubs sind mir ein Greuel, das Studiren hab' ich längst aufgegeben, und die schöne Literatur und die Oper sind so schon fade genug, ohne daß 114 man um Eckel vor ihnen zu haben sich erst zu verlieben braucht. Wohl muß die Liebe ihre Reize haben, daß sie uns Ersatz für alle die Vergnügungen gibt, für die sie uns absterben läßt, und doch bin ich noch nicht bis zu dem köstlichsten Theile der Geschichte – bin noch nicht zum Briefwechsel mit der Geliebten vorgerückt! Fängt man erst an Briefchen zu erhalten, so wird man wie von einem neuen Daseyn durchglüht – ein Aether strömt durch unsere Adern. Welch ein süßer Triumph ist's, der Feder der Geliebten Ausdrücke zu entlocken, die nachher durch die Lippen, geschehe es auch so verschämt es immer wolle, bestätigt werden müssen. Mit welchen neuen Zwecken füllt sich da jeder Lebenstag aus! Welche neue Aufregung verknüpft sich da mit unserer Zeit! – »Nach zweien Stunden werd' ich von ihr hören!« mit welcher Erwartung, welcher Hoffnung, welchem Bangen, welchen zuckenden Nerven leben wir da! Aber, ach! all diese Schwärmereien – wie enden sie? Mit Weh, wenn die Bewerbung nicht obsiegt; mit Uebersättigung, wenn sie sich ihr Maaß gefüllt hat. Zuverlässig ist diese ungestüme Liebe eine grundfalsche Berechnung. Ich werde einerlei Meinung mit jenem berühmten Pädagogen, der da gesagt hat, jeder Mensch sollte nach einer eigenen Methode erzogen werden. Da ich jedoch, leider! nach der herkömmlichen Allerweltmethode erzogen worden bin, so fürchte ich, daß ich mich nicht werde bessern können, und muß also um so sorgfältiger und behutsamer mit meinen Kindern verfahren. Sie sollen zu Oekonomen der 115 Leidenschaften erzogen werden, und sich nicht eher verlieben, als bis sie genau vorher wissen, was ihre Verliebtheit ihnen kosten kann.

Mittlerweile will ich meiner Julie dies Geranium schicken. Gott befohlen, Leser, denn ich weiß wahrlich in diesem Augenblicke nicht, ob ich meinem eilften Kapitel jemals ein zwölftes hinzuzufügen Lust in mir verspüren werde.

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